apa.at
blog / Dienstag 27.10.20

APA Check Avatar Wie hoch ist die Sterb­lich­keit bei Covid-19?

Die Frage, wie gefährlich das neue Coronavirus nun wirklich für die Gesundheit der Menschen ist, beschäftigt uns alle bereits seit Ausbruch der Pandemie. Gegner der strengen Corona-Maßnahmen argumentieren seit jeher, dass Covid-19 nicht gefährlicher als die saisonale Grippe sei.

Aktuell werden von der WHO kommunizierte Zahlen zu weltweiten Infektionen verwendet, um in Rechnungen zu belegen, dass die Sterblichkeit im Bereich der Influenza liegt (Beispiel 1Beispiel 2). Es wird behauptet, dass die WHO in einer Sitzung quasi selbst eingestanden hat, dass Covid-19 nicht gefährlicher als die Grippe sei. Zudem wird kritisiert, dass der Wert viel geringer ist als die von der WHO Anfang des Jahres kommunizierten Zahlen.

Wir wollen uns daher genau ansehen, was man bereits über die Sterblichkeit von Covid-19 weiß und warum nicht alle Rechnungen legitim sind.

Zu überprüfende Information: Die Sterblichkeit von Covid-19 ist nicht höher als die Sterblichkeit bei einer gewöhnlichen Grippe. Die WHO hat dies eingestanden, obwohl Anfang des Jahres höhere Werte kommuniziert wurden.

Einschätzung: Die WHO hat in der Sitzung keinen Vergleich zur Grippe gezogen und nicht behauptet, dass Covid-19 weniger gefährlich sei. Anhand von geschätzten Zahlen der WHO werden Berechnungen angestellt, die nicht zulässig sind. Auch die Werte von Anfang des Jahres sind nicht vergleichbar, weil sie eine andere Kennzahl betreffen. Zahlreiche Studien weisen auf eine deutlich höhere Sterblichkeit hin als bei der Grippe.

Überprüfung: Die Postings und auch Artikel wie auf off-guardian.com bauen alle auf einer Aussage des Geschäftsführers des "Health Emergencies Programme" der WHO, Michael Ryan, auf. In einer Sondersitzung sagte er, dass nach den "besten Schätzungen" der WHO bereits zehn Prozent der Weltbevölkerung mit dem Virus infiziert wurden. Diese kann man auch im Webcast der WHO nachhören, wenn man sich die erste Session ab etwa 1:01:20 ansieht. Auch in Medienberichten wie beim Fernsehsender CNBC wird diese Aussage wiedergegeben.

Für die Todesrate von Krankheiten gibt es laut WHO zwei verschiedene wichtige Kennzahlen. Mit dem "Fall-Verstorbenen-Anteil" (CFR) wird berechnet, wie viele Todesfälle unter allen positiv getesteten Erkrankten zu verzeichnen sind. Beim "Infizierten-Verstorbenen-Anteil" (IFR) wird die Zahl der Todesfälle der geschätzten Zahl an Gesamtinfizierten gegenübergestellt. Dadurch werden auch Infizierte erfasst, die keine oder kaum Symptome aufzeigen und nicht getestet wurden.

Wenn man umgangssprachlich von Sterblichkeit spricht, meint man also den IFR. Der IFR-Wert ist nie größer als der CFR-Wert und meistens deutlich kleiner.

In einem Bericht vom 6. März dieses Jahres kommunizierte die WHO für Covid-19 anhand der damaligen Datenlage einen CFR von drei bis vier Prozent. Der tatsächliche CFR müsste aber erst berechnet werden, heißt es im Dokument. Der IFR werde niedriger sein. Für die Influenza führt die WHO im selben Dokument eine Sterblichkeit von "deutlich unter 0,1 Prozent" an.

Influenza-Tote basieren auf Schätzwerten. Sie werden nicht zuverlässlich dokumentiert, da es auch keine Meldepflicht gibt und die Todesursache oft nicht erkannt wird. Todesopfer durch Influenza werden (wie bereits in einem früheren Faktencheck erläutert) in Modellberechnungen geschätzt und die Zahl kann stark schwanken. Die Sterblichkeit durch die saisonale Grippe könne teilweise sogar nur 0,04 Prozent betragen, schreibt der Epidemiologe Christophe Fraser von der Universität Oxford auf Twitter.

