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blog / Freitag 11.02.22

APA Check Avatar Lock­down-Stu­die wird ver­kürzt wiedergegeben

APA/Archiv

Seit Beginn der Pan­de­mie wer­den Maß­nah­men gegen die Aus­brei­tung des Coro­na­vi­rus in bestimm­ten Krei­sen kri­tisch betrach­tet. Beson­ders der Nut­zen von har­ten Maß­nah­men wie Lock­downs wird oft hin­ter­fragt. Eine neue Stu­die soll laut Social Media-Postings (1,2,3) und Medi­en­be­rich­ten (4) jetzt her­aus­ge­fun­den haben, dass Lock­downs gar kei­ne Leben ret­ten und wir­kungs­los seien.

Ein­schät­zung: Die Stu­die trifft kei­ne gene­rel­le Aus­sa­ge zu Lock­downs. Sie hat nur fest­ge­stellt, dass in der ers­ten Coro­na-Wel­le poli­tisch ver­ord­ne­te Maß­nah­men kaum mehr Tote ver­hin­dert haben als Län­der, in denen frei­wil­lig das sozia­le Ver­hal­ten in der Gesell­schaft ange­passt wor­den ist. An der Stu­die und den Autoren wird Kri­tik geübt.

Über­prü­fung:

Der Inhalt der Meta-Stu­die (5), die 24 ande­re Stu­di­en aus unter­schied­li­chen Län­dern aus­wähl­te und ana­ly­sier­te, wird der­zeit vor allem von Maß­nah­men-Geg­nern ver­kürzt mit „Lock­downs ret­ten kei­ne Leben” oder „Lock­downs sind wir­kungs­los” wie­der­ge­ge­ben. In Wirk­lich­keit sagt der Inhalt der Stu­die aller­dings fol­gen­des aus: Ver­pflich­ten­de nicht-phar­ma­zeu­ti­sche Maß­nah­men gegen die Aus­brei­tung des Coro­na­vi­rus zeig­ten zu Beginn der Pan­de­mie kaum mehr Wir­kung als von der Bevöl­ke­rung frei­wil­lig vor­ge­nom­me­ne Anpassungen.

Bevöl­ke­rung redu­zier­te selbst Kontakte

Kon­kret kommt die Stu­die zu dem Ergeb­nis, dass in Euro­pa und den USA, wo es der­ar­ti­ge ver­häng­te Maß­nah­men gab, die Mor­ta­li­tät nur um 0,2 Pro­zent ver­rin­gert wor­den ist. Als Ver­gleichs­wert wer­den unter ande­rem Län­der her­an­ge­zo­gen, in denen es kei­ne der­art strik­ten Maß­nah­men gege­ben hat, son­dern zum Bei­spiel ledig­lich Empfehlungen.

Ein Grund dafür könn­te sein, dass eine Bevöl­ke­rung in Zei­ten einer Pan­de­mie selbst vor­sich­tig ist und Social Distancing-Maß­nah­men vor­nimmt, auch wenn sie nicht ver­ord­net wer­den, wie die Stu­di­en­au­toren selbst in ihren Aus­füh­run­gen ange­ben. Wei­te­re mög­li­che Grün­de für den feh­len­den Unter­schied sind laut den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­tern, dass ver­ord­ne­te Lock­downs nur einen Teil poten­zi­ell infi­zie­ren­der Kon­tak­te ein­schrän­ken, sie nicht die indi­vi­du­el­len Hygie­ne­maß­nah­men regu­lie­ren, die Gesell­schaft in der Fol­ge bei einem erkenn­bar ver­rin­ger­ten Risi­ko wie­der unvor­sich­ti­ger agie­ren und unbe­ab­sich­tig­te Aus­wir­kun­gen eine Rol­le spie­len könn­ten. Mit letz­te­rem ist etwa gemeint, dass sich Men­schen durch Aus­gangs­be­schrän­kun­gen an Orten auf­hal­ten muss­ten, die mög­li­cher­wei­se eine höhe­re Infek­ti­ons­ge­fahr als öffent­li­che Orte aufwiesen.

