apa.at
blog / Donnerstag 10.12.20

Wie zuver­läs­sig sind Antigentests?

APA/Stotter

Ver­gan­ge­nen Frei­tag star­te­ten in Öster­reich die lan­des­wei­ten Coro­na-Mas­sen­tests. Getes­tet wird mit­tels eines Anti­gen-Schnell­tests und nicht mit dem sonst ein­ge­setz­ten PCR-Test. Das lös­te im Vor­feld eine Debat­te aus, da eini­ge Men­schen an der Genau­ig­keit der Anti­gen­tests zwei­fel­ten und die Sinn­haf­tig­keit der Mas­sen­tests daher infra­ge stell­ten. Auch in den Sozia­len Netz­wer­ken waren die Tests The­ma: Es sei Unsinn Gesun­de zu tes­ten, schreibt etwa ein Face­book-User. „MAS­SEN­TES­TUNG bei Gesun­den = 98% FALSSCH POSI­TI­VE” (sic!), heißt es in einem oft geteil­ten Pos­ting. Als Beleg dafür führt der User ein Doku­ment des Robert Koch-Insti­tuts (RKI) an, in dem u.a. die Anzahl rich­tig-posi­ti­ver und falsch-posi­ti­ver Tests bei Mas­sen­tes­tun­gen auf­ge­zeigt wird, und stellt die­se gegenüber.

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on: Mas­sen­tests bei Gesun­den füh­ren laut dem Robert Koch-Insti­tut (RKI) zu 98 Pro­zent falsch-posi­ti­ven Ergeb­nis­sen. Deren Ein­satz ist daher nicht sinnvoll.

Ein­schät­zung: Nicht bei der gesam­ten Mas­sen­tes­tung sind 98 Pro­zent falsch posi­tiv, son­dern von den Tests, die posi­tiv aus­fal­len, sind dem RKI zufol­ge nur 2 Pro­zent der Getes­te­ten wirk­lich infi­ziert. In Sum­me macht das einen gro­ßen Unter­schied. In Bezug auf die Tests in Öster­reich fällt das dahin gehend nicht ins Gewicht, dass nach einem posi­ti­ven Anti­gen-Test­ergeb­nis mit­tels PCR-Test sowie­so erneut getes­tet wird, um das posi­ti­ve Test­ergeb­nis wirk­lich zu bestä­ti­gen. Was stimmt ist, dass Anti­gen­tests nicht so zuver­läs­sig sind wie PCR-Tests und daher mit Vor­sicht einzusetzen.

Über­prü­fung: Das im Pos­ting ange­führ­te Doku­ment des RKI soll dabei hel­fen, Test­ergeb­nis­se von Anti­gen-Schnell­tests auf SARS-CoV‑2 zu ver­ste­hen. Zwei Tes­t­an­sät­ze wer­den dabei ver­gli­chen: links Mas­sen­tes­tun­gen, wie sie in Öster­reich der­zeit statt­fin­den und rechts „geziel­te­res Tes­ten“ von Per­so­nen, die Sym­pto­me haben. Anlass­be­zo­gen wird sich die­ser Fak­ten­check nur den Mas­sen­tes­tun­gen widmen.

Unter­schie­den müs­sen an die­ser Stel­le auch noch die Sen­si­ti­vi­tät und die Spe­zi­fi­tät von­ein­an­der wer­den: Die Sen­si­ti­vi­tät ist „der Anteil der Per­so­nen mit posi­ti­vem Test­ergeb­nis unter den Infi­zier­ten“, also sie zeigt an, bei wie vie­len der wirk­lich Infi­zier­ten der Test auch rich­tig aus­fällt. Die Spe­zi­fi­tät ist „der Anteil der Per­so­nen mit nega­ti­vem Test­ergeb­nis unter der Nicht-Infi­zier­ten“, also bei wie vie­len Men­schen, die nicht infi­ziert sind der Test auch wirk­lich nega­tiv ist.

Bei den Mas­sen­tes­tun­gen fal­len laut RKI von 10.000 Getes­te­ten 204 Tests posi­tiv und 9.796 nega­tiv aus. Von den Posi­ti­ven sind aber nur vier Men­schen tat­säch­lich infi­ziert und 200 nicht. Die Wahr­schein­lich­keit, dass ein posi­ti­ver Test rich­tig liegt, liegt also nur bei 2 Pro­zent. Im Umkehr­schluss könn­te man sagen, dass 98 Pro­zent der posi­ti­ven Tests falsch-posi­tiv sind. Was man aber nicht sagen kann, ist, dass Mas­sen­tests gene­rell eine Rate von 98 Pro­zent falsch-posi­ti­ven Tests haben, denn das wür­de bedeu­ten, dass unter 10.000 getes­te­ten Men­schen 9.800 falsch-posi­tiv Getes­te­te sind – also fast alle der Getes­te­ten. So sind aber von 10.000 Men­schen nur 200 falsch-posi­tiv Getestete.

