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blog / Freitag 15.05.20

APA Check Avatar Mund-Nasen-Schutz für Kin­der nicht gefährlich

APA/AFP/Symbolbild

In der Coro­na-Kri­se kur­sie­ren in Sozia­len Medi­en ver­stärkt Postings, in denen auf die Gefah­ren beim Tra­gen einer Mas­ke hin­ge­wie­sen wird. Oft geteilt wird auch ein Pos­ting, in dem vor Mas­ken bei Kin­dern gewarnt wird (Bei­spiel 1). Ein Mund­schutz sei für Kin­der unter 12 Jah­ren unge­eig­net und für Kin­der unter sechs Jah­ren gefährlich.

Kin­der könn­ten den CO2-Aus­stoß nicht sel­ber kon­trol­lie­ren, sie wür­den nicht mer­ken, wenn sie zu wenig Luft bekom­men, heißt es in den Bei­trä­gen. Das CO2 samm­le sich unter der Mas­ke und wer­de von der Lun­ge wie­der ein­ge­at­met, was eine Atem­läh­mung zur Fol­ge habe. Auf dem dazu­ge­hö­ri­gen Bild in einem der Postings ist ein Kind mit Stoff­mas­ke zu sehen. Auf­grund der Bri­sanz des The­mas und der zuneh­men­den Reich­wei­te der Behaup­tung wol­len wir uns anse­hen, was an die­ser Infor­ma­ti­on dran ist.

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on: Ein Mund­schutz ist für Kin­der unge­eig­net bzw. gefährlich.

 

Ein­schät­zung: Das ist falsch. Mas­ken sind für Kin­der unge­fähr­lich. In Öster­reich wird zum Tra­gen einer Mas­ke bei Kin­dern ab sechs Jah­ren geraten.

 

Über­prü­fung: CO2 ist Koh­len­di­oxid. Beim Atmen fin­det ein Gas­aus­tausch statt: Das Blut wird mit Sauer­stoff (O2) ver­sorgt und Koh­len­di­oxid (CO2) wird aus dem Blut abtrans­por­tiert und an die Atem­luft abge­ge­ben. CO2 gilt nach Anga­ben des Lun­gen­in­for­ma­ti­ons­diens­tes, der zum Deut­schen For­schungs­zen­trum für Gesund­heit und Umwelt gehört, dabei als Abfall­pro­dukt von Sauer­stoff, da der Sauer­stoff in Stoff­wech­sel­vor­gän­gen ver­braucht wird.

 

Bei einem Mund-Nasen-Schutz ist die­ser natür­li­che Vor­gang aber unpro­ble­ma­tisch, weil er bestehen bleibt. Wie die Web­site tages​schau​.de des deut­schen öffent­lich-recht­li­chen Sen­ders ARD berich­tet, sind Koh­len­stoff­di­oxid-Mole­kü­le viel zu klein, als dass sie von Atem­mas­ken zurück­ge­hal­ten wer­den wür­den. »Selbst Mas­ken der höchs­ten Schutz­klas­se FFP3 kön­nen ledig­lich Par­ti­kel bis zur Grö­ße von 0,6 Mikro­me­tern, das sind 0,0006 Mil­li­me­ter, zurück­hal­ten«, heißt es. Zudem sei das Luft­vo­lu­men unter der Mas­ke selbst nur sehr gering und befin­de sich im stän­di­gen Aus­tausch. Wür­de man sich aller­dings ein gas­dich­tes Sackerl um den Kopf bin­den, wür­de der Sauer­stoff­ge­halt immer wei­ter sin­ken und der Koh­len­di­oxid-Anteil ent­spre­chend steigen.

 

Das Recher­ch­e­por­tal Mimi­ka­ma schreibt zudem unter Beru­fung auf Exper­ten, dass man bei hoher CO2-Kon­zen­tra­ti­on im Kör­per Atem­not bekä­me und die Mas­ke sofort able­gen wür­de. Das wider­spricht klar der Behaup­tung im Pos­ting, Kin­der wür­den nicht mer­ken wenn sie zu wenig Luft bekämen.

 

Eine im Jahr 2019 im Sci­en­ti­fic Reports erschie­ne­ne Stu­die zeigt, dass N95-Mas­ken für Kin­der unge­fähr­lich sind. Hier wur­de der Gesund­heits­zu­stand und die Atemak­ti­vi­tät von 106 Kin­dern in Sin­ga­pur im Alter von sie­ben bis 14 Jah­ren in ver­schie­de­nen Situa­tio­nen beob­ach­tet und die CO2-Kon­zen­tra­ti­on gemes­sen. Die For­scher konn­ten daher Ent­war­nung geben, solan­ge die Kin­der gesund sind und die Zeit des Tra­gens der Mas­ke begrenzt ist.

