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blog / Donnerstag 18.06.20

APA Check Avatar Schwar­ze nicht für die meis­ten Mor­de an Wei­ßen verantwortlich

In den Sozia­len Netz­wer­ken wird seit dem Tod des Afro­ame­ri­ka­ners Geor­ge Floyd Ende Mai durch Poli­zei­ge­walt ver­mehrt ein Pos­ting zur angeb­li­chen Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik in den USA aus dem Jahr 2015 geteilt. Dar­in heißt es, zwei Pro­zent der Schwar­zen sei­en durch Wei­ße ums Leben gekom­men, ein Pro­zent der Schwar­zen durch die Poli­zei, drei Pro­zent der Wei­ßen durch die Poli­zei, 16 Pro­zent der Wei­ßen durch Wei­ße, 81 Pro­zent der Wei­ßen durch Schwar­ze und 97 Pro­zent der Schwar­zen sol­len von Schwar­zen ermor­det wor­den sein. Als Quel­le wird das Crime Sta­tis­tics Bureau von San Fran­cis­co ange­ge­ben. (Bei­spiel 1Bei­spiel 2Bei­spiel 3)

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on: Die Rich­tig­keit der oben genann­ten Zahlen.

Ein­schät­zung: Fast alle Zah­len sind nach­weis­bar falsch. Sowohl wei­ße als auch schwar­ze Men­schen töten meis­tens Men­schen, die die glei­che Haut­far­be wie sie selbst haben. Die genann­ten 97 Pro­zent schwar­zer Mord­op­fer durch Schwar­ze las­sen sich jedoch nicht bestä­ti­gen. Für Todes­op­fer durch Poli­zei­ge­walt gibt es kei­ne offi­zi­el­len Zah­len, Berech­nun­gen sind somit kaum durchführbar.

Über­prü­fung: Nach Anga­ben des Sup­ple­men­ta­ry Homic­i­de Report (SHR) des FBI haben schwar­ze Män­ner 2015 36 Pro­zent aller Mor­de began­gen und mach­ten einen Anteil von 52 Pro­zent der Mord­op­fer aus. Wei­ße Män­ner begin­gen 30 Pro­zent der Mor­de und stell­ten 43 Pro­zent der Mord­op­fer. Was die Haut­far­be betrifft, so wur­den – wenn es einen Täter und ein Opfer gab – 81 Pro­zent aller wei­ßen Opfer von wei­ßen Tätern getö­tet und 89 Pro­zent der schwar­zen Opfer von schwar­zen Tätern. Ins­ge­samt gab es 2015 13.455 Mor­de und nicht-fahr­läs­si­ge Tot­schlä­ge. Schwar­ze Män­ner waren 1,5 Mal häu­fi­ger Opfer als Weiße.

Die neu­es­ten voll­stän­di­gen Daten dazu stam­men aus dem Jahr 2018. Laut FBI gab es 14.123 Mor­de, von denen 7.407 der Opfer Schwar­ze oder Afro­ame­ri­ka­ner waren und 6.088 Wei­ße. Wenn es einen Täter und ein Opfer gab, waren bei 3.315 wei­ßen Opfern auch 2.677 der Täter Wei­ße, das ent­spricht unge­fähr 81 Pro­zent. Bei 2.925 Opfern, die schwarz oder Afro­ame­ri­ka­ner waren, waren 2.600 der Täter schwarz oder Afro­ame­ri­ka­ner, was unge­fähr 89 Pro­zent ent­spricht. Mor­de pas­sie­ren also den Anga­ben des FBI zufol­ge in den meis­ten Fäl­len inner­halb der eige­nen Hautfarbe.

Bei den Zah­len des FBI gilt es aller­dings zu beach­ten, dass die US- Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den die Infor­ma­tio­nen frei­wil­lig mel­den. Das bedeu­tet, dass die Daten nicht immer über­ein­stim­mend oder natio­nal reprä­sen­ta­tiv sind.

