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blog / Freitag 22.10.21

APA Check Avatar Patent ent­wi­ckelt Stra­te­gien zur Impf-Priorisierung

APA/AFP/KENARE/Symbolbild

Impf­geg­ner las­sen nicht davon ab, vor der Coro­na-Imp­fung zu war­nen und Men­schen mit fal­schen und irre­füh­ren­den Behaup­tun­gen zu ver­un­si­chern. Der­zeit wird etwa in einem Arti­kel (1), der in Sozia­len Medi­en wie Tele­gram (2) ver­brei­tet und dis­ku­tiert (3) wird, auf ein Patent hin­ge­wie­sen, dem­zu­fol­ge „Gen-Gespritz­te” mit­tels Künst­li­cher Intel­li­genz über­wacht wer­den sol­len. In dem Bericht wer­den dys­to­pi­sche Zustän­de beschrie­ben, für die es kei­ne fak­ti­sche Grund­la­ge gibt.

Ein­schät­zung: Die Idee des US-ame­ri­ka­ni­schen Patents besteht dar­in, mit­tels einer gewis­sen Punk­te­zahl, die anhand von indi­vi­du­el­len Fak­to­ren wie den per­sön­li­chen Kon­tak­ten, dem Beruf oder dem Gesund­heits­zu­stand, eine sinn­vol­le Impf-Prio­ri­sie­rung wäh­rend einer Pan­de­mie zu erstel­len. Das Ziel dahin­ter ist mög­lichst schnell eine Her­denim­mu­ni­tät zu errei­chen und Nach­tei­le für die Gesell­schaft gering zu hal­ten. Die Punk­te­zahl soll bei­spiels­wei­se anhand einer App erho­ben wer­den. Die Daten sol­len nicht rück­führ­bar sein auf Indi­vi­du­en, son­dern anony­mi­siert und/oder ver­schlüs­selt werden.

Über­prü­fung: Der „Wochenblick”-Artikel bezieht sich auf eine angeb­li­che Ex-Mit­ar­bei­te­rin des Phar­ma­kon­zerns Pfi­zer, wel­che in einem Inter­view (4) über das genann­te Patent mit der Num­mer 20210082583 spricht. Es ist in der Daten­bank des US-Patent­amts United Sta­tes Patent and Trade­mark Office (USP­TO) abruf­bar (5) und wur­de bereits im Novem­ber letz­ten Jah­res von den bei­den Grün­dern der israe­li­schen Kanz­lei „Ehr­lich & Fens­ter” (6,7) ein­ge­reicht.

Die Idee des Patents ist fol­gen­de: In Zei­ten einer Pan­de­mie und einer mög­li­chen Impf­stoff­knapp­heit, wie es auch zeit­wei­se in der Coro­na-Pan­de­mie der Fall war, soll eine mög­lichst sinn­vol­le Impf-Prio­ri­sie­rung ent­wor­fen wer­den. Die­se – so die Annah­me – hät­te zur Fol­ge, dass die Her­denim­mu­ni­tät schnell erreicht wer­den kann und nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Gesell­schaft mög­lichst gering gehal­ten werden.

Im Patent ist meis­tens von einer „Behand­lung” („tre­at­ment”) und nicht expli­zit von einer Imp­fung die Rede. Das liegt dar­an, dass Patent­hal­ter mög­lichst vie­le Sze­na­ri­en mit ihrer Idee abde­cken wol­len und die Sprach­wei­se oft vage bleibt. Als „Behand­lung” zählt neben der Imp­fung etwa auch das Tes­ten von Krank­hei­ten, etwa Covid-19.

In dem Patent-Text wird argu­men­tiert, dass die Stra­te­gien zur Impf-Prio­ri­sie­rung auf „kri­ti­sche Grup­pen” wie Gesund­heits­per­so­nal, Sys­tem­er­hal­ter und Hoch­ri­si­ko­grup­pen limi­tiert sei­en. Da die­se Grup­pen aber nur zwei bis zehn Pro­zent der Gesamt­be­völ­ke­rung aus­ma­chen wür­den, stel­le sich für Regie­run­gen wei­ter die Fra­ge, in wel­cher Rei­hen­fol­ge der Rest der Bevöl­ke­rung geimpft wer­den solle.

Hier kommt das Patent ins Spiel. Mit­tels eines „super­sprea­ding score”, also einer Punk­te­zahl, die angibt, wer eine Krank­heit am meis­ten wei­ter­gibt, soll eine sinn­vol­le Rei­hen­fol­ge ent­wor­fen wer­den, in wel­cher Men­schen oder Grup­pen von Men­schen eine „Behand­lung” erhal­ten. Je höher die Punk­te­zahl, des­to höher das „Poten­zi­al” für ein Indi­vi­du­um, die Krank­heit wei­ter­zu­ge­ben – des­to schnel­ler müs­se das Indi­vi­du­um auch etwa geimpft oder getes­tet werden.

