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blog / Donnerstag 27.05.21

Kaum Coro­na-Erkran­kun­gen unter Vollimmunisierten

APA/Keystone/Symbolbild

In Öster­reich hat die Covid-19-Impf­kam­pa­gne zuletzt Fahrt auf­ge­nom­men. Über vier Mil­lio­nen Dosen (1) wur­den bereits ver­ab­reicht. Eini­ge Men­schen sehen das kri­tisch und wei­sen immer wie­der auf ver­meint­li­che Gefah­ren in Zusam­men­hang mit der Imp­fung hin. Der­zeit heißt es etwa in einem „unzensuriert”-Artikel (14), dass laut einer „erschre­cken­den Stu­die” 80 Geimpf­te an Coro­na erkrankt sei­en, 20 davon schwer. Als Quel­le wird das Bun­des­amt für Sicher­heit im Gesund­heits­we­sen genannt.

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on: Einer Stu­die des Bun­des­amts für Sicher­heit im Gesund­heits­we­sen (BASG) zufol­ge sind 80 Geimpf­te an Coro­na erkrankt, 20 davon schwer. Das sind „erschre­cken­de” Resultate.

Ein­schät­zung: Tat­säch­lich ist laut dem BASG bis 14. Mai 2021 bei 80 voll­im­mu­ni­sier­ten Men­schen die Schutz­wir­kung aus­ge­blie­ben. Aller­dings sind 80 Men­schen gemes­sen an den bis dahin voll­stän­dig gegen Coro­na Geimpf­ten eine sehr nied­ri­ge Zahl und liegt, was die Wirk­sam­keit der Impf­stof­fe betrifft, voll­kom­men im Rahmen.

Über­prü­fung: Das Bun­des­amt für Sicher­heit im Gesund­heits­we­sen (BASG) berich­tet regel­mä­ßig über Mel­dun­gen ver­mu­te­ter Neben­wir­kun­gen nach Covid-19-Imp­fun­gen. Es infor­miert auch über Covid-19-Erkran­kun­gen bei Voll­im­mu­ni­sier­ten – eine Stu­die ist die­ser Bericht (2) aber nicht. Das Aus­blei­ben der Schutz­wir­kung des Impf­stoffs wird als Impf­durch­bruch bezeich­net. Er tritt ein, wenn nach der 2. Dosis ein Zeit­raum von sie­ben Tagen bzw. der ein­zi­gen Dosis ein Zeit­raum von 28 Tagen oder mehr ver­stri­chen ist und die betrof­fe­ne Per­son SARS-CoV‑2 posi­tiv ist sowie Sym­pto­me aufweist.

Bis 14. Mai 2021 sei­en 80 sol­cher Fäl­le gemel­det wor­den. Acht Per­so­nen sei­en ver­stor­ben und ein Fall wur­de dem­nach als lebens­be­droh­lich ein­ge­stuft. 959.176 Men­schen in Öster­reich hat­ten laut dem Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um (1) bis 7. Mai (Anm. Voll­im­mu­ni­sie­rung eine Woche nach 2. Dosis, also am 14. Mai) einen voll­stän­di­gen Impf­schutz. Gemes­sen dar­an erkrank­ten also nur 0,008 Pro­zent der voll­stän­dig Geimpf­ten an Covid-19, also etwa einer von 10.000.

Das liegt völ­lig im Rah­men der von Zulas­sungs­stu­di­en ange­ge­be­nen Wirk­sam­keit der Covid-19-Impf­stof­fe. Der Impf­stoff von BioNTech/Pfizer (3) hat den Stu­di­en zufol­ge eine Wirk­sam­keit von 95.0 Pro­zent, jener von Moder­na (4) eine von 94.1 Pro­zent, der von Astra­Ze­ne­ca (5) eine von 59.5 Pro­zent und der von John­son & John­son (6) eine von 66,9 Pro­zent. Die Anga­ben vari­ie­ren von Quel­le zu Quel­le, da spä­ter noch Beob­ach­tungs­stu­di­en hin­zu­ka­men, die in die­sen Fak­ten­check aber nicht miteinfließen.

