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blog / Dienstag 12.01.21

APA Check Avatar VfGH-Ent­schei­dun­gen betref­fen alte Gesetze

Bild: APA/Archiv

Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof (VfGH) in Öster­reich beschäf­tig­te sich in der Coro­na-Kri­se bereits mit meh­re­ren Ver­ord­nun­gen. Aktu­ell wer­den in den Sozia­len Medi­en Postings über angeb­li­che VfGH-Ent­schei­dun­gen oft ver­brei­tet. In einem Pos­ting heißt es etwa, der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof habe alle Lock­downs für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt, wes­halb die­se ab sofort been­det wer­den müss­ten. In einem ande­ren oft geteil­ten Pos­ting wird behaup­tet, der VfGH habe u.a. das Betre­tungs­ver­bot für Gast­stät­ten per 31.12.2020 auf­ge­ho­ben, sowie die Mas­ken­pflicht und Klas­sen­tei­lung in Schu­len. Die­se Ver­ord­nun­gen sei­tens der Regie­rung sei­en nicht mehr anzu­wen­den. Medi­en wür­den zudem nicht dar­über berichten.

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on: Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof hat alle Lock­downs für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt und u.a. das Betre­tungs­ver­bot für Gast­stät­ten per 31.12.2020 sowie die Mas­ken­pflicht und Klas­sen­tei­lung in Schu­len auf­ge­ho­ben. Daher sind die­se Maß­nah­men nicht mehr anzu­wen­den. Medi­en berich­ten nicht darüber.

Ein­schät­zung: Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof (VfGH) hat kei­nen Lock­down für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt. Meh­re­re COVID-19-Maß­nah­men, die im Früh­jahr 2020 gegol­ten hat­ten, wur­den im Nach­hin­ein als gesetz­wid­rig ein­ge­stuft. Dazu gehö­ren das Betre­tungs­ver­bot für Gast­stät­ten sowie die Klas­sen­tei­lung in Schu­len und die Mas­ken­pflicht im Schul­ge­bäu­de. Das hat­te for­ma­le und kei­ne inhalt­li­chen Grün­de: Die Not­wen­dig­keit der Maß­nah­men wur­de nicht aus­rei­chend begrün­det bzw. war nicht nach­voll­zieh­bar. Auf die jet­zi­ge Ver­ord­nung haben die­se Ent­schei­dun­gen aber kei­nen Einfluss.

Über­prü­fung: Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof stell­te im Okto­ber 2020 fest, dass eine Rei­he von COVID-19-Maß­nah­men gesetz­wid­rig waren, die im Früh­jahr 2020 gegol­ten hat­ten. Kon­kret ging es dabei um „das Betre­tungs­ver­bot für Gast­stät­ten und selb­stän­di­ge (…) Wasch­stra­ßen, Beschrän­kun­gen betref­fend den Ein­lass von Besu­cher­grup­pen in Gast­stät­ten (…), das Ver­bot von Ver­an­stal­tun­gen mit mehr als zehn Per­so­nen (…) und die Mas­ken­pflicht an öffent­li­chen Orten in geschlos­se­nen Räumen”.

Bei allen als gesetz­wid­rig erkann­ten Bestim­mun­gen war laut dem VfGH nicht nach­voll­zieh­bar gewe­sen, auf Grund wel­cher tat­säch­li­chen Umstän­de der Gesund­heits­mi­nis­ter die jewei­li­ge Maß­nah­me für erfor­der­lich gehal­ten habe. „Das war also aus einem for­ma­len Grund”, teil­te eine Pres­se­spre­che­rin des VfGH der APA am 8. Jän­ner 2021 auf Anfra­ge mit. Durch die for­ma­le Ver­let­zung sei es zu gar kei­ner inhalt­li­chen Prü­fung der Argu­men­te der Antrag­stel­ler mehr gekommen.

Die als gesetz­wid­rig ein­ge­stuf­ten Maß­nah­men sind nicht mehr in Kraft, wes­we­gen die­se Ent­schei­dun­gen für die der­zeit gel­ten­den Covid-19-Maß­nah­men kei­ne Rol­le spie­len. Sie hät­ten ledig­lich Aus­wir­kun­gen auf even­tu­ell noch lau­fen­de Strafverfahren.

Genau­so ver­hält es sich mit der Klas­sen­tei­lung in Schu­len und der Mas­ken­pflicht im Schul­ge­bäu­de, die teil­wei­se im Schul­jahr 2019/2020 gal­ten. Zwei schul­pflich­ti­ge Kin­der und ihre Eltern hat­ten gegen die­se Bestim­mun­gen der COVID-19-Schul­ver­ord­nung den Ver­fas­sungs­ge­richts­hof ange­ru­fen, wes­we­gen die­ser die Maß­nah­men in Fol­ge prüf­te und als gesetz­wid­rig ein­stuf­te. Aller­dings erneut aus for­ma­len Grün­den: die Ent­schei­dungs­grund­la­gen des Bil­dungs­mi­nis­ters waren nicht erkennbar.Als eine noch gel­ten­de Bestim­mung wur­de im Okto­ber 2020 die ver­pflich­ten­de Ein­hal­tung eines Min­dest­ab­stands von einem Meter zwi­schen Tischen in Gast­stät­ten vom VfGH auf­ge­ho­ben. Es galt aller­dings eine Frist bis 31. Dezem­ber 2020. Bis dahin blieb die Rege­lung also in Kraft und das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um hat­te Zeit für eine Über­ar­bei­tung. Die­ses Datum nann­te der Face­book-Pos­ter fälsch­li­cher­wei­se in Bezug auf das Betre­tungs­ver­bot für Gaststätten.

Laut der VfGH-Spre­che­rin trat die­se Bestim­mung mit 2. Novem­ber 2020 außer Kraft. Mitt­ler­wei­le gilt eine neue COVID-19-Not­maß­nah­men­ver­ord­nung, in der die Pas­sa­ge erneut drin­nen ist (Sei­te 6). Ob die­se nun gel­ten­de Ver­ord­nung auch geset­zes­wid­rig ist, müss­te der VfGH – wenn das jemand bean­tragt – geson­dert prü­fen, so die Sprecherin.

Bei der Behaup­tung, der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof habe alle Lock­downs für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt, han­delt es sich um eine rei­ne Falsch­be­haup­tung, bestä­tig­te die Spre­che­rin der APA. Über alle die­se VfGH-Ent­schei­dun­gen berich­te­ten die Medi­en. (Bei­spiel 1Bei­spiel 2Bei­spiel 3).

Kor­rek­tur 12. Jän­ner 15:20 Uhr: Der Satz „Sie haben ledig­lich Aus­wir­kun­gen auf lau­fen­de Straf­ver­fah­ren, bestä­tig­te die VfGH-Spre­che­rin der APA” steht nun im Kon­junk­tiv und es wird auf mög­li­che lau­fen­de Ver­fah­ren hin­ge­wie­sen. Fol­gen­der Satz wur­de kom­plett aus dem vor­letz­ten Absatz gestri­chen, da er auf einer Ver­mu­tung basiert: „Das liegt dar­an, dass die Regie­rung offen­bar einen voll­stän­di­gen Akt vor­ge­legt und damit den vom VfGH bean­stan­de­ten Feh­ler kor­ri­giert hat.”

Wenn Sie zum Fak­ten­check-Team Kon­takt auf­neh­men oder Fak­ten­checks zu rele­van­ten The­men anre­gen möch­ten, schrei­ben Sie bit­te an faktencheck@apa.at

Vale­rie Schmid/Florian Schmidt

 
AKTUA­LI­SIERT AM 12. JAN. 2021 15:32