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blog / Freitag 02.07.21

Vira­le Stu­die zu Impf­ri­si­ko mit metho­di­schen Mängeln

APA/dpa/Symbolbild

Eine wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­ti­on (1) sorgt aktu­ell für Auf­re­gung und Jubel in impf­kri­ti­schen Krei­sen (2). Eine „Stu­die von fünf Uni­ver­si­tä­ten” soll fest­ge­stellt haben, dass die Nut­zen-Risi­ko-Bewer­tung bei Coro­na-Imp­fun­gen bis­her über­schätzt wur­de. „Für drei durch die Imp­fung ver­hin­der­te Todes­fäl­le müs­sen wir zwei durch die Imp­fung ver­ur­sach­te Todes­fäl­le in Kauf neh­men”, wird aus dem Arti­kel zitiert. Unter Wis­sen­schaf­te­rin­nen und Wis­sen­schaf­tern ist die­ser höchst umstritten.

Ein­schät­zung: Die Publi­ka­ti­on exis­tiert wirk­lich. Metho­disch weist sie aller­dings erheb­li­che Män­gel auf. Wis­sen­schaf­ter kri­ti­sie­ren die AutorInnen.

Über­prü­fung:

Die Stu­die wur­de auf der Sei­te des Mul­ti­di­sci­pli­na­ry Publi­shing Insti­tu­te (MDPI) publi­ziert. Hin­ter der behaup­te­ten Publi­ka­ti­on von fünf Uni­ver­si­tä­ten ste­cken in Wirk­lich­keit nur drei ein­zel­ne Wissenschafter.

Harald Wal­ach ist ein deut­scher Psy­cho­lo­ge und arbei­te­te als Direk­tor des Insti­tuts für trans­kul­tu­rel­le Gesund­heits­wis­sen­schaf­ten an der Frank­fur­ter Euro­pa-Uni­ver­si­tät Via­dri­na (3). Er gibt in der Publi­ka­ti­on drei Lehr­stüh­le an, dar­un­ter die Medi­zi­ni­sche Uni­ver­si­tät in Posen, die Uni­ver­si­tät Witten/Hei­de­cke und das Chan­ge Health Sci­ence Insti­tut in Ber­lin, ein von Wal­ach selbst gegrün­de­tes Insti­tut. In Witten/Hei­de­cke ist Wal­ach laut eige­nen Anga­ben Gast­pro­fes­sor (4), in Posen scheint er bei den Pro­fes­so­ren auf (5). Bereits in sei­ner Tätig­keit in Frank­furt wur­de Wal­ach laut Ber­li­ner Zei­tung auf­grund pseu­do­wis­sen­schaft­li­cher Ansät­ze kri­ti­siert (6).

Neben Wal­ach ist auch noch ein Phy­si­ker von der Radio­on­ko­lo­gie des Leo­pol­di­na Kran­ken­hau­ses in Schwein­furt als Mit­au­tor genannt sowie ein unab­hän­gi­ger Daten­wis­sen­schaf­ter, der kei­nem wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut zuge­ord­net wird. Von fünf behaup­te­ten Uni­ver­si­tä­ten blei­ben somit zwei über, dar­un­ter eine Gast­pro­fes­sur. Viro­lo­gen, Epi­de­mio­lo­gen oder Vak­zi­no­lo­gen fin­den sich unter den Autoren keine.

MDPI warnt Leser 

Die Stu­die ist unter Wis­sen­schaf­tern umstrit­ten. Das MDPI ver­öf­fent­lich­te bereits eine „Expres­si­on of Con­cern”, eine Art Hin­weis für Lese­rin­nen und Leser, dass es Beden­ken bezüg­lich der Publi­ka­ti­on gibt (7). Die „ernst­haf­ten Beden­ken” beträ­fen vor allem eine Miss­in­ter­pre­ta­ti­on der Daten bzw. der Schluss­fol­ge­rung der Autoren. So sei­en die von den Autoren Impf­stof­fen zuge­ord­ne­ten Todes­fäl­le inkor­rekt und verzerrt.