Das ist tat­säch­lich trotz­dem eine hohe Zahl. Anders ist die Situa­ti­on frei­lich bei geziel­te­rem Tes­ten, da ist der Anteil der falsch-posi­ti­ven bei posi­ti­ven Test­ergeb­nis­sen gerin­ger. Ins Gewicht fällt die­se Zahl aller­dings dadurch nicht, dass bei den Mas­sen­tests in Öster­reich nach jedem posi­tiv aus­ge­fal­le­nen Anti­gen­test mit­tels PCR-Test noch ein­mal nach­ge­tes­tet wird, um fest­zu­stel­len, ob wirk­lich eine Infek­ti­on vor­liegt. Nur wenn auch der PCR-Test posi­tiv ist, muss die begon­ne­ne Qua­ran­tä­ne fort­ge­setzt wer­den, lässt sich in den FAQs des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums nachlesen.

Zum bes­se­ren Ver­ständ­nis kön­nen auch die nega­ti­ven Test­ergeb­nis­se der Anti­gen-Mas­sen­tests her­an­ge­zo­gen wer­den: Von 10.000 Men­schen wer­den laut RKI 9.796 nega­tiv getes­tet. Tat­säch­lich nicht infi­ziert sind davon 9.795, nur eine Per­son ist falsch-nega­tiv. Die Wahr­schein­lich­keit, dass ein nega­ti­ver Test rich­tig ist, lie­ge also bei 99,9 Pro­zent. Aller­dings warnt das RKI auch, dass ein nega­ti­ves Ergeb­nis im Anti­gen­test eine Infek­ti­on nicht aus­schließt, „ins­be­son­de­re, wenn eine nied­ri­ge Virus­last vor­liegt“, wie das etwa in der frü­hen Inku­ba­ti­ons­pha­se oder in einer spä­ten Pha­se der Infek­ti­on der Fall sein kann.

Prin­zi­pi­ell bleibt der Anti­gen-Test mit einer gewis­sen Unsi­cher­heit ver­bun­den. Einer in der „Coch­ra­ne Libra­ry“ im August 2020 ver­öf­fent­lich­ten Stu­die zufol­ge vari­iert die Sen­si­ti­vi­tät bei Anti­gen­tests beträcht­lich zwi­schen Stu­di­en und auch zwi­schen Test-Her­stel­lern. Die durch­schnitt­li­che Sen­si­ti­vi­tät lie­ge bei 56,2 Pro­zent, was rela­tiv gering ist und die durch­schnitt­li­che Spe­zi­fi­tät bei 99,5 Pro­zent, was hoch ist. Die Tests erga­ben aller­dings in weni­ger als einem Pro­zent der Pro­ben falsch-posi­ti­ve Ergeb­nis­se. Fünf ver­schie­de­ne Stu­di­en wur­den dafür herangezogen.

In einer Pre­print-Stu­die auf dem wis­sen­schaft­li­chen Online-Por­tal „MedRxiv“ von Novem­ber 2020, an der u.a. der bekann­te Viro­lo­ge Chris­ti­an Dros­ten mit­ge­wirkt hat­te, wur­den sie­ben kom­mer­zi­el­le Anti­gen-Schnell­tests mit­ein­an­der ver­gli­chen. Pre­print bedeu­tet, dass die Stu­die noch kei­nem Peer Review-Ver­fah­ren unter­zo­gen wur­de und die Ergeb­nis­se daher noch mit Vor­sicht zu genie­ßen sind. Bei fünf Tests lag die Spe­zi­fi­tät laut der Stu­die zwi­schen 98,53 Pro­zent und 100 Pro­zent. Die Sen­si­ti­vi­tät lässt sich hier nicht ein­deu­tig fest­ma­chen, da dabei die Virus­last und der Test­zeit­punkt eine Rol­le spie­len wür­den, geht aus der Stu­die her­vor. Sinn­voll sei eine Anwen­dung von Anti­gen­tests aber offen­bar im Wesent­li­chen in der ers­ten Woche, in der Sym­pto­me auf­tre­ten: „Die Sen­si­ti­vi­täts­span­ne der meis­ten AgPOCT (Anm. Anti­gen­tests) über­schnei­det sich mit den Virus­last-Wer­ten, die typi­scher­wei­se in der ers­ten Woche mit Sym­pto­men beob­ach­tet wer­den, was bei den meis­ten Pati­en­ten die infek­tiö­se Peri­ode markiert.“