Bild: APA/AFP/Symbolbild

Corona-Skeptiker führen derzeit aufgrund der von der WHO geschätzten Zahl von 10 Prozent Infizierten in der Weltbevölkerung eine Rechnung durch, mit der sie einen aussagekräftigen IFR-Wert für Covid-19 ermitteln wollen. Laut Worldometers bzw. "Tagesschau" gibt es bis Stand 21. Oktober insgesamt etwa 1.130.000 bestätigte Corona-Todesfälle auf der ganzen Welt. Bei der derzeitigen Weltbevölkerung von etwa 7,8 Milliarden Menschen ergäbe eine solche Rechnung einen IFR von 0,14, worauf auch in den Postings hingewiesen wird.

Nun wird in den Postings behauptet, dass dieser vermeintliche IFR-Wert weit unter den drei bis vier Prozent liegt, die die WHO Anfang des Jahres veröffentlicht haben. Damals handelte es sich allerdings um den CFR-Wert, ein Vergleich ist hier gar nicht zulässig. Mit den tagesaktuellen Werten der genannten Quellen käme man sogar auf einen CFR-Wert von 2,7 Prozent.

Derartige Rechnungen sind während einer laufenden Pandemie allerdings nur mit Vorsicht durchzuführen. Bei CFR-Werten wird etwa häufig darauf verwiesen, dass sich die aktuellen Werte der Todesopfer nicht mit den aktuellen Zahlen der Infizierten vergleichen lassen. Ein Vergleich der Todesfälle mit den Infizierten am selben Tag sei "unzureichend", schreiben etwa deutsche Wissenschafter in einer Arbeit über den Umgang mit Messzahlen in der Corona-Pandemie. "Die Todesfälle an einem bestimmten Tag rekrutieren sich aus Personen, die mehrere Tage vorher infiziert wurden". Dadurch, dass Menschen erst mehrere Tage oder sogar Wochen nach eine Infektion sterben, entsteht eine Verzögerung, die den CFR-Wert senkt. In Wahrheit sind die Tode nämlich einer kleineren Zahl an Infizierten zuzurechnen, da Neuinfizierte auch erst in naher Zukunft sterben könnten. Im Science Media Center findet man daher auch zum kommunizierten WHO-Wert kritische Stimmen von Experten.

Wenn Corona-Skeptiker anhand der geschätzten zehn Prozent einen IFR-Wert von 0,14 Prozent berechnen, liegt sogar dieser leicht über der von der WHO geschätzten Sterblichkeit der Influenza. Allerdings muss die Berechnung des IFR-Werts durch die Kritiker stark hinterfragt werden.

Die Rechnung wird nicht mit belastbaren Zahlen durchgeführt. Der Wert der weltweiten Infektionen basiert laut WHO auf Schätzungen. Aufgrund von zahlreichen internationalen Seroprävalenzstudien wurde abgeschätzt, wie sehr sich das Virus schon ausgebreitet haben könnte. Es gebe dabei starke Unterschiede, etwa nach Ort und Bevölkerungsgruppe, erwähnte Ryan selbst in der Sitzung.

Laut "Journal of Health Monitoring" vom RKI sind für eine Einschätzung der Ergebnisse solcher Studien vor allem Kenntnisse über die Stichproben essentiell und wie repräsentativ diese für die Bevölkerungsgruppe sind. "Die Validität der Ergebnisse ist weiterhin von den verwendeten Antikörpertests, laboranalytischen Verfahren, Grenzwerten für einen positiven Befund sowie von Zeitpunkt und Art der Blutprobenentnahme abhängig."

Auch die verwendete Anzahl der Toten ist bei einer globalen Rechnung nicht unbedingt belastbar. Die tatsächliche Anzahl ist nicht verifizierbar. Sie könnte in vielen Ländern zum Beispiel durch fehlende Testungen, mangelhafte Infrastruktur oder unerkannte Todesursachen deutlich höher sein. Außerdem könnten sie vertuscht werden. Zumindest ist es zu hinterfragen, dass einige Länder wie Nordkorea oder Turkmenistan bisher keine Toten gemeldet haben.

