apa.at
blog / Freitag 26.02.21

APA Check Avatar Kei­ne höhe­re Anzahl an Sui­zi­den im Jahr 2020

APA/Schlager/Symbolbild
Lock­downs ver­lan­gen jedem betrof­fe­nen Men­schen eine Umstel­lung des all­täg­li­chen Lebens und eine Ein­schrän­kung der per­sön­li­chen Frei­heit ab. Dies kann auch psy­chi­sche Fol­gen haben. Geg­ner der Coro­na-Maß­nah­men füh­ren des­we­gen oft­mals eine erhöh­te Anzahl an Sui­zi­den seit der Pan­de­mie als Argu­ment gegen die Coro­na-Maß­nah­men an. Der­ar­ti­ge Behaup­tun­gen fan­den sich in den letz­ten Wochen immer wie­der (Bei­spiel 1Bei­spiel 2Bei­spiel 3Bei­spiel 4)
APA-Fak­ten­check nutzt die Ver­öf­fent­li­chung aktu­el­ler Daten der Sta­tis­tik Aus­tria als Anlass, um die­ses The­ma aufzuarbeiten.
Zu über­prü­fen­de Behaup­tung: Die Maß­nah­men zur Ein­däm­mung von SARS-CoV‑2 wie etwa Lock­downs führ­ten in Öster­reich zu einer erhöh­ten Anzahl an Suiziden.
Ein­schät­zung: Das ist falsch. Bis­her ist kein Anstieg ersicht­lich. Exper­ten rech­nen aller­dings mit einem ver­zö­ger­ten Effekt.
Über­prü­fung:

Laut den aktu­el­len Daten der Sta­tis­tik Aus­tria vom 26. Febru­ar 2020 ist die Zahl der Sui­zi­de im Jahr 2020 unauf­fäl­lig geblie­ben. Ins­ge­samt sei­en 1.068 Sui­zi­de regis­triert wor­den, was einen Rück­gang von vier Pro­zent zum Vor­jahr, in dem 1.113 Sui­zi­de ver­zeich­net wer­den muss­ten, bedeu­te. Im Ver­gleich zum Durch­schnitt der letz­ten fünf Jahr sei der Wert sogar um elf Pro­zent zurückgegangen.

Das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um teil­te auf Anfra­ge der APA Anfang Febru­ar mit, dass noch kei­ne Zah­len für das Jahr 2020 vor­lä­gen. Ers­te Daten aus den Bun­des­län­dern wür­den aller­dings dar­auf hin­deu­ten, dass es zu kei­nem Anstieg gekom­men sei.

Das Minis­te­ri­um ver­wies auf eine Stu­die von Eber­hard A. Dei­sen­ham­mer und Georg Kemm­ler, die sich die Lage in den ers­ten sechs Mona­ten nach Beginn der Pan­de­mie in Tirol ange­se­hen haben. Dort zeig­te sich dem­nach auch nicht nur kein Anstieg der Sui­zi­de bis Sep­tem­ber 2020, son­dern ein dras­ti­scher Rück­gang. Seit dem Jahr 2006 sui­zi­d­ier­ten sich in der Zeit­span­ne 1. April bis 30. Sep­tem­ber immer min­des­tens 50 Per­so­nen, mit einem Höchst­wert von 71 Toten im Jahr 2011. Im Pan­de­mie-Jahr 2020 waren es nur 45.

Die Autoren erklä­ren die­sen Rück­gang unter ande­rem mit einem mög­li­chen „Pul­ling Together”-Phänomen. Das bedeu­tet, dass sich der sozia­le Zusam­men­halt ange­sichts einer exter­nen Bedro­hung und eines gemein­sa­men Feinds stär­ke. Auch gesetz­te sozia­le Initia­ti­ven und finan­zi­el­le Unter­stüt­zun­gen hät­ten eine Rol­le gespielt.

