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blog / Dienstag 27.07.21

APA Check Avatar Kei­ne Übersterb­lich­keit im Juni 2021 in Österreich

APA/Archiv

Seit Mona­ten war­nen Impf­kri­ti­ker vor angeb­li­chen Gefah­ren, die in Zusam­men­hang mit der Covid-19-Imp­fung ste­hen. Vie­le ver­brei­ten in dem Bereich aber auch fal­sche Infor­ma­tio­nen. Der­zeit wird etwa in Face­book-Postings (1) behaup­tet, dass es in Öster­reich zuletzt eine „mas­si­ve Übersterb­lich­keit” gege­ben habe. Als Grund ver­mu­ten Social Media-User die Corona-Impfung.

„Da die Coro­na­sta­tio­nen leer sind (sic!) ist dies der kla­re Beweis, es liegt an den Gen-Sprit­zen”, heißt es. Als Quel­le die­ser Behaup­tun­gen wird ein Blog-Arti­kel (2) ange­führt.

Ein­schät­zung: Es gab im Juni 2021 in Öster­reich kei­ne Übersterb­lich­keit. Daten zei­gen, dass es in etwa so vie­le Todes­fäl­le gab wie in den Mona­ten davor. Die Daten­la­ge lässt der­zeit kei­ne Schlüs­se auf die Ursa­chen der Ster­be­fäl­le zu. Es gibt aber kei­ne Hin­wei­se, dass die Coro­na-Imp­fung dafür ver­ant­wort­lich ist.

Über­prü­fung: Euro­MO­MO (3) ist ein euro­pa­wei­tes Mor­ta­li­täts-Über­wa­chungs­sys­tem, das dar­auf abzielt, über­mä­ßi­ge Todes­fäl­le in Zusam­men­hang mit der Grip­pe oder Pan­de­mien zu erken­nen und zu mes­sen. Die Daten­bank gilt als bewähr­tes Instru­ment. Deren Daten zei­gen, dass es im Juni 2021 in Öster­reich kei­ne Übersterb­lich­keit gab.

Die Sta­tis­tik Aus­tria über­mit­telt tages­ak­tu­ell die soge­nann­te „All­­Ur­sa­chen-Mor­ta­li­tät” an Euro­MO­MO. Woche für Woche lässt sich so die Mor­ta­li­tät eines Lan­des nach­voll­zie­hen. Die erwar­te­te Mor­ta­li­tät wird in der Base­li­ne dar­ge­stellt. Die Lini­en „Nor­mal Ran­ge” und „Sub­stan­ti­al incre­a­se” zei­gen an, bis wann die Mor­ta­li­tät noch im nor­ma­len Bereich ist und ab wann sie erhöht ist. „Die beob­ach­te­te Abwei­chung der All-Ursa­chen-Mor­ta­li­tät von der „Base­li­ne” wird als Über- bezie­hungs­wei­se als Unter­sterb­lich­keit bezeich­net. Die Abwei­chun­gen wer­den stan­dar­di­siert in Form von Z‑scores dar­ge­stellt”, erklärt ein Bericht (4) der Öster­rei­chi­schen Agen­tur für Ernäh­rungs­si­cher­heit (AGES).

Ein Z‑score unter zwei bedeu­tet gemäß Euro­MO­MO-Defi­ni­ti­on kei­ne Übersterb­lich­keit. Zwi­schen zwei und vier ist sie gering, zwi­schen vier und sie­ben mit­tel und zwi­schen sie­ben und zehn hoch. Ab zehn ist sie sehr hoch und ab 15 ist sie extrem hoch – das ist die letz­te Stufe.

Im gesam­ten Juni 2021 ging der Z‑score (5) nicht über zwei hin­aus, es gab also gar kei­ne Übersterb­lich­keit in Öster­reich. Das bestä­tig­te auch ein AGES-Pres­se­spre­cher der APA. Schon gar nicht gab es dem­nach eine „mas­si­ve” oder „signi­fi­kan­te” Übersterb­lich­keit, wie von Social Media-Usern fälsch­li­cher­wei­se behauptet.

Juni 2021 „nicht wirk­lich auffällig”

Ver­gleicht man die Zahl der Ster­be­fäl­le von Sta­tis­tik Aus­tria (6) in den Kalen­der­wo­chen 22 bis 26 (Woche von 31. Mai 2021 bis zum 04. Juli 2021) mit dem Durch­schnitt der­sel­ben Kalen­der­wo­chen aus den Jah­ren 2016 bis 2020, so zeigt sich schon, dass es in jeder Juni-Woche 2021 in Öster­reich mehr Ster­be­fäl­le gab als im Durch­schnitt der letz­ten Jah­re. Das allei­ne sagt aller­dings noch nicht viel aus.

