apa.at
blog / Mittwoch 19.05.21

Fehl­ge­bur­ten bei Coro­na-Impf­stu­die im Durchschnitt

APA (dpa/Symbolbild)

In Öster­reich wer­den nun auch Schwan­ge­re gegen Covid-19 geimpft, wie meh­re­re Medi­en (1) berich­te­ten. Das Natio­na­le Impf­gre­mi­um (NIG) (2) hat­te die Imp­fung für Schwan­ge­re zuletzt emp­foh­len und sie in der Prio­ri­tät hoch­ge­stuft. Beson­ders zu mRNA-Impf­stof­fen wird gera­ten (3).

Dies ruft impf­kri­ti­sche Gegen­stim­men auf den Plan, die behaup­ten, dass Schwan­ge­re durch Imp­fun­gen gefähr­det sei­en. Eine bei einer Stu­die fest­ge­stell­te hohe Zahl an Fehl- und Früh­ge­bur­ten bei geimpf­ten Frau­en soll dies bele­gen, heißt es etwa in einem Arti­kel von „Wochen­blick”. (4)

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on: Laut einer Stu­die erlit­ten 13,9 Pro­zent der geimpf­ten Schwan­ge­ren eine Fehl­ge­burt und 9,4 Pro­zent eine Früh­ge­burt. Dies ist bedenk­lich hoch.

Ein­schät­zung: Die Pro­zent­zah­len stim­men. Der Anteil der Frau­en, die nach einer Coro­na-Imp­fung eine Fehl- und Früh­ge­burt hat­te, liegt aber im Durch­schnitt. Die vor­läu­fi­gen Ergeb­nis­se der Stu­die deu­ten nicht auf Sicher­heits­be­den­ken hin.

Über­prü­fung: Die Stu­die wur­de im medi­zi­ni­schen Jour­nal „The New Eng­land Jour­nal of Medi­ci­ne” (5) ver­öf­fent­licht. 3.958 schwan­ge­re Frau­en wur­den mit dem BioNTech/Pfizer oder dem Moder­na-Impf­stoff geimpft und befragt. Die Daten wur­den ver­schie­de­nen Daten­ban­ken ent­nom­men, etwa dem Tool VAERS (6), das ver­mu­te­te Impf-Neben­wir­kun­gen dokumentiert.

Den vor­läu­fi­gen Ergeb­nis­sen (5) zufol­ge hat­ten tat­säch­lich 13,9 Pro­zent der Frau­en in der Stu­die eine Fehl­ge­burt, 9,4 Pro­zent eine Früh­ge­burt und bei 3,2 Pro­zent der Frau­en waren die Babys bezo­gen auf das Rei­fe­al­ter zu klein. Alle Wer­te lie­gen ver­gli­chen mit sons­ti­gen Raten von Fehl- oder Früh­ge­bur­ten aber im Durch­schnitt oder teil­wei­se sogar dar­un­ter. Zu beach­ten gilt dabei, dass nur rund 29 Pro­zent der Frau­en im ers­ten Tri­mes­ter, 43 Pro­zent im zwei­ten Tri­mes­ter und 26 Pro­zent im drit­ten Tri­mes­ter geimpft wur­den und die Stu­die nur eine klei­ne Stich­pro­be umfass­te. Die meis­ten Fehl­ge­bur­ten fin­den zu Beginn der Schwan­ger­schaft statt. Auf­grund der hohen Vari­anz der Zah­len bei Früh- und Fehl­ge­bur­ten in ver­schie­de­nen Regio­nen wer­den im Fak­ten­check meh­re­re Quel­len angeführt.

