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blog / Dienstag 17.03.20

APA Check Avatar Hat Ibu­profen nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf Coronavirus-Infizierte?

In den letz­ten Tagen über Whats­App ver­brei­te­te Text- und Sprach­nach­rich­ten (abruf­bar etwa hier, archi­viert: http://​archi​ve​.is/​e​G​p2n) behaup­te­ten, dass das Medi­ka­ment Ibu­profen nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen bei Infek­tio­nen mit dem neu­ar­ti­gen Coro­na­vi­rus Covid-19 haben wür­de. Dies sei­en For­schungs­er­geb­nis­se der „Wie­ner Uni­kli­nik”, die aber nur münd­lich kom­mu­ni­ziert wer­den sol­len. Auch der fran­zö­si­sche Gesund­heits­mi­nis­ter warn­te auf Twit­ter vor der Ein­nah­me ent­zün­dungs­hem­men­der Medi­ka­men­te wie Ibuprofen.

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on: Die Ein­nah­me des Medi­ka­ments Ibu­profen hat nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen bei einer Infek­ti­on mit dem neu­ar­ti­gen Coro­na­vi­rus Covid-19.

Ein­schät­zung: Es gibt der­zeit kei­ne wis­sen­schaft­li­che Evi­denz für nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen von nicht­ste­ro­ida­len Anti­rheu­ma­ti­ka (NSAR) wie Ibu­profen bei einer Covid-19-Erkran­kung. Die Med­Uni Wien demen­tier­te die in den Nach­rich­ten ent­hal­te­nen angeb­li­chen For­schungs­er­geb­nis­se. Die WHO riet kurz­zei­tig von einer Ein­nah­me von Ibu­profen bei Covid-19-Ver­dacht ohne ärzt­li­che Anwei­sung ab, nahm dies aber eini­ge Tage dar­auf wie­der zurück.

Über­prü­fung: Die Med­Uni Wien mel­de­te sich schnell per Aus­sendung zu Wort und bezeich­ne­te die ver­brei­te­ten Infor­ma­tio­nen als „Fake News”. Auch auf Twit­ter demen­tier­te die Med­Uni (hier archi­viert, der Account ist nicht veri­fi­ziert, wird aber auf der Home­page der Med­Uni Wien ver­linkt).

In der Dis­kus­si­on in sozia­len Medi­en wird öfter auf einen Arti­kel im wis­sen­schaft­li­chen Medi­zin­jour­nal Lan­cet (archi­viert:http://​archi​ve​.is/​F​K​MtV) hin­ge­wie­sen, der auf drei chi­ne­si­schen Stu­di­en basiert. Auch der Tweet des fran­zö­si­schen Gesund­heits­mi­nis­ters soll sich laut der deut­schen Tage­zei­tung Welt auf die­sen Arti­kel bezie­hen, in dem drei Medi­zi­ner eine Hypo­the­se for­mu­lie­ren, dass soge­nann­te ACE-Hem­mer den Krank­heits­ver­lauf von Covid-19 ver­schlim­mern könn­ten und Ibu­profen ähn­li­che Effek­te haben könn­te. Die Daten­ba­sis sei für eine wis­sen­schaft­li­che Stu­die aller­dings zu gering. Die Stu­di­en-Autoren räu­men auf der Home­page der Uni­ver­si­tät Basel selbst ein, dass ihre Hypo­the­se eher für For­scher bestimmt ist als für Pati­en­ten und wei­te­re For­schun­gen not­wen­dig sind.

Jonas Schmidt-Cha­na­sit vom Bern­hard-Nocht-Insti­tut für Tro­pen­me­di­zin (BNITM) sieht kei­nen gesi­cher­ten Zusam­men­hang zwi­schen der Ein­nah­me von NSAR und schwe­ren Ver­läu­fen von Covid-19. Er kann sich laut Baye­ri­schem Rund­funk aber vor­stel­len, dass der Wirk­stoff ASS, aber auch Ibu­profen bei der Lun­gen­krank­heit nicht hilf­reich sein könn­te, da es die Blut­ge­rin­nung hemmt.

