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blog / Freitag 08.10.21

Impf-Ver­glei­che erge­ben kei­ne Sicherheitsbedenken

APA

In den letz­ten Wochen wur­den in Sozia­len Medi­en (1,2,3,4,5,6,7) Ver­glei­che zwi­schen den gemel­de­ten Neben­wir­kun­gen nach Coro­na-Imp­fun­gen und den gemel­de­ten Neben­wir­kun­gen aller ande­ren Imp­fun­gen der letz­ten Jahr­zehn­te gezo­gen. Tabel­len zufol­ge habe es zwi­schen 2003 und 2019 in Deutsch­land bei 625 Mio. Impf­do­sen 456 Todes­fäl­le gege­ben. 92.376.787 Coro­na-Impf­do­sen hät­ten dage­gen viel mehr Todes­fäl­le gebracht, so die Behaup­tung. Impf­kri­ti­ker spre­chen von „erschre­cken­den Daten”.

Ein­schät­zung: Bei den Zah­len han­delt es sich um gemel­de­te Todes­fäl­le in zeit­li­chem Zusam­men­hang zur Imp­fung. Sicher­heits­be­den­ken las­sen sich nicht dar­aus ablei­ten. Dem aktu­el­len Sicher­heits­be­richt des Paul-Ehr­lich-Insti­tuts (PEI) zufol­ge gibt es in Deutsch­land 1.450 Ver­dachts­fall­mel­dun­gen von Todes­fäl­len nach der Coro­na-Imp­fung. Dem vor­he­ri­gen Bericht zufol­ge wird nur in 48 Fäl­len ein ursäch­li­cher Zusam­men­hang mit der Imp­fung für mög­lich oder wahr­schein­lich gehal­ten. Die gro­ße Anzahl an Imp­fun­gen in einem kur­zen Zeit­raum, die Per­so­nen­grup­pe sowie das gro­ße öffent­li­che Inter­es­se an den neu­en Coro­na-Imp­fun­gen müs­sen in die Beur­tei­lung einfließen.

Über­prü­fung: So wie in Öster­reich das Bun­des­amt für Sicher­heit im Gesund­heits­we­sen (BASG) ver­öf­fent­licht auch das deut­sche Paul-Ehr­lich-Insti­tut (PEI) in regel­mä­ßi­gen Abstän­den Berich­te über alle in Deutsch­land gemel­de­ten Ver­dachts­fäl­le von Neben­wir­kun­gen, Impf­kom­pli­ka­tio­nen und Todes­fäl­len, die in zeit­li­chem Zusam­men­hang zur Coro­na-Imp­fung stehen.

Eini­ge Impf­kri­ti­ker bezie­hen sich auf den PEI-Bericht vom 19. August 2021. Dem Bericht (8) zufol­ge lagen bis dahin 1.254 Mel­dun­gen über einen töd­li­chen Aus­gang in unter­schied­li­chem zeit­li­chem Abstand zur Coro­na-Imp­fung vor. Aktu­ell (9) sind es 1.450 Ver­dachts­fall­mel­dun­gen von Todesfällen.

Die nack­te Zahl an Ver­dachts­fall­mel­dun­gen erlaubt jedoch noch kei­ne Aus­sa­ge über mög­li­che Risi­ken der Impf­stof­fe: „Nicht jede Reak­ti­on, die nach einer Imp­fung auf­tritt und als Ver­dacht einer Neben­wir­kung oder Impf­kom­pli­ka­ti­on gemel­det wird, ist gleich­be­deu­tend mit von dem jewei­li­gen Impf­stoff ver­ur­sach­ten kör­per­li­chen Beschwer­den. Krank­hei­ten oder kör­per­li­ches Unwohl­sein und auch Todes­fäl­le tre­ten auch unab­hän­gig von Imp­fun­gen auf”, sag­te dazu eine Spre­che­rin des Paul-Ehr­lich-Insti­tuts (PEI) nach einer gemein­sa­men Anfra­ge der APA und dpa.

Wie sich dem Bericht (8) zudem ent­neh­men lässt, hält das PEI nur in 48 Fäl­len einen ursäch­li­chen Zusam­men­hang des Todes­falls mit der Imp­fung für mög­lich oder wahr­schein­lich. Nichts deu­te auf eine ins­ge­samt erhöh­te Sterb­lich­keit nach der Gabe der Impf­stof­fe hin.

