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blog / Freitag 18.12.20

APA Check Avatar Übersterb­lich­keit durch Covid-19 in Österreich?

APA/Symbolbild

Das The­ma Übersterb­lich­keit in Zusam­men­hang mit Covid-19 taucht immer wie­der auf. Der­zeit behaup­ten eini­ge User auf Face­book und Twit­ter, dass sich in Öster­reich und ande­ren Län­dern trotz der Pan­de­mie kei­ne Übersterb­lich­keit im Herbst und gene­rell im gan­zen Jahr abzeich­ne. Die Bei­trä­ge wer­den in Sozia­len Medi­en (Bei­spiel 1, Bei­spiel 2, Bei­spiel 3) stark geteilt, doch wie sieht es mit der Übersterb­lich­keit in Öster­reich wirk­lich aus?

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on: Die Coro­na-Pan­de­mie führ­te auch im Herbst zu kei­ner Übersterb­lich­keit in Öster­reich und ande­ren euro­päi­schen Ländern.

Ein­schät­zung: Die Coro­na-Pan­de­mie hat im Herbst zu kei­ner gene­rel­len Übersterb­lich­keit in allen Län­dern geführt, die Situa­ti­on hängt aber stark vom jewei­li­gen Land ab. Betrach­tet man die Übersterb­lich­keit im Herbst, zeigt sich deut­lich, dass die­se zwar in Län­dern wie Öster­reich oder Ita­li­en zu bemer­ken ist, jedoch nicht in Deutsch­land oder Schwe­den. Auf das gan­ze Jahr gese­hen wird es zu einem leich­ten Plus bei der Übersterb­lich­keit in Öster­reich kommen.

Über­prü­fung:
Im Novem­ber ist in Öster­reich mehr als ein Fünf­tel der Toten an oder mit einer labor­dia­gnos­tisch bestä­tig­ten Coro­na­vi­rus-Infek­ti­on gestor­ben. Das zei­gen auf einem Online-Por­tal der Ärz­te­kam­mer Wien ein­seh­ba­re, von der APA aus­ge­wer­te­te Daten der Sta­tis­tik Aus­tria und der Agen­tur für Gesund­heit und Ernäh­rungs­si­cher­heit (AGES). Dem­nach sind in den vier Wochen vom 2. bis 29. Novem­ber 9.131 Per­so­nen gestor­ben, davon 2.065 mit einer Covid-19-Infek­ti­on. Das ist ein Anteil von 22,6 Prozent.

Zwi­schen 1. März und 30. April waren laut Sta­tis­tik Aus­tria 588 der 15.107 Toten an Covid-19 als zugrun­de­lie­gen­der Todes­ur­sa­che gestor­ben. Dies ent­spricht 3,9 Pro­zent. Dies allei­ne ist natür­lich kein Hin­weis auf eine erhöh­te Übersterb­lich­keit und ver­zer­ren­de Fak­to­ren wie höhe­re Test­zah­len müs­sen berück­sich­tigt wer­den. Aller­dings zeigt sich gut, wel­chen Raum das Virus mitt­ler­wei­le bei Todes­fäl­len einnimmt.

Bereits im April kam es nach den Daten der Sta­tis­tik Aus­tria teil­wei­se zu einer Übersterb­lich­keit von 16 Pro­zent in der ers­ten April-Hälf­te. Im gesam­ten Zeit­raum der Mona­te März und April sta­bi­li­sier­te sich die­ser Wert aller­dings und lag ins­ge­samt für die­sen Zeit­raum nur ein Pro­zent höher als im Vor­jahr. Im März/April 2020 lag die alters­stan­dar­di­sier­te Ster­be­ra­te bei 167,1 Toten pro 100.000 Per­so­nen, 2019 waren es 162,4 Tote. 2015 und 2018 kam es in die­sen bei­den Mona­ten aber sogar zu 177,0 bzw. 170,2 Toten pro 100.000 Personen.