Tho­mas Nie­der­kro­tentha­ler, Sui­zid­for­scher an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien, bestä­tig­te auf APA-Anfra­ge, dass die Sui­zid­zahl in Öster­reich laut bis­he­ri­gen Daten sta­bil sei. Dies decke sich mit inter­na­tio­na­len Stu­di­en zu die­sem The­ma. So habe man etwa in der Inter­na­tio­nal Covid-19 Sui­ci­de Pre­ven­ti­on Rese­arch Col­la­bo­ra­ti­on (ICS­PRC) Sui­zid­da­ten aus 21 Län­dern und Regio­nen mit hohem oder mitt­le­rem Ein­kom­men ver­gli­chen und dabei kei­nen Anstieg der Sui­zi­de bis zum Som­mer 2020 fest­ge­stellt, ins­be­son­de­re in west­li­chen Län­dern nicht. Die Stu­die sei aber noch in der Review-Phase.
Auch in regel­mä­ßi­gen Befra­gun­gen der Bevöl­ke­rung zei­ge sich bis Dezem­ber kei­ne erhöh­te Sui­zi­da­li­tät, so Nie­der­kro­tentha­ler. Die Antei­le von Men­schen mit depres­si­ven Sym­pto­men und Angst hät­ten sich aber seit Beginn der Pan­de­mie erhöht und sei­en auch seit dem zwei­ten Lock­down wei­ter gestie­gen. Da es sich hier um Risi­ko­fak­to­ren han­delt, die zu Sui­zi­da­li­tät füh­ren könn­ten, rät Nie­der­kro­tentha­ler, wach­sam zu sein und Prä­ven­ti­ons­an­ge­bo­te auszubauen.
Ein Blick in eine der ange­spro­che­nen, von der Unit Sui­zid­for­schung und Men­tal Health Pro­mo­ti­on von der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien durch­ge­führ­ten Befra­gun­gen von 1.000 Per­so­nen aus der öster­rei­chi­schen Bevöl­ke­rung im Sep­tem­ber zeigt, dass die Sui­zi­da­li­tät nicht höher ist als vor der Pan­de­mie. Nur 11,9 Pro­zent aller Per­so­nen mit Sui­zid­ge­dan­ken berich­te­ten von einer erhöh­ten Sui­zi­da­li­tät im Ver­gleich zu vor der Pan­de­mie. Für 46,3 Pro­zent ist die­se Belas­tung im Ver­gleich gleich geblie­ben und 41,9 Pro­zent der Befrag­ten ant­wor­te­ten sogar, dass die Sui­zid­ge­dan­ken weni­ger oder schwä­cher gewor­den sei​en​.Im August hat­te Innen­mi­nis­ter Karl Neham­mer (ÖVP) nach einer Par­la­men­ta­ri­schen Anfra­ge der FPÖ eine Fra­ge nach Poli­zei­ein­sät­zen auf­grund von Sui­zi­den beant­wor­tet. In kei­nem Bun­des­land war laut der in der Beant­wor­tung gelie­fer­ten Daten für die Mona­te Jän­ner bis Mai ein Anstieg bei Sui­zi­den im Ver­gleich zu den Vor­jah­ren klar erkennbar.
APA-Fak­ten­check erfrag­te beim Innen­mi­nis­te­ri­um eine Ergän­zung der Daten zu Poli­zei­ein­sät­zen auf­grund von Sui­zi­den für das rest­li­che Jahr 2020. Dort erklär­te man jedoch, dass eine der­ar­ti­ge Aus­wer­tung sehr viel Auf­wand bedeu­te und so vie­le Res­sour­cen belas­ten wür­de, dass eine Aus­wer­tung der­zeit nicht mög­lich sei.
Ein Blick auf die Such­ein­ga­ben bei Goog­le via Goog­le Trends zeigt, dass das Wort „Selbst­mord” im Ver­gleich zu den Vor­jah­ren nicht häu­fi­ger gesucht wird. Ein­zig im Febru­ar 2021 kam es zu einer etwas erhöh­ten Ver­wen­dung des Such­be­griffs. Dies könn­te aller­dings durch den von Medi­en auf­ge­grif­fe­nen Sui­zid eines Bun­des­heer-Sol­da­ten erklär­bar sein.