Die Wirk­sam­keit zeigt die Wahr­schein­lich­keit an, im Ver­gleich zu Pla­ce­bo-geimpf­ten Stu­di­en­teil­neh­mern an dem Virus zu erkran­ken. In Bezug auf den Schutz vor schwe­ren oder töd­li­chen Krank­heits­ver­läu­fen kann die Wirk­sam­keit sogar höher liegen.

Bei den Impf­stoff­stu­di­en von BioNTech/Pfizer erkrank­ten von 18.198 geimpf­ten Men­schen acht, von 18.325 nicht-geimpf­ten Per­so­nen aber 162. 0,044 Pro­zent der Geimpf­ten erkrank­ten also. Bei Moder­na sind es 0,078 Pro­zent, bei Astra­Ze­ne­ca 1,2 Pro­zent und beim Impf­stoff Jans­sen 0,336.

Das zeigt, dass offen­bar weni­ger Men­schen in Öster­reich nach einem voll­stän­di­gen Impf­schutz an Covid-19 erkrank­ten, als es auf Basis der Zulas­sungs­stu­di­en eigent­lich zu erwar­ten gewe­sen wäre. Bei allen in der EU zuge­las­se­nen Covid-19-Impf­stof­fen gilt die Wirk­sam­keit als hoch. Zu beach­ten ist, dass die Para­me­ter in den Zulas­sungs­stu­di­en leicht von­ein­an­der und auch von den Para­me­tern, die das BASG ver­wen­det, abwei­chen. So zählt bei­spiels­wei­se Moder­na alle Fäl­le erst 14 Tage nach der zwei­ten Dosis und BioNTech/Pfizer sowie das BASG hin­ge­gen bereits sie­ben Tage nach der zwei­ten Dosis. Auch bei der Anzahl und Schwe­re der Sym­pto­me gibt es leich­te Abweichungen.

Exper­ten­ein­schät­zung zu Impfdurchbrüchen

Mar­kus Zeit­lin­ger, Lei­ter der Abtei­lung für kli­ni­sche Phar­ma­ko­lo­gie an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien, sag­te der APA auf Anfra­ge, dass 80 Impf­durch­brü­che über­haupt kei­ne hohe Zahl sei­en. Er iden­ti­fi­ziert in dem Zusam­men­hang meh­re­re Fak­to­ren. Einer­seits müs­se man die­se Zahl – wie oben dar­ge­legt – in Rela­ti­on zu den ver­ab­reich­ten Imp­fun­gen sehen. Ande­rer­seits in Hin­blick dar­auf, wie stark die Pan­de­mie gras­siert: „Wenn sich ins­ge­samt nur 100 Leu­te in Öster­reich infi­ziert hät­ten und 80 davon sind Geimpf­te, dann wür­de es nicht gut aus­schau­en. Aber (…) es haben sich viel mehr jeden Tag infi­ziert und selbst jetzt infi­zie­ren sich ja noch jeden Tag mehr Leu­te und damit ist 80 kei­ne hohe Zahl.”

Prin­zi­pi­ell gilt, dass Men­schen, die trotz voll­stän­di­ger Covid-19-Imp­fung erkran­ken, nicht genü­gend Anti­kör­per bzw. kei­ne effi­zi­en­ten Anti­kör­per gebil­det hät­ten, so Zeit­lin­ger. Hier spielt das Immun­sys­tem eine Rol­le. Bei älte­ren Men­schen etwa spricht es weni­ger auf die Imp­fung an, sie haben ein schwä­che­res Immun­sys­tem. Auch bestimm­te Men­schen, die Medi­ka­men­te neh­men, bei­spiels­wei­se Organ-Trans­plan­tier­te, hät­ten ein schlech­te­res Immun­sys­tem, weil die Medi­ka­men­te ihr Immun­sys­tem unter­drü­cken wür­den, erläu­tert Zeit­lin­ger: „Das sind Per­so­nen, die hier beson­ders gefähr­det sind”.