Ver­ord­nun­gen ver­sus öffent­li­ches Bewusstsein

In ers­ter Linie wirft die Stu­die die Fra­ge auf, ob nach­weis­lich effek­ti­ve Maß­nah­men (6) wie Kon­takt­be­schrän­kun­gen, Ver­samm­lungs­be­gren­zun­gen oder geziel­te Schlie­ßun­gen von Aus­bil­dungs-oder Arbeits­stät­ten, von der Poli­tik ver­ord­net wer­den müs­sen oder von einer Gesell­schaft selbst ange­wandt wer­den. Dass sol­che Maß­nah­men eine Aus­wir­kung haben, wird in der Stu­die gar nicht bezweifelt.

Da die Stu­die nur die ers­te Wel­le berück­sich­tigt und zu die­ser Zeit die Pan­de­mie eine völ­lig neue Situa­ti­on für die Mensch­heit war, kön­nen dar­aus nur schwer all­ge­mei­ne Schluss­fol­ge­run­gen getrof­fen wer­den. Ob sich Men­schen im wei­te­ren Ver­lauf der Pan­de­mie ohne Ver­ord­nun­gen ähn­lich vor­sich­tig ver­hal­ten hät­ten, hat sich die Stu­die nicht ange­se­hen. Abseits der Lock­downs in der ers­ten Wel­le gin­gen vie­le Län­der in Fol­ge zu unter­schied­li­chen Zeit­punk­ten und Kon­di­tio­nen sowie für unter­schied­li­che Dau­er in wei­te­re Lockdowns.

Die Ver­kür­zung, dass Lock­downs laut der Stu­die gene­rell kei­ne Leben ret­ten, ist dadurch unzu­läs­sig. Die Autoren räu­men ein, dass es in der ers­ten Wel­le schwie­rig war, zwi­schen dem Effekt von Lock­downs und dem Effekt von öffent­li­chem Bewusst­sein zu unterscheiden.

Kri­tik an Studie

Der­ar­ti­ge Lock­down-Stu­di­en sind schwie­rig durch­zu­füh­ren, selbst Meta-Ana­ly­sen. Dar­auf wie­sen auch in der Ver­gan­gen­heit meh­re­re Exper­ten hin (7). Ein Lock­down erfolgt nicht immer in der­sel­ben Art und Wei­se, die Zusam­men­set­zung unter­schied­li­cher nicht-phar­ma­zeu­ti­scher Maß­nah­men vari­iert stark. In der aktu­el­len Stu­die wer­den Lock­downs so defi­niert, dass min­des­tens eine nicht-phar­ma­zeu­ti­sche ver­pflich­ten­de Maß­nah­me beschlos­sen wur­de. Dazu gehö­ren etwa Schul­schlie­ßun­gen, Bewe­gungs­ein­schrän­kun­gen oder das Aus­set­zen des inter­na­tio­na­len Reiseverkehrs.

Nach Ver­öf­fent­li­chung der Stu­die wur­den eini­ge Aspek­te stark kri­ti­siert. So wur­de sie etwa in kei­nem wis­sen­schaft­li­chen Maga­zin son­dern auf der Uni­ver­si­täts-Home­page ver­öf­fent­licht, wodurch auch kein Peer-Review not­wen­dig ist. Auch die Aus­wahl der ana­ly­sier­ten Stu­di­en wur­de von Exper­ten kri­ti­siert (8,9), etwa von dem Öko­no­men Andre­as Back­haus von der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen auf Twit­ter (10).