Der öster­rei­chi­sche Viro­lo­ge Flo­ri­an Kram­mer, ein Mit­her­aus­ge­ber beim MDPI (8), erklär­te als Reak­ti­on auf die Ver­öf­fent­li­chung der Stu­die sogar den Rück­tritt von sei­ner Rol­le beim MDPI (9). Kram­mer drückt in sei­nen Tweets Zustim­mung gegen­über Kom­men­ta­ren aus, die mei­nen, dass der Arti­kel falsch sei (10). Die bri­ti­sche Immu­no­lo­gin Kat­ie Ewers trat eben­falls aus dem redak­tio­nel­len Team aus (11).

Ver­wen­de­te Zahl für Impf­t­o­te nicht belast­bar 

Inhalt­lich betrifft die Kri­tik vor allem die ver­wen­de­te Zahl ver­meint­li­cher Impf­t­o­ter. Die Stu­di­en­au­toren grei­fen hier­bei auf die Daten­bank der Euro­pean Medi­ci­nes Agen­cy (EMA) zurück, bei der Neben­wir­kun­gen nach Imp­fun­gen doku­men­tiert wer­den kön­nen. Aller­dings ste­hen die dort fest­ge­hal­te­nen Todes­fäl­le nur in zeit­li­cher Nähe zu einer Coro­na-Imp­fung und kei­nes­falls auto­ma­tisch in einem kau­sa­len Zusam­men­hang. In einem ande­ren APA-Fak­ten­check (12) wur­de die­ses The­ma bereits auf­ge­ar­bei­tet und dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Zah­len der EMA-Daten­bank kei­ne ver­läss­li­che Aus­kunft über mög­li­cher­wei­se durch Imp­fun­gen ver­ur­sach­te Neben­wir­kun­gen oder Todes­fäl­le geben.

Dass die EMA-Daten­bank nicht unbe­dingt belast­bar ist, mer­ken die Stu­di­en­au­toren sogar selbst, da sie dar­auf ein­ge­hen, dass es in ver­schie­de­nen Län­dern zu einer unter­schied­li­chen Rate an gemel­de­ten Neben­wir­kun­gen kommt. Dar­auf­hin schrän­ken sie sich auf die Daten aus den Nie­der­lan­den ein, wo die meis­ten Neben­wir­kun­gen gemel­det wur­den. In der Stu­die wird dies als der „gründ­lichs­te” Daten­satz bezeich­net. Dadurch kom­men sie auf vier Todes­fäl­le pro 100.000 Einwohnern.

Für Öster­reich wür­de das bedeu­ten, dass bis­her etwa 300 Men­schen an Imp­fun­gen gestor­ben sei­en. Laut dem aktu­ells­ten Bericht (13) des Bun­des­amts für Sicher­heit im Gesund­heits­we­sen (BASG) wur­den in Öster­reich aber bis Mit­te Juni über­haupt nur 132 Todes­fäl­le in zeit­li­cher Nähe zu einer Imp­fung gemel­det. Bei vier davon konn­te ein Zusam­men­hang mit der Imp­fung aus­ge­schlos­sen wer­den, bei 34 wei­te­ren bestan­den ver­mut­lich todes­ur­säch­li­che Neben­er­kran­kun­gen, bei 20 Per­so­nen fiel die Imp­fung in die Inku­ba­ti­ons­zeit einer Covid-Erkran­kung, in deren Rah­men sie ver­star­ben. Bei 14 Per­so­nen blieb die Schutz­wir­kung aus. 59 Fäl­le wer­den noch über­prüft, ein Zusam­men­hang mit der Imp­fung wird der­zeit nur bei einem Todes­fall gesehen.

Stu­die mit begrenz­tem Zeit­raum und nur einer Impfdosis 

Die Autoren ver­su­chen auch einen Wert aus­zu­rech­nen, wie vie­le Imp­fun­gen nötig sind, um einen Coro­na-Todes­fall zu ver­hin­dern. Dazu bezie­hen sie sich auf eine israe­li­sche Impf­stu­die (14), die der Coro­na-Imp­fung eine hohe Effek­ti­vi­tät beschei­nig­te. Daten zur Ver­hin­de­rung von Todes­fäl­len fin­den sich dort aller­dings nur für Per­so­nen mit einer Impfung.

