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blog / Mittwoch 29.04.20

APA Check Avatar Hilft Bleich­mit­tel gegen das Coronavirus?

Bleichmittel war noch nie so ein großes Thema wie während der Corona-Krise. Oftmals wird sarkastisch darauf verwiesen, wenn man sich über unwissenschaftliche Empfehlungen lustig machen will, aber für einige Menschen wird es ernst, wenn sie tatsächlich an durch Bleichmittel verursachten Schäden leiden. Die Giftzentrale in Illinois verzeichnete nach Informationen der Tageszeitung "Standard" etwa eine Zunahme an Notrufen und berichtete von einem Fall, bei dem versucht wurde, das Coronavirus durch die Einnahme von Bleiche zu bekämpfen.

Auch in Sozialen Medien und auf Messenger-Apps wird das Thema diskutiert. Oftmals wird in diesem Zusammenhang auf Chlordioxid-Produkte und ein angebliches Wundermittel namens "MMS" verwiesen (Beispiel 1 - archiviertBeispiel 2 - archiviert). Nachdem es hier sogar um die Gefährdung der eigenen Gesundheit gehen könnte, wollen wir diese Behauptung aufgreifen und in einem APA-Faktencheck überprüfen.

Zu überprüfende Information: Die Einnahme von Bleichmittel/Chlordioxid-Produkten wie „MMS“ hilft gegen das neuartige Coronavirus.

Einschätzung: Diese Behauptung kann auf wissenschaftlicher Basis nicht bestätigt werden. Diverse Gesundheitsorganisationen warnen bereits seit Jahren vor der Einnahme von "MMS", da durch das enthaltene Natriumchlorit und Chlordioxid körperliche Schäden verursacht werden können.

Überprüfung: Laut medizin-transparent.at gibt es keine wissenschaftlichen Belege für eine Wirksamkeit von MMS gegen Covid-19 oder andere Krankheiten. Laut diesem Projekt von Cochrane Österreich an der Donau-Universität Krems ist eine heilende Wirkung "weder belegt noch plausibel".

"Miracle Mineral Supplement" alias "MMS" besteht hauptsächlich aus Natriumchlorit, das auch oft als Desinfektionsmittel verwendet wird (nicht zu verwechseln mit dem Kochsalz Natriumchlorid). Laut dem Verein für Konsumenteninformation ist Natriumchlorit bei "MMS" gefährlich, da oftmals damit einhergehend zur Aktivierung der Substanz durch Essig oder Zitronensäure aufgerufen wird. Dadurch würde allerdings Chlordioxid entstehen, ein "ätzendes und giftiges Gas", das unter anderem zum Bleichen eingesetzt wird, so die Non-Profit-Organisation.

Die U.S. Food & Drug Administration warnt bereits seit zehn Jahren vor "MMS". Natriumchlorit-Produkte seien nach den Informationen der Lebens- und Arzneimittelbehörde gefährlich und sollten nicht zur Behandlung von Krankheiten verwendet werden, da es auch keinen Nachweis für eine derartige Effektivität gebe. Natriumchlorit und Chlordioxid seien nicht dafür vorgesehen, eingenommen zu werden. Chlordioxid-Produkte könnten Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Dehydration verursachen.

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung stufte MMS bereits 2012 als gesundheitsbeeinträchtigend ein. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte stufte "MMS" im Jahr 2015 als bedenklich und zulassungspflichtig ein. Die deutsche Verbraucherzentrale machte erst im Jahr 2019 wieder auf das Thema aufmerksam und nannte mögliche Schäden wie Nierenversagen, schwere Darmschädigungen und Blutdruckabfall.

In Österreich warnte das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen im Februar 2015 vor "MMS". Die Arzneimittelbehörde, das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen/AGES Medizinmarktaufsicht stuften demnach die Produkte MMS und MMS2 als Präsentationsarzneimittel ein. Solche Produkte dürfen "nur dann in Verkehr gebracht werden, wenn in einem behördlichen Zulassungsverfahren die Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und Qualität belegt worden ist". Für MMS lägen keine derartigen Daten vor und die klinische Wirksamkeit sei somit nicht bewiesen.

Die deutsche Wissenschaftsjournalistin und Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim widmete "MMS" ein eigenes 20-minütiges Video auf ihrem Youtube-Kanal. Darin weist sie darauf hin, dass Oxidationsmittel wie Chlordioxid menschliches Gewebe verletzen.

Nguyen-Kim erwähnt berechtigte medizinische Anwendungen von Chlordioxid in geringerer Konzentration. Das beinhalte oberflächliche Desinfektionen und das Desinfizieren von Trinkwasser. In einem Experiment wird aber gezeigt, dass selbst stark verdünnte Lösungen, die oft in MMS-Kreisen empfohlen werden, noch Bleichungen bei Stoffen vollziehen und damit auch biologisches Gewebe zerstören können.

Wenn Sie zum Faktencheck-Team Kontakt aufnehmen oder Faktenchecks zu relevanten Themen anregen möchten, schreiben Sie bitte an faktencheck@apa.at.

 

Valerie Schmid/Florian Schmidt

AKTUALISIERT AM 27. MAI 2020 19:56