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news/APA/Donnerstag, 23.06.22, 13:06:02

Bach­mann-Preis – Erreg­te Jury-Debat­ten ab dem ers­ten Text

Der 2007 in die USA aus­ge­wan­der­te deut­sche Autor Han­nes Stein, mit 57 Jah­ren der ältes­te Teil­neh­mer des Fel­des, hat am Don­ners­tag­vor­mit­tag den Leser­ei­gen der 46. Tage der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur in Kla­gen­furt eröff­net. Der in Mün­chen gebo­re­ne und in Salz­burg auf­ge­wach­se­ne Jour­na­list, Blog­ger und Autor, der heu­te am Rand der Bronx lebt, wur­de von Vea Kai­ser zum Bach­mann-Preis ein­ge­la­den. Sein Text heißt „Die könig­li­che Repu­blik” und spielt in New York.
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„Die könig­li­che Repu­blik. Eine Geschich­te der pol­nisch-litaui­schen Uni­on” heißt in sei­ner Geschich­te ein Buch des vor lan­gem von der Hud­son Uni­ver­si­ty uneh­ren­haft ent­las­se­nen PoC-His­to­ri­kers Joe Sparks, in dem Ver­schwö­rungs­theo­rien und Ver­fol­gungs­wahn eine unglück­li­che Bin­dung ein­ge­hen – für Juro­rin Insa Wil­ke „eine Nar­ren­fi­gur”, deren Innen­sicht jedoch wie ein Boten­be­richt aus­ge­führt sei. Für Mara Deli­us kann sich der Text nicht zwi­schen „magi­schem Rea­lis­mus” und „The­sen­ro­man” ent­schei­den. „Ält­lich und ziem­lich betu­lich” und „weni­ger inter­es­sant” fand den Text Phil­ipp Ting­ler: „Die­ser Text hat null Gegen­warts­be­zug.” Deut­lich mehr konn­te Micha­el Wie­der­stein damit anfan­gen. Eine ers­te Kon­fron­ta­ti­on inner­halb der Jury ent­spann sich zwi­schen Vea Kai­ser, die Stein ein­ge­la­den hat­te, und Insa Wil­ke, auch Klaus Kas­t­ber­ger und Phil­ipp Ting­ler nah­men die Feh­den vor­an­ge­gan­ge­ner Jah­re gleich wie­der auf. Noch rela­tiv bedeckt hielt sich Bri­git­te Schwens-Har­rant. Nach der erreg­ten ers­ten Debat­ten-Run­de resü­mier­te Mode­ra­tor Chris­ti­an Anko­witsch: „Die Instru­men­te sind gezeigt.”

„Der Kör­per mei­ner Groß­mutter” heißt der Text, den die 1970 in Wup­per­tal gebo­re­ne und heu­te in Rom und Ber­lin leben­de Deut­sche Eva Sichel­schmidt im Anschluss las. Die viel­sei­ti­ge Autorin, die als Kos­tüm­bild­ne­rin für Film und Oper ein Maß­ate­lier für Abend­mo­de betrieb und das Geschäft „Whis­ky & Cigars” eröff­ne­te, wur­de von Mara Deli­us ein­ge­la­den. Es geht um den Abschied von der im Alter von 103 Jah­ren im Ster­ben lie­gen­den Groß­mutter, um Erin­ne­run­gen und den Tod als Lebens­be­glei­ter: „Über das Ster­ben rede­te sie ohne Scheu, seit sie mit sieb­zig auf einem Auge erblin­det war.” Kaum ver­lässt die Erzäh­le­rin die Ster­ben­de, tritt der Tod ein. Die letz­ten Wor­te der Groß­mutter wer­den auf die Todes­an­zei­ge gesetzt: „Es war schön und jetzt ist es vorbei.”

