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blog / Donnerstag 28.07.22

APA Check Avatar Wei­te­res Tiro­ler Glet­scher-Video ver­mut­lich aktuell

APA/Hans Klaus Techt (Archiv)

Die Schmel­ze des Hin­ter­tu­xer Glet­schers in Tirol hat in den ver­gan­ge­nen Tagen für Auf­re­gung gesorgt. Vide­os von Ski­fah­rern in auf­ge­weich­tem Schnee und Bächen ent­lang der Pis­te mach­ten in Sozia­len Medi­en die Run­de. Eines der vira­len Vide­os (1, 5, 6) ist nicht von heu­er, wie die APA bereits berich­te­te. Ein wei­te­res Video (2,3,4) mit ähn­li­chen Schnee­ver­hält­nis­sen ver­mut­lich schon – wie u.a. ein Ver­gleich mit aktu­el­lem Bild­ma­te­ri­al zeigt.

Ein­schät­zung: Ein 18 Sekun­den lan­ges Video, das vor allem auf Twit­ter kur­siert, zeigt Ski­fah­rer, die mit einem Schlepp­lift auf schwärz­li­chem Schnee hoch­ge­zo­gen wer­den. Die­ses Video ist schon älter. In einem län­ge­ren Video sind Ski­fah­rer zu sehen, die in einem Rinn­sal aus Schnee­schmel­ze einen Berg hin­un­ter fah­ren. Vie­les spricht dafür, dass die­ses Video im Jahr 2022 am Hin­ter­tu­xer Glet­scher auf­ge­nom­men wor­den ist.

Über­prü­fung: Mat­thi­as Dengg, Mit­glied der Zil­ler­ta­ler Glet­scher­bahn-Geschäfts­füh­rung, sag­te zuletzt auf APA-Anfra­ge, dass das Video (1, 5, 6) mit dem dunk­len Schnee nicht von heu­er sei. Das sehe er dar­an, dass im Hin­ter­grund Glet­scher­flä­chen abge­deckt sind, die im heu­ri­gen Win­ter nicht abge­deckt wor­den sei­en, so Dengg. Die Vlies­ab­de­ckung sei bei Sekun­de 15 und 16 kurz am obe­ren Bild­rand zu sehen, kon­kre­ti­sier­te er. Abde­ckun­gen (7) sol­len das Glet­scher-Eis etwa vor zu viel Son­nen­ein­strah­lung schüt­zen. Aus wel­chem Jahr die Auf­nah­me stam­men könn­te, traue er sich nicht zu sagen.

Auf einem wei­te­ren Video (2,3), das unter ande­rem auf Face­book (4) mit über 300.000 Views viral ging, sind ähn­li­che Schnee­ver­hält­nis­se sicht­bar. Das Video ist aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve gefilmt, wodurch wei­te­re Tei­le des Ski­ge­biets zu sehen sind. So las­sen sich etwa in den ers­ten vier Sekun­den einer der Fels­gip­fel und dar­un­ter lie­gen­de Schnee­flä­chen erken­nen. Ver­gleicht man die Ver­fär­bun­gen im Schnee am Bild­rand oben mit aktu­el­len Fotos (8) des Öster­rei­chi­schen Alpen­ver­eins (ÖAV) vom Hin­ter­tu­xer Glet­scher, so zeigt sich, dass sie groß­teils übereinstimmen.

Das Video ermög­licht durch einen Kame­ra­schwenk ab Sekun­de 14 auch einen Per­spek­tiv­wech­sel, wodurch die ande­re Sei­te des Ski­ge­biets sicht­bar wird. Rechts neben dem Fel­sen sind eben­so meh­re­re wei­ße Fel­der zu sehen, die in Form und Anord­nung denen aktu­el­ler Bil­der stark ähneln.

Der Alpen­ver­ein teil­te der APA auf Anfra­ge mit, dass ihre Fotos vom Hin­ter­tu­xer Glet­scher am 18. oder 19. Juli 2022 auf­ge­nom­men wor­den sind. Vie­les spricht also dafür, dass die bei­den Auf­nah­men zeit­nah von­ein­an­der ent­stan­den sind.

Auch Dengg von der Zil­ler­ta­ler Glet­scher­bahn sag­te gegen­über der APA, dass er davon aus­ge­he, dass das zwei­te Video von heu­er sei. Ein ähn­li­cher Auf­nah­me­zeit­punkt sei mög­lich, dass es am sel­ben Tag ent­stan­den ist, glaubt er nicht.

Was bei­de Vide­os eint, ist der kata­stro­pha­le Pis­ten­zu­stand. Bir­git Kant­ner von der Abtei­lung Raum­pla­nung und Natur­schutz im Öster­rei­chi­schen Alpen­ver­ein beton­te im APA-Gespräch, dass in der Beur­tei­lung des Glet­scher­zu­stan­des beach­tet wer­den müs­se, dass es heu­er extrem hohe Tem­pe­ra­tu­ren, wenig Schnee­fäl­le und im Som­mer wenig Nie­der­schlä­ge gege­ben habe. Trotz­dem sei eine star­ke Ten­denz erkenn­bar: „Dass die Glet­scher schmel­zen, ist Fakt. Dass sie jedes Jahr noch stär­ker zurück­ge­hen, ist Fakt. (…) Alle Glet­scher sind im Rück­gang begrif­fen.” Außer­ge­wöhn­lich sei­en die hohen Som­mer­tem­pe­ra­tu­ren und erschre­ckend sei, dass das Aus­maß der Glet­scher­schmel­ze schon so ver­hee­rend ist.

