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blog / Mittwoch 07.04.21

Des­in­for­ma­tio­nen im Urteil des Verwaltungsgerichts

APA/EXPA/Symbolbild

Die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts Wien über die Unter­sa­gung einer FPÖ-Ver­samm­lung im Jän­ner sorgt aktu­ell für Auf­re­gung (1, 2, 3). Vor allem die Begrün­dun­gen des Rich­ters für sei­ne Ent­schei­dung, dass die FPÖ-Ver­samm­lung statt­fin­den hät­ten sol­len, sind bri­sant: Er führt teils bereits wider­leg­te Falsch­be­haup­tun­gen und unbe­leg­te oder irre­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen an und belegt sie mit frag­wür­di­gen Quellen.

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­tio­nen: Meh­re­re gän­gi­ge und in der Coro­na-Kri­se grund­le­gen­de Annah­men zur Wirk­sam­keit von Schutz­mas­ken, Defi­ni­ti­on von Coro­na-Infi­zier­ten, PCR-Tests und Infek­tio­si­tät sind laut einer Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts Wien nach­weis­bar falsch.

Ein­schät­zung: Es han­delt sich bei den Behaup­tun­gen in der Ent­schei­dung groß­teils um fal­sche, unbe­leg­te oder irre­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen. Laut einem Ver­wal­tungs­ju­ris­ten hat das Erkennt­nis des Ver­wal­tungs­ge­richts Wien metho­di­sche Mängel.

Über­prü­fung:

In der Ent­schei­dung geht es um eine unter­sag­te FPÖ-Ver­samm­lung am 31. Jän­ner 2021. Der APA liegt das Doku­ment vor. Kri­ti­siert wird dar­in unter ande­rem, dass die belang­te Behör­de kei­ne Ver­su­che unter­nom­men hät­ten, mit der Beschwer­de­füh­re­rin Kom­pro­mis­se und Alter­na­ti­ven zu suchen, etwa einen ande­ren Ver­samm­lungs­ort. Die Ein­hal­tung der Seu­chen­be­stim­mun­gen wer­de der Par­tei aus einem „Miss­trau­en” her­aus gar nicht erst zuge­traut. Dar­über hin­aus wür­de die Unter­sa­gung zur Eska­la­ti­on bei­tra­gen und Spon­tan­ver­samm­lun­gen befeu­ern. Die­ses Argu­ment war auch öfter von der FPÖ selbst vor­ge­bracht wor­den (4, 5). „Eine Abwä­gung von kol­li­die­ren­den Grund­rechts­po­si­tio­nen” dür­fe nicht per se zu einer gänz­li­chen Unter­sa­gung füh­ren, heißt es in der Entscheidung.

Schutz­wir­kung von FFP2-Masken

In dem ins­ge­samt 13-sei­ti­gen Erkennt­nis des Ver­wal­tungs­ge­richts Wien wer­den danach eini­ge fal­sche, irre­füh­ren­de oder unbe­leg­te Behaup­tun­gen ange­führt. So wird etwa behaup­tet, dass „der peer review für die Schutz­wir­kung” von FFP2-Schutz­mas­ken unein­heit­lich sei und durch die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) und die EU-Kom­mis­si­on nega­tiv in Hin­blick auf die Vor­tei­le der Schutz­wir­kung beant­wor­tet sei.

Die WHO (6) emp­fiehlt das Tra­gen von Mas­ken als Teil einer umfas­sen­den Stra­te­gie. Vor allem Gesund­heits­per­so­nal, das Covid-19-Pati­en­ten betreut, soll­te par­ti­kel­fil­trie­ren­de Halb­mas­ken (FFP-Mas­ken) tra­gen, um sich zu schüt­zen. FFP2-Mas­ken fil­tern min­des­tens 94 Pro­zent der Aero­sol­par­ti­kel. Es gehört nicht unbe­dingt zu den pri­mä­ren Auf­ga­ben der EU-Kom­mis­si­on die Schutz­wir­kung von FFP2-Mas­ken zu beur­tei­len, dem­entspre­chend fin­det sich auch wenig dazu. Laut dem Euro­pean Cent­re for Dise­a­se Pre­ven­ti­on and Con­trol (ECDC) (7) aber haben FFP2-Mas­ken eine bes­se­re Fil­ter­leis­tung als ein­fa­che medi­zi­ni­sche Mas­ken (MNS). Bei der Fra­ge, ob die­se Mas­ken in der brei­ten Bevöl­ke­rung getra­gen wer­den soll­ten, scheint die Stu­di­en­la­ge wider­sprüch­lich zu sein.