Fehl­ge­bur­ten

Dem medi­zi­ni­schen Jour­nal „The Lan­cet” (2021) (7) zufol­ge liegt das Gesamt­ri­si­ko, eine Fehl­ge­burt zu erlei­den, unter allen wahr­ge­nom­me­nen Schwan­ger­schaf­ten bei 15,3 Pro­zent. Die US-Stif­tung „March of Dimes” (8) gibt das Risi­ko mit zehn bis 15 Pro­zent an. Die US-Orga­ni­sa­ti­on Plan­ned Paren­t­hood (9) nennt zehn bis 20 Pro­zent. Laut dem wis­sen­schaft­li­chen Infor­ma­ti­ons-Por­tal „Sci­ence Direct” (2019) (10) ist die Fehl­ge­burt die häu­figs­te Kom­pli­ka­ti­on in der Schwan­ger­schaft. Berich­ten zufol­ge hät­ten 12 bis 24 Pro­zent der Frau­en mit posi­ti­vem Schwan­ger­schafts­test eine Fehlgeburt.

Fehl­ge­bur­ten wer­den nicht ein­heit­lich defi­niert. Nor­ma­ler­wei­se spricht man aber vor der 20. Schwan­ger­schafts­wo­che von einer Fehl­ge­burt („mis­car­ria­ge”, „ear­ly pregnan­cy loss”, „fetal demi­se”, oder „spon­ta­ne­ous abor­ti­on”) (8, 9, 11, 12), nach der 20. Schwan­ger­schafts­wo­che von einer Tot­ge­burt („still­birth”). (13) Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) (14) sieht die­se Tei­lung in der 28. Schwangerschaftswoche.

Früh­ge­bur­ten

Zu Früh­ge­bur­ten zäh­len alle Gebur­ten vor Voll­endung der 37. Schwan­ger­schafts­wo­che, schrei­ben Sta­tis­tik Aus­tria (15) und die WHO (16) auf ihren Web­sei­ten. In Öster­reich lag die Früh­ge­bo­re­nen­ra­te im Jahr 2019 laut Sta­tis­tik Aus­tria (17) bei 7,4 Pro­zent aller Lebend­ge­bur­ten und damit nied­ri­ger als in der Stu­die zu mRNA-Impf­stof­fen. Der WHO (16) zufol­ge ran­giert die Rate der Früh­ge­bur­ten in 184 Län­dern aber bei fünf bis 18 Prozent.

Wachs­tums­ver­zö­ge­run­gen des Babys

Ist ein Baby bezo­gen auf das Rei­fe­al­ter, also der Anzahl der Schwan­ger­schafts­wo­chen, zu klein, nennt man das im inter­na­tio­na­len Sprach­ge­brauch „Small for gesta­tio­nal age” (SGA). Auch hier gibt es ver­schie­de­ne Defi­ni­tio­nen und Pro­zent­zah­len. Laut der US-Stif­tung „The Magic Foun­da­ti­on” (18) wer­den zwi­schen drei und zehn Pro­zent aller Babys, die jedes Jahr lebend gewor­den wer­den, mit SGA dia­gnos­ti­ziert. Einer Stu­die von Euro-Peris­tat (2016) (19) zufol­ge vari­iert die Rate in Euro­pa von Land zu Land stark. In Öster­reich lag sie dem­nach im Jahr 2010 bei Lebend­ge­bur­ten ein­zel­ner Babys bei zehn Pro­zent. Sta­tis­tik Aus­tria (20) zufol­ge deu­te­te im Jahr 2018 bei 9,8 Pro­zent der Ein­zel­ge­bo­re­nen in Öster­reich das Geburts­ge­wicht bezo­gen auf die Schwan­ger­schafts­dau­er auf SGA hin.

Auch in der Stu­die zu mRNA-Imp­fun­gen (5) bei Schwan­ge­ren selbst steht, dass die Antei­le der nega­ti­ven Schwan­ger­schafts­ent­wick­lun­gen den Antei­len, die bei Unter­su­chun­gen vor der Coro­na-Pan­de­mie fest­ge­stellt wur­den, ähn­lich zu sein schei­nen. Früh­ge­bur­ten oder Fehl­ge­bur­ten zäh­len zu sol­chen nega­ti­ven Aus­gän­gen. Dies sei aber u.a. auf­grund der genann­ten Grün­de nicht gänz­lich mit­ein­an­der ver­gleich­bar. Daher brau­che es noch mehr Stu­di­en, etwa in frü­he­ren Schwan­ger­schafts­pha­sen. Die vor­läu­fi­gen Ergeb­nis­se hät­ten aber kei­ne Sicher­heits­be­den­ken bei schwan­ge­ren Per­so­nen, die mRNA-Covid-19-Impf­stof­fe erhal­ten hat­ten, gezeigt.