Außer­dem umfass­te die Stu­die nur rund 40 Tage, die vol­le Schutz­wir­kung der zwei­ten Imp­fung kann mit die­sem Daten­satz daher gar nicht eru­iert wer­den. Somit ist die Schluss­fol­ge­rung der umstrit­te­nen Publi­ka­ti­on, dass die Impf­po­li­tik auf­grund die­ser Publi­ka­ti­on neu über­dacht wer­den müs­se, sehr fragwürdig.

Aktua­li­sie­rung (6.7.2021, 11.30 Uhr): Unter­des­sen wur­de die MDPI-Stu­die u.a. von Wal­ach auf­grund von „schwer­wie­gen­den Beden­ken” zurück­ge­zo­gen. Der Arti­kel ent­hal­te meh­re­re Feh­ler, die die Inter­pre­ta­ti­on der Ergeb­nis­se grund­le­gend beein­flus­sen wür­de, heißt es auf der Web­sei­te des Mul­ti­di­sci­pli­na­ry Publi­shing Insti­tu­te (15). Unter ande­rem hät­ten die Autoren Ver­dachts­fäl­le von Impf-Neben­wir­kun­gen als mit der Coro­na-Imp­fung kau­sal in Zusam­men­hang ste­hend betrach­tet, was falsch ist.

Quel­len

(1) Publi­ka­ti­on beim MDPI: http://​go​.apa​.at/​i​0​c​Z​H​wTq (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​1​k​s​W​2​8Di)

(2) Bei­trag auf Face­book: http://​go​.apa​.at/​p​I​O​q​L​qAo (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​M​Q​3​6​5​dXW)

(3) Insti­tut für trans­kul­tu­rel­le Gesund­heits­wis­sen­schaf­ten, archi­viert: http://​go​.apa​.at/​J​9​w​3​2​oki

(4) Bio­gra­phie Wal­ach: http://​go​.apa​.at/​7​A​j​X​D​Y27 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​v​Y​j​5​v​ut5)

(5) Per­so­nal Uni­ver­si­tät Posen: http://​go​.apa​.at/​x​V​q​d​4​0Qn (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​x​p​1​V​s​WvF)

(6) Ber­li­ner Zei­tung: http://​go​.apa​.at/​D​T​C​3​N​zPn (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​t​y​t​w​f​FBh)

(7) State­ment MDPI: http://​go​.apa​.at/​O​i​B​D​M​Rkv (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​c​2​W​S​B​jfh)

(8) MDPI zu Beschäf­ti­gung Kram­mer: http://​go​.apa​.at/​5​3​w​t​Q​7Of (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​T​4​X​K​Q​RQ4)

(9) Tweet Kram­mer: http://​go​.apa​.at/​j​B​s​Y​y​r3Z (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​Z​v​H​c​y​7FH)

(10) Tweet Kram­mer: http://​go​.apa​.at/​Z​d​i​i​T​0kl (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​B​i​E​R​U​bFl)

(11) Tweet Kat­ie Ewer: http://​go​.apa​.at/​U​B​D​M​q​GOe (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​x​6​L​H​K​Nev)

(12) APA-Fak­ten­check zu EMA-Daten­bank: http://​go​.apa​.at/​s​B​5​V​V​ZRa

(13) BASG-Bericht: http://​go​.apa​.at/​r​u​l​M​B​4UW (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​r​C​I​b​n​HvR)

(14) Israe­li­sche Impf­stu­die: http://​go​.apa​.at/​G​0​I​0​Y​A0B (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​M​N​C​E​S​Y2p)

(15) MDPI-Erklä­rung über Rück­nah­me der Stu­die: http://​go​.apa​.at/​c​U​L​p​5​CFU (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​B​a​l​1​e​p6o)

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Flo­ri­an Schmidt/Valerie Schmid