Kei­ne Bele­ge gib es dafür, dass eine der bei­den Insti­tu­tio­nen die Mas­ken auf­grund ihrer Schutz­wir­kung nega­tiv sehen wür­de. Es gibt zudem mitt­ler­wei­le zahl­rei­che Stu­di­en, die die Wirk­sam­keit von Mas­ken in der Coro­na-Pan­de­mie bele­gen, wie sich in Fak­ten­checks von APA (8) und dpa (9) detail­liert nach­le­sen lässt. Eine Meta­ana­ly­se von „The Lan­cet” (10) von Juni 2020 etwa kam zu dem Schluss, dass die Ver­wen­dung von Gesichts­mas­ken zu einer star­ken Ver­rin­ge­rung des Infek­ti­ons­ri­si­kos füh­ren kann. Noch stär­ker zeig­te sich der Effekt dem­nach bei N95-Mas­ken. Die­se sind gleich­wer­tig mit FFP2-Masken.

Einer im Okto­ber 2020 ver­öf­fent­lich­ten japa­ni­schen Stu­die der „Ame­ri­can Socie­ty for Micro­bio­lo­gy” (11) zufol­ge haben sowohl Stoff­mas­ken als auch OP-Mas­ken und N95-Mas­ken eine schüt­zen­de Wir­kung in Bezug auf die Über­tra­gung infek­tiö­ser Tröp­fen bzw. Aero­so­le von SARS-CoV-2. Die N95-Mas­ke war dabei die sicherste.

Covid-19-Begrif­fe

Der Gesund­heits­dienst der Stadt Wien ver­wen­de laut dem Erkennt­nis etwa in sei­ner „Infor­ma­ti­on aus gesund­heit­li­cher Sicht”, also in sei­ner Ein­schät­zung zur Gefahr der Ver­brei­tung von Covid-19 bei Ver­samm­lun­gen, Begrif­fe, die „einer wis­sen­schaft­li­chen Beur­tei­lung der Seu­chen­la­ge nicht gerecht” wer­den wür­den. Sie stün­den auch nicht im Ein­klang mit den Richt­li­ni­en der WHO.

Als Beleg dafür führt der Rich­ter eine Infor­ma­ti­ons­no­tiz der WHO von 20. Jän­ner 2021 (12) an, die in der Ver­gan­gen­heit schon öfters Gegen­stand von Falsch­be­haup­tun­gen war. In die­sem WHO-Schrei­ben steht kei­nes­wegs, wie vom Rich­ter behaup­tet, dass für die Anzahl der Covid-19-Fäl­le die Anzahl der „Infektionen/Erkrankten und nicht der posi­tiv Getes­te­ten” aus­schlag­ge­bend sei. (Anm. Es ist nicht ein­deu­tig, ob der Rich­ter hier Infek­tio­nen mit Erkrank­ten gleich­setzt. Die bei­den Begrif­fe sind jeden­falls von­ein­an­der zu unter­schei­den. (13)) In der Notiz wer­den Nut­zer von PCR-Tests, also etwa Labor­per­so­nal, ledig­lich dazu auf­ge­for­dert, beim Inter­pre­tie­ren von PCR-Test­ergeb­nis­sen die Gebrauchs­an­wei­sun­gen sorg­fäl­tig zu lesen.

Beson­de­res Augen­merk rich­tet die WHO in der Notiz auf schwach-posi­ti­ve Resul­ta­te. Die­se soll­ten mit Vor­sicht inter­pre­tiert wer­den. Wenn das Test­ergeb­nis nicht mit dem kli­ni­schen Bild, also etwa den Sym­pto­men, über­ein­stim­me, soll­te ein neu­er Test gemacht werden.

