apa.at
blog / Freitag 02.04.21

APA Check Avatar Fasern auf Test­stäb­chen kei­ne Parasiten

APA/dpa/Symbolbild

Meh­re­re vira­le Vide­os war­nen vor han­dels­üb­li­chen Anti­gen-Schnell­tests. Eine genaue­re Unter­su­chung durch Mikro­sko­pe zei­ge, dass sich auf den Test­stäb­chen dunk­le Fasern befin­den, die sich durch Wär­me oder Feuch­tig­keit akti­vie­ren sol­len. Die Erstel­ler der Vide­os ver­mu­ten hin­ter den Fasern soge­nann­te „Mor­gel­lons”, die mut­wil­lig plat­ziert wurden.

Ein Leser hat APA-Fak­ten­check auf ein vira­les Video (1) auf­merk­sam gemacht. Dar­in wird etwa argu­men­tiert, dass es sich um kei­ne nor­ma­len Fäden han­deln kön­ne, da sie sich beweg­ten, wenn man dar­auf hau­che. Mitt­ler­wei­le häu­fen sich die angeb­li­chen Mor­gel­lon-Vide­os. Auch zu Mas­ken exis­tie­ren ähn­li­che Behaup­tun­gen (2). Auf man­chen Info­sei­ten (3) zu die­ser umstrit­te­nen Krank­heit wird das Bild­ma­te­ri­al gesam­melt und von „Mor­gel­lon-Para­si­ten” gesprochen.

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on: Test­stäb­chen ent­hal­ten „Mor­gel­lons”, eine Art Parasit.

Ein­schät­zung: Mor­gel­lons kön­nen nicht auf den Test­stäb­chen ent­hal­ten sein. Zum einen ist die Exis­tenz der Krank­heit in der Wis­sen­schaft stark umstrit­ten. Zum ande­ren schlie­ßen Exper­ten das Über­le­ben mög­li­cher Para­si­ten in einem Test­kit aus. Es ist mög­lich, dass dunk­le Fasern bei der Pro­duk­ti­on oder Ver­pa­ckung han­dels­üb­li­cher Anti­gen-Schnell­tests auf das Stäb­chen kom­men. Dies ist jedoch ungefährlich.

Über­prü­fung:

Mor­gel­lon steht nor­ma­ler­wei­se für eine Krank­heits­be­zeich­nung. Es han­delt sich um eine von Betrof­fe­nen selbst­dia­gnos­ti­zier­te Krank­heit, die bis­her wis­sen­schaft­lich nicht aner­kannt wur­de. Die Betrof­fe­nen berich­ten dabei von aus der Haut wach­sen­den Fäden.

Die bis­he­ri­ge wis­sen­schaft­li­che Bewer­tung als Ein­bil­dung oder Wahn stützt sich vor allem auf eine Stu­die der US-Behör­de CDC aus dem Jahr 2012 (4). Dar­in wur­den meh­re­re Men­schen unter­sucht, die ihr Lei­den selbst als Mor­gel­lon dia­gnos­ti­zier­ten. Die Stu­di­en­au­toren ana­ly­sier­ten damals die kör­per­li­chen, geis­ti­gen und sozia­len Cha­rak­te­ris­ti­ka der Stu­di­en­teil­neh­mer. Sie kamen zu dem Schluss, dass es nicht genü­gend Hin­wei­se gibt, um ein­schät­zen zu kön­nen, ob es sich um eine neue Erkran­kung hand­le oder um eine erwei­ter­te Form einer Krank­heit, die dem Phä­no­men bis­her zuge­schrie­ben wur­den – wie etwa einem Der­ma­to­zo­en­wahn. Bei die­ser wahn­haf­ten Vor­stel­lung bil­den sich Pati­en­ten ein, Käfer, Wür­mer oder ande­re Lebe­we­sen unter der Haut zu haben.

Obwohl Mor­gel­lon mit wach­sen­den Fäden oder Här­chen in Ver­bin­dung gebracht wird, berich­te­ten die Stu­di­en­teil­neh­mer von unter­schied­li­chen Objek­ten wie Fle­cken, Kör­nern oder Wür­mern. Die Pro­ben, die von den Pati­en­ten abge­nom­men wur­den, ent­spra­chen größ­ten­teils Haut­frag­men­ten oder Baum­wol­le, was etwa auf Klei­dung, aber auch auf Ver­un­rei­ni­gun­gen wäh­rend der Labor­aus­wer­tung rück­führ­bar sein kann. Laut der Stu­die waren vor allem Frau­en von dem Phä­no­men betrof­fen. Vie­le zeig­ten Begleit­erschei­nun­gen wie chro­ni­sche Müdig­keit oder Depres­sio­nen oder waren kogni­tiv beein­träch­tigt. Außer­dem wur­den bei jeder zwei­ten Per­son Dro­gen in den Haa­ren nachgewiesen.

