apa.at
blog / Freitag 11.03.22

APA Check Avatar Mili­tä­ri­sche Kin­der-Fotos aus Ukrai­ne alt

APA/AFP/Symbolbild

Der Krieg in der Ukrai­ne befeu­ert Fehl­in­for­ma­tio­nen, die stark in Sozia­len Medi­en (1,2) kur­sie­ren. Aktu­ell ver­brei­ten User angeb­lich neue Fotos, die ukrai­ni­sche Kin­der­sol­da­ten des „Asow-Batail­lons” („Azov”) zei­gen sol­len, die nach dem Vor­bild der „ISIS” aus­ge­bil­det wer­den wür­den. Bei dem Batail­lon hand­le es sich um „eine Grup­pe von Nazis”, die von den letz­ten Regie­run­gen in Kiew finan­ziert wor­den sei. Das sehen die User als Legi­ti­ma­ti­on für den Ein­marsch Russlands.

Ein­schät­zung: Die Fotos sind alt und haben nichts mit dem aktu­el­len Ein­marsch Russ­lands in die Ukrai­ne zu tun. Sie zei­gen ein para­mi­li­tä­ri­sches Feri­en­la­ger, das von der Grup­pe der „Asow” orga­ni­siert wird und sich an Kin­der und Jugend­li­che rich­tet. Meh­re­ren Quel­len zufol­ge wei­sen zumin­dest Tei­le der Grup­pe star­ke extre­mis­ti­sche und natio­na­lis­ti­sche Züge auf. Der Anteil von Rechts­ex­tre­men bzw. Neo­na­zis im ukrai­ni­schen Mili­tär ist nicht fest­stell­bar. Ihn als Legi­ti­ma­ti­on eines Ein­marschs zu sehen, ent­spricht einem vom Kreml ver­brei­te­ten Narrativ.

Über­prü­fung: Im den oft geteil­ten Postings sind neun Bil­der ent­hal­ten, die alle­samt Kin­der zei­gen, die mili­tä­ri­sches Gewand tra­gen, mit Waf­fen oder Waf­fen­at­trap­pen han­tie­ren und patrio­tisch posie­ren. Eini­ge der Kin­der tra­gen ein gel­bes Lei­berl, auf dem „Азовець” („Aso­wez”) steht. Zudem ist eine gespie­gel­te Ver­si­on des neo­na­zis­ti­schen „Wolfs­an­gel”- Sym­bol („Idea of the Nation”-Symbol) (3,4,5) zu sehen. Kei­nes der Fotos ist aktu­ell oder steht in Zusam­men­hang mit dem Ein­marsch Russ­lands in die Ukrai­ne im Febru­ar 2022.

Das ers­te Bild stammt von der Nach­rich­ten­agen­tur Asso­cia­ted Press (AP) (6) und wur­de am 8. Juli 2017 außer­halb von Kiew in einem „para­mi­li­tä­ri­schen Camp für Kin­der” auf­ge­nom­men. Der Ursprung des zwei­ten Fotos ist unklar, es taucht aber bereits in einem rus­si­schen Arti­kel von August 2015 (7) auf. Das drit­te Bild ist auch von der AP (8) und stammt von 14. Juli 2017. Das vier­te Bild muss zwi­schen den Jah­ren 2016 und 2017 ent­stan­den sein, wie die Foto-Daten­bank des Doku­men­tar­fo­to­gra­fen Alex Masi (9) zeigt. Der Ursprung des fünf­ten Bil­des bleibt eben­falls unklar, die Bild­rück­wärts­su­che TinEye (10) datiert den frü­hes­ten Tref­fer aber auf August 2015.

Das sechs­te Bild fin­det sich auf der Web­sei­te der Euro­pean Pres­spho­to Agen­cy (EPA) (11) und ent­stand am 12. August 2015 am Stadt­rand von Kiew. Der Bild­be­schrei­bung zufol­ge ist das mili­tä­risch-patrio­ti­sche Som­mer­la­ger „Aso­wez” zu sehen, das von dem frei­wil­li­gen Batail­lon „Asow” für Kin­der orga­ni­siert wur­de, deren Eltern in der ost­ukrai­ni­schen Kon­flikt­zo­ne woh­nen sowie für ande­re Kin­der aus Kiew. Die Kin­der wür­den dort über das Mili­tär ler­nen, Selbst­ver­tei­di­gung und Über­le­bens­fer­tig­kei­ten üben sowie Sport machen.

