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blog / Freitag 27.11.20

APA Check Avatar Wie vie­le Men­schen pro­fi­tie­ren vom Frühstarterbonus?

APA/dpa/Symbolbild

Die abschlags­freie Hack­ler­re­ge­lung soll ab 2022 vom Früh­star­ter­bo­nus abge­löst wer­den. Als Argu­ment für die Ände­rung der tür­kis-grü­nen Regie­rung brach­te Grü­nen-Klub­ob­frau Sig­rid Mau­rer vor, dass von dem Früh­star­ter­bo­nus mehr Per­so­nen und ein höhe­rer Frau­en­an­teil pro­fi­tie­ren wür­de – „fai­rer und geschlech­ter­ge­rech­ter”. Über die Anzahl der zusätz­li­chen Per­so­nen herrsch­te im Grü­nen-Klub unter­des­sen Unklarheit.

Auf Twit­ter machen sich User über drei Abge­ord­ne­te der Grü­nen lus­tig, die in einem Video­zu­sam­men­schnitt im Natio­nal­rat unter­schied­li­che Zah­len anfüh­ren. Ein­mal soll es eine Ver­vier­fa­chung der pro­fi­tie­ren­den Per­so­nen sein, ein ander­mal eine Ver­zehn­fa­chung. Mau­rer selbst sag­te in dem Video, sechs Mal mehr Leu­te wür­den von dem Früh­star­ter­bo­nus der Regie­rung pro­fi­tie­ren. In einem ande­ren Inter­view sind es ihrer Aus­sa­ge nach noch vier­mal so viele.

Mau­rer behaup­te­te außer­dem laut den Grü­nen auf Twit­ter: „Vom neu­en Frühstarter*innenbonus pro­fi­tie­ren zur Hälf­te Män­ner und zur Hälf­te Frau­en. Im ers­ten Halb­jahr 2020 haben fast 7.300 Män­ner und nur eine Frau die soge­nann­te Hack­ler­re­ge­lung in Anspruch genom­men. Das ist nicht gerecht.”

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on: Durch das Erset­zen der Hack­ler­re­ge­lung mit dem Früh­star­ter­bo­nus wird eine Ungleich­be­hand­lung zwi­schen den Geschlech­tern besei­tigt, gene­rell pro­fi­tie­ren bis zu zehn­mal mehr Men­schen davon.

Ein­schät­zung: Vom Früh­star­ter­bo­nus wer­den 2022 in etwa fünf­mal so vie­le Men­schen – Hälf­te Männer/Frauen – als von der abschlags­frei­en Hack­ler­re­ge­lung 2020 pro­fi­tie­ren. Die Zahl der Frau­en, die heu­er die abschlags­freie Hack­ler­re­ge­lung 2020 in Anspruch nah­men, war mit zwei Frau­en sehr gering. Das liegt dar­an, dass Frau­en der­zeit ohne­dies mit 60 abschlags­frei in Pen­si­on gehen kön­nen. Ab 2024 wird aller­dings das Pen­si­ons­al­ter der Frau­en stu­fen­wei­se ange­ho­ben. Als Steu­er­zah­le­rin­nen finan­zier­ten Frau­en beim bis­he­ri­gen Modell haupt­säch­lich Männer-Pensionen.

Über­prü­fung: Der statt der abschlags­frei­en Hack­ler­re­ge­lung ab 2022 geplan­te Früh­star­ter­bo­nus wird im ers­ten Jahr vor­aus­sicht­lich rund 60.000 bis 70.000 Per­so­nen zugu­te­kom­men. Das geht aus einer Schät­zung der Pen­si­ons­ver­si­che­rungs­an­stalt (PVA) auf Anfra­ge der APA her­vor. Etwa die Hälf­te davon wer­den Frau­en sein.

Die­se rund 60.000 bis 70.000 Per­so­nen wer­den im Jahr 2022 in Pen­si­on gehen – in regu­lä­re Alters­pen­si­on, vor­zei­ti­ge Alters­pen­si­on oder Berufs­un­fä­hig­keits- bzw. Inva­li­di­täts­pen­si­on – und die Vor­aus­set­zun­gen für den Früh­star­ter­bo­nus erfül­len. Das bedeu­tet, dass sie zwi­schen dem 15. und dem 20. Lebens­jahr zumin­dest 12 Mona­te an Bei­trags­zei­ten erwor­ben und ins­ge­samt 25 Ver­si­che­rungs­jah­re haben.

Die Hack­ler­re­ge­lung ohne Abschlä­ge haben heu­er von Jän­ner bis inklu­si­ve Okto­ber 9.742 Per­so­nen (nur PVA-Ver­si­cher­te) – dar­un­ter fünf Frau­en – in Anspruch genom­men. Wenn man die­se Zahl für das gan­ze Jahr und für alle Ver­si­cher­ten auf etwas mehr als 13.000 Per­so­nen hoch­rech­net und mit Fünf mul­ti­pli­ziert (65.000), dann kommt man auf die von der PVA geschätz­ten 60.000 bis 70.000 Per­so­nen für den Frühstarterbonus.

Aller­dings sind die­se Zah­len auch vor dem Hin­ter­grund der Situa­ti­on der Frau­en schwer zu ver­glei­chen. Nach­dem Frau­en mit 60 Jah­ren ohne­hin das Regel­pen­si­ons­al­ter für Frau­en erreicht haben, kön­nen sie ohne­dies abschlags­frei in Pen­si­on gehen, selbst wenn sie nicht 540 Ver­si­che­rungs­mo­na­te erreicht haben, hieß es sei­tens der PVA. Die Fäl­le, bei denen Frau­en eine abschlags­freie vor­zei­ti­ge Alters­pen­si­on in Anspruch neh­men kön­nen, sind dem­nach „abso­lu­te Aus­nah­me­fäl­le” – „etwa wenn die Frau bereits vor dem 15. Geburts­tag ein Kind gebo­ren hat, sodass die Kin­der­er­zie­hungs­zei­ten, die in die Ver­si­che­rungs­mo­na­te ein­ge­rech­net wer­den, bereits vor dem 15. Geburts­tag zu lau­fen beginnen”.

Aus die­sem Grund waren im ers­ten Halb­jahr 2022 unter den 6.670 Per­so­nen (nur PVA-Ver­si­cher­te), wel­che die vor­zei­ti­ge Lang­zeit­ver­si­cher­ten­re­ge­lung ohne Abschlag in Anspruch genom­men haben, ledig­lich zwei Frau­en. Auf län­ge­re Sicht hät­te die Anzahl der Frau­en mit Sicher­heit zuge­nom­men, da sich das Pen­si­ons­al­ter der Frau­en ab 2024 stu­fen­wei­se erhöht.

Ange­sichts der Zah­len ist anzu­neh­men, dass bei der abschlags­frei­en Hack­ler­re­ge­lung ein Ungleich­ge­wicht zwi­schen Män­nern und Frau­en bei der Finan­zie­rung herrscht. Nur äußerst weni­ge Frau­en kön­nen die­se Leis­tung in Anspruch neh­men, das bedeu­tet, dass Steu­er­zah­le­rin­nen bis­her haupt­säch­lich für die der Män­ner auf­ge­kom­men sind.

 

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Eli­sa­beth Hilgarth/Florian Schmidt