Tat­säch­lich gab es laut der UAW-Daten­bank (10) seit dem Jahr 2000 in Deutsch­land nur 456 Ver­dachts­mel­dun­gen von Todes­fäl­len nach Imp­fun­gen, was um mehr als die Hälf­te weni­ger ist als die 1.254 Mel­dun­gen im PEI-Bericht. Ein Ver­gleich zwi­schen der Anzahl der ver­mu­te­ten Impf­kom­pli­ka­tio­nen nach der Coro­na-Imp­fung mit der Anzahl der ver­mu­te­ten Kom­pli­ka­tio­nen nach diver­sen ande­ren Imp­fun­gen in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ist laut der PEI-Spre­che­rin aber unwis­sen­schaft­lich und ent­spre­che bild­lich gespro­chen „einem Ver­such, in dem Äpfel mit Bir­nen ver­gli­chen wer­den”. Aus­sa­gen, die auf der Grund­la­ge die­ses Ver­gleichs getrof­fen wür­den, wür­den zu fal­schen Schluss­fol­ge­run­gen füh­ren und sei­en irreführend.

Auf den ers­ten Blick wirkt die ver­gleichs­wei­se gerin­ge Zahl gemel­de­ter Todes­fäl­le nach allen Imp­fun­gen im Ver­gleich zu den gemel­de­ten Todes­fäl­len nach Coro­na-Imp­fun­gen tat­säch­lich wie eine gro­ße Dis­kre­panz. Aller­dings gilt es hier­bei – wor­auf auch die Spre­che­rin hin­wies – mit­ein­zu­be­zie­hen, dass die Coro­na-Impf­kam­pa­gne erst eini­ge Mona­te dau­ert, die ande­ren Imp­fun­gen aber über eine Zeit­span­ne von fast zwei Jahr­zehn­ten ver­ab­reicht wor­den sind. Rein rech­ne­risch müss­te man also glei­che Zeit­räu­me mit­ein­an­der vergleichen.

In den letz­ten Jahr­zehn­ten wur­den in Deutsch­land in acht Mona­ten durch­schnitt­lich 24.529.411 Impf­do­sen ver­ab­reicht. Die Coro­na-Imp­fung wur­de aber in die­sem Zeit­raum 102.000.000 Mal ver­ab­reicht – das sind vier­mal so vie­le Impf­do­sen. Allei­ne schon ent­spre­chend um die­sen Fak­tor müss­te die Rate der gemel­de­ten Todes­fäl­le oder Neben­wir­kun­gen auf­grund der höhe­ren Impf­quo­te grö­ßer sein. „Es ist ein Unter­schied, ob bei­spiels­wei­se 20 Mil­lio­nen Impf­do­sen inner­halb von meh­re­ren Wochen ver­ab­reicht wer­den oder inner­halb von meh­re­ren Mona­ten. Je mehr Imp­fun­gen pro Zeit­ein­heit ver­ab­reicht wer­den, umso mehr Ver­dachts­fall­mel­dun­gen jeder Art müs­sen sta­tis­tisch erwar­tet wer­den”, so die PEI-Sprecherin.

Zudem haben eini­ge Fak­to­ren Ein­fluss auf das Mel­de­ver­hal­ten nach der Coro­na-Imp­fung. So wer­de etwa bei einer Pan­de­mie­be­ding­ten gro­ßen Impf­kam­pa­gne und dem damit ver­bun­de­nen öffent­li­chen Inter­es­se mehr gemel­det als bei lang eta­blier­ten Impf­stof­fen und im Rah­men nor­ma­ler Imp­fun­gen, bestä­tig­te die PEI-Spre­che­rin. Dazu kommt, dass es sich bei den Coro­na-Imp­fun­gen um ganz neue Impf­stof­fe han­delt. Außer­dem hät­ten bei die­ser Kam­pa­gne das Paul-Ehr­lich-Insti­tut und vie­le ande­re öffent­li­che Insti­tu­tio­nen „ganz inten­siv” zu Mel­dun­gen auf­ge­ru­fen, „um in mög­lichst kur­zer Zeit mög­lichst vie­le Daten zu erhalten”.

