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news/APA/Sonntag, 05.07.20, 18:51:57

Zwei Fest­nah­men nach Blut­tat in Geras­dorf

Nach den töd­li­chen Schüs­sen auf einen 43-jäh­ri­gen Tsche­tsche­nen in Geras­dorf (Bezirk Kor­neu­burg) am Sams­tag­abend sind zwei Ver­däch­ti­ge in die Jus­tiz­an­stalt Kor­neu­burg ein­ge­lie­fert wor­den. Wie Wolf­gang Schus­ter-Kra­mer vom Lan­des­ge­richt Kor­neu­burg auf APA-Anfra­ge mit­teil­te, befin­den sich der mut­maß­li­che Schüt­ze – ein 47 Jah­re alter Tsche­tsche­ne – und ein wei­te­rer Tsche­tsche­ne bereits in U‑Haft.
APA/HERBERT P. OCZE­RET

Der zwei­te Ver­däch­ti­ge hat­te sich zum Tat­zeit­punkt am Tat­ort befun­den und zunächst als Zeu­ge gegol­ten. Der Mann ver­wi­ckel­te sich in sei­ner Zeu­gen­ein­ver­nah­me dann aber in Wider­sprü­che, sodass am Ende für ihn wegen einer mög­li­chen Ver­wick­lung in die Blut­tat die Hand­schel­len klick­ten. Nähe­re Anga­ben zu sei­ner Iden­ti­tät wur­den nicht bekannt gege­ben, am Sonn­tag­nach­mit­tag wur­de auf Ersu­chen der mit den Ermitt­lun­gen betrau­ten Staats­an­walt­schaft Kor­neu­burg eine Infor­ma­ti­ons­sper­re ver­hängt.

Laut Wal­ter Schwar­zen­ecker von der Lan­des­po­li­zei­di­rek­ti­on Nie­der­ös­ter­reich war der rus­si­sche Asyl­wer­ber Mami­chan U., der sich zuletzt in Mar­tin B. umbe­nannt hat­te, am Sams­tag kurz nach 19.00 Uhr im Bereich der Ein­fahrt zu einer Bau­fir­ma an der Brün­ner Stra­ße (B7) erschos­sen wor­den. Poli­zei­an­ga­ben zufol­ge wur­de gegen 21:35 Uhr nach einer Groß­fahn­dung ein 47-jäh­ri­ger Lands­mann in Linz unter Betei­li­gung des EKO-Cobra als drin­gend Tat­ver­däch­ti­ger fest­ge­nom­men. Er leis­te­te kei­nen Wider­stand.

Das Lan­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz und Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung (LVT) nahm die Ermitt­lun­gen auf. Die Staats­an­walt­schaft Kor­neu­burg ord­ne­te die Obduk­ti­on des Opfers an. Der Erschos­se­ne war seit 2007 als aner­kann­ter Kon­ven­ti­ons­flücht­ling in Öster­reich gemel­det. Zuletzt hat­te Mar­tin B. in einem Video­blog die Füh­rung der rus­si­schen Teil­re­pu­blik Tsche­tsche­ni­en pro­vo­ziert und ins­be­son­de­re den Regio­nal­prä­si­den­ten Ram­san Kady­row beschimpft.

Medi­en­be­rich­te, die einen Auf­trags­mord mit poli­ti­schem Hin­ter­grund ver­mu­te­ten, wur­den bis­her nicht offi­zi­ell bestä­tigt. Aller­dings weist der Fall deut­li­che Par­al­le­len zu dem im Jän­ner 2009 in Wien-Flo­rids­dorf erschos­se­nen tsche­tsche­ni­schen Asyl­wer­ber Umar Israi­l­ov auf. Die­ser hat­te gegen Kady­row vor dem Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR) ein Ver­fah­ren im Zusam­men­hang mit Fol­ter-Vor­wür­fen betrie­ben. Die Staats­an­walt­schaft Wien kam im Zug ihrer Ermitt­lun­gen zum Schluss, dass Israi­l­ov zumin­dest mit Bil­li­gung Kady­rows ver­schleppt wer­den soll­te. Als er sich die­ser wider­setz­te, wur­de er erschos­sen.

Gegen Mar­tin B. dürf­te zuletzt ein kon­kre­tes Bedro­hungs­sze­na­rio bestan­den haben. Laut Infor­ma­tio­nen der APA wur­de ihm von den Sicher­heits­be­hör­den Per­so­nen­schutz ange­bo­ten, den er aber abge­lehnt haben soll. Einem Bekann­ten zufol­ge soll er jedoch ver­sucht haben, sich pri­vat eine kugel­si­che­re Wes­te zu orga­ni­sie­ren. Ob die­se bei ihm ankam, ist unklar.

Ein füh­ren­der tsche­tsche­ni­scher Exil­po­li­ti­ker in Öster­reich kün­dig­te für Diens­tag­nach­mit­tag eine Demons­tra­ti­on vor der rus­si­schen Bot­schaft in Wien an. „Wir ver­su­chen, auf die­sen Mord zu reagie­ren”, erklär­te Khu­seyn Iskha­nov der APA. Mit der Demons­tra­ti­on wen­de man sich auch an den öster­rei­chi­schen Staat. „Von den hie­si­gen Behör­den for­dern wir, die­ses Ver­bre­chen auf­zu­klä­ren”, ergänz­te Iskha­nov. Von Russ­land for­de­re man, Polit­mor­de an tsche­tsche­ni­schen Flücht­lin­gen in Euro­pa zu been­den, beton­te der Exil­po­li­ti­ker.