apa.at
blog / Samstag 04.06.22

APA Check Avatar Impf­scha­den-Ent­schä­di­gung wird indi­vi­du­ell bemessen

APA/EXPA/Symbolbild

Die Coro­na-Imp­fung ist seit ihrer Ein­füh­rung Ende des Jah­res 2020 ein emo­tio­na­les The­ma. Kri­ti­ker führ­ten schon davor mög­li­che Impf­schä­den ins Feld. Tat­säch­lich kann es in sel­te­nen Fäl­len dazu kom­men. Ein Online-Arti­kel (1) behaup­tet, wäh­rend dafür in Ita­li­en Zehn­tau­sen­de Euro Ent­schä­di­gung gezahlt wer­den, müss­ten Impf­ge­schä­dig­te in Öster­reich mit einem Pau­schal­be­trag von 1.303,50 Euro auskommen.

Ein­schät­zung: Auch in Öster­reich wird im Fal­le einer schwe­ren dau­er­haf­ten Erkran­kung oder wie in Ita­li­en im Todes­fall auf­grund eines Impf­scha­dens mehr als der Pau­schal­be­trag von der­zeit 1.344,70 Euro ausbezahlt.

Über­prü­fung: Der Pau­schal­be­trag wird an Betrof­fe­ne aus­be­zahlt, die kei­ne blei­ben­den Schä­den haben. Im dafür rele­van­ten Absatz des Impf­scha­den­ge­set­zes (ISG) heißt es: „Die Ent­schä­di­gung […] ist grund­sätz­lich als ein­ma­li­ge pau­scha­lier­te Geld­leis­tung im Betrag von 883,56 Euro zu leis­ten. Die­ser Betrag erhöht sich für jeden Tag, an dem beim Geschä­dig­ten Anstalts­be­dürf­tig­keit gege­ben war, um ein Drei­ßigs­tel der Pfle­ge­zu­la­ge der höchs­ten Stu­fe.” (2)

Der Betrag von 883,56 Euro stammt aus dem Jahr 2001, als die zuvor gel­ten­den 12.158 Schil­ling in Euro umge­rech­net wur­den (3). 1991 wur­den 10.000 Schil­ling als Pau­schal­zah­lung ein­ge­führt (4), im ursprüng­li­chen Geset­zes­text von 1973 (5) wur­de kein kon­kre­ter Betrag genannt.

Schon aus dem Geset­zes­text geht klar her­vor: Die Ent­schä­di­gung ist nicht mit die­ser Pau­scha­le gede­ckelt. Aller­dings sind für dar­über hin­aus­ge­hen­de Zah­lun­gen höhe­re Kos­ten, etwa für Behand­lun­gen oder Behel­fe, nach­zu­wei­sen (§ 2a Abs. 3 ISG).

Die im Arti­kel genann­ten 1.303,50 Euro Pau­schal­zah­lung sind ein ver­al­te­ter Wert. „Die­ser Betrag ent­spricht dem für das Jahr 2021 gel­ten­den Wert der pau­scha­lier­ten Ent­schä­di­gungs­leis­tung im Sin­ne des § 2a Abs. 2 ISG”, heißt es dazu aus dem öster­rei­chi­schen Sozi­al­mi­nis­te­ri­um auf APA-Anfra­ge. Dem­nach wird die­se Pau­schal­zah­lung „gemäß § 3 Abs. 4” jähr­lich ange­passt. Dar­aus ergibt sich für 2022 ein Betrag von 1.344,70 Euro.

Vor einem Jahr wur­den 16 Mal Ansprü­che nach dem Impf­scha­den­ge­setz gel­tend gemacht (6), mit Jah­res­en­de lag die­ser Wert bereits bei 370 (7). Aktu­el­le Daten nann­te das Minis­te­ri­um kei­ne. Zudem kön­nen die posi­tiv abge­schlos­se­nen Anträ­ge nicht bezif­fert wer­den. „Die Zuer­ken­nungs­quo­te kann ange­sichts man­geln­der Erfah­rungs­wer­te zu Covid-19-Imp­fun­gen gegen­wär­tig nicht abge­schätzt wer­den, hier­zu fehlt es an einer belast­ba­ren Daten­grund­la­ge”, heißt es dazu.

Laut dem Rei­se­me­di­zi­ner und Impf-Exper­ten Prof. Dr. Her­wig Kol­la­ritsch, Mit­glied des natio­na­len öster­rei­chi­schen Impf­gre­mi­ums, kommt ein Antrag auf rund 50.000 durch­ge­führ­te Imp­fun­gen. Kol­la­ritsch bezif­fer­te den Anteil der posi­ti­ven Anträ­ge zum Jah­res­wech­sel im Ö1-„Morgenjournal” aus Erfah­rung frü­he­rer Imp­fun­gen auf „zehn bis 15 Pro­zent”. (10)

Für die Aner­ken­nung müs­se nach der wis­sen­schaft­li­chen Lehr­mei­nung mehr für einen Zusam­men­hang spre­chen als dage­gen. „Die allei­ni­ge Mög­lich­keit einer Ver­ur­sa­chung reicht nicht”, erklär­te Kol­la­ritsch weiter.