Emp­feh­lun­gen von Gesundheitsorganisationen

Laut dem Natio­na­len Impf­gre­mi­um (NIG) (2) las­sen tier­ex­pe­ri­men­tel­le Stu­di­en nicht auf schäd­li­che Wir­kun­gen in Bezug auf Schwan­ger­schaft, Ent­wick­lung des Babys oder Geburt schlie­ßen. Das schreibt auch die US-Gesund­heits­be­hör­de Cen­ters for Dise­a­se Con­trol and Pre­ven­ti­on (CDC). (21) Bezüg­lich des Stil­lens heißt es in der Emp­feh­lung des NIG: „Es ist nicht zu erwar­ten, dass mRNA-Impf­stof­fe oder Bestand­tei­le des­sel­ben in die Mut­ter­milch über­tre­ten und sich dar­aus irgend­ein theo­re­ti­sches Risi­ko ablei­ten lie­ße. (…) Dies ist auch bei Vek­tor­i­mpf­stof­fen nicht zu erwar­ten.” Davor hat­te der „Wochen­blick” (4) gewarnt.

Die Öster­rei­chi­sche Gesell­schaft für Gynä­ko­lo­gie und Geburts­hil­fe (OEGGG) (22) emp­fiehlt in ihrer Stel­lung­nah­me von 29. April 2021, Schwan­ge­ren auf­grund des erhöh­ten Risi­kos für einen schwe­ren Ver­lauf die Coro­na-Imp­fung zu ermög­li­chen. Stil­len­den Frau­en kön­ne die Imp­fung emp­foh­len wer­den: „Durch die Imp­fung gebil­de­te Anti­kör­per gegen eine Infek­ti­on mit Sars-CoV2, wel­che durch die Mut­ter­milch auf das Neu­ge­bo­re­ne über­tra­gen wer­den, sind als poten­ti­ell schüt­zend anzu­se­hen.” Das wird auch in der Stu­die zu mRNA-Imp­fun­gen bei Schwan­ge­ren (5) beschrie­ben.

Zu wei­te­ren Behaup­tun­gen im „Wochenblick”-Artikel, etwa dass Coro­na-Geimpf­te anste­ckend sei­en oder dass Impf-Ver­su­che an klei­nen Kin­dern bereits zu Todes­fäl­len geführt haben sol­len, gibt es bereits APA-Fak­ten­checks (23, 24).

 

Links

(1) ORF-Arti­kel über Coro­na-Imp­fung von Schwan­ge­ren: http://​go​.apa​.at/​U​q​x​9​p​fXC (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​W​q​t​S​r​nAz)

(2) Aktu­el­le Emp­feh­lung des Natio­na­le Impf­gre­mi­ums (NIG): http://​go​.apa​.at/​v​Z​S​c​Y​BE4 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​b​J​T​8​S​o69) (Down­load)

(3) ORF-Arti­kel über Imp­fung bei Schwan­ger­schaft: http://​go​.apa​.at/​y​a​A​N​P​TPy (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​o​m​H​C​Y​NJb)

(4) „Wochenblick”-Artikel: http://​go​.apa​.at/​d​L​K​V​z​wsR (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​d​t​C​C​w​KhT)

(5) Stu­die im medi­zi­ni­schen Jour­nal „The New Eng­land Jour­nal of Medi­ci­ne”: http://​go​.apa​.at/​6​u​V​d​L​Lbq (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​l​S​Q​Z​H​ulP)

(6) Daten­bank VAERS: http://​go​.apa​.at/​o​N​t​G​N​qoe (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​M​D​v​6​i​7pY)

(7) „The Lan­cet” über Anteil von Fehl­ge­bur­ten: http://​go​.apa​.at/​O​f​7​y​s​lUw (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​I​O​K​C​o​FiL)