Ct-Wert

Zudem soll­ten laut WHO die vom Her­stel­ler emp­foh­le­nen Ct-Schwel­len­wer­te beach­tet wer­den. Die­ser Wert ist ein Maß für die Virus­kon­zen­tra­ti­on im Pro­ben­ma­te­ri­al und zeigt die Zahl der Test­zy­klen an, die nötig sind, um Virus-RNA zu repro­du­zie­ren und damit zu erken­nen, wie sich auch in einer Emp­feh­lung des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums (14) nach­le­sen lässt. Die WHO-Infor­ma­ti­ons­no­tiz ist aber nicht als Defi­ni­ti­ons­än­de­rung von posi­ti­ven PCR-Test­re­sul­ta­ten zu sehen. Sie sagt auch nicht, dass ein posi­ti­ves PCR-Test­ergeb­nis per se nicht aus­reicht, um eine Infek­ti­on zu erken­nen, son­dern dass bei schwach-posi­ti­ven Ergeb­nis­sen Vor­sicht gebo­ten ist und prin­zi­pi­ell auch ande­re Fak­to­ren mit­ein­be­zo­gen wer­den müs­sen. Das bestä­tig­te auch eine Spre­che­rin des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums der APA.

Aus einem wei­ter­füh­ren­den WHO-Doku­ment (15) geht her­vor, dass allein ein posi­ti­ves NAAT-Test­ergeb­nis (Anm. dazu gehört auch der PCR-Test) als bestä­tig­ter Covid-19-Fall gilt. Für einen dpa-Fak­ten­check (16) zu der Notiz teil­te die WHO zudem mit: „Wir möch­ten bekräf­ti­gen, dass wir ord­nungs­ge­mäß ver­wen­de­te PCR-Tests für ein hoch­ver­läss­li­ches Instru­ment zur Dia­gno­se von Covid-19 hal­ten.” Laut WHO ist der Hin­ter­grund der Notiz, dass bei ein paar Fäl­len nicht die von den Her­stel­lern ange­ge­be­nen Ct-Schwel­len­wer­te beach­tet wor­den sei­en. Dar­auf mache die Notiz auf­merk­sam. Wie ein­zel­ne Staa­ten PCR-Tests zur Ermitt­lung von Fall­zah­len ein­set­zen, schreibt die WHO nicht vor.

Defi­ni­ti­on „Bestä­tig­ter Covid-19-Fall”

Kri­tik übt der Rich­ter auch an den Defi­ni­tio­nen des Gesund­heits­mi­nis­ters was einen bestä­tig­ten Covid-19-Fall betrifft. Kei­ner der drei vom Gesund­heits­mi­nis­ter defi­nier­ten „bestä­tig­ten Fäl­le” erfül­le die Erfor­der­nis­se des Begriffs „Kranker/Infizierter” der WHO, heißt es. Das ist falsch.

Die Fall­de­fi­ni­ti­on (17) eines Covid-19-Falls ist im Ein­klang mit der von der WHO sowie von ECDC publi­zier­ten Fall­de­fi­ni­ti­on, teil­te eine Spre­che­rin des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums auf APA-Anfra­ge mit. Das lässt sich auch auf den Web­sei­ten der WHO (18) und der ECDC (19) nach­le­sen. „In die Fall­de­fi­ni­ti­on (Ver­dachts­fall und bestä­tig­ter Fall) von Covid-19 flie­ßen meh­re­re Fak­to­ren mit ein: epi­de­mio­lo­gi­sche, kli­ni­sche und labor­dia­gnos­ti­sche Kri­te­ri­en sowie ein dia­gnos­ti­sches Bild­ge­bungs­kri­te­ri­um”, hieß es. Das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um tref­fe „aus­nahms­los und gestützt auf die Exper­ti­se von Fach­ex­per­ten Ent­schei­dun­gen in Ver­bin­dung mit den Vor­ga­ben des Epi­de­mie­ge­set­zes wie auch des Covid 19-Maß­nah­men­ge­set­zes und sei­ner Ver­ord­nun­gen”. Bei Anti­gen­tests wer­de bei feh­len­der Sym­pto­ma­tik bzw. epi­de­mio­lo­gi­schem Link ein posi­ti­ves Anti­gen-Test­ergeb­nis mit­tels einer sen­si­ti­ve­ren Metho­de (PCR) nach­ge­tes­tet, so die Spre­che­rin. Das lässt sich noch genau­er in den FAQs des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums (20) nachlesen.

