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blog / Freitag 24.07.20

APA Check Avatar Exis­tiert eine „Mas­ken­con­nec­tion” ins Bundeskanzleramt?

Vor weni­gen Tagen kam es laut eini­gen Postings auf Face­book und Twit­ter zu einem „Rie­sen Kor­rup­ti­ons­skan­dal” in Bezug auf den Her­stel­ler von Mund-Nasen-Schutz­mas­ken, Hygie­ne Aus­tria LP GmbH. Auch das Online-Maga­zin „Zack Zack”, das vom Ex-Poli­ti­ker Peter Pilz (Grü­ne) her­aus­ge­ge­ben wird, berich­te­te über die Cau­sa unter dem Titel „Mas­ken­con­nec­tion ins Kanz­ler­amt”. Dabei wird behaup­tet, dass es über eine Mit­ar­bei­te­rin von Sebas­ti­an Kurz enge Ver­bin­dun­gen von der Hygie­ne Aus­tria ins Bun­des­kanz­ler­amt gebe.

Zu über­prü­fen­de Behaup­tung: Es gibt Ver­bin­dun­gen von der Hygie­ne Aus­tria LP GmbH in das Bundeskanzleramt.

Ein­schät­zung: Rich­tig ist, dass der Ehe­mann der Kanz­ler­amts-Büro­lei­te­rin Teil­ha­ber der am 12. März 2020 gegrün­de­ten Fir­ma ist. Der Bun­des­kanz­ler besuch­te die Pro­duk­ti­ons­stät­te auch am 19. Mai. Fakt ist, dass es kei­ner­lei staat­li­che Auf­trä­ge an die Fir­ma zur Mas­ken­pro­duk­ti­on gibt. Die Hygie­ne Aus­tria LP GmbH fin­det sich jedoch auf einer Lis­te von 51 poten­zi­el­len Lie­fe­ran­ten, die die Bun­des­be­schaf­fung GmbH (BBG) ver­öf­fent­licht hat. Hygie­ne Aus­tria bestrei­tet, jemals durch den Kon­takt ins Bun­des­kanz­ler­amt pro­fi­tiert zu haben.

Über­prü­fung: Die Fir­ma Hygie­ne Aus­tria LP GmbH ist laut „Fir­men ABC” am 12. März 2020 gegrün­det wor­den. Am 13. März gab die Bun­des­re­gie­rung Maß­nah­men wie die Schlie­ßung von Schu­len bekannt, die all­ge­mei­ne Mas­ken­pflicht in u.a. Super­märk­ten wur­de mit 6. April eingeführt.

Als Geschäfts­füh­rer der Hygie­ne Aus­tria LP GmbH tre­ten Tino Wie­ser und Flo­ri­an Wirth auf. Als Gesell­schaf­ter fun­gie­ren die Len­zing Akti­en­ge­sell­schaft (50,1 Pro­zent) und die Pal­mers Tex­til Akti­en­ge­sell­schaft (49,9 Pro­zent). Tino Wie­ser wie­der­um ist laut Wirt­schafts­Com­pass Geschäfts­füh­rer der Pal­mers Ver­mö­gens­ver­wal­tungs und Bei­tei­li­gungs GmbH sowie Vor­stand der Pal­mers Tex­til Akti­en­ge­sell­schaft. Tino Wie­ser ist dort gemein­sam mit sei­nem Bru­der Luca Wie­ser und Hut­man Mat­vei als Vor­stand gelis­tet. Dass es sich bei Luca und Tino Wie­ser um Brü­der han­delt, ist etwa in einem gemein­sa­men Inter­view im Wirt­schafts­ma­ga­zin „Gewinn” dokumentiert.

Lisa Wie­ser ist Büro­lei­te­rin des Kabi­netts von Bun­des­kanz­ler Sebas­ti­an Kurz. Sie ist die Ehe­frau von Luca Wie­ser, wie etwa aus Inter­views im Frau­en­ma­ga­zin „Look” oder mit der Blog­ge­rin Hedi Gra­ger hervorgeht.

