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blog / Mittwoch 06.05.20

APA Check Avatar Wie ist die bio­lo­gi­sche Beschaf­fen­heit von SARS-CoV‑2?

Selten interessiert sich die Allgemeinheit so für die biologische Beschaffenheit eines Virus wie beim neuartigen Coronavirus. Informationen dazu verbreiten sich auf Social Media (Beispiel 1 - archiviertBeispiel 2 - archiviertBeispiel 3 - archiviert) schnell. Auch Online-Medien nutzen derartige Informationen für ihre Artikel(Beispiel 1Beispiel 2Beispiel 3Beispiel 4). Die hier erwähnten Quellen greifen auf ein Schreiben zurück, das der Johns Hopkins University (Beispiel 1) zugeschrieben wird - fälschlicherweise, wie unser Faktencheck zeigt.

 

Zu überprüfende Information: Laut einem Posting der Johns Hopkins University ist das Coronavirus "kein lebender Organismus, sondern ein Proteinmolekül (DNA), das von einer schützenden Lipidschicht (Fett) bedeckt ist, die, wenn sie von den Zellen der Augen-, Nasen- oder Mundschleimhaut aufgenommen wird, deren genetischen Code verändert (Mutation) und sie in Aggressions- und Vermehrungszellen umwandelt."

Einschätzung: Das Posting stammt nicht von der Johns Hopkins University. Inhaltlich ist es nur teilweise richtig. Das Coronavirus ist kein lebender Organismus. Die Schutzschicht enthält Protein- und Lipidmoleküle. Das Erbgut besteht aus einem einzelnen RNA-Strang. Das Virus haftet sich an menschliche Zellen, vor allem an jene der Augen-, Nasen- oder Mundschleimhaut. Befallene Zellen nehmen den genetischen Code des Virus auf, sie werden dazu "umprogrammiert", das Virus zu vervielfältigen.

Überprüfung: Das vermeintliche Schreiben der Johns Hopkins University ist eine Sammlung aus Tipps und Informationen zur Vermeidung einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus, das online stark verbreitet wurde. Die Universität betonte in einem Beitrag, dass das Schreiben keinen feststellbaren Zusammenhang mit der Universität habe und es ihm an Glaubwürdigkeit mangelt. Inhaltlich geht die Universität auf die Behauptungen nicht ein.

Das APA-Faktencheck-Team hat der Johns Hopkins University per Mail Fragen gestellt, aber keine Antwort erhalten. Zu einigen der falschen Punkte in dem Schreiben wurden bereits einzelne APA-Faktenchecks gemacht.

Nun zurück zur behandelten Textstelle. Das Coronavirus „ ist kein lebender Organismus, sondern ein Ribonucleinsäure-(RNS-)Molekül (...), das mit einer Schutzschicht aus Lipid-(Fett-) und Protein-(Eiweiß-) Molekülen bedeckt ist“, heißt es auf der Website des Instituts für Mikrobiologie der Universität Innsbruck.

Das Virus „lebt“ deshalb nicht, weil es keinen Stoffwechsel hat und sich auch nicht selbstständig vermehren kann. Manche Virologen zählen Viren zwar zu den Lebewesen, weil sie sich genetisch fortentwickeln können (evolvieren) und im integrierten Zustand – also in einer Wirtszelle – zum Leben gehören, wie wissenschaft.de, das Onlineportal der Zeitschrift "Bild der Wissenschaft" schreibt. Streng genommen gehören Viren aber nicht zu der Gruppe der Lebewesen, schreibt auch die zur deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gehörende Website infektionsschutz.de. Gemäß Definition können Lebewesen ohne fremde Hilfe überleben und Nachkommen zeugen, was auf Viren nicht zutrifft, schreibt quarks.de, Onlineauftritt der wissenschaftlichen Fernsehserie "Quarks" im Westdeutschen Rundfunk.

Das Virus enthält Lipid- und Proteinmoleküle sowie das Erbgut in Form von RNA und nicht DNA. RNS und RNA ist dasselbe, RNA ist eigentlich englisch, ist aber auch in deutschen Publikationen sehr geläufig.

Die TU Wien erklärt auf ihrer Homepage den Unterschied zwischen DNA und RNA folgendermaßen: "Der wichtigste Unterschied ist, dass DNA eine Doppelhelix bildet – wie eine gewundene Strickleiter. Zwischen den beiden Strängen, die das „Rückgrat“ der DNA bilden, befinden sich Querverbindungen – die „Sprossen“ der Leiter. Jede Sprosse dieser Leiter besteht aus einem Basenpaar. Das Erbgut des Coronavirus hingegen besteht aus einem einzelnen RNA Strang und sieht aus wie ein halbes DNA-Molekül.“

In einem weiteren Beitrag der TU Wien zum Aufbau des Virus heißt es: "Das Virus SARS-CoV-2 hat eine Hülle, die unter anderem aus Lipidmolekülen beseht. Außerdem hat die Hülle sogenannte 'Spikes', mit deren Hilfe das Virus an eine Zelle andocken kann. Nur dadurch kann das Virus überhaupt infektiös sein. Im Inneren der Hülle verbirgt sich die Erbinformation." Die "markanten Spike-Proteine können an spezielle Rezeptoren der menschlichen Wirtszelle andocken", schreibt Planet Wissen, das zum deutschen öffentlich-rechtlichen Sender ARD gehört.

Tatsächlich dringt das Virus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in die körpereigenen Zellen ein. Das Virus "haftet sich an die Zellen", so formulieren es das Institut für Mikrobiologie der Universität Innsbruck und das zur Funke-Mediengruppe gehörende Portal gesundheit.de. Dann nehmen "die befallenen menschlichen Zellen" den "genetischen Code des Virus auf, vermehren ihn und die zelleigene biochemische Maschinerie baut dann das fertige Virus zusammen.“

In der menschlichen Zelle entlässt das Virus sein Erbgut, die RNA. Mit der Unterstützung der menschlichen Zellen verbreitet sich dort das Virus - sehr viele neue Virionen entstehen, die sich an weitere Zellen anheften. Die menschliche Zelle stirbt ab und die Krankheit nimmt ihren Lauf.

Das Virus kann sich in den Zellen rasant vermehren. Laut gesundheit.de entlässt "jede einzelne infizierte Zelle 100 bis 1.000 Virionen".

Wenn Sie zum Faktencheck-Team Kontakt aufnehmen oder Faktenchecks zu relevanten Themen anregen möchten, schreiben Sie bitte an faktencheck@apa.at.

Valerie Schmid/Florian Schmidt

AKTUALISIERT AM 27. MAI 2020 10:18