Wir haben selbst mit der Med­Uni Kon­takt auf­ge­nom­men. Med­Uni-Wien-Direk­tor Mar­kus Mül­ler demen­tier­te den angeb­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen schwe­ren Covid-19-Fäl­len und Ibu­profen. „Da ist nichts dran. Die Sache mit Ibu­profen ist das Pro­blem einer Sub­grup­pen­ana­ly­se (in einer Stu­die; Anm.)”, sag­te der kli­ni­sche Phar­ma­ko­lo­ge gegen­über der APA (hier auch in der Tages­zei­tung Kurier zu lesen).

Der Lei­ter des Zen­trums für Phy­sio­lo­gie und Phar­ma­ko­lo­gie der Med­Uni Wien, Micha­el Freiss­muth, mein­te auf APA-Nach­fra­ge (auch in der bur­gen­län­di­schen Wochen­zei­tung BVZ nach­zu­le­sen), es gäbe „über­haupt kei­ne wis­sen­schaft­li­che Evi­denz dafür, dass da irgend­et­was gefähr­lich sein könnte.”

Bei Blut­druck­mit­teln kön­ne man laut Freiss­muth „kei­ne Aus­sa­ge tref­fen, ob sie einen Effekt bei Covid-19 haben”. Es gebe sowohl Mei­nun­gen, wonach sie schüt­zen kön­nen als auch das Gegenteil.

Die Euro­päi­sche Gesell­schaft für Kar­dio­lo­gie (ESC) gab fol­gen­de Stel­lung­nah­me ab: „Die­se Spe­ku­la­tio­nen über die Sicher­heit von ACE-Hem­mern oder Angio­ten­sin-Rezep­tor­blo­ckern haben kei­ne soli­de wis­sen­schaft­li­che Basis. In Wirk­lich­keit gibt es Evi­denz aus Tier­stu­di­en, die dar­auf hin­deu­ten, dass die­se Medi­ka­men­te eher einen schüt­zen­den Effekt vor schwe­ren Lun­gen­kom­pli­ka­tio­nen haben könn­ten. Es gibt aber bis­her kei­ne Daten (über den Effekt; Anm.) beim Menschen.”

Die spa­ni­sche Agen­tur für Medi­zin und Gesund­heits­pro­duk­te (AEMPS) berich­tet, dass es kei­ne Daten für einen Zusam­men­hang zwi­schen einer Ver­schlech­te­rung einer Covid-19-Erkran­kung mit Ibu­profen oder ande­ren NSAR gibt.

Aller­dings riet die WHO am 17. März Ver­dachts­fäl­len davon ab, Ibu­profen ohne ärzt­li­che Anwei­sung ein­zu­neh­men. WHO-Spre­cher Chris­ti­an Lind­mei­er sag­te, dass es zwar kei­ne neu­en Stu­di­en gebe, dass Ibu­profen mit höhe­rer Sterb­lich­keit ver­bun­den sei. Exper­ten wür­den die Lage aber der­zeit prü­fen. Weni­ge Tage spä­ter nahm die WHO die­se War­nung zurück.

Korrektur/Update 21. März 2020: Die WHO hat mitt­ler­wei­le ihre War­nung vor Ibu­profen bei Coro­na­vi­rus-Ver­dacht zurück­ge­nom­men. „Auf der Basis der heu­te vor­han­de­nen Infor­ma­tio­nen rät die WHO nicht von der Ein­nah­me von Ibu­profen ab”, teil­te die WHO mit. Im ursprüng­li­chen APA-Fak­ten­check hieß es in der Bewer­tung: „Die WHO rät von einer Ein­nah­me von Ibu­profen bei Covid-19-Ver­dacht ohne ärzt­li­che Anwei­sung ab.” Der Hin­weis, dass dies nur kurz­fris­tig der Fall war und die War­nung zurück­ge­nom­men wur­de, wur­de ergänzt.

Wenn Sie zum Fak­ten­check-Team Kon­takt auf­neh­men oder Fak­ten­checks zu rele­van­ten The­men anre­gen möch­ten, schrei­ben Sie bit­te an faktencheck@apa.at.

Flo­ri­an Schmidt/Wolfgang Wagner

 

AKTUA­LI­SIERT AM 18. MAI 2020 16:22