Nach die­ser grö­ße­ren Stu­die befand sich die Krank­heit in einem Schwe­be­zu­stand zwi­schen einer durch die Wis­sen­schaft zuge­schrie­be­ne Wahn­vor­stel­lung und einer rea­len Erkran­kung, deren Aner­ken­nung vie­le Men­schen for­der­ten. Um die­sen Kon­flikt ent­stand ein Mythos, der auch von Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern besetzt wur­de. Dies belegt etwa ein Mimi­ka­ma-Arti­kel (5) aus dem Jahr 2017, in dem Mor­gel­lons mit Chem­trails in Ver­bin­dung gebracht wur­den. Auch auf diver­sen Infor­ma­ti­ons­sei­ten (3) für Mor­gel­lon-Betrof­fe­ne fin­den sich der­ar­ti­ge Inhal­te. Die gebil­de­ten Fasern wer­den dabei meis­tens mit dem Para­si­ten gleichgesetzt .

Der deut­sche Foren­si­ker Mark Bene­ke ver­öf­fent­lich­te auf­grund der aktu­el­len Auf­merk­sam­keit für das The­ma ein Video (6) auf sei­nem You­Tube-Kanal, in dem er zeigt, wie schnell sich nor­ma­le Rück­stän­de unter einem Mikro­skop für Lebe­we­sen hal­ten las­sen. Immer wie­der wür­den ihm Men­schen Pro­ben zuschi­cken, die sie auf oder in der Haut hat­ten, und ihn bit­ten, sie zu ana­ly­sie­ren. Meis­tens lie­ßen sich die angeb­li­chen Sym­pto­me ein­fach durch Stoff­fus­sel, Pflan­zen­tei­le oder Haut­par­ti­kel erklä­ren. „In allen Fäl­len seit 20 Jah­ren, die ich sel­ber gemes­sen, ange­guckt, zer­schnit­ten, gefärbt oder unter einem Mikro­skop foto­gra­fiert habe, waren es nie­mals Morgellonen.”

Auch der Para­si­to­lo­ge Her­bert Auer von der Med­Uni Wien bestä­tig­te auf APA-Anfra­ge, dass er in sei­ner Lauf­bahn immer wie­der mit Pati­en­ten zu tun hat­te, die fest über­zeugt waren, an der Mor­gel­lon-Krank­heit zu lei­den. Wir haben alle Pati­en­ten, die zu uns kamen, para­si­to­lo­gisch, so gut wie mög­lich, „durch­ge­checkt”, aber nie eine Para­si­ten­in­fek­ti­on nach­wei­sen kön­nen”, so Auer. Er sei wie vie­le sei­ner Fach­kol­le­gen der Mei­nung, dass es sich aus­schließ­lich um eine Psy­cho­se handelt.

Aller­dings gibt es auch Unter­su­chun­gen, die mög­li­che Erklä­run­gen für das Phä­no­men bie­ten. Ein wis­sen­schaft­li­cher Auf­satz aus dem Jahr 2016 (7) bringt den mög­li­chen Faden­wuchs bei Mor­gel­lon etwa in Ver­bin­dung mit Infek­tio­nen nach einem Zecken­biss bzw. Bor­re­lio­se. Die Fasern könn­ten dem­nach vom Kör­per durch die als Kera­tin bekann­ten Faser­pro­te­ine und das Pro­te­in Kol­la­gen gebil­det wer­den. Argu­men­tiert wird etwa mit einem ver­gleich­ba­ren Sym­ptom bei Mor­tel­la­ro, einer eben­falls spi­ro­chä­ta­len Infek­ti­on in der Zehen­haut bei Rin­dern. Zu beach­ten ist hier­bei, dass nicht davon gespro­chen wird, dass die gebil­de­ten Fäden selbst der Para­sit oder leben­dig wären.

Die meis­ten Publi­ka­tio­nen zu einer mög­li­chen Ver­bin­dung zwi­schen Mor­gel­lon und Zecken­bor­re­lio­se stam­men von der kana­di­schen Mikro­bio­lo­gin Mari­an­ne J. Mid­del­ve­en. Laut einer ihrer Stu­di­en (8), die im Jahr 2018 publi­ziert wur­de, konn­te sie bei 27 von 30 poten­zi­el­len Mor­gel­lon-Pati­en­ten eine Bor­re­lio­se feststellen.

