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blog / Donnerstag 15.07.21

Falls­terb­lich­keit sagt wenig über Gefahr von Delta

APA/HELMUT FOHRIN­GER (Archiv)

Der­zeit domi­niert die vor­herr­schen­de Vari­an­te Del­ta die Dis­kus­sio­nen über die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der Coro­na-Maß­nah­men. In Sozia­len Medi­en (1,2,3) etwa ver­brei­te­te sich zuletzt ein Blog-Arti­kel (4) stark, dem­zu­fol­ge bri­ti­sche Daten gezeigt hät­ten, dass die Del­ta-Vari­an­te „min­des­tens 10-fach weni­ger gefähr­lich” sei als frü­he­re Vari­an­ten. Das lie­ße sich an der Case Fata­li­ty Rate (CFR) erken­nen, die nied­ri­ger sei als jene der Alpha und Beta-Varianten.

Ein­schät­zung: Die Case Fata­li­ty Rate (CFR) gibt an, wie vie­le der Coro­na-Infi­zier­ten ster­ben. Die Rate ist tat­säch­lich bei der Del­ta-Vari­an­te in Groß­bri­tan­ni­en der­zeit nied­ri­ger als jene von Alpha oder Beta. Nur auf Basis des­sen lässt sich aber nicht sagen, dass die Del­ta-Vari­an­te weni­ger gefähr­lich ist. In Bezug auf die CFR müs­sen meh­re­re Fak­to­ren wie etwa der Impf­fort­schritt mit­ein­be­zo­gen wer­den. Es ist der­zeit nicht ein­deu­tig, ob die Vari­an­te zu mehr Hos­pi­ta­li­sie­run­gen führt oder eine höhe­re Sterb­lich­keit hat. Stu­di­en zufol­ge ist sie aber ansteckender.

Über­prü­fung: Die rei­nen Zah­len der letz­ten Berich­te von Public Health Eng­land (5,6,7) zei­gen, dass die Case Fata­li­ty Rate (CFR) in Groß­bri­tan­ni­en bei der Del­ta-Vari­an­te (B.1.617.2) nied­ri­ger ist als bei der Alpha (B.1.1.7) und der Beta-Vari­an­te (B.1.351). Wäh­rend die­se bei Del­ta im Juni 2021 bei 0,1 Pro­zent lag (bei einer Nach­be­ob­ach­tung von 28 Tagen bei 0,3 Pro­zent), lag sie bei der Alpha-Vari­an­te bei 1,9 Pro­zent und bei Beta bei 1,4 Pro­zent. Im aktu­ells­ten Bericht (7) liegt sie bei Del­ta bei einer Nach­be­ob­ach­tung von 28 Tagen bei 0,2 Pro­zent, bei Alpha und Beta blieb sie etwa gleich.

Die Case Fata­li­ty Rate (CFR) ist die Falls­terb­lich­keit (8). Sie gibt an, wie vie­le der labor­be­stä­tig­ten Coro­na-Infi­zier­ten ster­ben. In Bezug auf die Mor­ta­li­tät im Ver­gleich zu ande­ren Vari­an­ten oder dar­über, wie gefähr­lich die Del­ta-Vari­an­te ist, sagt sie nur bedingt etwas aus.

Im aktu­ells­ten bri­ti­schen Bericht (7) wird etwa betont, dass die CFR nicht dafür geeig­net ist, ver­schie­de­ne Coro­na-Vari­an­ten mit­ein­an­der zu ver­glei­chen: „Die Falls­terb­lich­keit ist nicht zwi­schen den Vari­an­ten ver­gleich­bar, da die­se zu unter­schied­li­chen Zeit­punk­ten in der Pan­de­mie ihren Höhe­punkt hat­ten”. Zudem wür­den die Kran­ken­haus­aus­las­tung, die Ver­füg­bar­keit von Imp­fun­gen und deren Raten, Fall­pro­fi­le, Behand­lungs­mög­lich­kei­ten sowie Effek­te der Mel­de­ver­zö­ge­rung neben ande­ren Fak­to­ren eine Rol­le spielen.