 

APA-Fak­ten­check kon­tak­tier­te dazu den Direk­tor der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Päd­ia­trie I der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck, Tho­mas Mül­ler, der erklär­te, dass es sich in die­ser Stu­die um FFP2-ähn­li­che Mas­ken hand­le. Selbst­ge­näh­te Mas­ken hät­ten einen gerin­ge­ren Atem­wegs­wi­der­stand. Sie sind „für Kin­der abso­lut aus­rei­chend und wer­den bes­ser tole­riert”, sol­len aber so beschaf­fen sein, dass das Kind durch den Stoff atmen kann. Für Säug­lin­ge hält er Mas­ken aber nicht für sinnvoll.

 

Mat­thi­as Volk­mer Kopp, Fach­arzt für Kin­der­me­di­zin mit Wei­ter­bil­dung in kin­der­spe­zi­fi­scher Lun­gen­me­di­zin, bezeich­ne­te in einem Inter­view mit DIE ZEIT die im Inter­net kur­sie­ren­de Behaup­tung, dass eine Atem­schutz­mas­ke dazu führt, dass sich CO2 in der Aus­atem­luft anrei­chert und zu einer Atem­läh­mung füh­ren könn­te, als »unsin­nig und rei­ne Panik­ma­che«. Schul­kin­der mit einer gesun­den Lun­ge könn­ten eine Atem­schutz­mas­ke gefahr­los auf­set­zen. Vor dem Tra­gen einer Mas­ke bei Babys riet er aber ab.

 

Das wird auch nicht von offi­zi­el­ler Sei­te emp­foh­len. Auf der Platt­form oes​ter​reich​.gv​.at heißt es, dass ein Schutz des Mun­des und der Nase auch für Kin­der emp­foh­len wer­de, aller­dings nur, „wenn die­ser tole­riert wird“. Zudem gel­te der Schutz in Öster­reich nicht für Kin­der bis zum voll­ende­ten sechs­ten Lebensjahr.

 

Das Volks­schul­al­ter nennt auch die Deut­sche Gesell­schaft für Kin­der und Jugend­me­di­zin, wobei sie anmer­ken, dass das Tra­gen einer Mas­ke »sicher­lich auch bei klei­ne­ren Kin­dern mög­lich« sei. Für Kin­der, die noch nicht das Volks­schul­al­ter erreicht hät­te, spricht die wis­sen­schaft­li­che Fach­ge­sell­schaft eine »Kann-Emp­feh­lung« aus. Zur Gefähr­dung von Kin­dern durch Mas­ken heißt es in dem Schrei­ben, dass Atem­schutz­mas­ken zu einem erhöh­ten Atem­wegs­wi­der­stand füh­ren wür­den, Vor­sichts­maß­nah­men gel­te es bei jenen Kin­dern zu beach­ten, die auf­grund einer Erkran­kung in ihrer Lun­gen­funk­ti­on ein­ge­schränkt seien.

 

Ent­war­nung gibt auch der Ber­li­ner Medi­zi­ner und Spre­cher des Berufs­ver­ban­des der Kin­der- und Jugend­ärz­te, Jakob Mas­ke, in einem Fak­ten­check der Deut­schen Pres­se-Agen­tur: »Das CO2 ist ein Gas und bleibt im Stoff nicht hän­gen.« Auch klei­ne Kin­der könn­ten einen Mund­schutz tra­gen. »Das gerin­ge­re Lun­gen­vo­lu­men bei Kin­dern ist nicht so gering, als dass die Atem­luft Platz zwi­schen Gesicht und Mund­schutz hät­te«, so Mas­ke. »Da besteht auch für kleins­te Kin­der kei­ner­lei Gefahr.« Mit jedem Atem­zug kom­me wie­der aus­rei­chend fri­sche, sauer­stoff­rei­che Luft in die Lungen.

 

Zu einer Mas­ken­pflicht für Kin­der selbst gibt es hin­ge­gen durch­aus auch kri­ti­sche Mei­nun­gen. Eine sol­che bewer­tet etwa der Public Health-Exper­te und Medi­zi­ner Mar­tin Spren­ger im Inter­view mit der Tiro­ler Tages­zei­tung (ab Minu­te 7:40) „mit Sicher­heit kon­tra­pro­duk­tiv”, da durch das Han­tie­ren im Gesicht die Über­tra­gungs­ge­fahr sogar erhöht wer­den könnte.
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Vale­rie Schmid/Florian Schmidt

AKTUA­LI­SIERT AM 27. MAI 2020 19:48