Seit Novem­ber ist die Situa­ti­on in Öster­reich dras­ti­scher. Ange­sichts der aktu­ell hohen Ster­be­fall­zah­len weist das Euro­päi­sche Mor­ta­li­täts­mo­ni­to­ring Euro­mo­mo für Öster­reich begin­nend mit 9. Novem­ber eine „sehr hohe Übersterb­lich­keit” aus. Es ster­ben also deut­lich mehr Men­schen, als in die­ser Jah­res­zeit üblich.
Allein in der letz­ten Novem­ber­wo­che (vom 23. bis 29. Novem­ber) zähl­te die Sta­tis­tik Aus­tria 2.445 Ver­stor­be­ne. Das ist um über die Hälf­te mehr als im Durch­schnitt der ver­gan­ge­nen fünf Jah­re. Ein Vier­tel der Ver­stor­be­nen – 629 Per­so­nen – starb laut AGES mit einer bekann­ten Covid-19-Infek­ti­on. Somit sind vom 23. bis 29. Novem­ber neu­er­lich so vie­le Per­so­nen in einer ein­zi­gen Kalen­der­wo­che ver­stor­ben wie seit 1978 nicht mehr.

In der 43. Kalen­der­wo­che gab es um 17 Pro­zent mehr Tote als im Durch­schnitt der letz­ten fünf Jah­re, in der 44. Kalen­der­wo­che waren es 25 Pro­zent, in der 45. Woche 33 Pro­zent, in der 46. Woche 47 Pro­zent und in der 47. Woche 58 Pro­zent mehr. In die­sen fünf Wochen von 19. Okto­ber bis 22. Novem­ber star­ben ins­ge­samt 10.380 Men­schen in Öster­reich, das sind 36 Pro­zent mehr als im Durch­schnitt der letz­ten fünf Jahre.

Einen guten Ein­blick zeigt eine nähe­re Betrach­tung der 46. Kalen­der­wo­che. Laut Daten­blatt der Sta­tis­tik Aus­tria (6) star­ben in der 46. Kalen­der­wo­che im Jahr 2016 1.616 Men­schen, 2017 1.505 Men­schen, 2018 1.556 Men­schen und 2019 1.559 Men­schen in Öster­reich. Heu­er gab es laut die­sen Daten in der 46. Kalen­der­wo­che 2.277 Ver­stor­be­ne zu vermelden.

In der 46. Kalen­der­wo­che lag der Wert der alters­stan­dar­di­sier­ten Ster­be­ra­te laut „Atlas der Ster­be­fäl­le” der Sta­tis­tik Aus­tria (7) heu­er bei 0,253, wäh­rend er 2019 bei 0,174 und 2018 bei 0,177 Men­schen lag. Deut­li­che Unter­schie­de zei­gen sich auch bei der 45. Kalen­der­wo­che (2020: 0,221; 2019: 0,174; 2018: 0,171) und der 44. Woche (2020: 0,210; 2019: 0,172; 2018: 0,178).

Ins­ge­samt star­ben laut Sta­tis­tik-Aus­tria-Gene­ral­di­rek­tor Tobi­as Tho­mas in den ers­ten 47 Wochen des Jah­res 77.662 Per­so­nen. „Das sind 6,5% mehr als im Durch­schnitt des Vergleichszeitraums”.

Im euro­päi­schen Ver­gleich wei­sen laut den Daten von Euro­mo­mo wei­ters die Schweiz, Slo­we­ni­en, Ita­li­en, Frank­reich und Bel­gi­en eine Übersterb­lich­keit im Herbst aus.
Ein Ver­gleich der Früh­jahrs-Zah­len mit ande­ren Län­dern zeigt, dass etwa in Bel­gi­en die Übersterb­lich­keit in der Kalen­der­wo­che 15 des Jah­res 2020 am höchs­ten war, Däne­mark und Deutsch­land ver­zeich­ne­ten über das Jahr ver­teilt kei­ne Übersterb­lich­keit, wäh­rend sie in Ita­li­en sowohl in der Woche 14 als auch wie­der in der Woche 46 Höhe­punk­te erreich­te. Selbst in Schwe­den wur­de im Früh­jahr – eine im Ver­gleich zu ande­ren Län­dern aller­dings gerin­ge­re – Übersterb­lich­keit ver­zeich­net. Die höchs­ten Übersterb­lich­keits­wer­te ver­zeich­ne­ten im Früh­jahr Spa­ni­en und Eng­land. In Deutsch­land wur­de im gesam­ten Jahr laut CoDAG-Bericht der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen kei­ne Übersterb­lich­keit verzeichnet.

Wenn Sie zum Fak­ten­check-Team Kon­takt auf­neh­men oder Fak­ten­checks zu rele­van­ten The­men anre­gen möch­ten, schrei­ben Sie bit­te an faktencheck@apa.at.

Son­ja Harter/Florian Schmidt

AKTUA­LI­SIERT AM 18. DEZ. 2020 11:41