Die Exis­tenz und Aus­prä­gung der Krank­heit ist wis­sen­schaft­lich also umstrit­ten. Es bleibt die Fra­ge, wor­um es sich nun bei den doku­men­tier­ten Här­chen auf den Test­stäb­chen han­delt. Denn obgleich sich bei vie­len vira­len Vide­os nicht nach­wei­sen lässt, dass die Fasern schon vor dem Aus­pa­cken des Stäb­chens dar­in zu fin­den waren, deu­ten ande­re Vide­os dar­auf hin.

Auer schließt aus, dass es sich bei den Fasern auf den Test­stäb­chen um Para­si­ten hand­le. Para­si­ten könn­ten in der Ver­pa­ckung gar nicht über­le­ben. Wenn auf sol­chen Tests Fasern oder Här­chen gefun­den wer­den, „dann ist es eine rein zufäl­li­ge Kon­ta­mi­na­ti­on wäh­rend des Ver­pa­ckungs­pro­zes­ses, aber kei­nes­falls durch Para­si­ten bedingt”.

APA-Fak­ten­check kon­tak­tier­te mit dem deut­schen Unter­neh­men nal von min­den auch einen Her­stel­ler von Anti­gen-Schnell­tests. Die Erzäh­lun­gen rund um Mor­gel­lons sei­en dort bekannt, man erhal­te auch wie­der­holt Anru­fe und Dro­hun­gen. Aller­dings kön­ne man bestä­ti­gen, dass es sich nur um Tex­til­fus­sel hand­le, die bei der Pro­duk­ti­on auf das beflock­te Ende kämen. „Die­se beein­träch­ti­gen aber selbst­ver­ständ­lich nicht die Qua­li­tät des Tup­fers und sind nicht als „Ver­un­rei­ni­gung” zu sehen. Tat­säch­lich atmet jeder von uns täg­lich Staub und Fus­sel ein, die zuver­läs­sig von unse­ren Schleim­häu­ten wie­der nach außen trans­por­tiert wer­den”, erklär­te eine Sprecherin.

Dass sich die Fasern durch Anhau­chen bewe­gen las­sen, lässt sich mit ein­fa­chen phy­si­ka­li­schen Phä­no­me­nen wie Elek­tro­sta­tik oder Luft­zug erklä­ren. Dar­auf ver­weist auch Bene­ke in sei­nem Video (6). Dass sich eine schwar­ze Faser im Gegen­satz zu den ande­ren Här­chen auf dem Stab bewe­ge, lie­ge dar­an, dass alle ande­ren Fäden mit dem Kopf ver­bun­den sind.

Quel­len

(1) Pos­ting auf Face­book: http://​go​.apa​.at/​h​o​W​1​y​H3G (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​0​Z​vbH), archi­vier­tes Video: https://​per​ma​.cc/​Q​R​X​8​-​X​FLH

(2) Video auf You­tube: http://​go​.apa​.at/​m​X​j​F​n​vzB

(3) Infor­ma­ti­ons­sei­te zur angeb­li­chen Mor­gel­lon-Krank­heit: http://​go​.apa​.at/​t​W​X​1​S​EXl (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​y​r​ZG0)

(4) CDC-Stu­die aus dem Jahr 2012: http://​go​.apa​.at/​D​n​q​r​g​hPG (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​v​3​WBg)

(5) Mimi­ka­ma-Arti­kel aus dem Jahr 2017: http://​go​.apa​.at/​R​P​0​U​o​spC (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​V​H​g0C)

(6) You­Tube-Video von Bene­ke zu Mor­gel­lon: http://​go​.apa​.at/​6​u​O​c​b​zFE

(7) Wis­sen­schaft­li­cher Auf­satz zu Mor­gel­lon und Bor­re­lio­se: http://​go​.apa​.at/​4​b​Z​A​p​IWd (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​V​8​tSB)

(8) Stu­die zu Mor­gel­lon-Pati­en­ten: http://​go​.apa​.at/​x​g​a​H​N​EC7 (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​C​K​7xp)

Wenn Sie zum Fak­ten­check-Team Kon­takt auf­neh­men oder Fak­ten­checks zu rele­van­ten The­men anre­gen möch­ten, schrei­ben Sie bit­te an faktencheck@apa.at