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blog / Mittwoch 26.08.20

APA Check Avatar Ver­heim­lich­ten SZ und Spie­gel ent­las­ten­de Stra­che-Aus­sa­gen aus dem Ibiza-Video?

Auch mehr als 15 Mona­te nach der Ver­öf­fent­li­chung des Ibi­za-Vide­os lässt die Auf­re­gung nicht nach. Neu­en Zünd­stoff bie­ten vom ehe­ma­li­gen Vize­kanz­ler Heinz-Chris­ti­an Stra­che ver­öf­fent­lich­te Zita­te aus dem Tran­skript des Vide­os. Meh­re­re Akteu­re nut­zen dies, um den deut­schen Zei­tun­gen „Süd­deut­sche Zei­tung” und „Der Spie­gel”, die für die redak­tio­nel­le Auf­be­rei­tung des ihnen zuge­spiel­ten Mate­ri­als ver­ant­wort­lich waren, eine ein­sei­ti­ge Bericht­erstat­tung, Unter­schla­gung ent­las­ten­der Aus­sa­gen oder sogar Mani­pu­la­ti­on zu unterstellen.

 

So beschwer­te sich etwa der Gene­ral­se­kre­tär des Team HC Stra­che, Chris­ti­an Höbart, per OTS-Aus­sendung über „Fake-News der übels­ten Sor­te” und „mani­pu­la­tiv agie­ren­de Medi­en”. Der bekann­te deut­sche Publi­zist Mat­thi­as Matu­s­sek zog auf Face­book über eine „abar­ti­ge lin­ke Kampf­pres­se” her, die „jene Pas­sa­gen des Films ganz buch­stäb­lich unter den Tisch fal­len las­sen, die Stra­che entlasten”.

 

Auch Stra­che selbst spricht von „Fake-News-Mani­pu­la­ti­on der Jour­na­lis­ten der SZ und des Spie­gel”. Stra­che teilt seit Tagen Arti­kel, die ent­we­der von den rela­ti­vie­ren­den neu­en Zita­ten berich­ten oder die Bericht­erstat­tung von SZ und Spie­gel als Mani­pu­la­ti­on dar­stel­len (Pos­ting 1Pos­ting 2). Auch User beschwe­ren sich auf Face­book über eine ver­meint­lich mani­pu­lier­te Berichterstattung.

 

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on: „SZ” und „Spie­gel” ver­heim­lich­ten in ihrer Bericht­erstat­tung zum Ibi­za-Video für Stra­che ent­las­ten­de Aussagen.

 

Ein­schät­zung: In der Bericht­erstat­tung zur Ibi­za-Affä­re wur­de allei­ne an den ers­ten bei­den Tagen immer wie­der dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Stra­che mehr­mals auf die Ein­hal­tung der Geset­ze poch­te. Zwar wur­den in den Kurz­vi­de­os von „SZ” und „Spie­gel” kei­ne rela­ti­vie­ren­den Video­aus­schnit­te ein­ge­baut, den­noch wur­de ein der­ar­ti­ger Aus­schnitt aus dem Video ver­öf­fent­licht. Es wur­den nicht alle ent­las­ten­den Zita­te aus dem Video zitiert. Eini­ge der „neu­en” Aus­sa­gen Stra­ches wur­den bereits in älte­ren Tex­ten publiziert.

 

Über­prü­fung:
Bei den aktu­el­len Vor­wür­fen gegen „SZ” und „Spie­gel” wer­den in den Arti­keln und Social-Media-Postings meh­re­re Behaup­tun­gen mit­ein­an­der ver­mischt. Wir wol­len in vier Behaup­tun­gen auf­tei­len und die­se der Rei­he nach durch­ge­hen: 1.) „SZ” und „Spie­gel” haben kei­ne ent­las­ten­den Stel­len aus dem ihnen vor­lie­gen­den Mate­ri­al als Video­ma­te­ri­al ver­öf­fent­licht, 2.) „SZ” und „Spie­gel” haben in dem am 17. Mai 2019 ver­öf­fent­lich­ten Kurz­vi­deo kein ent­las­ten­des Mate­ri­al ein­ge­baut, 3.) „SZ” und „Spie­gel” haben nicht genug auf ent­las­ten­de Aus­sa­gen Stra­ches hin­ge­wie­sen, 4.) „SZ” und „Spie­gel” haben ent­las­ten­de Zita­te nicht veröffentlicht.