Ver­gleicht man die Fall­de­fi­ni­tio­nen von WHO und Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um, sind fol­gen­de Fäl­le glei­cher­ma­ßen als „bestä­tigt” defi­niert: Eine Per­son mit nach­ge­wie­se­ner SARS-CoV-2-spe­zi­fi­scher Nukle­in­säu­re, also jeder posi­ti­ve PCR-Test sowie eine Per­son mit posi­ti­vem Anti­gen-Test, die epi­de­mio­lo­gi­sche Kri­te­ri­en erfüllt, also etwa Kon­takt­per­son zu einem wahr­schein­li­chen oder bestä­tig­ten Fall ist. Ein Unter­schied zeigt sich nach die­sen Kri­te­ri­en bei sym­pto­ma­ti­schen Per­so­nen mit posi­ti­vem Anti­gen­test. Wäh­rend hier in Öster­reich ein bestä­tig­ter Fall vor­liegt, ist laut WHO-Defi­ni­ti­on ein Kon­takt zu einem wahr­schein­li­chen oder bestä­tig­ten Fall oder eine Ver­bin­dung zu einem Covid-19-Clus­ter not­wen­dig. Dafür umfasst die WHO-Defi­ni­ti­on auch theo­re­ti­sche asym­pto­ma­ti­sche Fäl­le, bei denen eine Rönt­gen-Tho­ra­x­auf­nah­me auf eine Covid-19-Erkran­kung hindeutet.

Kary Mul­lis

In dem Ent­scheid wird auch ein You­Tube-Video als Quel­le dafür ange­führt, dass PCR-Tests angeb­lich nicht zur Dia­gnos­tik geeig­net sind und nichts über eine Infek­tio­si­tät aus­sa­gen. Dar­in warnt der Erfin­der der PCR-Tests, Kary Mul­lis, vor einer Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on der Tests, da man damit „alles in jedem” fin­den kön­ne, wenn man die Pro­be nur genü­gend oft repli­zie­re. Die Schluss­fol­ge­rung, dass PCR-Tests daher nicht für die Dia­gnos­tik beim Coro­na­vi­rus geeig­net sind, ist auf­grund die­ser Aus­sa­gen unzu­läs­sig. Durch den Ct-Wert kön­nen durch­aus Infor­ma­tio­nen zur Virus­kon­zen­tra­ti­on und somit Hin­wei­se auf die Infek­tio­si­tät eines Men­schen gesam­melt wer­den. Es gibt auch kei­ne Bele­ge, dass Mul­lis die Ver­wen­dung von PCR beim Nach­weis von Viren ablehnte.

Auch damit haben sich schon eini­ge Fak­ten­che­cker beschäf­tigt (21, 22). Der Ursprung die­ser Behaup­tung liegt offen­bar in einem Blog­ar­ti­kel von John Lau­ritsen aus dem Jahr 1996 (23). In einem Absatz zitiert er Mul­lis mit dem Satz „Die quan­ti­ta­ti­ve PCR ist ein Oxy­mo­ron.” Ob das Zitat auch wirk­lich von Mul­lis stammt, lässt sich nicht nach­wei­sen. Im sel­ben Absatz steht dann geschrie­ben, dass PCR-Tests gene­ti­sche Sequen­zen von Viren nach­wei­sen könn­ten, nicht aber die Viren selbst. Die­se Aus­sa­gen sind aber nicht als Zitat gekenn­zeich­net und stam­men ver­mut­lich vom Autor des Blog­bei­trags. Der gan­ze Arti­kel bezieht sich auf einen Mythos, dass das HIV-Virus kein AIDS aus­lö­sen soll. Auch Mul­lis selbst ver­trat die­se Ansicht.

Prin­zi­pi­ell gilt der PCR-Test laut dem Robert Koch-Insti­tut (RKI) als „Gold­stan­dard” (24) für die Dia­gnos­tik einer Covid-19-Infek­ti­on. Eine Per­son kann auch eine asym­pto­ma­ti­sche Infek­ti­on durch­le­ben, trotz­dem ist der PCR-Test posi­tiv und die Per­son kann anste­ckend sein.

Infek­tio­nen vs. Testzahlen

Von Kri­ti­kern der Coro­na-Maß­nah­men wird oft behaup­tet, dass hohe Fall­zah­len auf vie­le Tests zurück­zu­füh­ren sind. Die­se Ansicht ver­tritt auch der Rich­ter. Es ist auf­grund der Kom­ple­xi­tät der Daten und zahl­rei­cher Fak­to­ren aller­dings schwie­rig, hier Zusam­men­hän­ge fest­zu­stel­len oder auszuschließen.