Auf APA-Anfra­ge beton­te etwa eine Pres­se­spre­che­rin von Sta­tis­tik Aus­tria, dass der Juni 2021 als Gan­zes „nicht wirk­lich auf­fäl­lig” gewe­sen sei. In den Kalen­der­wo­chen 22 bis 26 habe es „so wie in fast allen Wochen des Jah­res 2021 – außer Februar/Anfang März – etwas mehr Ster­be­fäl­le als im Durch­schnitt der ver­gan­ge­nen fünf Jah­re gegeben.”

Etwas höher sei­en die Ster­be­fäl­le in der 24. und 25. Kalen­der­wo­che (14. bis 27. Juni) gewe­sen, so die Spre­che­rin. Das zeigt sich auch bei Euro­MO­MO: In Kalen­der­wo­che 25 (Woche von 21.06.2021 bis 27.06.2021) lag der Z‑score bei 1,96, also knapp unter zwei und damit einer gerin­gen Übersterb­lich­keit. In Kalen­der­wo­che 24 (Woche von 14.06.2021 bis 20.06.2021) lag er bei 1,24.

Zusam­men­hang mit Hit­ze möglich

In die­se Woche fiel auch die ers­te gro­ße und län­ger andau­ern­de Hit­ze­wel­le in Öster­reich, wie Daten der Zen­tral­an­stalt für Meteo­ro­lo­gie und Geo­dy­na­mik (ZAMG) zei­gen. Auf einer Gra­fik (7) ist die Hit­ze­wel­le zwi­schen 16. Juni und 24. Juni 2021 gut erkenn­bar. Das Flä­chen­mit­tel der Luft­tem­pe­ra­tur lag in die­sen Tagen im Ver­gleich zum Zeit­raum der Jah­re 1981 bis 2010 bei durch­schnitt­lich plus sechs Grad Celsius.

Ein Zusam­men­hang zwi­schen Hit­ze und den höhe­ren Ster­be­fäl­len in die­sen zwei Wochen ist also nahe­lie­gend. So gab es etwa in den letz­ten vier Jah­ren – mit Aus­nah­me von 2020 – eine Hit­ze-asso­zi­ier­te Übersterb­lich­keit in Öster­reich. Das zeigt das Hit­ze-Mor­ta­li­täts­mo­ni­to­ring (8) der Öster­rei­chi­schen Agen­tur für Ernäh­rungs­si­cher­heit (AGES). Für den Som­mer 2021 lie­gen laut dem AGES-Pres­se­spre­cher aller­dings noch kei­ne aktu­el­len Aus­wer­tun­gen dazu vor.

Auch die Sta­tis­tik Aus­tria betont, dass es noch zu früh ist, um Anga­ben zu den Todes­ur­sa­chen 2021 zu machen: „Wäh­rend die Ster­be­fäl­le von den Per­so­nen­stands­be­hör­den digi­tal an Sta­tis­tik Aus­tria über­mit­telt wer­den, erhal­ten wir die Anga­ben zu den Todes­ur­sa­chen als hand­schrift­li­chen Ein­trag auf Papier­for­mu­la­ren. (…) Die­se müs­sen vor­sor­tiert, ein­ge­ge­ben, nach WHO-Stan­dard kodiert, plau­si­bi­li­siert und aus­ge­wer­tet wer­den. Teil­wei­se sind auch Rück­fra­gen bei den ver­ant­wort­li­chen Toten­be­schauärz­ten und Patho­lo­gen erfor­der­lich (…). Daher dau­ert die Erstel­lung der Todes­ur­sa­chen­sta­tis­tik deut­lich län­ger als die der Ster­be­fäl­le”, erklärt die Sprecherin.

Kei­ne Hin­wei­se auf Impf-Risiken

Es gibt aller­dings kei­ner­lei Hin­wei­se, dass die erhöh­ten Ster­be­zah­len auf die Coro­na-Imp­fung zurück­zu­füh­ren sind, wie in Sozia­len Medi­en ver­mu­tet wird. Denn seit Beginn der Imp­fung Ende Dezem­ber 2020 wur­den nur 146 Todes­fäl­le in zeit­li­cher Nähe zu einer Covid-19-Imp­fung gemel­det. Bis jetzt wird nur bei einem Fall ein Zusam­men­hang mit der Imp­fung gese­hen. Das geht aus dem aktu­el­len Bericht (9) über Mel­dun­gen ver­mu­te­ter Neben­wir­kun­gen nach Covid-19-Imp­fun­gen des Bun­des­amts für Sicher­heit im Gesund­heits­we­sen (BASG) her­vor (Zeit­raum 27.12.2020 – 09.07.2021).