 

Ad 1.) „SZ” und „Spie­gel” haben sehr wohl auch ent­las­ten­de Aus­sa­gen in Video­form ver­öf­fent­licht. So fin­det man etwa auf dem You­tube-Kanal des „Fal­ter”, der in die Recher­chen der bei­den deut­schen Zei­tun­gen ein­ge­bun­den war, ent­las­ten­des Video­ma­te­ri­al. Bei Minu­te 3:00 sagt Stra­che: „Aber es muss trotz­dem immer rechts­kon­form, legal und mit unse­rem Pro­gramm über­ein­stim­men”. Auch „Falter”-Chefredakteur Flo­ri­an Klenk ver­weist im Video-Kom­men­tar dar­auf, dass Stra­che sagt, dass er nichts Ille­ga­les machen wol­le, er sau­ber und nicht kor­rupt sei.

 

Ad 2.) Selbst Höbart, der den Jour­na­lis­ten in der OTS-Aus­sendung unter­stellt, kein objek­ti­ves Gesamt­bild zu ver­mit­teln, wuss­te von die­sem Video-Aus­schnitt und pos­te­te ihn sogar mehr­mals nach­weis­lich, um Stra­che auf Twit­ter zu ver­tei­di­gen (Tweet 1Tweet 2Tweet 3Tweet 4). Sei­ne Kri­tik zielt wie etwa auch bei „Tichys Ein­blick” mehr dar­auf ab, dass in den Video-Zusam­men­schnit­ten der deut­schen Medi­en­häu­ser kei­ne ent­las­ten­de Pas­sa­ge ver­wen­det wurde.

 

Beim rund fünf­ein­halb Minu­ten lan­gen Video der „SZ” vom 17. Mai 2019 wur­den tat­säch­lich kei­ne ent­las­ten­den Sze­nen ver­wen­det. Auch beim rund sechs Minu­ten lan­gen „Spiegel”-Video vom 17. Mai 2019 fin­det sich kei­ne Pas­sa­ge, die ent­las­ten­de Aus­sa­gen Stra­ches ent­hält. Aller­dings wur­de am Ende des Vide­os ein State­ment von Gude­nus und Stra­che ein­ge­baut, dass sie auf die „Not­wen­dig­keit der Ein­hal­tung öster­rei­chi­scher Geset­ze” Wert gelegt hätten.

 

Eben­so kann jedoch gesagt wer­den, dass die­se Vide­os auch nicht alle belas­ten­den Aus­sa­gen Stra­ches ent­hal­ten. Die meis­ten Infor­ma­tio­nen sind daher in den Arti­keln zu fin­den, die die bei­den Zei­tun­gen zu den Video­aus­schnit­ten veröffentlichten.

 

Ad 3.) Wir haben alle Online-Arti­kel zusam­men­ge­sucht, die die „SZ” und der „Spie­gel” am 17. und 18. Mai ver­öf­fent­licht haben und die Wör­ter „Stra­che” und „Ibi­za” ent­hal­ten. Acht der 15 ver­öf­fent­lich­ten „Spiegel”-Artikel ver­wie­sen auf ent­las­ten­de und rela­ti­vie­ren­de Aus­sa­gen Stra­ches oder bau­ten sei­ne State­ments ein. Bei der „SZ” geschah dies bei sie­ben von 17 Artikeln.

 

Zu beach­ten ist hier­bei, dass sich dar­un­ter auch Arti­kel fin­den, die den Fokus nicht auf die Gescheh­nis­se in dem Video, son­dern auf ande­re Unter­the­men gelegt hat­ten, etwa Koalition/Neuwahlen in Öster­reich, die betei­lig­ten Per­so­nen, Her­kunft und Auf­be­rei­tung des Mate­ri­als, etc. Somit ist die „Quo­te” an Ver­wei­sen durch­aus nicht gering.

 

Die Stel­lung­nah­men von Stra­che bzw. Gude­nus auf Anfra­ge der Jour­na­lis­ten, dass man auf „gesetz­li­che Bestim­mun­gen und die Not­wen­dig­keit der Ein­hal­tung der öster­rei­chi­schen Rechts­ord­nung” – auch bei Par­tei­spen­den – hin­ge­wie­sen habe, fin­det sich in zwölf Artikeln:

 

Die Aus­sa­gen Stra­ches bei sei­ner Pres­se­kon­fe­renz am Tag nach der Ver­öf­fent­li­chung des Vide­os, dass er bei dem Tref­fen mehr­mals auf die recht­li­che Lage in Öster­reich gepocht habe, wur­de in fol­gen­den Arti­keln wie­der­ge­ge­ben: SZSZ.