„Ein wahn­sin­nig wich­ti­ger und sehr gelun­ge­ner Text”, fand Vea Kai­ser, Kon­zen­tra­ti­on und Schnör­kel­lo­sig­keit orte­te Kas­t­ber­ger, „eine Beschwö­rung der kör­per­li­chen Prä­senz genau in dem Augen­blick, wo die­se Prä­senz auf­hört”: „Eine span­nen­de Sache, ein sehr radi­ka­ler Text.” Für Insa Wil­ke schwang „die gan­ze Kom­pli­ka­ti­on weib­li­cher Genera­tio­nen­fol­gen” mit. Wider­sprü­che orte­te Micha­el Wie­der­stein dage­gen in dem „selt­sam hoh­len Kon­strukt”, for­ma­le Män­gel fand Schwens-Har­rant. „Wirk­lich gelun­gen”, urteil­te dage­gen Ting­ler über den „unsen­ti­men­ta­len Text” und hob „die Ver­bin­dung von Ding­lich­keit und Tran­szen­denz” her­vor. Natur­ge­mäß beein­druckt zeig­te sich Deli­us, die Sichel­schmidt ein­ge­la­den hatte.

Der in Wien leben­de und auf Ein­la­dung von Phil­ipp Ting­ler nach Kla­gen­furt gekom­me­ne Deut­sche Leon Eng­ler beschloss mit sei­nem Text „Lis­te der Din­ge, die nicht so sind, wie sie sein soll­ten” die ers­te Vor­mit­tags-Ses­si­on und sorg­te immer wie­der für Lacher im Publi­kum. Der Ich-Erzäh­ler, frei­be­ruf­li­cher Schau­spie­ler und Neben­er­werbs-Model, reist per ICE und S‑Bahn zu einem Foto-Shoo­ting für einen Kaf­fee­au­to­ma­ten in einen Ort namens Eggen­stein, wo in einer Fabriks­hal­le Foto­graf, Agen­tur­che­fin und eine Viel­zahl von Assis­ten­tin­nen und Assis­ten­ten auf ihn war­ten. „Am Ende des Tages sagt die Agen­tur­che­fin, dass das doch gar nicht so schlecht gelau­fen sei, aber – gut­ge­mein­ter Rat für die Zukunft – etwas mehr Selbst­be­wusst­sein und eine posi­ti­ve­re Atti­tü­de wür­den mir nicht scha­den.” Der Erzäh­ler reist wie­der ab, trifft im Zug sei­nen alten Schau­spiel­do­zen­ten, hört sich von ihm Klaus-Kin­ski-Anek­do­ten an und über­lässt sich sei­nem Gedan­ken­strom, der sich immer wie­der mit dem Bild „der Per­son, die ich ger­ne wäre”, beschäftigt.

Insa Wil­ke zeig­te sich beein­druckt, dass ein Text mit simp­ler Figur und simp­ler Struk­tur doch zei­ge, „wie Lite­ra­tur funk­tio­nie­ren kann”. Auch Micha­el Wie­der­stein hat­te den Text „sehr genos­sen”. „Unend­lich depri­mie­rend”, fand Vea Kai­ser den Text – und fand das gut. Sie orte­te „Beschrei­bungs­ar­mut” – was aber mög­li­cher­wei­se gut zu der simp­len Figur pas­se. „Groß­ar­tig!”, befand Ting­ler und fand eine „uni­ver­sel­le Befind­lich­keit tref­fend aus­ge­ar­bei­tet”. „Stim­mungs­pro­sa”, mein­te Mara Deli­us, Schwens-Har­rant hielt den Text für erzähl­tech­nisch gut, die Refle­xi­on blei­be jedoch in Iro­nie ste­cken, was sie als „Stör­fak­tor” emp­fin­de. „Für mich expo­niert sich der Text zu wenig als Kri­tik-Text”, mein­te Kas­t­ber­ger und zeig­te sich unsi­cher, ob es nicht doch nur einer jener belang­lo­ser Unter­hal­tungs­tex­te sei, die Anna Baar in ihrer gest­ri­gen Eröff­nungs­re­de kri­ti­siert hatte.

Nach einer kur­zen Pau­se lesen am Nach­mit­tag Alex­an­dru Bulucz und Andre­as Moster.