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blog / Donnerstag 24.09.20

APA Check Avatar Ist Wien die „Hoch­burg der Kriminalität”?

In einem Facebook-Posting, das über 200 Mal geteilt wurde, behauptet der Wiener FPÖ-Spitzenkandidat Dominik Nepp, dass Wien seit der Flüchtlingsbewegung im Jahr 2015 "zur absoluten Hochburg der Kriminalität wurde". Die Zuwanderungspolitik der Stadt nennt er gemeinsam mit "gleichzeitigen Einsparungen im Bereich von Polizei und Bundesheer" als Gefahr.

Zu überprüfende Behauptung: Wien wurde im Vergleich zu den Jahren vor der Flüchtlingsbewegung zu einer "Hochburg der Kriminalität".

Einschätzung: Richtig ist, dass die Kriminalität in Wien im Vergleich zu allen anderen Bundesländern höher ist, auch, wenn man sie in Relation zur Bevölkerungszahl setzt. Österreichweit ist die Kriminalitätsrate in den vergangenen fünf Jahren gesunken, in Wien nur von 2018 auf 2019 leicht gestiegen. Im Zehnjahresvergleich gab es in Wien einen Rückgang um 16,5 Prozent. Ein Anstieg insbesondere seit 2015 ist nicht zu verzeichnen. Verändert hat sich in diesem Zeitraum jedoch der Anteil der fremden Tatverdächtigen. Der Anteil der Nicht-Österreicher bei Straftaten ist seither gestiegen. Dies ist jedoch auch auf die steigende Bevölkerungszahl zurückzuführen, die hauptsächlich durch Migration begründet ist.

Überprüfung: Wie aus der polizeilichen Kriminalitätsstatistik des Bundeskriminalamts 2019 hervorgeht, ist die Zahl der Anzeigen österreichweit von insgesamt 517.869 Anzeigen im Jahr 2015 auf 488.912 im Jahr 2019 gesunken. Das entspricht einem Rückgang von 5,59 Prozent. Zu vermerken ist, dass die Anzeigen im Jahr 2016 auf 537.792 Fälle stiegen, seither aber wieder gefallen sind (2017: 510.536, 2018: 472.981). Vergleicht man nur die Veränderung von 2018 auf 2019 (auf 488.912) sieht man einen Anstieg um 3,37 Prozent. Allerdings waren die Zahlen von 2018 die niedrigsten der vergangenen zehn Jahre.
Fest steht, dass laut Kriminalstatistik 2019 35,5 Prozent der Kriminalität in der Bundeshauptstadt Wien stattfindet, gefolgt von Niederösterreich (14,1 Prozent) und Oberösterreich (13,2 Prozent). Allerdings ist Wien mit mehr als 1,9 Mio. Einwohnern auch das bevölkerungsreichste Bundesland, laut Statistik leben 21,5 Prozent der Einwohner Österreichs in Wien. Somit wird deutlich, dass die Kriminalitätsrate in Wien im Vergleich zu den anderen Bundesländern höher ist.

Unterteilt in die Herkunftsländer der Tatverdächtigen an der Gesamtkriminalität zeigt sich für 2019 folgendes Bild: Die Polizei konnte 13.077 Tatverdächtige aus Rumänien, 11.673 Tatverdächtige aus Deutschland, 11.042 Tatverdächtige aus Serbien, 8.305 Tatverdächtige aus der Türkei und 6.250 Tatverdächtige aus Afghanistan ausforschen. Jenes Herkunftsland, aus dem Flüchtlinge stammen, ist dabei nur Afghanistan.

Laut Asylstatistik des Innenministeriums 2019 kamen im Vorjahr 23 Prozent der Asylanträge aus Afghanistan, insgesamt suchten 2019 2.979 Personen mit afghanischer Staatsbürgerschaft um Asyl in Österreich an. Damit lag der Anteil der Afghanen an erster Stelle vor jenen Anträgen von Syrern (21 Prozent). Seit dem Jahr 2015 (insgesamt 88.340 Asylanträge) sank die Zahl der Anträge kontinuierlich, 2019 lag er bei 12.886 Asylanträgen.