Für die gesamte Weltbevölkerung sind belastbare Zahlen daher nur äußerst schwierig zu bekommen. Ein aufgrund von Studien geschätzter Durchseuchungsgrad lässt sich nicht unbedingt mit den weltweit offiziell gemeldeten Todesfällen vergleichen.

Dennoch kann man durch die Seroprävalenzstudien selbst zu halbwegs verlässlichen Werten für die Sterblichkeit von Covid-19 kommen. Durch Antikörpertests in begrenzten Bevölkerungsgruppen können diese Studien IFR-Werte ermitteln. Hier ist die Anzahl der Toten in einem eingeschränkten Gebiet nämlich ersichtlich und die Bevölkerung der Region kann großteils getestet werden.

In der deutschen Heinsberg-Studie mit fast 1.000 Teilnehmern aus dem Landkreis Heinsberg ermittelte ein Team um Dr. Hendrik Streeck laut Universität Bonn einen IFR-Wert von 0,37 Prozent. In Ischgl wurde ein IFR von 0,25 berechnet, wobei hier nur zwei Todesfälle die Basis für diesen Wert bilden.

Eine Studie in Brasilien verzeichnete im Mai einen IFR von 1 Prozent in einer im Verlauf mehrerer Studien untersuchten Gesamtanzahl von etwa 25.000 Individuen. Eine andere Untersuchung kam im März in China mit frühen Daten zu einem IFR von 0,66 Prozent, wobei der Wert mit dem Alter steigen würde. Für das Centre for Evidence-Based Medicine in Oxford liegt der IFR nach der Betrachtung mehrerer Untersuchungsergebnisse zwischen 0,1 und 0,35 Prozent.

Unter der Besatzung des quarantänisierten Kreuzfahrtschiffes "Diamond Princess" ergab die Testung einen IFR von 0,6 Prozent. Dieser dürfte laut späteren Berichten wegen nach der Testung verstorbenen Personen aber höher sein. Auch eine Studie in Schweden mit 700 Teilnehmern kam auf 0,6 Prozent. Eine weitere Studie unter 100.000 Erwachsenen in England mit Selbsttests ergab im Juli einen IFR von 0,9 Prozent. In Spanien sehen Forscher den IFR bei Männern zwischen 1,1 und 1,4 Prozent, bei Frauen zwischen 0,58 und 0,77 Prozent.

Die US-Gesundheitsbehörde CDC ermittelte im Juli für Amerika für fünf mögliche Szenarien Werte zwischen 0,5 und 0,8 Prozent. Die WHO verwies im Oktober 2020 auf eine Studie des griechisch-amerikanischen Professors John P. A. Ioannidis. Dieser begutachtete um die 80 Seroprävalenz-Studien, deren IFR-Werte zwischen 0,0 Prozent und 1,63 Prozent schwankten, und berechnete für Covid-19 einen IFR-Wert von 0,27 Prozent. Diesen Wert korrigierte Ioannidis selbst auf 0,23, da nicht bei allen Studien auf dieselben Antikörper getestet wurde.

Zu beachten ist, dass diese Studien keine einheitliche Methodik verwendet haben. Das wahre Sterblichkeitsrisiko von Covid-19 wird sich wohl erst mit mehr zeitlichem Abstand und mehreren groß angelegten und einheitlichen Untersuchungen eruieren lassen. Die erwähnten Studien deuten aber darauf hin, dass die Sterblichkeit deutlich über der Influenza liegt.

APA-Faktencheck hat sich bereits in einem früheren Faktencheck angesehen, warum die Anzahl der Influenza-Toten schwierig mit der Anzahl der Corona-Toten zu vergleichen ist.

 

Wenn Sie zum Faktencheck-Team Kontakt aufnehmen oder Faktenchecks zu relevanten Themen anregen möchten, schreiben Sie bitte an faktencheck@apa.at

Florian Schmidt/Valerie Schmid

 

AKTUALISIERT AM 4. NOV. 2020 15:27