Nach Anga­ben des RKI hängt die Aus­sa­ge­kraft von Anti­gen-Schnell­tests auch stark vom Anteil der Infi­zier­ten unter den getes­te­ten Per­so­nen ab: „Wenn unter den Getes­te­ten nur weni­ge Per­so­nen tat­säch­lich infi­ziert sind, dann ist ein posi­ti­ves Test­re­sul­tat sehr wahr­schein­lich falsch posi­tiv. Wenn unter den Getes­te­ten aller­dings vie­le Per­so­nen infi­ziert sind, dann sind posi­ti­ve Test­re­sul­ta­te zuverlässiger“.

Bei einer Stu­die in der renom­mier­ten medi­zi­ni­schen Fach­zeit­schrift „The Lan­cet“ von Dezem­ber 2020 wur­de die Tes­tung mit­tels Anti­gen-Schnell­tests in Utrecht in den Nie­der­lan­den und auf der Insel Aru­ba unter­sucht. Dabei kamen in Utrecht eine Gesamt­sen­si­ti­vi­tät von 72,6 Pro­zent und eine Spe­zi­fi­tät von 100 Pro­zent her­aus. Falsch posi­ti­ve Ergeb­nis­se sei­en nicht beob­ach­tet wor­den. In Aru­ba habe die Gesamt­sen­si­ti­vi­tät bei 81,0 Pro­zent gele­gen und die Spe­zi­fi­tät eben­falls bei 100 Pro­zent. Falsch-nega­ti­ve Ergeb­nis­se sei­en meist bei Pro­ban­den mit einem hohen Ct-Wert beob­ach­tet wor­den, was auf eine nied­ri­ge Virus­last im Nasen-Rachen­raum hin­deu­te. Dies kön­ne sehr früh in der Infek­ti­on oder in einem spä­ten Sta­di­um der Infek­ti­on auf­tre­ten. Vor allem auf Aru­ba war das Virus weit verbreitet.

Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) emp­fiehlt das Ein­set­zen von Anti­gen­tests in ver­schie­de­nen Sze­na­ri­en, u.a. wenn es zu ver­mu­te­ten Aus­brü­chen von COVID-19 in Insti­tu­tio­nen kommt und ein PCR-Test nicht sofort zur Ver­fü­gung steht, als Unter­stüt­zung der Unter­su­chung von Aus­brü­chen oder bei einer gene­rel­len star­ken Ver­brei­tung von COVID-19 in der Gesell­schaft, wie es zuletzt u.a. in Öster­reich der Fall war. Bei einem posi­ti­ven Test­ergeb­nis wird eine Über­prü­fung mit­tels PCR-Test emp­foh­len. Dar­auf beruft sich auch das RKI in ihren Emp­feh­lun­gen. Sowohl für die WHO als auch für das Euro­pean Cent­re for Dise­a­se Pre­ven­ti­on and Con­trol (ECDC) müs­sen Anti­gen­test „deut­lich mehr Fäl­le kor­rekt iden­ti­fi­zie­ren als sie ver­feh­len wür­den“, also eine Sen­si­bi­li­tät von gleich oder über 80 Pro­zent und eine Spe­zi­fi­tät von 97 bis 100 Pro­zent haben.

Abschlie­ßen­de Zah­len dazu wie vie­le Men­schen im Rah­men der Coro­na-Mas­sen­tests posi­tiv oder falsch-posi­tiv getes­tet wur­den, gibt es noch nicht, da die Tests teil­wei­se noch lau­fen. Die Posi­tiv­ra­te dürf­te aber gering sein. Am 6. Dezem­ber 2020 berich­te­te die „Wie­ner Zei­tung” von einer Posi­tiv­ra­te von unter 0,5 Pro­zent. Am 9. Dezem­ber 2020 teil­te zudem ein Spre­cher von Gesund­heits­stadt­rat Peter Hacker (SPÖ) laut „salzburg24” der APA mit, dass in Wien mehr als die Hälf­te der posi­ti­ven Schnell­tests eine fal­sche Dia­gno­se erge­ben hät­ten. In Tirol waren ein Drit­tel der posi­ti­ven Anti­gen-Mas­sen­tests falsch posi­tiv, berich­te­te der „Kurier”.

 

Wenn Sie zum Fak­ten­check-Team Kon­takt auf­neh­men oder Fak­ten­checks zu rele­van­ten The­men anre­gen möch­ten, schrei­ben Sie bit­te an faktencheck@apa.at

Vale­rie Schmid/Florian Schmidt