Bei den acht Men­schen, die nach Erlan­gen des voll­stän­di­gen Impf­schut­zes ver­stor­ben sind, hat es sich laut Zeit­lin­ger vor allem um alte und sehr alte Men­schen gehan­delt. Die­se sind ohne­hin gefähr­de­ter, an Covid-19 zu ster­ben oder einen schwe­ren Ver­lauf zu haben – das spielt auch nach einem ver­sag­ten Covid-19-Impf­schutz eine Rolle.

Auch die Zeit ist ein wich­ti­ger Fak­tor. Vor allem am Anfang sei­en die ältes­ten Men­schen geimpft wor­den. Die­se hät­ten daher auch mehr Zeit gehabt, zum soge­nann­ten „Impf­ver­sa­ger” zu wer­den. „Wenn man jetzt vor einer Woche die zwei­te Imp­fung bekom­men hat, dann hat man noch gar kei­ne Zeit gehabt, sich zu infi­zie­ren, weil erst nach der zwei­ten Teil­imp­fung begon­nen wird, zu zäh­len. (…) Und die ande­ren haben jetzt doch schon vier, fünf Mona­te Zeit gehabt sozu­sa­gen, sich zu infi­zie­ren.” Die Grün­de dafür, trotz voll­stän­di­gem Impf­schutz zu erkran­ken, akku­mu­lie­ren sich also bei der älte­ren Generation.

Dass die­se Daten in den Medi­en „kom­plett” unter­ge­hen wür­den, wie im „unzensuriert”-Artikel (14) behaup­tet, ist falsch. Sowohl die APA (7), als auch der ORF (12) berich­te­ten aus­führ­lich über den aktu­el­len BASG-Bericht. Den APA-Bericht über­nah­men unter ande­rem Kurier (8), oe24 (9), die Wie­ner Zei­tung (10) und die Klei­ne Zei­tung (11).

 

Quel­len:

(1) Stand der Imp­fun­gen in Öster­reich (25.5.2021): http://​go​.apa​.at/​Z​c​V​Q​L​P3a (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​c​m​C​g​B​CiN)

(2) BASG-Bericht: http://​go​.apa​.at/​M​3​h​2​c​62R (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​8​7​u​S​v​HQC)

(3) Wirk­sam­keit von Bio­n­tech/P­fi­zer-Imp­fung: http://​go​.apa​.at/​6​7​G​w​e​i3d (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​X​Z​1​T​4​QsM)

(4) Wirk­sam­keit von Moder­na-Imp­fung: http://​go​.apa​.at/​F​b​h​u​0​YPM (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​x​1​x​E​Y​J5f)

(5) Wirk­sam­keit von Ast­re­ze­ne­ca-Imp­fung: http://​go​.apa​.at/​E​L​W​s​H​sQB (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​r​G​x​f​p​Cmc)

(6) Wirk­sam­keit von Jans­sen-Imp­fung: http://​go​.apa​.at/​J​v​B​X​R​6vy (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​p​4​m​A​9​N4q)

(7) APA-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​A​R​y​Z​T​MC3

(8) APA-Bericht im Kurier: http://​go​.apa​.at/​U​P​K​F​q​eN2 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​B​3​w​i​c​og4)

(9) APA-Bericht bei oe24: http://​go​.apa​.at/​N​U​X​3​U​cuH (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​2​P​5​L​E​9i7)

(10) APA-Bericht in der Wie­ner Zei­tung: http://​go​.apa​.at/​S​N​L​i​A​OFp (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​7​Y​m​c​7​NwM)

(11) APA-Bericht in der Klei­nen Zei­tung: http://​go​.apa​.at/​F​L​M​Z​j​GWm (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​q​W​9​9​k​RYh)

(12) ORF-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​g​8​E​J​r​zdP (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​X​M​m​R​5​n15)

(13) Face­book-Pos­ting: http://​go​.apa​.at/​X​9​o​2​b​JZx (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​G​H​R​y​q​P8Z)

(14) Unzen­su­riert-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​j​t​n​F​h​NeN (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​X​P​V​k​z​am3)

 

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Vale­rie Schmid / Flo­ri­an Schmidt