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blog / Donnerstag 06.08.20

APA Check Avatar Zahl der Coro­na-Demons­tran­ten viel geringer

Zahl­rei­che Men­schen pro­tes­tier­ten am ver­gan­ge­nen Sams­tag gegen die gel­ten­den Maß­nah­men im Kampf gegen die Coro­na-Pan­de­mie in Ber­lin. Doch was die tat­säch­li­che Teil­neh­mer­zahl betrifft, gehen die Schät­zun­gen grob aus­ein­an­der. In den Sozia­len Netz­wer­ken wird behaup­tet, 800.0001,3 Mil­lio­nen oder gar 3,5 Mil­lio­nen Men­schen hät­ten teilgenommen.

 

Zu über­prü­fen­de Behaup­tung: 800.000 Men­schen oder mehr haben an der Coro­na-Demo am 1. August 2020 in Ber­lin teilgenommen.

 

Ein­schät­zung: Für eine so hohe Teil­neh­mer­zahl gibt es kei­ne Bele­ge. Ein ver­meint­li­cher Tweet der Poli­zei Ber­lin über die Teil­neh­mer­zahl bei der Demo ist zudem eine Fälschung.

 

Über­prü­fung: In einem der Postings auf Face­book wird ein ver­meint­li­cher Screen­shot eines Tweets der Poli­zei Ber­lin geteilt. Der Tweet lau­tet: „Auf der „Tag der Frei­heit” Demons­tra­ti­on kön­nen wir zur­zeit min­des­tens 3,5 Mil­lio­nen Teil­neh­mer bestä­ti­gen.” Auf den ers­ten Blick könn­te der geteil­te Tweet tat­säch­lich von der Poli­zei Ber­lin stam­men. Das Logo ist das­sel­be wie das des ori­gi­na­len Twit­ter-Kon­tos und es ist auch das Veri­fi­zie­rungs­zei­chen neben dem Benut­zer­na­men zu sehen, das nor­ma­ler­wei­se den Twit­ter-Nut­zern anzeigt, dass es sich hier­bei um einen ech­ten Account handelt.

 

Trotz­dem ist jener Tweet eine Fäl­schung. Eine Pres­se­spre­che­rin der Poli­zei Ber­lin teil­te der APA- Aus­tria Pres­se Agen­tur am 4. August 2020 tele­fo­nisch mit, dass die Poli­zei die­sen Tweet nicht get­wit­tert habe.

 

Bereits am Tag der Demons­tra­ti­on stell­te die Poli­zei auf Twit­ter klar, dass die Demo 17.000 Teil­neh­men­de in der Spit­ze gezählt habe und dass sie „eine exor­bi­tant höhe­re Zahl, die laut ver­schie­de­ner Tweets durch uns genannt wor­den sein soll”, nicht bestä­ti­gen könne.

 

Einer Poli­zei-Pres­se­aus­sen­dung vom 2. August 2020 zufol­ge, hät­ten rund 17.000 Men­schen um die Mit­tags­zeit bei dem Demons­tra­ti­ons­zug in der Stra­ße Unter den Lin­den und rund 20.000 Men­schen anschlie­ßend bei der Kund­ge­bung auf der Stra­ße des 17. Juni teilgenommen.

 

Die­se Zah­len bestä­tig­te die Pres­se­spre­che­rin gegen­über der APA erneut. Wenn­gleich bei der letz­ten Kund­ge­bung „eine Vari­anz nach oben” bestehe, näm­lich von unge­fähr 10.000 Per­so­nen über dem erfass­ten Schätz­wert von 20.000, hieß es bei einem wei­te­ren Tele­fo­nat mit einem Poli­zei­pres­se­spre­cher am 5. August 2020 gegen­über der APA.

 

Es ist prin­zi­pi­ell nichts unge­wöhn­li­ches, dass die Anga­ben von Poli­zei und Öffent­lich­keit bzw. Demo-Ver­an­stal­tern, was die Anzahl an Demons­tran­ten betrifft, diver­gie­ren. Wie weit die Schät­zun­gen in die­sem Fall aber aus­ein­an­der­ge­hen, ist eher ungewöhnlich.

 

Um die Zahl gro­ßer Men­schen­men­gen zu schät­zen, gibt es ver­schie­de­ne Metho­den, unter ande­rem jene die Grö­ße eines Ortes und die Dich­te der zusam­men­ste­hen­den Men­schen zu mes­sen. Die­se Metho­de stammt aus dem Jahr 1967 von Her­bert Jacobs, der Jour­na­lis­mus­pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Ber­ke­ley in Kali­for­ni­en war. Er woll­te die Teil­neh­mer­zahl der Ber­ke­ley Pro­tes­te schät­zen. Dazu teil­te er den Platz, auf dem regel­mä­ßig demons­triert wur­de, in vir­tu­el­le qua­dra­ti­sche Ras­ter. Anschlie­ßend zähl­te er die Anzahl der Ras­ter und schätz­te, wie vie­le Men­schen sich durch­schnitt­lich in einem sol­chen Ras­ter befan­den. Dadurch, dass die Dich­te nicht über­all gleich ist, leg­te er drei Kate­go­rien an Men­schen pro Qua­drat­me­ter fest. Für die Mes­sung wur­den Fotos herangezogen.

 

Die Poli­zei Ber­lin habe die Anzahl der Demo-Teil­neh­mer durch Ras­ter­kar­ten des Ver­an­stal­tungs­or­tes, durch Beam­te an eben­erdi­gen Stand­punk­ten sowie durch Luft­auf­nah­men, die mit­tels einer Direkt­über­tra­gung des Poli­zei­hub­schrau­bers an den Füh­rungs­stab über­mit­telt wur­den, erfasst, sag­te der Pres­se­spre­cher der APA. All das zusam­men­ge­fasst hät­te den genann­ten Schätz­wert erge­ben. Grund­sätz­lich wer­de zur Erfas­sung von Teil­neh­mer­zah­len bei öffent­li­chen Ver­samm­lun­gen auf Erfah­run­gen aus den ver­gan­ge­nen Jah­ren und Jahr­zehn­ten zurück­ge­grif­fen. Die genann­ten Zah­len sei­en aber letzt­lich nur Schät­zun­gen, da die Teil­neh­mer nicht im Ein­zel­nen gezählt wür­den, beton­te der Sprecher.

 

Auch anhand von Tools wie „Map­Che­cking” kann heut­zu­ta­ge berech­net wer­den, wie vie­le Men­schen Platz auf einer bestimm­ten Stel­le fin­den. Solch eine Schät­zung voll­zo­gen sowohl die Deut­sche Pres­se-Agen­tur (dpa) als auch das Recher­che­kol­lek­tiv „cor­rec­tiv”. Bei­de kamen zu dem Schluss, dass die Anga­ben der Poli­zei rea­lis­tisch und der­art vie­le Teil­neh­mer, wie in Sozia­len Netz­wer­ken behaup­tet, auf dem Gelän­de nicht Platz gehabt hätten.

 

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Vale­rie Schmid/Elisabeth Hilgarth