Das sie­ben­te Foto wur­de im April 2016 im Sozia­len Netz­werk VK (12), das stark in Russ­land genutzt wird, gepos­tet. Die Use­rin (13) arbei­tet eige­nen Anga­ben zufol­ge für das Batail­lon „Asow”. Wie sich deren VK-Sei­te (14) ent­neh­men lässt, soll den Kin­dern von Aus­bil­dern des Batail­lons u.a. bei­gebracht wer­den mit Waf­fen umzu­ge­hen und Ers­te Hil­fe zu leis­ten. Vor­trä­ge und Film­vor­füh­run­gen zu his­to­ri­schen und patrio­ti­schen The­men sol­len ihnen zudem die Bedeu­tung ihres Hei­mat­lan­des näher bringen.

Das vor­letz­te Bild wur­de am 14. August 2015 von einem Foto­gra­fen der fran­zö­si­schen Nach­rich­ten­agen­tur AFP gemacht und wird eben­falls einem Som­mer­camp des „Asow”-Bataillons zuge­schrie­ben. Es fin­det sich auch in einem Arti­kel der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung” (15). Das letz­te Foto taucht bereits im März 2014 in der Bil­der-Such­ma­schi­ne TinEye (16) auf. Es ist unklar, ob es im Zusam­men­hang mit den Som­mer­camps steht.

Über die Som­mer­la­ger und das Batail­lon „Asow” gibt es meh­re­re Medi­en­be­rich­te, etwa vom bri­ti­schen Guar­di­an (17), der Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters (18), dem Sen­der Radio Free Europe/Radio Liber­ty (19) und dem Recher­che­kol­lek­tiv Bel­ling­cat (20, 21). Eini­gen Berich­ten zufol­ge wei­sen Tei­le der Grup­pie­rung, etwa der „Natio­nal­korps”, star­ke extre­mis­ti­sche und natio­na­lis­ti­sche Züge auf. Davon ist auch in einem Bericht des US-Außen­mi­nis­te­ri­ums (22) aus dem Jahr 2019 sowie in einem Bericht der US-ame­ri­ka­ni­schen NGO Free­dom House (23) von 2018 die Rede.

Nach Anga­ben von Bel­ling­cat (20) erhiel­ten meh­re­re ukrai­ni­sche rechts­au­ßen-Grup­pie­run­gen, dar­un­ter der „Natio­nal­korps”, finan­zi­el­le Unter­stüt­zung von der Regie­rung für „natio­nal-patrio­ti­sche Bil­dungs­pro­jek­te”. Inwie­weit auch Geld davon in die para­mi­li­tä­ri­schen Som­mer­camps geflos­sen ist, lässt sich nicht sagen. Auch die Nach­rich­ten­agen­tur AP (24) berich­te­te im Jahr 2018, dass das ukrai­ni­sche Minis­te­ri­um für Jugend und Sport „jun­ge und patrio­ti­sche Erzie­hung” finan­zi­ell unter­stütz­te, dar­un­ter auch Jugendcamps.

Aus einem Video der „New York Times” (25) geht her­vor, dass die Som­mer­camps im Jahr 2015 gegrün­det wur­den, also ein Jahr nach­dem Russ­land die Krim annek­tier­te. Der rus­si­sche Prä­si­dent Wla­di­mir Putin hat sei­nen Ein­marsch im Febru­ar 2022 mehr­mals mit der „Ent­mi­li­ta­ri­sie­rung und Ent­na­zi­fi­zie­rung der Ukrai­ne” (26) erklärt. Wenn­gleich es in der Ukrai­ne meh­re­re rechts­ex­tre­me Grup­pie­run­gen gibt, ist das Nar­ra­tiv höchst umstrit­ten. Medi­en­be­rich­ten (17) zufol­ge for­mier­te sich das „Asow”-Bataillon erst bei den Euro­mai­dan-Pro­tes­ten 2013 und 2014. Laut Exper­ten (27) wür­de es das extre­mis­ti­sche Batail­lon ohne den Krieg nicht geben.

Die bri­ti­sche BBC (28) berich­te­te, dass es laut dem Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­men Logi­cal­ly seit letz­tem Novem­ber einen star­ken Anstieg von Social Media-Postings gibt, die die Ukrai­ne mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus in Ver­bin­dung brin­gen. Ein Grund für das aktu­el­le Inter­es­se an „Asow” könn­te zudem die Tat­sa­che sein, dass das Batail­lon trotz der Char­ki­wer Pro­ve­ni­enz füh­ren­der Ver­tre­ter in der Stadt Mariu­pol am Asow­schen Meer ent­stan­den ist und die Grup­pie­rung in der der­zeit hef­tig umkämpf­ten Stadt eine wich­ti­ge Rol­le in der Ver­tei­di­gung spielt.