Lock­downs als Notlösung

Gene­rell ist es kein Geheim­nis, dass Lock­downs sehr har­te Ein­grif­fe sind und ver­mie­den wer­den wol­len. Selbst die WHO weist dar­auf hin, dass, obwohl Lock­downs das Infek­ti­ons­ge­sche­hens ver­rin­gern könn­ten, den­noch zahl­rei­che nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen mög­lich sei­en. Die Gesund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on erkennt aller­dings an, dass eini­ge Län­der zu gewis­sen Zeit­punk­ten kei­ne ande­re Wahl gehabt hät­ten, als der­ar­ti­ge Maß­nah­men ein­zu­füh­ren, um sich Zeit zu erkau­fen (11).

Es gibt aber tat­säch­lich Hin­wei­se, dass Lock­downs in der ers­ten Wel­le sogar spe­zi­fi­sche posi­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Gesund­heit der betrof­fe­nen Bevöl­ke­rung hat­ten. Erst im Jän­ner die­ses Jah­res kam eine Stu­die zu dem Schluss, dass die durch Lock­downs ver­bes­ser­te Luft­qua­li­tät zu Beginn der Pan­de­mie hun­der­te Men­schen­le­ben in Euro­pa geret­tet hat (12). Ursa­che sei­en dabei etwa die Ein­schrän­kung des Rei­se­ver­kehrs oder die Schlie­ßung von Arbeits­stät­ten gewesen.

Bereits am Anfang des ver­gan­ge­nen Jah­res hat eine ähn­li­che Lock­down-Stu­die für Auf­re­gung gesorgt und die­sen har­ten Maß­nah­men wenig zusätz­li­che Effek­ti­vi­tät beschei­nigt. Auch die­se Ergeb­nis­se des Gesund­heits­wis­sen­schaf­ters John Ioann­i­dis wur­den damals wegen der zugrun­de lie­gen­den Metho­dik kri­ti­siert (13,14).

 

Links

(1) Face­book-Pos­ting: http://​go​.apa​.at/​Z​8​a​T​n​s9L (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​F​W​LuV)

(2) Face­book-Pos­ting: http://​go​.apa​.at/​E​D​t​T​7​kUr (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​R​H​8​H​-​2​9RF)

(3) Face­book-Pos­ting: http://​go​.apa​.at/​6​X​b​9​x​Dxr (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​M​6​UL9)

(4) Arti­kel Unzen­su­riert: http://​go​.apa​.at/​0​u​4​N​Z​Gjm (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​q​4​C​E​S​qTe)

(5) Meta-Stu­die zu Lock­downs: https://​per​ma​.cc/​7​N​S​P​-​9​BPW (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​6​F​L​E​-​T​RXX)

(6) Stu­die zu Effek­ti­vi­tät der Maß­nah­men: http://​go​.apa​.at/​m​c​g​H​e​Qoq (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​f​i​k​O​x​rkC)

(7) SZ-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​z​s​X​M​2​yzX (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​A​i​q​Y​7​oB3)

(8) Deutsch­land­funk-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​g​u​4​g​s​Jvi (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​W​E​G​3​-​D​9YE)

(9) Gide­on Mey­e­ro­witz-Katz auf Twit­ter: http://​go​.apa​.at/​9​w​b​o​k​bjn (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​J​x​3​O​v​YGV)

(10) Andre­as Back­haus auf Twit­ter: http://​go​.apa​.at/​B​y​i​F​l​PX0 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​q​m​E​9​l​Xty)

(11) WHO zu Lock­downs: http://​go​.apa​.at/​u​C​d​V​E​P5k (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​5​F​F​X​-​D​LAW)

(12) Stu­die zu Luft­qua­li­tät: http://​go​.apa​.at/​O​8​b​5​C​35o (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​0​n​5​c​z​8tb)

(13) SZ-Arti­kel zu Ioann­i­dis-Stu­die: http://​go​.apa​.at/​z​s​X​M​2​yzX (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​T​E​dJf)

(14) APA-Fak­ten­check: http://​go​.apa​.at/​R​d​f​S​Y​ead

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Flo­ri­an Schmidt / Vale­rie Schmid