Das US-Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um ver­zeich­ne­te im Jahr 2018 fol­gen­de Zah­len: “Der Täter hat­te die­sel­be Ras­se oder Eth­nie wie das Opfer in 70 Pro­zent der Fäl­le bei schwar­zen Opfern und in 62 Pro­zent der Fäl­le bei wei­ßen Opfern.“

Was Infor­ma­tio­nen zu Poli­zei­ge­walt in den USA betrifft, lie­fern das FBI oder natio­na­le Behör­den kaum Daten, wofür sie in der Ver­gan­gen­heit schon öfters kri­ti­siert wur­den. Laut der US-Zei­tung „Washing­ton Post“ hät­ten Ermitt­lun­gen von 2015 erge­ben, dass das FBI die ange­ge­be­nen Todes­fäl­le durch Poli­zei­schüs­se um mehr als die Hälf­te unter­schätzt hat­te, da es den Poli­zei­sta­tio­nen frei­ste­he, sol­che Fäl­le zu ver­mel­den und sie es oft nicht tun würden.

So hat es im Jahr 2015 laut dem FBI 452 „gerecht­fer­tig­te Tötungs­de­lik­te“ durch die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den gege­ben. 2018 waren es 410.

Offi­zi­el­le Zah­len gibt es auch des­we­gen nicht, weil es kei­ne lan­des­wei­ten Sta­tis­ti­ken gibt. Zusam­men mit Ver­tre­tern der wich­tigs­ten Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den soll aber an der Ent­wick­lung einer natio­na­len Daten­er­he­bung zu Poli­zei­ge­walt gear­bei­tet wer­den, heißt es auf der Web­site des FBI.

Das spen­den­fi­nan­zier­te Pro­jekt „Fatal Encoun­ters“ doku­men­tiert Poli­zei­ge­walt in den USA. Auf der Web­site ist die Rede von einer „natio­na­len Daten­bank über Men­schen, die bei Inter­ak­tio­nen mit der Straf­ver­fol­gung getö­tet wur­den.“ Die Zah­len von „Fatal Encoun­ters“ rei­chen vom Jahr 2000 bis fast in die Gegen­wart. Bis 27. Mai 2020 sol­len dem­nach 13.337 wei­ße und 7.612 schwar­ze Men­schen in den USA durch Poli­zei­ge­walt ums Leben gekom­men sein.

Hin­ter „Fatal Encoun­ters“ steht der ehe­ma­li­ge Jour­na­list Bri­an Burg­hart. Er und sei­ne Mit­ar­bei­ter bezie­hen ihre Zah­len aus einer Viel­zahl von Quel­len, wie Medi­en­be­rich­ten, crowd­sour­ced-Daten und ande­ren Daten­ban­ken. Die Veri­fi­ka­ti­on erfolgt über einen mehr­stu­fi­gen Prozess.

Auf „Fatal Encoun­ters“ grei­fen auch die Pro­jek­te „The Coun­ted“ von der bri­ti­schen Zei­tung „Guar­di­an“, das eben­falls in den Jah­ren 2015 und 2016 Todes­fäl­le von Poli­zei­ge­walt in den USA doku­men­tier­te und „Fatal For­ce“ von der US-Zei­tung „Washing­ton Post“ zurück.

Laut „Fatal For­ce“ von der „Washing­ton Post” wur­den seit 1. Jän­ner 2015 2.468 wei­ße Men­schen in den USA von der Poli­zei erschos­sen. 1.291 schwar­ze Men­schen wur­den im sel­ben Zeit­raum von der Poli­zei erschos­sen. Im Jahr 2015 waren es 497 Wei­ße und 258 Schwar­ze. Schwar­ze Ame­ri­ka­ner wür­den unver­hält­nis­mä­ßig häu­fig erschos­sen, da sie weni­ger als 13 Pro­zent der US-Bevöl­ke­rung aus­ma­chen, aber mehr als dop­pelt so häu­fig von der Poli­zei getö­tet wer­den wür­den wie wei­ße Amerikaner.

