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blog / Mittwoch 08.06.22

APA Check Avatar Video von Habeck in Davos falsch interpretiert

APA/KEYSTONE/LAURENT GILLIERON

Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck ist für seine offene Kommunikation bekannt. Derzeit wird ihm unterstellt, dass er bei einer Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos beteuert habe, dass man die Sanktionen gegen Russland nicht aufheben solle, auch wenn es Hunderttausende Hungertote fordern könnte (1,2). Tatsächlich hat Habeck dies nie so gesagt.

Einschätzung: Habeck werden hier falsche Zitate unterstellt. Dies beruht zum Teil auf einer ungenauen Übersetzung des Live-Dolmetschers, andererseits auf einer gewollten Verzerrung russlandfreundlicher Akteure.

Überprüfung: In einem viel gesehenen YouTube-Video (1), das Habecks Teilnahme an einer Podiumsdiskussion aufgreift, wird der deutsche Vizekanzler mit folgenden Worten zitiert: "Wenn Sie sich vorstellen, dass ein Teil der Menschheit Hunger erleiden wird im Laufe des Jahres oder des nächsten Jahres, dann ist das natürlich auch eine Frage, wenn wirklich ein Teil der Bevölkerung wirklich den Hungertod stirbt, (...) und deswegen ist es wirklich auch undenkbar, dass wir sagen, okay, 100.000 Menschenleben sind vielleicht verloren, aber wir gehen jetzt auf Russland einfach zu und heben die Sanktionen auf, so wie die das auch verlangen, damit die Exporte an Weizen dann wieder beginnen können". Das Zitat stimmt größtenteils mit der Übersetzung des Live-Dolmetschers überein.

Hört man sich bei der Original-Aufzeichnung der Veranstaltung (3) die tatsächliche Wortmeldung Habecks an, klingt die Stelle aber ganz anders. In dem Video auf der Seite des Weltwirtschaftsforums ist Habecks Stimme ohne Dolmetscher zu hören. Er sagt aus dem Englischen übersetzt etwa: "Meiner Meinung nach haben wir die Brutalität des russischen Regimes gesehen. In den meisten Ihrer Länder und in meinem Land wäre es unvorstellbar, dass man sagt, okay, dann sind vielleicht 100.000 Leben verloren und ich werde die Sanktionen los. Das ist unvorstellbar für uns, aber für die Russen ist es vorstellbar. Ich denke, das haben wir gesehen.".

Eine Sprecherin des Deutschen Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz übermittelte auf Anfrage der APA eine ähnliche Übersetzung der Wortmeldung Habecks: "Ich denke, für die meisten Ihrer Länder und für mein Land wäre es unvorstellbar, dass wir sagen: Okay, vielleicht sind 100.000 Leben verloren, aber ich komme dafür von den Sanktionen los. Das ist für uns unvorstellbar, aber für die Russen ist es möglich, denke ich." Habeck habe dabei Bezug auf die Politik Russlands genommen, Getreideexporte aus der Ukraine zu verhindern und ein Wiederauslaufen der Schiffe nur dann in Aussicht zu stellen, wenn der Westen Sanktionen aufhebe, so die Sprecherin.

Die im Netz kursierenden Übersetzungen seien demnach falsch und verdrehten die Aussage. Putin setze unzählige Leben aufs Spiel, um von den Sanktionen erlöst zu werden.

Zuletzt gab es gegenseitige Schuldzuweisungen zwischen Russland und der Ukraine hinsichtlich der Transportschiffe, die in ukrainischen Häfen festsitzen (4,5). Einer Simulation (6) der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zufolge könnte die Anzahl der unterernährten Menschen im Jahr 2022/23 um acht bis elf Millionen steigen, sollte der Konflikt zu einem anhaltenden Rückgang der Lebensmittelexporte führen.

Ukraine und Russland spielen eine große Rolle im globalen Lebensmittelhandel und gehören weltweit zu den größten Exporteuren von Getreide und Sonnenblumenöl. Bei letzterem machten beide Länder in den letzten Jahren insgesamt etwa 63 Prozent der globalen Lebensmittelexporte aus, bei Weizen sowie bei Getreide sind es rund 20 Prozent (6,7).

Quellen

(1) YouTube-Video mit Behauptung: http://go.apa.at/RKIWSfxl (Video archiviert: https://perma.cc/UJ4E-XQSZ)

(2) Tweet mit Behauptung: http://go.apa.at/sRIG7n7m (archiviert: https://archive.ph/uxVYN)

(3) Aufzeichnung der Podiumsdiskussion beim WEF: http://go.apa.at/dlKzomP3 (archiviert: http://go.apa.at/BgpWnk5l)

(4) "Der Spiegel" zu Konflikt um Transportschiffe: http://go.apa.at/FoWRQTGx (archiviert: https://archive.ph/IXboG)

(5) "Deutsche Welle"-Faktencheck: http://go.apa.at/8aX8RRor (archiviert: https://archive.ph/wSr8l)

(6) FAO-Bericht: http://go.apa.at/EnXOcvhB (archiviert: https://perma.cc/PH4D-E4PQ)

(7) Bericht über Rolle von Russland und Ukraine bei Lebensmittelexport: http://go.apa.at/B4bvtz72 (archiviert: https://archive.ph/Y2jq4)

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Florian Schmidt/Valerie Schmid