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news/APA/Freitag, 28.02.25, 13:51:39

Wiener Festwochen bringen den „Prozess Pelicot“ ins Funkhaus

Über 7.000 von 46.000 Karten, die die Wiener Festwochen für ihre diesjährige Ausgabe anbieten, sind bereits verkauft. Das war nur eine der Frohbotschaften, die bei der Programm-Präsentation am Freitag verkündet wurden. Unter den 48 von 16. Mai bis 22. Juni angebotenen Projekten und Produktionen an 29 Veranstaltungsorten befinden sich elf Weltpremieren und zehn Eigenproduktionen, laut Festwochen so viele wie noch nie. "Es lohnt sich alles!", versicherte Intendant Milo Rau.
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„Es ist extrem angenehm, eine Pressekonferenz zu geben, deren Inhalte absolut allen bekannt sind“, witzelte der Festwochen-Chef über den Fauxpas, dass die dicken Programmbücher bereits vor Tagen von der Post zugestellt wurden. Eine Neuigkeit, die erst nach Drucklegung fixiert wurde, hatte er aber zu bieten: Der aufsehenerregende Prozess gegen Dominique Pelicot, der seine damalige Frau Gisèle fast zehn Jahre lang immer wieder mit Medikamenten betäubt, vergewaltigt und in Internetforen anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten hatte, wird von Milo Rau rekonstruiert. Rau kündigte „zwei rituelle Lesenächte“ aus den Verhandlungsprotokollen an: am 18. Juni im Wiener Funkhaus (bei freiem Eintritt), am 18. Juli beim koproduzierenden Festival d’Avignon. In der Wiener Ausgabe von „Der Prozess Pelicot“ wird Mavie Hörbiger mitwirken, die unmittelbar davor per im Taxi entgegengenommenen Telefonat von Rau über das Projekt informiert wurde: „Alles was Milo macht, ist vernünftig, wichtig und toll. Deswegen habe ich zugesagt“, meinte die Burgschauspielerin, die auch bei der bereits lange angekündigten Rau-Inszenierung von Elfriede Jelineks „Burgtheater“ mitspielt und hofft, durch die Lesung der Prozessakten „vielleicht auch mehr zu verstehen, warum Männer zu so etwas fähig sind“.

Unter Milo Rau werden auch Programm-Pressekonferenzen inszeniert. Hatte man im Vorjahr im Hotel Imperial bei der Ausrufung der „Freien Republik Wien“ Pussy-Riot-Sturmhauben getragen und die Republikshymne „Steht auf Steht auf“ intoniert, so musste man heute vor dem Funkhaus, wo die „Republic of Love“ heuer ihr Hauptquartier aufschlägt, zunächst einem schamanischen Reinigungsritual beiwohnen, bei dem sich rund um eine Feuerschale allerlei musizierende Blumenkinder versammelten, um etwa den Geist des Faschismus, der 1938 in den Clemens-Holzmeister-Bau eingezogen war, zu vertreiben. Die Blumen waren allerdings Kunstblumen, und um die Ecke stand der Feuerlöscher bereit. Der Intendant zeigte ebenso kindlichen Ernst wie Freude am Spiel, trug nicht nur wie alle anderen Podiumsgäste ein rotes V auf der Stirn, sondern auch einen Blumenkranz – und griff begeistert zum Tamburin, als am Ende die Formation Caravan of LUV die diesjährige Republikshymne „V is for LoVe!“ (We’ll stop you racist losers / And all you agitators“) zum Besten gab. Die Band schreibe auch „Lieder für Healing-Sessions, die wir hier im Funkhaus machen“, kündigte Bandleader Elia Rediger an. „Wir fangen mit Healing Herbert an.“

Bereits seit zwei Monaten wohnen Signa und Arthur Koestler, Gründer und Mastermind des österreichisch-dänischen Kollektivs Signa, in dem Gebäude, wo sie ab 17. Mai zur über drei Etagen führenden immersiven Performance-Installation namens „Das letzte Jahr“ bitten. „Es wird ein kurzes Format, nur sechs Stunden“, meinte Koestler. „Wir laden das Publikum auf eine Zeitreise ins letzte Jahr, vielleicht ins letzte Jahr überhaupt, ein. Wenn die sozialen Strukturen zerfallen, gibt es dann noch jemanden, der uns liebt? Darum geht es.“ 40 Darsteller betreuen jeden Abend 60 Besucher, die unter anderen Dingen darüber rätseln dürften, wo sie sich befinden: „Vielleicht in einem Altersheim? Vielleicht in einer verlorenen Kneipe in einer zerstörten Stadt?“

Bei der Eröffnung am Rathausplatz am 16. Mai, für die neben einem Kinderchor und einer Trachtenkapelle die US-amerikanische Multimediakünstlerin Laurie Anderson angekündigt ist, sowie bei über 100 weiteren Angeboten gilt freier Eintritt. Anderson, die heute eine Videobotschaft abgab, wird zudem am 19. Mai im ORF-RadioKulturhaus mit „State of Love“ auch eine Eröffnungsrede performen und davor die „Campfire“-Reihe eröffnen, bei der rund um die Feuerschale diskutiert werden soll.

Diskurs ist neben der Reihe „Brand New Classics“ – u.a. mit einer ausschließlich weiblich besetzten Adaption von „Die Möwe“, Lisaboa Houbrechts Inszenierung von „Mutter Courage“, „Richard III.“ in der Inszenierung von Itay Tiran und einer „Die Perser“-Adaption von Chokri Ben Chikha – auch heuer einer der Festwochen-Schwerpunkte. Auf die „Wiener Prozesse“ des Vorjahres folgen die von Robert Misik und Natalie Assmann organisierten „Wiener Kongresse“, die als zwei „Mega-Diskurs-Events“ im Theater Akzent und Odeon angekündigt sind. Sie widmen sich der Cancel Culture („Kulturkriege“) und – unter dem irritierenden Titel „Die Kunst des Missbrauchs“ – dem Machtmissbrauch. Rammstein-Sänger Till Lindemann schicke seinen Anwalt, Arnold Schwarzenegger habe aus Zeitgründen abgesagt, hieß es. Als Format habe man diesmal „eine Form von Untersuchungsausschuss“ mit zwei hochkarätigen Jurys gewählt, sagte Misik: „Es wird eine geile Orgie des Zuhörens.“

14,9 Mio. Euro beträgt das diesjährige Gesamtbudget der Wiener Festwochen, auf die sich die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) besonders freut. „Die revolutionärste Haltung ist die der Liebe – in allen Varianten“, versicherte sie nach Raus Aufforderung: „Bitte, Veronica, sprich zu uns!“ Und das Frohlocken des Intendanten, dass sie nicht als Kulturministerin in den Bund wechsle, sondern Wien erhalten bleibe, kommentierte sie so: „Ich bin eine überzeugte Lokalpolitikerin. Mörbisch kann auch jemand anderer eröffnen!“

(S E R V I C E – Wiener Festwochen, 16. Mai bis 22. Juni, )