(8) US-Stif­tung „March of Dimes” über Anteil von Fehl­ge­bur­ten: http://​go​.apa​.at/​c​B​Q​5​3​3KM (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​Z​L​I​B​n​NjS)

(9) „Plan­ned Paren­t­hood” über Anteil von Fehl­ge­bur­ten: http://​go​.apa​.at/​g​p​q​Q​t​M2Z (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​d​1​G​L​Q​8DK)

(10) Infor­ma­ti­ons-Por­tal „Sci­ence Direct” über Fehl­ge­bur­ten : http://​go​.apa​.at/​I​2​F​6​n​iPD (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​0​W​o​Q​z​l4p)

(11) U.S Natio­nal Libra­ry of Medi­ci­ne über Fehl­ge­bur­ten: http://​go​.apa​.at/​o​1​F​G​I​1gQ (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​Y​T​W​P​X​igs)

(12) US Depart­ment of Health and Human Ser­vices über Fehl­ge­bur­ten: http://​go​.apa​.at/​v​l​i​J​o​vo5 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​M​r​m​r​U​cPh)

(13) US Depart­ment of Health and Human Ser­vices über Tot­ge­bur­ten: http://​go​.apa​.at/​Q​d​X​H​d​39E (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​5​x​k​Y​W​6gq)

(14) Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) über Fehl­ge­bur­ten und Tot­ge­bur­ten: http://​go​.apa​.at/​a​L​r​W​z​Qn4 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​0​8​m​Z​D​cdZ)

(15) Sta­tis­tik Aus­tria über Früh­ge­bur­ten in Öster­reich: http://​go​.apa​.at/​s​U​L​r​T​Ii5 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​T​i​c​K​Y​Dpr)

(16) Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) über Früh­ge­bur­ten: http://​go​.apa​.at/​O​3​v​K​Z​UNb (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​0​8​m​Z​D​cdZ)

(17) Früh­ge­bo­re­nen­ra­te laut Sta­tis­tik Aus­tria: http://​go​.apa​.at/​L​w​K​y​C​oWi (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​Z​5​D​q​U​yqD)

(18) „The Magic Foun­da­ti­on” über SGA: http://​go​.apa​.at/​3​D​I​x​q​WDt (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​2​7​k​W​b​XEa)

(19) Stu­die von Euro-Peris­tat über SGA: http://​go​.apa​.at/​G​5​A​R​i​KZL (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​V​S​E​2​x​paU)

(20) Sta­tis­tik Aus­tria über Anteil von SGA: http://​go​.apa​.at/​h​a​O​P​a​KWg (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​F​v​y​C​E​AaK)

(21) US-Gesund­heits­be­hör­de Cen­ters for Dise­a­se Con­trol and Pre­ven­ti­on (CDC) über Covid-19-Imp­fung bei Schwan­ge­ren und Stil­len­den: http://​go​.apa​.at/​O​u​Y​w​G​ZWG (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​R​V​Z​m​I​FWR)

(22) Öster­rei­chi­sche Gesell­schaft für Gynä­ko­lo­gie und Geburts­hil­fe (OEGGG) über Covid-19-Imp­fung bei Schwan­ge­ren und Stil­len­den: http://​go​.apa​.at/​1​p​0​l​i​nW8 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​F​i​Q​Z​9​7gc) (Down­load)

(23) APA-Fak­ten­check: http://​go​.apa​.at/​c​l​X​K​c​vXW

(24) APA-Fak­ten­check: http://​go​.apa​.at/​0​i​T​A​0​oWA

Social Media-Pos­ting dazu: http://​go​.apa​.at/​0​v​d​o​2​fj2 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​T​i​Q​B​R​yBR)

Wenn Sie zum Fak­ten­check-Team Kon­takt auf­neh­men oder Fak­ten­checks zu rele­van­ten The­men anre­gen möch­ten, schrei­ben Sie bit­te an faktencheck@apa.at.

Vale­rie Schmid / Flo­ri­an Schmidt