Nach Infor­ma­tio­nen des ORF (25) war es rund zwei Wochen vor der von der gericht­li­chen Ent­schei­dung betrof­fe­nen FPÖ-Ver­samm­lung zu einer Umstel­lung bei den AGES-Daten gekom­men. Dadurch, dass danach PCR- und Anti­gen-Tests gemein­sam ver­öf­fent­licht wur­den, erhöh­te sich auch die Gesamt­zahl der Tests. Ob und in wel­chem Aus­maß dies nun zu erhöh­ten Fall­zah­len bei­getra­gen haben könn­te, lässt sich schwer sagen.

Infek­tio­si­tät

In einem wei­te­ren Punkt geht es um die Bewer­tung eines bestä­tig­ten Covid-19-Falls in Bezug auf den Ct-Wert eines Test­ergeb­nis­ses. Hier wird der aktu­el­le Richt­wert von 30 infra­ge gestellt. Der Rich­ter führt eine Stu­die aus dem Jahr 2020 im peer-review­ed Jour­nal „Cli­ni­cal Infec­tious Dise­a­ses” (26) an, der­zu­fol­ge bei Ct-Wer­ten grö­ßer als 24 kein ver­meh­rungs­fä­hi­ger Virus mehr nach­weis­bar sei und ein PCR-Test nicht dazu geeig­net sei, die Infek­tio­si­tät zu bestim­men. Prin­zi­pi­ell kommt die Stu­die zu dem Schluss.

Aller­dings ist die genaue Ct-Gren­ze, ab der sich SARS-CoV‑2 nicht mehr repli­ziert, umstrit­ten. Das RKI (27) lis­tet hier­zu ver­schie­de­ne Stu­di­en auf, wonach der „cut-off”-Wert zwi­schen 31 und 34 liegt. Bei eini­gen Pro­ben konn­ten sogar noch bei einem Ct-Wert über 35 repli­ka­ti­ons­fä­hi­ge Viren nach­ge­wie­sen wer­den. Das RKI weist dar­auf hin, dass die­se Wer­te aber von Test­sys­te­men und Labo­ren abhän­gen und daher vari­ie­ren wür­den. Die Über­tra­gungs­fä­hig­keit eines Men­schen hän­ge aber auch nicht nur von der Virus­last ab, son­dern von zahl­rei­chen ande­ren Fak­to­ren. Genannt wer­den etwa die Zeit seit Sym­ptom­be­ginn, Bes­se­rung der Sym­pto­ma­tik, Ver­hal­ten der Per­son und der Umgebungsluft.

Der Ct-Wert hängt aber bei­spiels­wei­se auch von der Abstrich­qua­li­tät und Test­de­tails ab, infor­miert das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um in sei­ner Emp­feh­lung (14). Bei der Ent­las­sung von Covid-19-Fäl­len aus der Abson­de­rung wird der Ct-Wert auf alle Fäl­le mit­ein­be­zo­gen. Der Richt­wert von 30 wird in der Emp­feh­lung zur Ent­las­sung von Covid-19-Pati­en­ten aus der Abson­de­rung anhand eines Cha­ri­té-Pro­to­kolls fest­ge­macht, wel­ches aber nicht online auf­find­bar ist.

Juris­ti­sche Ein­schät­zung der Entscheidung

Peter Buß­jä­ger, Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor am Insti­tut für Öffent­li­ches Recht, Staats- und Ver­wal­tungs­leh­re an der Uni­ver­si­tät Inns­bruck, bezeich­ne­te das Erkennt­nis im APA-Gespräch als „schräg”. Kri­tisch sah er, dass der Rich­ter den Wert von PCR-Tests oder auch die Daten­la­ge was Infi­zier­te betrifft, in Zwei­fel zie­he. „Dass er das frei­hän­dig als Jurist macht ohne auf medi­zi­ni­schen Sach­ver­stand zurück­zu­grei­fen, hal­te ich für metho­disch falsch”, so Buß­jä­ger. Zu sagen, PCR-Tests sei­en laut WHO nichts wert, das gehe ein­deu­tig zu weit.