 

Dass Stra­che im Video­ma­te­ri­al selbst immer wie­der rela­ti­vie­ren­de Aus­sa­gen tätig­te und mein­te, dass alles legal und rechts­kon­form ablau­fen müs­se, wird in fol­gen­den Arti­keln betont: SZSZSZSpie­gelSpie­gelSpie­gel.

 

Ad 4.) Somit kom­men wir nun zu den laut Medi­en­be­rich­ten neu­en Zita­ten aus dem Tran­skript. Auch hier wur­de der Groß­teil bereits Mona­te zuvor in Tex­ten veröffentlicht.

 

„Nein, nein. Aber jetzt sind wir ehr­lich. Mit jedem ande­ren Scheiß machst du dich angreif­bar und ich will nicht angreif­bar sein. Ich will ruhig schla­fen. Ich will in der Früh auf­ste­hen und sagen: Ich bin sauber.”
Die­se Aus­sa­ge fin­det sich in die­sem Spie­gel-Arti­kel und in die­sem Spie­gel-Arti­kel.

 

Die Aus­sa­ge „Ja, aber das spielt’s nicht” auf die Anspie­lung auf kor­rup­te Geschäf­te in Ost­eu­ro­pa, wird hier indi­rekt wie­der­ge­ge­ben: „Meis­tens bleibt Stra­che hart: In Öster­reich, das sagt er mehr als ein­mal, lau­fe es nun ein­mal anders. Die­se Pas­sa­gen könn­te sein Pres­se­spre­cher geschrie­ben haben, so unver­fäng­lich sind sie. Ihm wäre es offen­sicht­lich am liebs­ten, die Rus­sin wür­de sich mit unkon­kre­ten Zusa­gen begnügen.”

 

Für fol­gen­de Zita­te wur­de kei­ne frü­he­re Quel­le gefunden:

 

a.) „No way, mach ich nicht, mach ich nicht und bei mir nur gera­de Geschich­ten, das musst du ihr ver­mit­teln, ganz gera­de Geschich­ten, aber sie kann sich dar­auf ver­las­sen.

 

b.) „Es gibt bei mir nur ganz kor­rek­te Ebe­nen, alles was in mei­nem Leben heut ange­grif­fen wird, ist kor­rekt. Ja? Und ich, es gibt bei mir kei­ne Selbst­be­rei­che­rung oder sons­ti­ge Scheiß­ge­schich­ten, das gibt es nicht.”

 

c.) Stra­che zu Kor­rup­ti­on: „Nein mach ich nicht! Nie!“

 

d.) Stra­che zu kon­kre­ten Zusa­gen an Olig­ar­chin: „Nein, aber es wäre unred­lich.

 

e.) Gude­nus: „Es ist klar, da ist etwas drin­nen, aber wir machen nichts Ille­ga­les, Punkt.“ Stra­che: „Nichts
Wei­te­re Zita­te ent­hüll­ten die Jour­na­lis­ten Ober­mai­er und Ober­may­er selbst in ihrem Buch „Die Ibi­za-Affä­re”. Dies bele­gen auch Zita­te in den Salz­bur­ger Nach­rich­ten oder Aus­schnit­te auf Twit­ter und Face­book.
Stra­che pocht also in dem meh­re­re Stun­den lan­gen Video­ma­te­ri­al öfter dar­auf, dass alles legal ablau­fen müs­se. Dies wird auch in meh­re­ren Arti­keln in den bei­den Zei­tun­gen so wie­der­ge­ge­ben, ohne jede ein­zel­ne Aus­sa­ge direkt zu zitie­ren. Vor allem ver­wei­sen „SZ” und „Spie­gel” immer wie­der auf den Kon­trast zwi­schen dem, was Stra­che sagt, und dem, wie er handelt.

 

Wenn Sie zum Fak­ten­check-Team Kon­takt auf­neh­men oder Fak­ten­checks zu rele­van­ten The­men anre­gen möch­ten, schrei­ben Sie bit­te an faktencheck@apa.at

Flo­ri­an Schmidt/Clemens Geyer