Ein wei­te­rer Punkt muss berück­sich­tigt wer­den – die Per­so­nen­grup­pe. Zu Beginn der Impf­kam­pa­gne wur­den vor­wie­gend älte­re Men­schen und sol­che mit schwe­ren Vor­er­kran­kun­gen geimpft. Daher war damit zu rech­nen, dass es „eine gewis­se Anzahl von zufäl­li­gen Todes­fäl­len” gibt, die zwar in zeit­li­chem Zusam­men­hang zur Imp­fung ste­hen, aber nicht kau­sal mit ihr zusam­men­hän­gen, schreibt etwa das Robert Koch-Insti­tut (RKI) (11) mit Bezug auf das PEI. Auch die PEI-Spre­che­rin betont, dass damit gerech­net wer­den müs­se, dass eini­ge Men­schen zufäl­lig nach der Imp­fung ster­ben, die aber auch ohne die Imp­fung gestor­ben wären.

Zusam­men­fas­send gilt, dass um sich über die Sicher­heit der Impf­stof­fe und deren Nut­zen-Risi­ko-Pro­fil infor­mie­ren zu wol­len, „nur ver­läss­li­che Quel­len, wie die­se Sicher­heits­be­rich­te des PEI, genutzt wer­den” soll­ten. Allein die Zahl von Ver­dachts­fall­mel­dun­gen sei für Aus­wer­tun­gen zur Sicher­heit von Impf­stof­fen nicht geeig­net, resü­miert das PEI.

Wo hin­ge­gen die Ver­dachts­mel­dun­gen laut dem Insti­tut eine gro­ße Rol­le spie­len, ist in Bezug auf die soge­nann­te Signal­de­tek­ti­on – also für das Erken­nen mög­li­cher bis­her unbe­kann­ter Risi­ken von einem Impf­stoff: „Daher sind Ver­dachts­fall­mel­dun­gen von Neben­wir­kun­gen und Impf­kom­pli­ka­tio­nen ein wert­vol­les Instru­ment, um mög­li­che Risi­ken, ins­be­son­de­re auch sehr sel­te­ne Risi­ken – die z.B. sel­te­ner als bei einer von 10.000 geimpf­ten Per­so­nen – von Impf­stof­fen zu erkennen.”

Neben dem Paul-Ehr­lich-Insti­tut und dem BASG über­wa­chen noch eini­ge ande­re Insti­tu­tio­nen lau­fend die Sicher­heit von Coro­na-Impf­stof­fen. Auf EU-Ebe­ne etwa die Euro­päi­sche Arz­nei­mit­tel-Agen­tur (EMA), in den USA die Behör­de Cen­ters for Dise­a­se Con­trol and Pre­ven­ti­on (CDC) und in Groß­bri­tan­ni­en die Medi­ci­nes and Health­ca­re pro­ducts Regu­la­to­ry Agen­cy (MHRA).

 

Quel­len:

(1) Face­book-Pos­ting: http://​go​.apa​.at/​Z​1​U​F​z​8b7 (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​E​8​dkH)

(2) Blog-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​s​7​h​C​a​Lsc (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​y​S​R0d)

(3) Blog-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​o​P​F​Y​w​zBi (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​M​K​cdA)

(4) Tweet: http://​go​.apa​.at/​J​M​s​3​N​smb (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​p​c​bPC)

(5) Face­book-Pos­ting: http://​go​.apa​.at/​z​r​1​f​J​mhK (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​5​O​Puq)

(6) Blog-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​P​u​P​g​E​eO6 (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​K​l​87Q)

(7) Tweet: http://​go​.apa​.at/​f​9​r​R​y​Xho (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​1​H​iuU)

(8) Sicher­heits­be­richt des Paul-Ehr­lich-Insti­tuts (PEI) von 19.8.2021: http://​go​.apa​.at/​Q​V​A​E​O​uDC (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​G​W​9​C​-​T​4TB)

(9) Sicher­heits­be­richt des Paul-Ehr­lich-Insti­tuts (PEI) von 20.9.2021: http://​go​.apa​.at/​X​L​U​j​Y​ZST (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​9​A​E​T​-​N​KYM)

(10) UAW-Daten­bank des PEI: http://​go​.apa​.at/​9​F​n​x​N​2Qc

(11) Robert Koch-Insti­tu­t/­PEI über Todes­fäl­le nach Imp­fun­gen: http://​go​.apa​.at/​f​w​i​Y​Q​lmU (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​N​3​E​F​-​2​BDX)

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Vale­rie Schmid / Flo­ri­an Schmidt