Prin­zi­pi­ell sei es natür­lich die Auf­ga­be des Rich­ters die Unter­sa­gung der Ver­samm­lung für rechts­wid­rig zu erklä­ren, wenn er auf Basis der vor­ge­leg­ten Daten zu die­ser Auf­fas­sung gelan­ge – „Nur wie er zu die­sem Ergeb­nis gelangt, das scheint mir schon sehr zwei­fel­haft.” Die LPD Wien hat auf Twit­ter (28) ange­kün­digt, die Ent­schei­dung nicht nach­voll­zie­hen zu kön­nen und außer­or­dent­li­che Revi­si­on ein­le­gen zu wollen.

Hin­weis: Das in dem Ent­scheid ver­link­te You­Tube-Video ist doch noch online ein­seh­bar. Dar­in warnt Kary Mul­lis vor einer Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on der PCR-Tests, da man damit „alles in jedem” fin­den kön­ne, wenn man die Pro­be nur genü­gend oft repli­zie­re. Die Schluss­fol­ge­rung, dass PCR-Tests nicht für die Dia­gnos­tik geeig­net sind, ist auf­grund die­ser Aus­sa­gen unzu­läs­sig. Durch den Ct-Wert kön­nen aber durch­aus Infor­ma­tio­nen zur Virus­kon­zen­tra­ti­on und somit Hin­wei­se auf die Infek­tio­si­tät eines Men­schen gesam­melt wer­den, wie im Fak­ten­check gezeigt wird.

Kor­rek­tur (7. April 11:05 Uhr): In der Ori­gi­nal­ver­si­on des Fak­ten­checks wur­de fälsch­li­cher­wei­se ange­nom­men, dass das erwähn­te You­Tube-Video nicht mehr abruf­bar ist. Der ers­te Absatz des Abschnitts „Kary Mul­lis” wur­de daher kom­plett ersetzt. Der ursprüng­li­che Absatz lau­te­te: Die WHO fol­ge dem Erfin­der der PCR-Tests, Kary Mul­lis, dem­zu­fol­ge ein PCR-Test nicht zur Dia­gnos­tik geeig­net sei und daher für sich allei­ne nichts zur Krank­heit oder einer Infek­ti­on eines Men­schen aus­sa­ge, lau­tet eine wei­te­re Behaup­tung. Als Beleg führt der Rich­ter einen Link zu einem You­Tube-Video an, das mitt­ler­wei­le gar nicht mehr exis­tiert. Was in dem Video zu sehen ist, kann also nicht mehr nach­voll­zo­gen wer­den. Klar ist aber: Nicht nur ist Kary Mul­lis Name falsch geschrie­ben, für die Behaup­tung, dass er die Ver­wen­dung von PCR beim Nach­weis von Viren ableh­ne, gibt es kei­ne Belege.

Kor­rek­tur (8.April 9:42 Uhr): Statt „weder das Lan­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz und Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung (LVT) noch der Gesund­heits­dienst der Stadt Wien Ver­su­che” wur­de im zwei­ten Satz die Bezeich­nung „belang­te Behör­de” eingefügt.

Links:

(1) Tweet von Armin Wolf: http://​go​.apa​.at/​I​W​z​i​b​Wlo

(archi­viert: http://​go​.apa​.at/​Q​e​3​b​q​kk5)

(2) Tweet von Ingrid Brod­nig: http://​go​.apa​.at/​N​3​1​m​v​qJq

(archi­viert: https://​archi​ve​.is/​i​G​SkX)

(3) Tweet von Ste­fan Hal­la: http://​go​.apa​.at/​P​u​K​r​v​KJh

(archi­viert: http://​go​.apa​.at/​K​s​l​p​3​0dA)

(4) OTS von FPÖ-Klub­ob­mann Her­bert Kickl (31.1.2021): http://​go​.apa​.at/​2​w​H​v​H​XKU

(archi­viert: https://​archi​ve​.is/​6​j​p0g)

(5) APA-Arti­kel in „Tiro­ler Tages­zei­tung” über Rede von Kickl (9.3.2021): http://​go​.apa​.at/​V​K​F​E​W​6Bk

(archi­viert: https://​per​ma​.cc/​6​F​U​K​-​6​HH9)

(6) WHO-Emp­feh­lung zum Tra­gen von Mas­ken: http://​go​.apa​.at/​g​7​3​k​J​gOS

(archi­viert: https://​per​ma​.cc/​F​9​R​K​-​D​638)

(7) Euro­pean Cent­re for Dise­a­se Pre­ven­ti­on and Con­trol (ECDC) über Mas­ken: http://​go​.apa​.at/​Q​A​B​W​2​pM5

