news/APA/Dienstag, 30.06.20, 13:00:02

Chi­na ver­ab­schie­det „Sicher­heits­ge­setz” für Hong­kong

Chi­na hat das hoch umstrit­te­ne „Sicher­heits­ge­setz” für Hong­kong ver­ab­schie­det und berei­tet damit den radi­kals­ten Ein­schnitt in die Auto­no­mie der Finanz­me­tro­po­le vor. Die Füh­rung in Peking reagiert mit dem schon im Mai ange­kün­dig­ten Gesetz auf die Pro­tes­te Hun­dert­tau­sen­der Hong­kon­ger gegen den wach­sen­den Ein­fluss Chi­nas, die die Son­der­ver­wal­tungs­zo­ne 2019 mona­te­lang lahm­ge­legt hat­ten.
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Chi­nas Staats- und Par­tei­chef Xi Jin­ping unter­zeich­ne­te bereits. Details des neu­en Geset­zes soll­ten spä­ter ver­öf­fent­licht wer­den. Nach den bis­her bekann­ten Plä­nen könn­ten Poli­zei und Geheim­diens­te der Volks­re­pu­blik nach Hong­kong ver­legt wer­den. Ziel soll es sein, eine Abspal­tung, Sub­ver­si­on, Ter­ro­ris­mus und Ein­mi­schun­gen aus dem Aus­land zu bekämp­fen. Die EU und Groß­bri­tan­ni­en, das sei­ne Kron­ko­lo­nie 1997 an Chi­na zurück­ge­ge­ben hat­te, äußer­ten sich besorgt. Hong­kongs Regie­rungs­chefin Car­rie Lam dage­gen ver­tei­dig­te das Gesetz und ver­si­cher­te, die Auto­no­mie wer­de nicht unter­gra­ben.

Der Stän­di­ge Aus­schuss von Chi­nas Natio­na­lem Volks­kon­gress nahm Berich­ten von Staats­me­di­en zufol­ge die Vor­la­ge ein­stim­mig an. Frü­he­ren Anga­ben zufol­ge soll das Gesetz bis Sep­tem­ber in Kraft tre­ten, also noch vor der für 6. Sep­tem­ber geplan­ten Wahl in Hong­kong. Ein­zel­hei­ten des Geset­zes wür­den spä­ter am Diens­tag ver­öf­fent­licht, sag­te Hen­ry Tang, ein Dele­gier­ter aus Hong­kong im obers­ten Bera­tungs­gre­mi­um Chi­nas.

Lam rief vor dem UNO-Men­schen­rechts­rat in Genf die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft auf, das Recht auf natio­na­le Sicher­heit zu respek­tie­ren. Es wer­de nun eine Geset­zes­lü­cke geschlos­sen, sag­te sie in einer Video­kon­fe­renz. Sie ver­si­cher­te, dass das neue Gesetz die Auto­no­mie Hong­kongs nicht unter­gra­ben wer­de. Hong­kong sei „trau­ma­ti­siert von einer wach­sen­den Gewalt, die durch aus­län­di­sche Kräf­te befeu­ert wird”. Kei­ne Zen­tral­re­gie­rung kön­ne weg­schau­en, wenn die Sou­ve­rä­ni­tät und natio­na­le Sicher­heit bedroht sei­en

Mit dem Sicher­heits­ge­setz geht Chi­na auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs zur Euro­päi­schen Uni­on, den USA, Groß­bri­tan­ni­en und ande­ren Staa­ten. Die­se behar­ren auf der weit­rei­chen­den Auto­no­mie, die Hong­kong bei der Über­ga­be an Chi­na bis min­des­tens 2047 gewährt wur­de. Damals wur­de das Prin­zip „Ein Land – zwei Sys­te­me” ver­an­kert, das durch eine immer stär­ke­re Ein­mi­schung der Füh­rung in Peking aber aus­ge­höhlt wird.

„Wir sind zutiefst besorgt über Berich­te, dass Peking das natio­na­le Sicher­heits­ge­setz ver­ab­schie­det hat”, sag­te der bri­ti­sche Außen­mi­nis­ter Domi­nic Raab und sprach von einem gra­vie­ren­den Schritt. „Sobald wir die voll­stän­di­ge Gesetz­ge­bung gese­hen haben, wer­den wir eine wei­te­re Erklä­rung abge­ben.”

Auch die EU kri­ti­sier­te das neue Gesetz. Rats­prä­si­dent Charles Michel sag­te in Brüs­sel, man bedaue­re die Ent­schei­dung. Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en erklär­te, die EU habe immer wie­der klar gemacht, dass Chi­na bei Ver­ab­schie­dung des Geset­zes „sehr nega­ti­ve Fol­gen” ris­kie­re. Dies beinhal­te auch Fol­gen für das Ver­trau­en von Unter­neh­men und Chi­nas inter­na­tio­na­len Ruf. Die EU wer­de nun mit ihren inter­na­tio­na­len Part­nern über mög­li­che Maß­nah­men als Reak­ti­on bera­ten.