Der Bun­des­kanz­ler besuch­te die Pro­duk­ti­ons­stät­te von Hygie­ne Aus­tria am 19. Mai. Laut einer Aus­sendung des Unter­neh­mens sag­te er damals: „Ich freue mich sehr, dass wir in Öster­reich, durch die Grün­dung der Hygie­ne Aus­tria, die Ver­sor­gung an Mund-Nasen Mas­ken nicht nur für Erwach­se­ne, son­dern auch für Kin­der gewähr­leis­ten kön­nen. Dies ist ein wei­te­rer und wich­ti­ger Bei­trag zur Ein­däm­mung von COVID-19 und zur Sicher­heit aller Men­schen in Österreich.”

Über die „Con­nec­tion” ins Kanz­ler­amt äußer­te sich übri­gens die FPÖ als ers­te: Am 20. Juli ver­mu­te­te FPÖ-Gene­ral­se­kre­tär Micha­el Schned­litz laut Aus­sendung wirt­schaft­li­che Inter­es­sen im direk­ten Umfeld des Kanz­lers hin­ter der offen­bar von Kurz per­sön­lich ange­streb­ten Ver­schär­fung” (der Mas­ken­pflicht, Anm.). „Die Büro­lei­te­rin von Kurz ist die Ehe­frau eines der Pal­mers-Eigen­tü­mer. Pal­mers wie­der­um hat zusam­men mit Len­zing eine Fir­ma namens „Hygie­ne Aus­tria” gegrün­det, die erst vor einer Woche bekannt­ge­ge­ben hat, die Schutz­mas­ken-Pro­duk­ti­on auf 25 Mil­lio­nen Stück pro Monat auszuweiten.”

Ein Spre­cher des Bun­des­kanz­ler­amts gab auf tele­fo­ni­sche APA-Anfra­ge bekannt, dass sei­tens des BKA bis­her kei­ne Auf­trä­ge an die „Hygie­ne Aus­tria” erteilt wur­den. Auch sei­tens des Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums gab es laut tele­fo­ni­scher Aus­kunft einer Minis­te­ri­ums-Spre­che­rin kei­ne Auf­trä­ge oder Ankäufe.

Die Hygie­ne Aus­tria selbst gab auf APA-Anfra­ge bekannt, an der Aus­schrei­bung der BBG (Bun­des­be­schaf­fung GmbH) teil­ge­nom­men zu haben und „nach einem sehr gründ­li­chen Über­prü­fungs­ver­fah­ren” als Lie­fe­rant gelis­tet zu sein. „Bis­her sind kei­ne Auf­trä­ge über die BBG ein­ge­gan­gen. Wir wür­den uns als ein rein öster­rei­chi­sches Unter­neh­men über Auf­trä­ge freu­en.” In der schrift­li­chen Stel­lung­nah­me betont Hygie­ne Aus­tria, zu kei­nem Zeit­punkt durch den Kon­takt zu Lisa Wie­ser eine Bevor­zu­gung erfah­ren oder von Insi­der-Infor­ma­tio­nen pro­fi­tiert zu haben, auch die Ein­la­dung des Bun­des­kanz­lers zu einem Werks­be­such sei über die PR-Bera­tung des Unter­neh­mens abge­wi­ckelt worden.

Die BBG über­mit­tel­te der APA eine Lis­te jener 51 Lie­fe­ran­ten, die im Zuge der Aus­schrei­bung ermit­telt wur­den. Dabei wird betont: „Die in den ver­gan­ge­nen Tagen abge­schlos­se­nen Ver­fah­ren sind, im Sin­ne des Kri­sen- und Vor­sor­ge­ma­nage­ments, als fle­xi­ble Rah­men­ver­ein­ba­run­gen für eine Lauf­zeit von vier Jah­ren auf­ge­setzt. Es besteht kei­ne Abnah­me­ver­pflich­tung, im Fal­le der tat­säch­li­chen Bestel­lung muss der Ver­trags­part­ner jedoch liefern.”

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Son­ja Harter/Florian Schmidt