apa.at
blog / Freitag 06.11.20

APA Check Avatar Trei­ben Schu­len Infek­tio­nen in die Höhe?

APA/Hochmuth

Im zwei­ten Lock­down in Öster­reich bleibt die Gas­tro­no­mie zu, die Schu­len für die jün­ge­ren Kin­der und Jugend­li­chen aller­dings offen. Dies sorgt in Sozia­len Medi­en für Dis­kus­sio­nen. Sind Schu­len in Wirk­lich­keit ein wich­ti­ger Fak­tor für die Clus­ter­bil­dung und Aus­brei­tung von Covid-19?

Befeu­ert wer­den die Dis­kus­sio­nen durch Aus­sa­gen der Infek­tio­lo­gin Petra Apfal­ter, deren Behaup­tung, dass Schu­len kei­ne „Treiber„der Infek­tio­nen wären, in diver­sen Medi­en wie dem Stan­dard the­ma­ti­siert und auch in Social Media-Postings (Bei­spiel 1, Bei­spiel 2) kom­men­tiert wurde.

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on: Schu­len spie­len kei­ne gro­ße Rol­le beim Infek­ti­ons­ge­sche­hen in der Coronavirus-Pandemie.

Ein­schät­zung: Soweit Stu­di­en bis­her her­aus­fin­den konn­ten, sind Schu­len nicht als bedeu­ten­de Infek­ti­ons­her­de belegt. Das zei­gen auch hei­mi­sche Zah­len zur Clus­ter­bil­dung. Aller­dings wei­sen Zah­len aus ande­ren Län­dern dar­auf hin, dass Schu­len auch für star­ke Clus­ter­bil­dun­gen ver­ant­wort­lich sein können.

Über­prü­fung: Die Öster­rei­chi­sche Agen­tur für Gesund­heit und Ernäh­rungs­si­cher­heit (AGES) ver­öf­fent­licht wöchent­lich eine „Epi­de­mo­lo­gi­sche Abklä­rung”, aus der Clus­ter­bil­dun­gen ersicht­lich sind. In Kalen­der­wo­che 43 wur­den ins­ge­samt 1.656 Clus­ter iden­ti­fi­ziert, dar­un­ter waren 43 Clus­ter im Bil­dungs­be­reich zu ver­zeich­nen, was einem Anteil von 2,6 Pro­zent ent­spricht. Der größ­te Clus­ter­be­reich (1.110) war der Haus­halt (67 Pro­zent), gefolgt von 321 Clus­tern in der Frei­zeit. Die­ser Bereich macht 19,4 Pro­zent der Clus­ter aus.

Am 22. Okto­ber sag­te der öster­rei­chi­sche Bil­dungs­mi­nis­ter Heinz Faß­mann in einer Pres­se­kon­fe­renz: „Schu­le ist ein ver­gleichs­wei­se siche­rer Ort”. Zum dama­li­gen Zeit­punkt gab es ledig­lich sie­ben geschlos­se­ne Schu­len in ganz Öster­reich. Unter den bis­her 5.000 Covid-19-Tests an Schu­len lie­ge der Anteil posi­ti­ver Ergeb­nis­se bis­her bei nur drei Prozent.

Am 5. Novem­ber gab das Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um per Aus­sendung bekannt, dass bei 5.910 Gur­gel­tests an Wie­ner Schu­len 208 Tests posi­tiv waren. Das ent­spricht einem Anteil von 3,52 Prozent.

Am 2. Novem­ber sag­te die Infek­tio­lo­gin Petra Apfal­ter vom Ordens­kli­ni­kum Linz laut Stan­dard: „Es ist gut und rich­tig, Kin­der­gär­ten und Schu­len offen zu hal­ten.” Die Lei­te­rin des Insti­tuts bzw. Natio­na­len Refe­renz­zen­trums für Hygie­ne, Mikro­bio­lo­gie und Tro­pen­me­di­zin der Eli­sa­be­thi­nen sag­te: „Es war nicht die Schu­le, es ist nicht die Schu­le, die der Trei­ber ist.” Man wis­se aus detail­lier­ten Unter­su­chun­gen der Coro­na-Clus­ter­ana­ly­sen, „dass Bil­dungs­ein­rich­tun­gen eine völ­lig unter­ge­ord­ne­te Rol­le spie­len bei der Ver­brei­tung des Virus”.

Eine Mit­te Okto­ber ver­öf­fent­lich­te Stu­die des Bon­ner Insti­tu­te of Labor Eco­no­mics (IZA) hat den Effekt des Endes der Som­mer­fe­ri­en auf posi­ti­ve Coro­na-Fäl­le in Deutsch­land unter­sucht. Dabei wur­de kei­ne Evi­denz auf einen Effekt der Schul­öff­nun­gen auf die Fall­zah­len fest­ge­stellt. „Drei Wochen nach dem Ende der Som­mer­fe­ri­en fie­len die Fall­zah­len um 0,55 Fäl­le pro 100.000 Ein­woh­ner oder um eine Stan­dard­ab­wei­chung von 27 Pro­zent.” (Ori­gi­nal: „Three weeks after the end of sum­mer breaks, cases have decre­a­sed by 0.55 cases per 100,000 inha­bi­tants or 27 per­cent of a stan­dard devia­ti­on.”). Dar­aus schlie­ßen die Stu­di­en­au­toren, dass die Wie­der­eröff­nung nach den Som­mer­fe­ri­en unter stren­gen Hygie­ne-Stan­dards, kom­bi­niert mit Qua­ran­tä­ne-Maß­nah­men, die Neu­an­ste­ckun­gen nicht beein­flusst haben.