Gene­rell war die Zahl der Ster­be­fäl­le in Öster­reich am höchs­ten, als es noch gar kei­ne Coro­na-Imp­fung gab. So lag der Z‑score (5) in Kalen­der­wo­che 47 des Jah­res 2020 bei 11,04 und in Kalen­der­wo­che 49 des Jah­res 2020 sogar bei 12, was einer „sehr hohen” Übersterb­lich­keit ent­spricht. Laut AGES-Bericht (4) kor­re­lier­te die Übersterb­lich­keit in Öster­reich zeit­lich mit dem expo­nen­ti­el­len Anstieg der SARS­CoV‑2 Infek­ti­ons­fäl­le seit Kalen­der­wo­che 43.

Einer Pres­se­aus­sen­dung von Sta­tis­tik Aus­tria (10) von Ende Juni 2021 zufol­ge schwankt die Zahl der Ster­be­fäl­le in der Bevöl­ke­rung seit Mit­te Mai. Zu Jah­res­be­ginn sei die Zahl der wöchent­li­chen Ster­be­fäl­le aber noch bei rund 2.000 und damit um etwa 500 Ver­stor­be­ne pro Woche höher als Mit­te Juni gele­gen, heißt es.

Die Anzahl der Coro­na-Todes­fäl­le (11) lag in den Kalen­der­wo­chen 22 bis 26 bei 88. Die Zahl der Hos­pi­ta­li­sie­run­gen (11) ging in dem Zeit­raum kon­ti­nu­ier­lich zurück.

 

Quel­len:

(1) Face­book-Pos­ting: http://​go​.apa​.at/​V​W​x​x​D​exw (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​3​A​a​n​9​sXE)

(2) Report 24-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​G​o​B​x​X​j8x (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​W​S​a​T​D​3TQ)

(3) Über die Daten­bank Euro­MO­MO: http://​go​.apa​.at/​t​Q​e​p​d​52v (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​H​Z​y​X​K​Tv2)

(4) Bericht der Öster­rei­chi­schen Agen­tur für Ernäh­rungs­si­cher­heit (AGES) über Übersterb­lich­keit in Öster­reich: http://​go​.apa​.at/​F​Z​Y​m​3​VzD (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​I​c​I​n​O​mlK)

(5) Mor­ta­li­täts­sta­tis­tik von Euro­MO­MO: http://​go​.apa​.at/​v​H​y​M​W​W5i (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​Z​i​Y​w​W​kug)

(6) Ster­be­fäl­le in Öster­reich 2016–2021 laut Sta­tis­tik Aus­tria (Down­load): http://​go​.apa​.at/​4​q​C​6​x​SUy (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​R​K​D​V​z​yZv)

(7) Zen­tral­an­stalt für Meteo­ro­lo­gie und Geo­dy­na­mik (ZAMG) zu Tem­pe­ra­tu­ren im Juni 2021: http://​go​.apa​.at/​6​h​P​o​A​5uJ (16. Juni archi­viert: http://​go​.apa​.at/​V​b​G​C​u​gjx, 17. Juni archi­viert: http://​go​.apa​.at/​d​G​1​I​S​DwE, 18. Juni archi­viert: http://​go​.apa​.at/​M​1​M​E​k​LHU, 19. Juni archi­viert: http://​go​.apa​.at/​5​M​r​Q​5​Sym, 20. Juni archi­viert: http://​go​.apa​.at/​l​Q​a​z​7​FBb, 21. Juni archi­viert: http://​go​.apa​.at/​P​U​G​R​v​cp5, 22. Juni archi­viert: http://​go​.apa​.at/​K​j​t​7​E​tHv, 23. Juni archi­viert: http://​go​.apa​.at/​8​C​F​a​q​BMp, 24. Juni archi­viert: http://​go​.apa​.at/​S​H​D​V​J​UVi)

(8) Hit­ze-Mor­ta­li­täts­mo­ni­to­ring der AGES: http://​go​.apa​.at/​P​f​u​H​7​wbe (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​T​f​3​Z​4​qeq)

(9) Aktu­el­ler Bericht (Zeit­raum 27.12.2020 – 09.07.2021) über Mel­dun­gen ver­mu­te­ter Neben­wir­kun­gen nach Covid-19- Imp­fun­gen des Bun­des­amts für Sicher­heit im Gesund­heits­we­sen (BASG): http://​go​.apa​.at/​Z​1​L​M​8​bmg (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​i​A​b​X​T​tN9)

(10) Pres­se­aus­sen­dung von Sta­tis­tik Aus­tria (24.6.2021): http://​go​.apa​.at/​u​1​m​J​s​Tjs (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​5​P​L​u​Y​Ze5)

(11) AGES-Dash­board zu Coro­na-Ster­be­fäl­len und Hos­pi­ta­li­sie­run­gen: http://​go​.apa​.at/​w​H​Z​L​P​BmR (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​e​d​B​E​T​H29)

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Vale­rie Schmid / Flo­ri­an Schmidt