In einem Bericht vom Juni (5) steht, dass die Mor­ta­li­tät ein ver­zö­ger­ter Indi­ka­tor ist. Damit ist gemeint, dass die Anzahl der Fäl­le, die eine Nach­be­ob­ach­tungs­zeit von 28 Tagen abge­schlos­sen haben, der­zeit sehr gering ist. Es sei also zu früh „um eine for­ma­le Bewer­tung der Sterb­lich­keit von Del­ta stra­ti­fi­ziert nach Alter im Ver­gleich zu ande­ren Vari­an­ten abzugeben.”

Dar­auf weist auch Eva Schern­ham­mer, Pro­fes­so­rin für Epi­de­mio­lo­gie an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien, gegen­über der APA hin: „Mei­ner Mei­nung nach ist das ein Schlüs­selstate­ment (…) ‑näm­lich, dass man noch zu wenig weiß, was alters-stra­ti­fi­zier­te Daten betrifft.”

Von Anfang an habe man gewusst, dass die Case Fata­li­ty Rate bei Covid-19 dras­tisch unter­schied­lich sei für Älte­re im Ver­gleich zu Jün­ge­ren. Weil die Älte­ren bereits groß­teils geimpft wor­den sei­en, betref­fe Del­ta der­zeit vor­wie­gend Jün­ge­re. Daher muss man laut Schern­ham­mer auch schau­en, ob die immer schon eher gerin­ge­re CFR der Jün­ge­ren nun durch Del­ta, im Ver­gleich zur CFR der Jun­gen bei der Alpha oder der Beta-Vari­an­te, ein wenig gestie­gen ist. Schern­ham­mers Ein­druck sei, dass das der Fall ist – „aller­dings befin­den wir uns dann immer noch in einem sehr nied­ri­gem Bereich was die Sterb­lich­keit betrifft”, sagt die Epidemiologin.

Dass es ins­ge­samt über alle Alters­grup­pen hin­weg so wir­ke, als sei die CFR nied­ri­ger, sei „kein Wun­der”, wenn man das Alter nicht in Betracht zie­he. „Damals (Anm. als Alpha oder Beta domi­nant waren) haben die noch mehr­fach älte­ren Erkrank­ten die CFR ins­ge­samt höher erschei­nen las­sen als der­zeit, wo es sich um haupt­säch­lich Jün­ge­re han­delt. Man müss­te das aber eben dif­fe­ren­zier­ter – näm­lich alters-stra­ti­fi­ziert – anschau­en”, resü­miert Schernhammer.

Auch der deut­sche Viro­lo­ge Chris­ti­an Dros­ten sieht den Grund in der nied­ri­ge­ren CFR „ganz klar” dar­in, dass inzwi­schen mehr Leu­te geimpft sind, sag­te er Ende Juni im NDR-Pod­cast (9). Man kön­ne aber davon aus­ge­hen, dass die CFR noch stei­ge. Damit spricht er eben­falls auf die Mor­ta­li­tät als ver­zö­ger­ten Indi­ka­tor an.

Die jet­zi­ge CFR bei Del­ta schließt also nicht mehr die gesam­te Bevöl­ke­rung mit ein, son­dern haupt­säch­lich jenen Teil, der noch nicht geimpft wur­de. Da das vor­ran­gig jün­ge­re Men­schen sind, die nicht so gefähr­det sind, schwer an Covid-19 zu erkran­ken, ist die CFR auch nied­ri­ger. Der Wert kann also nicht die „Gefähr­lich­keit” der Vari­an­te für die gesam­te Gesell­schaft abbilden.

Das lässt sich auch durch Zah­len bele­gen: Nur 13 Pro­zent der unter 40-Jäh­ri­gen erhielt dem aktu­ells­ten Bericht zum bri­ti­schen Impf­fort­schritt (10) zufol­ge die zwei­te Coro­na-Imp­fung, aber 93 Pro­zent der über 80-Jäh­ri­gen. Gleich­zei­tig tre­ten rund 90 Pro­zent aller Del­ta-Fäl­le (7) bei den unter 50-Jäh­ri­gen auf. Im Zeit­raum von 1. Febru­ar bis 21. Juni 2021 wur­den 123.620 Del­ta-Fäl­le bestä­tigt, davon 111.008 bei unter 50-Jäh­ri­gen und 12.404 bei über 50-Jäh­ri­gen. Das wür­de eine CFR von 0,02 Pro­zent für die jün­ge­re Alters­grup­pe und eine von rund 1,9 Pro­zent für die älte­re ergeben.