Die Web­site „Kin­der- & Jugend­ärz­te im Netz” stell­te am 23. Okto­ber eine in JAMA Pediatrics erschie­ne­ne inter­na­tio­na­le Meta-Stu­die vor, die Daten aus 32 Stu­di­en aus der gan­zen Welt aus­wer­te­te. Die Ergeb­nis­se legen nahe, dass Kin­der unter 10 Jah­ren bei glei­chen täg­li­chen Kon­tak­ten viel sel­te­ner mit SARS-CoV‑2 infi­ziert wer­den als Erwach­se­ne. Ins­ge­samt hät­ten Kin­der und Jugend­li­che unter 20 Jah­ren im Ver­gleich zu Erwach­se­nen ab 20 Jah­ren eine um 44 Pro­zent gerin­ge­re Wahr­schein­lich­keit, sich mit SARS-CoV‑2 anzu­ste­cken. Beson­ders gering war das Infek­ti­ons­ri­si­ko bei Kin­dern unter 10 Jah­ren. Aus­ge­wer­tet wur­den Daten von 42.000 Kin­dern und Jugend­li­chen, die an der Stu­die teilnahmen.

Am 12. Okto­ber äußer­ten sich Exper­ten im Rah­men einer Pres­se­kon­fe­renz der Öster­rei­chi­schen Gesell­schaft für Pneu­mo­lo­gie (ÖPG), die APA berich­te­te, zum The­ma. ÖGP-Prä­si­dent Ernst Eber (Uni­ver­si­täts-Kin­der­kli­nik Graz) sag­te zur Situa­ti­on bei den Kin­dern: „Nur etwa acht Pro­zent aller bestä­tigt Infi­zier­ten in Öster­reich gehör­ten der Alters­grup­pe von 0 bis 14 Jah­ren an. Nur 1,5 Pro­zent waren unter fünf Jah­re alt. Von 4.000 Kin­dern und Jugend­li­chen muss­ten bis­her nur knapp ein Pro­zent sta­tio­när behan­delt wer­den.” Die Grün­de dafür könn­ten laut dem Exper­ten dar­in lie­gen, dass Kin­der und Jugend­li­che weni­ger ACE2-Rezep­to­ren im Gewe­be auf­wei­sen. Ein zwei­ter mög­li­cher Fak­tor laut dem Pneu­mo­lo­gen: ein trai­nier­tes Immunsystem.

„Grund­sätz­lich ist es so, dass die Über­tra­gung von Kin­dern zu Ande­ren sehr, sehr gering ist. Die Schul­in­fek­ti­ons­ra­te liegt bei 0,5 Pro­zent, in Kin­der­gär­ten bei einem Pro­zent. Wich­tig ist, dass man rasch dran ist. Wich­tig ist, dass man Kon­tak­te schnell iden­ti­fi­ziert. Und das rasche Tes­ten, um kom­plet­te Schul­schlie­ßun­gen zu ver­hin­dern”, so Eber. Die genann­ten Daten zur gerin­gen Über­tra­gungs­ra­te von SARS-CoV‑2 in Schu­len und Kin­der­gär­ten stam­men aus einer Stu­die in Aus­tra­li­en, wo die meis­ten Schu­len wäh­rend der ers­ten Wel­le wei­ter geöff­net blieben.

Dass die Lage in ande­ren Län­dern durch­aus anders ein kann, zeigt ein Blick auf den kana­di­schen Bun­des­staat Onta­rio. Dort gibt es in eini­gen Städ­ten Schul­clus­ter, die bis zu 39 Pro­zent des nach­weis­ba­ren Infek­ti­ons­ge­sche­hens (etwa in der Haupt­stadt Otta­wa) aus­ma­chen, wie eine gra­fi­sche Dar­stel­lung des „Onta­rio COVID-19 Sci­ence Advi­so­ry Table” zeigt. In Toron­to sind es 22 Pro­zent, in York nur zehn Prozent.

Der­zeit wird in der Dis­kus­si­on um die Rol­le von Schü­lern auch auf eine von der US-Gesund­heits­be­hör­de CDC ver­öf­fent­lich­te Stu­die ver­wie­sen. Dem­nach sei­en Kin­der in Haus­hal­ten eben­so anste­ckend wie Erwach­se­ne. Tat­säch­lich kommt die­se Stu­die auf eine Infek­ti­ons­ra­te von 53 Pro­zent, wenn der soge­nann­te „Index pati­ent” ein Erwach­se­ner oder ein Kind unter 12 Jah­ren war. Kin­der im Alter von 12–17 Jah­ren hat­ten eine gerin­ge­re Infek­ti­ons­ra­te von 38 Pro­zent. Als „Index pati­ent” wur­de die ers­te Per­son bezeich­net, die im Haus­halt Sym­pto­me auf­wies und folg­lich ande­re infi­zie­ren konn­te. Dies ist aller­dings ein Kri­tik­punkt an der Unter­su­chung, wie auch die Autoren ein­räu­men. Denn even­tu­ell exis­tier­te bereits eine asym­pto­ma­ti­sche Erkran­kun­gen bei einer ande­ren Per­son im Haushalt.

Nach­dem die Pan­de­mie doch noch rela­tiv jung ist, lässt sich die Rol­le der Schu­len wohl erst in eini­ger Zeit detail­liert auf­ar­bei­ten. Dass Schu­len ein regel­rech­ter Trei­ber der Infek­tio­nen sei­en, lässt sich bis­her aller­dings auf­grund vor­lie­gen­der Daten nicht bestätigen.

 

Wenn Sie zum Fak­ten­check-Team Kon­takt auf­neh­men oder Fak­ten­checks zu rele­van­ten The­men anre­gen möch­ten, schrei­ben Sie bit­te an faktencheck@apa.at

Son­ja Harter/Florian Schmidt

 

AKTUA­LI­SIERT AM 6. NOV. 2020 13:35