Quel­len:

(1) Face­book-Pos­ting: http://​go​.apa​.at/​y​8​1​u​F​3gm (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​a​J​JTK, Bild 1 archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​E​g​Vby, Bild 2 archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​5​Z​zCi, Bild 3 archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​w​F​y2l, Bild 4 archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​K​w​TfI, Bild 5 archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​M​C​dg6, Bild 6 archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​d​i​cG9, Bild 7 archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​f​n​wIx, Bild 8 und 9 archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​h​s​QJV)

(2) Tweet: http://​go​.apa​.at/​n​B​o​H​F​Xoq (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​M​i​P​M​6​5ZN)

(3) Bericht im Insti­tu­te for Euro­pean, Rus­si­an and Eura­si­an Stu­dies über Rechts­au­ßen-Grup­pie­run­gen in der Ukrai­ne: http://​go​.apa​.at/​T​7​l​d​E​o10 (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​8​J​G​R​-​Q​78D)

(4) Über das Wolfs­an­gel-Sym­bol: http://​go​.apa​.at/​2​d​L​c​d​9ON (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​Z​8​G​W​-​4​6RB)

(5) Über das „Idea of the Nation”-Symbol: http://​go​.apa​.at/​E​c​J​D​t​wkr (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​0​V​glf)

(6) Bild von Asso­cia­ted Press (2017): http://​go​.apa​.at/​Z​s​L​Q​F​1lm (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​q​D​xB2)

(7) Bild in rus­si­schem Arti­kel (2015): http://​go​.apa​.at/​4​r​E​o​T​r97 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​X​y​s​K​1​pgS)

(8) Bild von Asso­cia­ted Press (2017): http://​go​.apa​.at/​N​q​T​C​s​Yw8 (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​E​D​lC2)

(9) Bild in Daten­bank von Foto­gra­fen Alex Masi (2016 – 2017): http://​go​.apa​.at/​t​N​0​A​X​stl (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​C​w​D6d)

(10) Foto in Bild­rück­wärts­su­che TinEye (2015): http://​go​.apa​.at/​x​R​W​T​8​0OX (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​O​o​YE4)

(11) Foto von Euro­pean Pres­spho­to Agen­cy (2015): http://​go​.apa​.at/​i​K​v​3​C​LUZ (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​5​E​M​Q​-​Z​YA3)

(12) Foto in Sozia­lem Netz­werk VK (2016): http://​go​.apa​.at/​6​K​c​s​y​zzl (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​m​X​Dnr)

(13) VK-Sei­te von Use­rin: http://​go​.apa​.at/​t​Z​v​D​R​1DU (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​z​N​cwz)

(14) VK-Sei­te von Batail­lon „Asow”: http://​go​.apa​.at/​h​v​O​G​H​ZbL (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​f​n​baG)

(15) FAZ-Arti­kel mit AFP-Foto (2015): http://​go​.apa​.at/​5​E​e​u​5​z6d (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​0​P​XVX)

(16) Foto in Bild­rück­wärts­su­che TinEye (2014): http://​go​.apa​.at/​E​U​R​N​C​jWO (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​z​W​ciZ)

(17) Video von The Guar­di­an: http://​go​.apa​.at/​4​R​n​n​T​pbA (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​U​6​N​U​-​A​6GH)

(18) Reu­ters-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​0​K​h​0​m​dHY (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​T​W​SPq)

(19) Video von Radio Free Europe/Radio Liber­ty: http://​go​.apa​.at/​w​d​M​g​n​WF5 (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​9​E​L​3​-​P​8YH)

(20) Bel­ling­cat-Arti­kel 1: http://​go​.apa​.at/​7​s​f​d​1​4G9 (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​u​l​djJ)

(21) Bel­ling­cat-Arti­kel 2: http://​go​.apa​.at/​f​z​E​v​z​0Fx (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​i​4​uWF)

(22) Bericht des US-Außen­mi­nis­te­ri­ums (2019): http://​go​.apa​.at/​J​t​R​I​v​vUW (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​m​J​Raw)

(23) Bericht der US-ame­ri­ka­ni­schen NGO Free­dom House (2018): http://​go​.apa​.at/​9​0​e​k​j​Bht (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​W​S​lwK)

(24) AP-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​u​r​T​V​8​1YU (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​q​f​D3N)

(25) Video der „New York Times”: http://​go​.apa​.at/​k​C​I​L​D​vqX (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​5​P​L​3​-​4​3WT)

(26) ORF-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​B​b​1​p​E​Ypy (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​m​c​tiL)

(27) Exper­ten-Inter­view zu „Asow”: http://​go​.apa​.at/​i​X​i​0​j​cb5 (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​D​q​rlC)

(28) BBC-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​j​A​6​S​G​e7v (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​j​2​40q)

Wenn Sie zum Fak­ten­check-Team Kon­takt auf­neh­men oder Fak­ten­checks zu rele­van­ten The­men anre­gen möch­ten, schrei­ben Sie bit­te an faktencheck@apa.at

Vale­rie Schmid / Flo­ri­an Schmidt