Zu einem spä­te­ren Zeit­punkt – wenn die Daten­la­ge bes­ser ist – könn­te man dann die Del­ta-CFR der Jün­ge­ren mit der CFR der Jün­ge­ren wäh­rend einer der frü­he­ren Vari­an­ten ver­glei­chen und so Erkennt­nis­se zur Sterb­lich­keit gewin­nen. Ein Ver­gleich wie er im Blog-Arti­kel ange­stellt wur­de, ist aber der­zeit unzu­läs­sig. Zudem ist es unzu­läs­sig, die Del­ta-CFR mit jener der Grip­pe zu vergleichen.

Die CFR ist ein Wert, der prin­zi­pi­ell mit Vor­sicht betrach­tet wer­den muss, wie etwa das Sta­tis­tik-Por­tal „Our World in Data” (11) zu Beginn der Pan­de­mie schrieb. Die Rate zei­ge nicht das Risi­ko, an Covid-19 zu ster­ben. Sie sei nicht kon­stant, son­dern müs­se Kon­text-bezo­gen gese­hen wer­den: „Sie spie­gelt den Schwe­re­grad der Krank­heit in einem bestimm­ten Kon­text, zu einer bestimm­ten Zeit, in einer bestimm­ten Popu­la­ti­on wider.” Die CFR kann sich über die Zeit ver­rin­gern oder erhö­hen sowie in Bezug auf ver­schie­de­ne Orte oder Bevöl­ke­run­gen vari­ie­ren. Nach Anga­ben der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) (12) erhält man zuver­läs­si­ge CFRs, die zur Beur­tei­lung der Töd­lich­keit eines Krank­heits­aus­bruchs oder der ein­ge­lei­te­ten Gesund­heits­maß­nah­men die­nen, erst am Ende eines Pan­de­mie­aus­bruchs, nach­dem alle Fäl­le geklärt sind.

Die „Gefähr­lich­keit” einer Vari­an­te bemisst sich nicht nur an der Sterb­lich­keit, son­dern etwa auch an der Rate der Hos­pi­ta­li­sie­run­gen oder der Anste­ckun­gen. In Bezug auf Hos­pi­ta­li­sie­run­gen wird häu­fig auf eine Stu­die in der wis­sen­schaft­li­chen Fach­zeit­schrift „The Lan­cet” (13) von Juni 2021 ver­wie­sen. Die Stu­die kam zu dem Schluss, dass das Risi­ko mit einer Infek­ti­on mit der Del­ta-Vari­an­te ins Kran­ken­haus ein­ge­wie­sen zu wer­den in Schott­land im Ver­gleich zur Alpha-Vari­an­te etwa dop­pelt so hoch gewe­sen sei. Beson­ders sei das Risi­ko bei Per­so­nen mit meh­re­ren Vor­er­kran­kun­gen erhöht gewesen.

Eine ähn­li­che Quo­te nann­te der Chef des Robert Koch-Insti­tuts (RKI), Lothar Wie­ler, Ende Juni in einer Pres­se­kon­fe­renz: „Momen­tan deu­ten unse­re Mel­de­zah­len dar­auf hin, dass die Hos­pi­ta­li­sie­rungs­ra­te (Anm. bei der Del­ta-Vari­an­te im Ver­gleich zur Alpha-Vari­an­te) dop­pelt so hoch ist”. Er beton­te aber auch, dass die Daten noch sehr jung sei­en und wei­ter beob­ach­tet wer­den müss­ten. Unter ande­rem berich­te­te die „Tages­schau” (14) dar­über. Anders sieht das der deut­sche Viro­lo­ge Alex­an­der Keku­lé, wie sich in meh­re­ren Medi­en­be­rich­ten (15, 16) nach­le­sen lässt.

Ein­deu­ti­ger ist die Stu­di­en­la­ge in Bezug auf die Anste­ckungs­wahr­schein­lich­keit. Meh­re­re Stu­di­en (17, 18) deu­ten dar­auf hin, dass Del­ta anste­cken­der ist als frü­he­re Varianten.