(archi­viert: https://​per​ma​.cc/​T​F​7​E​-​T​A58)

(8) APA-Fak­ten­check zu Mas­ken: http://​go​.apa​.at/​u​i​V​C​Q​lPP

(9) dpa-Fak­ten­check zu Mas­ken: http://​go​.apa​.at/​z​Y​p​k​6​Kdk

(10) Stu­die zu Mas­ken in „The Lan­cet”: http://​go​.apa​.at/​Z​p​S​6​V​j2C

(archi­viert: https://​per​ma​.cc/​R​P​6​7​-​5​PYW)

(11) Stu­die zu Mas­ken im „Ame­ri­can Socie­ty for Micro­bio­lo­gy”: http://​go​.apa​.at/​P​V​I​t​Q​Div

(archi­viert: https://​per​ma​.cc/​5​F​H​S​-​B​XH5)

(12) WHO-Infor­ma­ti­ons­no­tiz: http://​go​.apa​.at/​b​q​1​k​T​nvb

(archi­viert: https://​archi​ve​.is/​I​X​0oO)

(13) Arti­kel der „Salz­bur­ger Nach­rich­ten” über Abgren­zung Infizierte/Erkrankte: http://​go​.apa​.at/​A​C​h​S​o​s3Q

(14) Emp­feh­lung des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums zur Ent­las­sung von Covid-19-Fäl­len aus der Abson­de­rung: http://​go​.apa​.at/​7​0​I​a​O​UqZ (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​v​2​a​u​7​zRI)

(15) Wei­ter­füh­ren­des WHO-Doku­ment zu Tests: http://​go​.apa​.at/​U​W​E​Z​u​yVD (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​r​4​W​3​M​T7m)

(16) dpa-Fak­ten­check zu WHO-Infor­ma­ti­ons­no­tiz: http://​go​.apa​.at/​y​k​c​2​6​ktV

(17) Fall­de­fi­ni­ti­on Covid-19 des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums: http://​go​.apa​.at/​q​K​h​j​H​KwB (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​E​p​Z​n​u​RyO)

(18) Fall­de­fi­ni­ti­on WHO: http://​go​.apa​.at/​f​B​g​k​b​TBx (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​y​M​c​h​L​MO2)

(19) Fall­de­fi­ni­ti­on ECDC: http://​go​.apa​.at/​X​P​D​B​D​RQB (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​y​h​t​F​T​Urt)

(20) FAQs des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums: http://​go​.apa​.at/​v​g​V​E​F​rdd (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​x​8​Y​p​V​LBC)

(21) dpa-Fak­ten­check zu Kary Mul­lis: http://​go​.apa​.at/​v​t​v​v​v​agb

(22) Reu­ters-Fak­ten­check zu Kary Mul­lis: http://​go​.apa​.at/​p​E​d​B​u​dI4 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​Y​p​a​Z​U​GsY)

(23) Archi­vier­ter Blog­ar­ti­kel über Kary Mul­lis von 1996: http://​go​.apa​.at/​J​E​4​G​n​2J2

(24) Robert Koch-Insti­tut (RKI) über PCR-Tests: http://​go​.apa​.at/​o​x​T​n​3​rBG (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​d​x​r​k​c​Fy6)

(25) ORF zu Daten­um­stel­lung: http://​go​.apa​.at/​S​g​f​Z​I​7gH (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​V​Y​p​6​l​jEE)

(26) Stu­die im „Cli­ni­cal Infec­tious Dise­a­ses” (2020): http://​go​.apa​.at/​a​X​b​5​z​X65 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​t​U​a​5​D​JVm)

(27) RKI über Ct-Wert: http://​go​.apa​.at/​x​D​c​w​g​kfe (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​k​r​X​m​F​BwM)

(28) Tweet der LPD Wien über Revi­si­on: http://​go​.apa​.at/​s​r​D​T​s​9uo (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​z​R​D​K​m​FB8)

„Standard”-Artikel 1 zu Ent­schei­dung: http://​go​.apa​.at/​1​D​f​p​5​32K (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​V​7​O​9​N​2i4)

„Standard”-Artikel 2 zu Ent­schei­dung: http://​go​.apa​.at/​k​e​X​F​N​zp2 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​P​V​d​M​c​0Vg)

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Vale­rie Schmid / Flo­ri­an Schmidt