Ein Grund für die der­zeit kon­stan­ten Sui­zi­de könn­te laut Sui­zid­for­scher Nie­der­kro­tentha­ler sein, dass es in den ers­ten Pha­sen von Kri­sen auch Gegen­steue­run­gen gebe, etwa neue und aus­ge­bau­te Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te wie Psy­cho­the­ra­pie auf Sky­pe per Kran­ken­schein und Arbeits­markt­in­itia­ti­ven im ers­ten Lock­down. Der­ar­ti­ge Maß­nah­men könn­ten nega­ti­ve psy­chi­sche Effek­te „abpuf­fern, sodass die Aus­nah­me­si­tua­ti­on nicht unmit­tel­bar auf Sui­zi­de durch­schlägt”. Die Risi­ko­fak­to­ren sei­en aber wei­ter­hin vor­han­den, wes­halb es jetzt und in Zukunft wei­ter­hin psy­cho­so­zia­le sowie sozi­al- und wirt­schafts­po­li­ti­sche Maß­nah­men bräuch­te, um einen mög­li­chen Anstieg der Sui­zi­de zu ver­hin­dern, so Niederkrotenthaler.
In man­chen ande­ren Län­dern ist durch­aus ein Anstieg der Sui­zi­de im Jahr 2020 zu beob­ach­ten. In Japan etwa sui­zi­d­ier­ten sich laut einer Stu­die wäh­rend der zwei­ten Wel­le von Juli bis Okto­ber 16 Pro­zent mehr Men­schen als in den Vor­jah­ren. In den ers­ten fünf Mona­ten der Pan­de­mie sei dem­nach noch ein Rück­gang beob­ach­tet worden.
Als Risi­ko­fak­to­ren einer Pan­de­mie für die psy­chi­sche Gesund­heit benennt Epi­de­mio­lo­ge und Sui­zid­o­lo­ge David Gun­nell gemein­sam mit ande­ren For­schern in ihrem wis­sen­schaft­li­chen Auf­satz „Sui­ci­de risk and pre­ven­ti­on during the COVID-19 pan­de­mic” etwa erhöh­te bis­he­ri­ge Fak­to­ren wie Alko­hol­sucht oder häus­li­che Gewalt. Arbeits­lo­sig­keit könn­te zu finan­zi­el­len Not­la­gen bei­tra­gen, wäh­rend ande­re Maß­nah­men, wie auch das Ver­bot reli­giö­ser Zusam­men­künf­te, die sozia­le Iso­la­ti­on för­dern könn­ten. Die psy­chi­schen Fol­gen wür­den län­ger als die Pan­de­mie dau­ern und ihren Höhe­punkt auch erst danach fin­den, heißt es. Die Autoren ver­wei­sen aber dar­auf, dass die For­schung eine gute Basis für die Prä­ven­ti­on von Sui­zi­den bilde.
HIN­WEIS: Sie sind in einer ver­zwei­fel­ten Lebens­si­tua­ti­on und brau­chen Hil­fe? Spre­chen Sie mit ande­ren Men­schen dar­über. Hilfs­an­ge­bo­te für Per­so­nen mit Sui­zid­ge­dan­ken und deren Ange­hö­ri­ge bie­tet das Sui­zid­prä­ven­ti­ons­por­tal des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums. Unter www​.sui​zid​-prae​ven​ti​on​.gv​.at fin­den sich Kon­takt­da­ten von Hilfs­ein­rich­tun­gen in Österreich.
Wenn Sie zum Fak­ten­check-Team Kon­takt auf­neh­men oder Fak­ten­checks zu rele­van­ten The­men anre­gen möch­ten, schrei­ben Sie bit­te an faktencheck@apa.at
Flo­ri­an Schmidt/Valerie Schmid