Eine hohe Punk­te­zahl erreicht man unter ande­rem durch vie­le per­sön­li­che Kon­tak­te. Es gibt aber noch eini­ge wei­te­re Fak­to­ren, die die Punk­te­zahl erge­ben, etwa den Beruf eines Men­schen, Bevöl­ke­rungs­ei­gen­schaf­ten, Orte, die Men­schen besu­chen, medi­zi­ni­sche Daten oder Infor­ma­tio­nen von Drit­ten über Indi­vi­du­en. All das soll bei­spiels­wei­se in einer App gesam­melt sowie aus­ge­wer­tet wer­den und schließ­lich die Punk­te­zahl ergeben.

Daten sol­len dabei ver­schlüs­selt und/oder anony­mi­siert wer­den, sodass sie nicht auf ein­zel­ne Per­so­nen rück­führ­bar sind. Der gesam­te Daten­aus­tausch zwi­schen ver­schie­de­nen Gerä­ten und exter­nen Quel­len könn­te etwa nur mehr über eine einer Per­son zuge­wie­se­nen Num­mer erfolgen.

Coro­na-Tra­cing-Apps wer­den in Euro­pa schon jetzt mit auto­ma­tisch gene­rier­ten Schlüs­seln genutzt, die kei­ne Rück­schlüs­se auf die Men­schen zulas­sen. In Bezug auf die Coro­na-App des Roten Kreu­zes in Öster­reich etwa gaben Daten­schüt­zer (8) grü­nes Licht.

Anders als im Arti­kel steht, geht es in dem Patent also nicht dar­um, dass spe­zi­ell oder aus­schließ­lich Geimpf­te „über­wacht” wer­den sol­len. Aus dem Patent-Text geht auch nicht her­vor, dass Geimpf­te daten­schutz­recht­li­che Nach­tei­le im Ver­gleich zu Nicht-Geimpf­ten hät­ten, wie im Blog-Arti­kel sug­ge­riert wird. Genau­so wenig erweckt das Patent den Ein­druck, als wür­de mit einer Imp­fung etwas ande­res als nur die „Ver­mei­dung von Krank­hei­ten” bezweckt werden.

Die Ver­wen­dung von Apps fällt auch nicht unbe­dingt in den Bereich von Künst­li­cher Intel­li­genz (KI). Kei­ne Bele­ge gibt es für die Behaup­tung, dass eine Dia­gno­se ohne Arzt erfol­ge und dass in der App auch „Wer­te­sys­te­me oder poli­ti­sche Ein­stel­lun­gen” sicht­bar seien.

Alle Coro­na-Impf­stof­fe wur­den in der EU vor ihrer Zulas­sung umfang­reich auf Sicher­heit und Wirk­sam­keit getes­tet und wer­den wei­ter­hin über­wacht. Ein­grif­fe in das Erb­gut durch mRNA-Impf­stof­fe sind unmög­lich. Dazu gibt es bereits meh­re­re Fak­ten­checks von APA (9) und dpa (10).

 

Quel­len:

(1) Wochen­blick-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​g​9​x​z​7​1YQ (archi­viert: https://​archi​ve​.md/​K​a​71w)

(2) Tele­gram-Bei­trag: http://​go​.apa​.at/​E​1​L​x​U​977 (archi­viert: https://​archi​ve​.md/​e​b​0tW)

(3) Repor­t24-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​H​V​A​B​p​Uwb (archi­viert: https://​archi​ve​.md/​q​q​Y00)

(4) Inter­view mit Karen King­s­ton: http://​go​.apa​.at/​U​i​z​I​2​JQv (archi­viert: https://​archi​ve​.md/​s​x​IXD)

(5) Patent 20210082583: http://​go​.apa​.at/​v​j​e​e​1​bjS (archi­viert: https://​archi​ve​.md/​7​g​STW)

(6) Gal Ehr­lich: http://​go​.apa​.at/​W​P​A​E​U​xxs (archi­viert: https://​archi​ve​.md/​m​6​lVa)

(7) Mai­er Fens­ter: http://​go​.apa​.at/​m​q​i​Z​N​7EN (archi­viert: https://​archi​ve​.md/​g​M​2ZQ)

(8) SN/A­PA-Arti­kel über Coro­na-App des Roten Kreu­zes: http://​go​.apa​.at/​M​J​B​5​d​tzo (archi­viert: https://​archi​ve​.md/​D​t​jtj)

(9) APA-Fak­ten­check zu Zulas­sung von Coro­na-Impf­stof­fen in EU: http://​go​.apa​.at/​z​F​X​R​a​jZo

(10) dpa-Fak­ten­check zu mRNA-Imp­fung und Erb­gut: http://​go​.apa​.at/​b​L​k​5​U​hTz

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Vale­rie Schmid/Florian Schmidt