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blog / Mittwoch 16.09.20

APA Check Avatar Profitierte Investor Silverstein von 9/11?

Am 11. September 2020 jährten sich die Terroranschläge auf das World Trade Center (WTC) in den USA zum 19. Mal. Doch noch immer kursieren im Internet zahlreiche Geschichten, die von einer inszenierten Verschwörung ausgehen.

Ein oft geteilter Facebook-Post behauptet etwa: „Wenige Monate vor 9/11 wurde das World Trade Center an Larry Silverstein verkauft. Daraufhin schloss er eine Versicherung für das Gebäude ab, wobei der Vertrag „zufällig“ terroristische Anschläge beinhaltete. Nach 9/11 zog Silverstein vor Gericht und klagte auf die doppelte Entschädigungssumme, da es 2 Anschläge gab. Silverstein gewann 4,5 Milliarden Dollar.“

Zu überprüfende Behauptung: Der Immobilienunternehmer Larry Silverstein kaufte das WTC und versicherte es dann „zufällig“ gegen terroristische Anschläge. Dadurch profitierte er von den Anschlägen.

Einschätzung: Silverstein pachtete als Leiter eines Konsortiums von Inverstoren und Kreditgebern wenige Wochen vor den Anschlägen das WTC. Die Gruppe schloss eine Versicherung ab, die auch im Falle von terroristischen Anschlägen griff – was aber kein unübliches Vorgehen darstellte. Das Wort „zufällig“ in der Behauptung impliziert allerdings, dass Silverstein bereits von den Attentaten im Vorfeld gewusst habe, um an das Versicherungsgeld zu kommen. Dafür gibt es jedoch keine Belege.

Überprüfung: Im April 2001 vermeldete die „New York Times“ einen insgesamt 3,2 Milliarden Dollar schweren Deal: Ein Konsortium an Investoren und Kreditgebern unter der Leitung des Immobilienunternehmers Larry Silverstein pachtet den 10,6-Millionen-Quadratmeter großen Bürokomplex mitten in Manhattan für 99 Jahre von der Hafenbehörde von New York und New Jersey. Unterschrieben hat Silverstein den Pachtvertrag schlussendlich im Juli 2001 – nur sechs Wochen vor dem Terroranschlag auf das WTC.

Wie die „New York Times“ berichtete, gehörte zu der Investoren-Gruppe GMAC Commercial Mortgage (Tochterfirma von General Motors), der Shoppingcenter-Entwickler Westfield America Inc und der Immobilienunternehmer Lloyd Goldman – demnach ist davon auszugehen, dass Silverstein nicht alleine über die Versicherung für das WTC entschieden hat. Dass das Gebäude versichert werden musste, verlangte laut „CNN“ der Pachtvertrag.

Ungewöhnlich ist auch die Terror-Versicherung nicht. Wie das Insurance Information Institute in den USA darlegt, deckten vor den Anschlägen am 11. September 2001 die „meisten Standardversicherungen für gewerbliches Eigentum den Terrorismus ab, entweder als Teil der Police, oder sie erwähnten ihn gar nicht ausdrücklich – das bedeutete aber, dass sie ihn effektiv abdeckten.“ Zudem wäre es eher ungewöhnlich gewesen, hätte das Konsortium angesichts der Bombenanschläge 1993 auf das WTC keine Versicherung zu Terrorismus abgeschlossen. Dieses Attentat kostete schätzungsweise 510 Millionen Dollar, schrieb die „New York Times“.

Es stimmt, dass Silverstein und sein Konsortium laut der „New York Times“ insgesamt nach einer Klage wegen der zwei 9/11-Attentate rund 4,5 Mrd. Dollar als Entschädigungssumme erhielten. Allerdings betrugen die Kosten des Wiederaufbaus des WTC rund 9 Mrd. Dollar, berichtete das „Wall Street Journal“. Zudem hatte er Verpflichtungen gegenüber seinen Investoren und musste monatlich weiter 10 Millionen Dollar an Pacht der Port Authority überweisen.

Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass Silverstein von den Attentaten im Vorfeld gewusst hatte. Finanziell profitierte er von ihnen nicht. Die Faktenchecker von „Snopes“ haben sich des Themas bereits angenommen.

 

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Elisabeth Hilgarth/Valerie Schmid