Grund­sätz­lich wer­den Imp­f­ent­schä­di­gun­gen in Öster­reich im Ein­zel­fall berech­net und zuge­spro­chen. Die­se wer­den laut Minis­te­ri­um „im Rah­men eines Ver­wal­tungs­ver­fah­rens beim Sozi­al­mi­nis­te­ri­umser­vice beur­teilt. In jedem Ein­zel­fall erfol­gen sorg­fäl­ti­ge Prü­fun­gen, auch unter Ein­be­zie­hung medi­zi­ni­scher Sachverständiger.”

Eine pau­scha­le Zah­lung, die im Arti­kel als ein­zi­ger Anspruch auf Ent­schä­di­gung ange­führt wird, ist ledig­lich die Grund­la­ge für mög­li­che wei­te­re Zah­lun­gen. Mehr noch: Sie steht laut Geset­zes­text „einer Ent­schä­di­gung für spä­ter her­vor­kom­men­de Dau­er­fol­gen nicht ent­ge­gen und ist auf eine sol­che nicht anzu­rech­nen.” (§ 2a Abs. 4 ISG)

Die Dau­er­leis­tun­gen nach dem Impf­schutz­ge­setz fol­gen dem Sozi­al­mi­nis­te­ri­um zufol­ge unfall­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Grund­sät­zen. Daher besteht dafür eine Ober­gren­ze. 2022 beträgt sie rund 2.800 Euro pro Monat.

Impf­schä­den sind sehr sel­ten. „Dem Bun­des­amt für Sicher­heit im Gesund­heits­we­sen (BASG) wur­den 282 Todes­fäl­le in zeit­li­cher Nähe zu einer Imp­fung gegen COVID-19 gemel­det”, heißt es in des­sen aktu­ells­tem Bericht vom 28. April 2022. Dem­nach wird nur in zwei Fäl­len ein Zusam­men­hang mit der Imp­fung gese­hen. (8)

In 548 Fäl­len wur­den die doku­men­tier­ten Sym­pto­me in zeit­li­cher Nähe zur Imp­fung dem Bericht zufol­ge als zumin­dest kurz­fris­tig lebens­be­dro­hend gemel­det, in 2.503 Fäl­len war „im zeit­li­chen Zusam­men­hang mit der COVID-19-Imp­fung ein Kran­ken­haus­auf­ent­halt erfor­der­lich oder ein sol­cher wur­de ver­län­gert”. Neben­wir­kun­gen kann seit Anfang 2021 jede Per­son online für sich selbst oder Ange­hö­ri­ge mel­den (9).

In dem ein­gangs erwähn­ten Arti­kel wird auch ein Fall aus Deutsch­land genannt. In Deutsch­land regelt das Bun­des­ver­sor­gungs­ge­setz (11) Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen aller Art, dar­un­ter auch durch Impf­schä­den. Dem Infek­ti­ons­schutz­ge­setz (12) ist zu ent­neh­men, dass Geschä­dig­te „wegen der gesund­heit­li­chen und wirt­schaft­li­chen Fol­gen der Schä­di­gung auf Antrag Ver­sor­gung” erhal­ten. Dar­un­ter fal­len etwa Beschä­dig­ten­ren­ten, die sich nach dem Ein­kom­men rich­ten, oder pau­scha­lier­te Pflegezulagen.

Quel­len:

(1) Online-Arti­kel mit Behaup­tung: http://​go​.apa​.at/​R​x​j​E​p​9vv (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​n​O​TYe)

(2) Impf­scha­den­ge­setz, aktu­el­le Fas­sung: http://​go​.apa​.at/​J​y​d​T​L​kiX (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​d​8​dND)

(3) Bun­des­ge­setz­blatt I Nr. 70/2001: http://​go​.apa​.at/​b​X​m​j​o​tUO (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​3​3​R​M​-​J​TRL)

(4) Bun­des­ge­setz­blatt Nr. 278/1991: http://​go​.apa​.at/​Z​0​m​l​G​wtX (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​C​G​0​m​A​uwH)

(5) ISG von 1973, ver­öf­fent­licht im BGBl. Nr. 371/1973: http://​go​.apa​.at/​1​S​H​p​h​cDO (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​E​Z​4​J​-​Q​U2M)

(6) „Kurier” vom 8.6.2021: http://​go​.apa​.at/​u​q​Q​J​y​KOu (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​2​b​YkV)

(7) „Salz­bur­ger Nach­rich­ten” vom 3.1.2022: http://​go​.apa​.at/​0​g​s​s​8​yzK (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​g​5​XyZ)

(8) BASG-Bericht vom 28.4.2022: http://​go​.apa​.at/​H​X​g​u​i​jT5 (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​T​3​Y​S​-​6​H4P)

(9) Web­site zum Mel­den von Neben­wir­kun­gen: http://​go​.apa​.at/​A​N​a​t​O​3pC (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​n​u​pqM)

(10) Arti­kel zum Inter­view auf „ORF​.at”: http://​go​.apa​.at/​I​P​B​u​O​8q7 (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​T​n​HUi)

(11) Deut­sches Bun­des­ver­sor­gungs­ge­setz: http://​go​.apa​.at/​s​r​c​A​l​pGa (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​b​9​B6M)

(12) Deut­sches Infek­ti­ons­schutz­ge­setz: http://​go​.apa​.at/​d​d​w​b​1​pyx (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​h​m​Vaf)

Wenn Sie zum Fak­ten­check-Team Kon­takt auf­neh­men oder Fak­ten­checks zu rele­van­ten The­men anre­gen möch­ten, schrei­ben Sie bit­te an faktencheck@apa.at

Ste­fan Rath­man­ner / Flo­ri­an Schmidt