Quel­len:

(1) Face­book-Bei­trag: http://​go​.apa​.at/​6​V​A​Q​8​Byb (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​R​5​L​D​8​b3l)

(2) Twit­ter-Bei­trag 1: http://​go​.apa​.at/​7​6​S​g​P​Fep (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​5​m​8​z​j​XQu)

(3) Twit­ter-Bei­trag 2: http://​go​.apa​.at/​z​s​i​o​5​K9k (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​F​1​M​6​X​2jV)

(4) Blog-Arti­kel von „tkp”: http://​go​.apa​.at/​z​e​U​N​g​U9Q (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​7​X​W​2​X​gyk)

(5) Public Health Eng­land, Tech­ni­cal Brie­fing 16 (18.6.2021): http://​go​.apa​.at/​Z​F​I​q​e​WrB (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​k​9​R​S​l​dBm)

(6) Public Health Eng­land, Tech­ni­cal Brie­fing 17 (25.6.2021): http://​go​.apa​.at/​E​l​8​l​s​9df (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​K​L​B​y​j​LFC)

(7) Public Health Eng­land, Tech­ni­cal Brie­fing 18 (9.7.2021): http://​go​.apa​.at/​O​E​q​4​9​TN5 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​W​R​t​G​j​XQR)

(8) Unter­schied Falls­terb­lich­keit und Infek­ti­ons­sterb­lich­keit: http://​go​.apa​.at/​v​i​I​o​G​7XO (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​q​p​q​2​i​KKn)

(9) „ndr”-Podcast mit Viro­lo­ge Chris­ti­an Dros­ten (23.6.2021): http://​go​.apa​.at/​D​G​f​j​V​xSP (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​d​s​e​6​J​iMX)

(10) Bri­ti­scher Impf­fort­schritt (8.7.2021): http://​go​.apa​.at/​0​7​M​Z​l​7s2 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​E​j​O​3​L​eP0)

(11) „Our World In Data” über Case Fata­li­ty Rate (CFR): http://​go​.apa​.at/​e​Z​J​k​p​jkx (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​V​t​r​6​j​GEW)

(12) Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) über Case Fata­li­ty Rate (CFR): http://​go​.apa​.at/​y​Y​Y​v​F​B0i (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​K​u​Z​P​x​14o)

(13) Stu­die von „The Lan­cet” über Hos­pi­ta­li­sie­rungs­ra­te bei Del­ta-Vari­an­te (Juni 2021): http://​go​.apa​.at/​R​6​W​g​i​DqI (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​E​F​V​M​e​BDd)

(14) „Tagesschau”-Artikel über Pres­se­kon­fe­renz mit u.a. RKI-Chef Lothar Wie­ler (25.6.2021): http://​go​.apa​.at/​N​J​Z​U​9​u04 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​W​a​J​P​P​vfy)

Pres­se­kon­fe­renz mit u.a. RKI-Chef Lothar Wie­ler: http://​go​.apa​.at/​J​8​q​h​h​zGm

(15) Inter­view mit Viro­lo­ge Alex­an­der Keku­lé (5.7.2021): http://​go​.apa​.at/​p​o​8​Z​h​BsF (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​T​8​y​l​h​HE5)

(16) Gast­bei­trag von Viro­lo­ge Alex­an­der Keku­lé (24.6.2021): http://​go​.apa​.at/​I​C​c​f​6​P4n (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​k​t​I​A​C​ryz)

(17) Wis­sen­schaft­li­cher Arti­kel in „Euro­sur­veil­lan­ce” über Über­trag­bar­keit von Coro­na-Vari­an­ten (Juni 2021): http://​go​.apa​.at/​9​G​m​I​i​Zzy (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​7​e​7​a​B​xlR)

(18) Bri­ti­sche Stu­die über Anste­ckungs­ra­te von Del­ta-Vari­an­te in Haus­hal­ten (Juni 2021): http://​go​.apa​.at/​a​v​6​Q​n​ixD (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​q​3​l​N​x​Y4N)

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Vale­rie Schmid