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blog / Freitag 09.10.20

APA Check Avatar Stei­gen­de Coro­na-Fäl­le nicht höhe­rer Test­zahl geschuldet

Die steigenden Corona-Zahlen und neu vermeldeten Rekorde an bestätigten Covid-19-Erkrankungen in Österreich erhitzen die Gemüter. Kommen die hohen Zahlen nur davon, dass auch mehr getestet wird?
Dies sorgt in sozialen Medien für Diskussionen. Derzeit wird in Postings (Beispiel 1, Beispiel 2) etwa die Berichterstattung des ORF kritisiert, der im Gegensatz zu ServusTV nicht auf die unterschiedlichen Testzahlen hingewiesen haben soll.

Zu überprüfende Information: Der neue Anstieg und die neuen Rekorde an Covid-19-Infizierten in Österreich liegt an einer höheren Anzahl von Tests. Der ORF berichtet dies im Vergleich zu ServusTv nicht.

Einschätzung: Es ist in zwei Perspektiven zu unterscheiden. Einerseits liegt der neue herbstliche Anstieg der Zahlen nicht an einer höheren Anzahl der Tests, wie auch der ORF berichtete. Andererseits sind die neuen Rekordzahlen nicht mit den Höchstzahlen im Frühjahr zu vergleichen, weil heute mehr getestet wird, wie ServusTv berichtete. Beide Sender berichteten korrekt, legten den Fokus aber auf zwei verschiedene Aspekte.

Überprüfung:
Der ORF berichtete in der "ZiB 1" am 3. Oktober über die neuen Werte an Covid-19-Fällen innerhalb von 24 Stunden. In einem Diagramm wurde gezeigt, dass sich der zu diesem Zeitpunkt aktuelle Wert mit 1.058 Fällen nur knapp unter dem bisherigen Rekord an Covid-19-Fällen innerhalb eines Tages liegt. Der bisherige Rekord waren 1.065 Menschen, allerdings im März dieses Jahres.

"ZiB 1"-Moderatorin Susanne Höggerl beendet die Präsentation der Diagramme zu positiven Testungen mit den Worten: "Und wer jetzt glaubt, wir liegen bei über tausend Neuinfektionen, weil zuletzt so viel getestet worden ist, der irrt. Die Zahl der Testungen war durchschnittlich, bestätigt der Gesundheitsminister. So einfach ist es also leider nicht."

Nach einer Überprüfung der Zahlen durch APA-Faktencheck ist es auch vollkommen richtig, dass der neue Anstieg der Zahlen nicht durch eine höhere Zahl an Tests zu erklären ist. Laut den downloadbaren Datensätzen der AGES ist die Zahl der täglichen Testungen bei weitem nicht so stark gestiegen wie die Zahl der täglich bestätigten Covid-19-Erkrankungen.

Sieht man sich etwa den zeitlichen Verlauf der Anzahl der täglichen Erkrankungen im August und September an, waren es am 1. August laut AGES 62 Fälle, während am 30. September 852 bestätigte Infektionen zu vermelden waren. Die Fälle nahmen in diesem Zeitraum also um den Faktor von etwa 13,7 zu. Die Testungen in diesem Zeitraum stiegen hingegen von 7358 auf 31409, ein Faktor von nur 4,3. Wobei zu sagen ist, dass dieser Faktor je nach Vergleichstagen abweichen kann, da gerade bei Testungen sehr hohe Schwankungen existieren.

Der generelle Trend lässt sich aber vor allem in einer zeitlichen Darstellung der Zahlen per Diagramm bestätigen. Zwar wächst die Zahl der Testungen, allerdings weit nicht in dem Ausmaß wie die Zahl der Infizierten. Die neuen Höchstzahlen sind daher nicht oder zumindest nicht ausschließlich einer höheren Testzahl geschuldet.

Insofern ist die Berichterstattung des ORF korrekt. Die Verzerrung entsteht erst in den sozialen Medien, wo diese Berichterstattung der Berichterstattung von ServusTV gegenübergesetzt wird. Auch dort wurde am 3. Oktober in den Servus Nachrichten über die neue Zahl von 1.058 Infizierten berichtet und darauf verwiesen, dass dies fast so viele Fälle seien wie beim Höchstwert im März.

Bei ServusTV wird nun aber erklärt, dass diese zwei Werte nicht vergleichbar seien, da heutzutage viel mehr getestet werde wie damals. Auch dies ist eine korrekte Berichterstattung.

Die Ankündigung von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), die Testkapazitäten auf 15.000 Tests pro Tag auszubauen, erfolgte laut ORF erst am 23. März 2020. Das war genau die Phase, in der es die höchsten Zahlen zu verzeichnen gab. Gelungen ist die Umsetzung des 15.000-Test-Ziels allerdings laut Kurier erst mehr als fünf Monate später, am 2. September. Auch am 3. Oktober wurden den AGES-Daten nach rund 15.000 Tests durchgeführt.

In der ersten vollständigen April-Woche lag die Gesamtzahl der Testungen laut AGES-Datensätzen bei 36.461. Laut Kurier gab es davor am 27. März zum Beispiel sogar nur 3.198 Tests an einem Tag. In der aus aktuellem Stand (8. Oktober) letzten vollständigen Woche gab es hingegen laut AGES 130.847 Tests. Hier zeigt sich deutlich, dass sich die Zahl der wöchentlichen Tests vervielfacht hat und deshalb auch die beiden Höchstwerte schwer miteinander zu vergleichen sind.

Beide Berichterstattungen sind damit korrekt und widmen sich verschiedenen Aspekten der Coronavirus-Testungen. Durch die Gegenüberstellungen der Berichte ergibt sich ein verzerrendes Bild, das eine manipulative Berichterstattung suggeriert.

 

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Florian Schmidt/Sonja Harter

 

AKTUALISIERT AM 11. OKT. 2020 19:30