Auch Dengg beton­te, dass die Situa­ti­on im Win­ter und Früh­ling die der­zei­ti­ge Situa­ti­on außer­ge­wöhn­lich gemacht habe: „Die Kom­bi­na­ti­on aus wenig Schnee (Nie­der­schlag) wäh­rend des Win­ters und des Früh­jahrs sowie der unge­wöhn­lich war­men Tem­pe­ra­tu­ren im April, Mai und Juni hat die der­zei­ti­ge Situa­ti­on auf allen Alpen­glet­schern von Frank­reich über die Schweiz, Ita­li­en bis nach Öster­reich herbeigeführt.”

Nicht außer­ge­wöhn­lich sind laut Kant­ner die Instand­hal­tungs­maß­nah­men der Pis­te. Die­se erkennt man im Bild- und Video­ma­te­ri­al etwa an den Bag­gern. Wol­le man ein Glet­scher­ski­ge­biet erhal­ten, sei­en Bau­maß­nah­men not­wen­dig: „Glet­scher­ski­ge­biet ist eine Dau­er­bau­stel­le. Aber das war schon immer so.”

Dem aktu­ells­ten Glet­scher­be­richt (9) des Alpen­ver­eins (Mess­pe­ri­ode 2020/21) zufol­ge fiel der Glet­scher­schwund zwar nicht so stark aus wie in den Vor­jah­ren, set­ze sich aber kon­ti­nu­ier­lich fort. Das Jahr füge sich „naht­los in die herr­schen­de Peri­ode dras­ti­schen Glet­scher­schwun­des ein, an deren zukünf­ti­ger Fort­dau­er nicht zu zwei­feln ist”, wer­den die Lei­ter des Mess­diens­tes Ger­hard Lieb und Andre­as Kel­le­rer-Pirk­lbau­er dar­in zitiert.

Eine Publi­ka­ti­on (10) der Fach­zeit­schrift Natu­re Sci­en­ti­fic Reports von Jän­ner 2022 kommt zu dem Schluss, dass die Glet­scher­schmel­ze „abnor­mal” (11) schnell vor­an­schrei­tet. Der Kli­ma­wan­del habe erheb­li­chen Ein­fluss auf die soge­nann­ten „Eis-Archi­ve” am Gip­fel der Tiro­ler Weiß­see­spit­ze, heißt es. Der der­zei­ti­ge Mas­se­ver­lust der Glet­scher sei deut­lich höher als der Schnitt der ver­gan­ge­nen 6.000 Jahre.

Quel­len:

(1) Tweet mit Video 1: http://​go​.apa​.at/​U​Q​9​T​U​PfK (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​6​y​UAw, Video archi­viert: https://​per​ma​.cc/​8​6​P​W​-​M​A9E)

(2) Tweet mit Video 2: http://​go​.apa​.at/​n​Z​N​n​3​6cc (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​Z​E​xzS, Video archi­viert: https://​per​ma​.cc/​4​5​3​L​-​N​JFN)

(3) Wei­te­rer Tweet mit Video 2: http://​go​.apa​.at/​E​A​C​l​q​6ob (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​S​J​ViG)

(4) Face­book-Bei­trag mit Video 2: http://​go​.apa​.at/​p​D​i​T​Z​xO2 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​Y​G​N​W​E​GLL, Video archi­viert: https://​per​ma​.cc/​P​2​U​S​-​4​7TP)

(5) Wei­te­rer Tweet mit Video 1 und Annah­me, dass 2022 ent­stand: http://​go​.apa​.at/​C​0​O​R​e​V6H (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​m​Q​NV5)

(6) Wei­te­rer Tweet mit Video 1 und Annah­me, dass 2022 ent­stand: http://​go​.apa​.at/​O​1​u​g​R​8iZ (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​y​9​EXc)

(7) Bericht über Glet­scher­ab­de­ckun­gen: http://​go​.apa​.at/​U​F​s​j​u​wjC (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​N​1​SIa)

(8) Alpen­ver­ein-Face­book-Post: http://​go​.apa​.at/​f​P​x​T​F​aHe (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​Q​6​EB5, Foto archi­viert: http://​go​.apa​.at/​6​z​o​D​3​KRi, Foto archi­viert: http://​go​.apa​.at/​i​w​X​z​e​PJl)

(9) Pres­se­aus­sen­dung zu Glet­scher­be­richt des Alpen­ver­eins: http://​go​.apa​.at/​S​h​s​1​p​wQq (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​4​T​N​Q​-​Z​CBU)

(10) Publi­ka­ti­on der Fach­zeit­schrift Natu­re Sci­en­ti­fic Reports: http://​go​.apa​.at/​U​r​g​G​P​wzY (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​O​H​K3x)

(11) Arti­kel der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten über Publi­ka­ti­on: http://​go​.apa​.at/​V​n​s​o​E​vRz (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​q​X​IbV)

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Vale­rie Schmid/Stefan Rathmanner