Die EU-Außen­mi­nis­ter hat­ten Ende Mai auf Sank­tio­nen wegen des ange­kün­dig­ten Sicher­heits­ge­set­zes ver­zich­tet. Sank­tio­nen sei­en nicht der rich­ti­ge Weg, um Pro­ble­me mit Peking zu lösen, sag­te damals der EU-Außen­be­auf­trag­te Josep Bor­rell. Er plä­dier­te für einen Dia­log mit der chi­ne­si­schen Füh­rung.

Die USA, die sich mit der Volks­re­pu­blik einen hef­ti­gen Han­dels­streit lie­fern und u.a. auch wegen des Umgangs mit dem Coro­na­vi­rus über Kreuz lie­gen, haben bereits am Mon­tag begon­nen, ihre Son­der­re­ge­lun­gen für Hong­kong aus­zu­set­zen. Zu den Maß­nah­men gehö­ren ein Stopp der Lie­fe­rung von Rüs­tungs­gü­tern und Ein­schrän­kun­gen bei High-Tech-Expor­ten. Man kön­ne nicht mehr unter­schei­den zwi­schen Expor­ten nach Hong­kong und sol­chen in das chi­ne­si­sche Kern­land, erklär­te US-Außen­mi­nis­ter Mike Pom­peo.

Chi­na kün­dig­te dage­gen Ver­gel­tungs­maß­nah­men an. „Als Reak­ti­on auf das unrecht­mä­ßi­ge Vor­ge­hen der USA wird Chi­na die not­wen­di­gen Gegen­maß­nah­men ergrei­fen”, sag­te der Spre­cher des chi­ne­si­schen Außen­mi­nis­te­ri­ums, Zhao Liji­an.

Wie­der­holt hat­ten die Regie­run­gen in Peking und Hong­kong erklärt, das Gesetz wer­de sich gegen eini­ge „Unru­he­stif­ter” rich­ten und weder die Rech­te und Frei­hei­ten der Bür­ger in Hong­kong noch die Inter­es­sen der Inves­to­ren beein­träch­ti­gen. Die staat­li­che chi­ne­si­sche Nach­rich­ten­agen­tur Xin­hua mel­de­te jüngst, dass Chi­na in Hong­kong ein Sicher­heits­bü­ro errich­ten kön­nen soll. Die­ses sol­le Geheim­dienst­in­for­ma­tio­nen sam­meln kön­nen und sich mit Ver­bre­chen gegen die natio­na­le Sicher­heit befas­sen. Für der­ar­ti­ge Ver­fah­ren sol­le Lam beson­de­re Rich­ter ernen­nen kön­nen. Men­schen­rech­te wür­den gewahrt blei­ben.

Bür­ger­recht­ler und Demons­tran­ten befürch­ten dage­gen einen immer stär­ke­ren Ein­fluss der chi­ne­si­schen Regie­rung und den Ver­lust der Auto­no­mie Hong­kongs. Lam wer­fen sie seit lan­gem zu gro­ße Nähe zur Füh­rung in Peking vor. „Wir wer­den die Ver­ab­schie­dung des Geset­zes nie­mals akzep­tie­ren”, sag­te Wu Chi Wai, der Vor­sit­zen­de der Demo­kra­ti­schen Par­tei.

Trotz eines Kund­ge­bungs­ver­bo­tes wol­len Akti­vis­ten und demo­kra­tie­freund­li­che Poli­ti­ker am Mitt­woch gegen die Maß­nah­men pro­tes­tie­ren. Am 1. Juli jährt sich die Über­ga­be Hong­kongs an die Volks­re­pu­blik zum 23. Mal.

Die pro-demo­kra­ti­sche Par­tei Demo­sis­to gab gleich nach der Ver­ab­schie­dung des umstrit­te­nen „Sicher­heits­ge­set­zes” ihre Auf­lö­sung bekannt. „Nach vie­len inter­nen Bera­tun­gen haben wir beschlos­sen, uns auf­zu­lö­sen und unter den gege­be­nen Umstän­den alle Tätig­kei­ten als Grup­pe ein­zu­stel­len”, teil­te Demo­sis­to am Diens­tag auf Twit­ter mit. Der Par­tei gehör­te auch der bekann­te Demo­kra­tie-Akti­vist Joshua Wong an. Wong und drei wei­te­re Akti­vis­ten hat­ten kurz zuvor ihren Aus­tritt aus der Par­tei bekannt gege­ben. Es wird ver­mu­tet, dass sie die Par­tei vor einer mög­li­chen Straf­ver­fol­gung schüt­zen woll­ten, sobald das Gesetz in Kraft getre­ten ist. „Ich wer­de mei­ne Hei­mat – Hong­kong – wei­ter­hin ver­tei­di­gen, bis sie mich stumm schal­ten und von die­sem Land ver­trei­ben”, schrieb Wong auf Face­book über sei­nen Aus­tritt.