Zu beach­ten gilt aller­dings, dass hier nur Todes­fäl­le durch Schuss­waf­fen zäh­len. Es flie­ßen also nicht jene Men­schen in die Zah­len hin­ein, die etwa in Poli­zei­ge­wahr­sam oder durch Schüs­se durch einen Poli­zis­ten, der außer Dienst war, ums Leben kamen. Es zäh­len auch alle ande­ren For­men von töd­li­cher Poli­zei­ge­walt, die kei­ne Schuss­waf­fen beinhal­ten, nicht. Daher ist zB. Geor­ge Floyd, der starb, nach­dem ein Poli­zist fast neun Minu­ten auf sei­nem Hals knie­te, nicht in der Sta­tis­tik auffindbar.

Nach Anga­ben von „The Coun­ted“ vom „Guar­di­an“ (archi­viert) sind 2015 ins­ge­samt 1.146 Men­schen in den USA durch Poli­zei­ge­walt ums Leben gekom­men, dar­un­ter sind 307 Schwar­ze und 584 Wei­ße. In Pro­zent umge­rech­net waren rund 27 Pro­zent der durch Poli­zei­ge­walt gestor­be­nen Men­schen Schwar­ze und rund 51 Pro­zent Wei­ße. Auch bei die­sen Zah­len gilt es, den ver­gleichs­wei­se nied­ri­gen Anteil Schwar­zer in der US-Bevöl­ke­rung miteinzubeziehen.

Eine Stu­die der Rut­gers Uni­ver­si­tät, Washing­ton Uni­ver­si­tät und Uni­ver­si­tät von Michi­gan von August 2019 kam zu dem Schluss, dass schwar­ze Män­ner über die Lebens­zeit gese­hen 2,5 Mal häu­fi­ger von der Poli­zei getö­tet wer­den als wei­ße Män­ner. Schwar­ze Frau­en wür­den 1,4 Mal häu­fi­ger von der Poli­zei getö­tet wer­den als wei­ße Frauen.

Wenn man auf die zu über­prü­fen­den Zah­len aus den Social Media-Postings zurück­kommt, wo behaup­tet wird, dass bei den getö­te­ten Schwar­zen nur ein Pro­zent durch die Poli­zei getö­tet wur­de und bei den Wei­ßen drei Pro­zent, kann man kei­ne kla­re Über­prü­fung vor­neh­men. Man kann höchs­tens die Zah­len aus den erwähn­ten Daten­pro­jek­ten der Gesamt­heit aller Mor­de gegen­über­stel­len. Wür­de man dabei die Gesamt­zah­len der Mord­op­fer laut FBI her­an­zie­hen, wür­de der Pro­zent­satz der durch Poli­zei­ge­walt gestor­be­nen unter den wei­ßen Mord­op­fern höher sein als bei schwarzen.

Hier muss aber dar­auf ver­wie­sen wer­den, dass man einen sol­chen Ver­gleich nicht ohne Beden­ken zie­hen kann, da vie­le Fak­to­ren unklar sind. Etwa die Anzahl der Tode durch Poli­zei­ge­walt, die in die Mord­sta­tis­tik ein­flie­ßen, oder die Unter­schie­de zwi­schen Mord und fahr­läs­si­ger Tötung. Da bei so einer Berech­nung nur die offi­zi­el­len Mord­op­fer mit Todes­fäl­len durch Poli­zei­ge­walt ver­gli­chen wer­den wür­den, dürf­ten die berech­ne­ten Pro­zent­wer­te höher sein als in der Realität.

Ein Grund für einen even­tu­ell höhe­ren Pro­zent­satz bei Wei­ßen unter wei­ßen Todes­op­fern könn­te die ver­hält­nis­mä­ßig hohe Zahl an Mord­op­fern bei Schwar­zen sein und dass ande­re Gewalt­for­men hin­zu­kom­men könn­ten, die den Pro­zent­satz der Tode durch Poli­zei­ge­walt senken.

Die in den Postings genann­te Quel­le – das Crime Sta­tis­tics Bureau von San Fran­cis­co – exis­tiert gar nicht. Das Pos­ting ist auch nicht neu. Die Gra­fik wur­de bereits am 22. Novem­ber 2015 vom dama­li­gen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Donald Trump auf Twit­ter geteilt.

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Vale­rie Schmid/Florian Schmidt