Um einen Anstieg der Kriminalität zu betrachten, ist auch ein Blick auf den Anstieg der Bevölkerung in Wien sinnvoll. Mit Stichtag 1. Jänner 2020 lebten laut Angaben der Stadt Wien etwas mehr als 1,91 Mio. Menschen in der Bundeshauptstadt, im Jahr 2015 waren es noch 1,797.337. Das ergibt einen Anstieg der Bevölkerung in Wien um rund 6,3 Prozent. 2015 lebten in Wien 460.163 Menschen mit nicht-österreichischer Staatsangehörigkeit, 2019 waren es 572.834. Das entspricht einem Zuwachs von rund 24,5 Prozent. Das zeigt, dass der Anteil nicht-österreichischer Staatsbürger in Wien stärker gewachsen ist als die Gesamtbevölkerung in Wien. 2019 lebten 17.767 Menschen aus Afghanistan in Wien, 2015 waren es noch 7.558. Das entspricht einem Anstieg von rund 135 Prozent.

Zum Bundesland Wien hält die Kriminalstatistik fest: "Die Zahl der Anzeigen ist 2019 im Vergleich zum Vorjahr zwar um 2,6 Prozent auf 173.574 Anzeigen gestiegen, im Zehnjahresvergleich ist aber ein deutlicher Rückgang zu erkennen. Das bedeutet einen Rückgang von 16,5 Prozent." Verändert habe sich in diesem Zeitraum jedoch der Anteil der fremden Tatverdächtigen. Waren es 2010 noch 30.006 nicht-österreichische Straftäter, so wurden 2019 45.366 verzeichnet, ein Anstieg von 51,2 Prozent.

Einen vertieften Blick bietet das "Working Paper" mit dem Titel "Öffentliche Sicherheit in Wien" des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) aus dem Jahr 2015. Die Analyse bringt die Anzahl der Straftaten in einen Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum. In dem Bericht heißt es: "Die Bevölkerung Wiens hat in den letzten eineinhalb Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen. Demographisches Wachstum lässt ein Ansteigen von Kriminalanzeigen erwarten - nicht nur deshalb, weil mehr Menschen mehr Straftaten begehen können, sondern auch aufgrund der steigenden Bevölkerungsdichte, die Konflikte wahrscheinlicher macht." Tatsächlich sei die absolute Anzahl polizeilich registrierter Kriminalfälle trotz Stadtwachstum jedoch "relativ konstant geblieben oder sogar leicht gesunken". Das Fazit: Die "Kriminalitätsrate", also die Anzahl an Anzeigen pro Bevölkerung, sei daher deutlich zurückgegangen.

Auf APA-Anfrage verwies Arno Pilgram vom IRKS auf einen von ihm gemeinsam mit Walter Fuchs publizierten Artikel im Band "Migration oder Integration. Fakten oder Mythen?": In dem Beitrag "Mythenbildung über Kriminalität - Aufklärung am Beispiel MigrantInnen" verweisen die Autoren ebenfalls darauf, dass ein Anstieg der Bevölkerung auch mit einem Anstieg an angezeigten Straftaten einhergeht. "Nachdem der Bevölkerungszuwachs in Österreich wie in vielen Ländern Europas gegenwärtig de facto ausschließlich auf Migration zurückgeht, steigt der Anteil der 'Ausländerkriminalität' an der Gesamtkriminalität schlicht dadurch." Einer der gezogenen Schlüsse lautet: "Sobald etwa Bildung und Erwerbsbeteiligung in den Blick genommen werden, zeigt sich die Anzeigenbelastung als Funktion von sozialen Beteiligungschancen, die zwischen den Angehörigen verschiedener Nationalität extrem divergieren."

APA-Faktencheck hat auch FPÖ-Spitzenkandidat Dominik Nepp kontaktiert, um zu erfahren, auf welche Zahlen er seine Behauptung stützt, aber keine Antwort erhalten.

 

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Sonja Harter/Florian Schmidt