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blog / Donnerstag 25.11.21

Covid-Impf­pass nicht mit NS-Päs­sen vergleichbar

APA/Georg Hoch­muth

In der Coro­na-Pan­de­mie hat sich zuletzt ein Span­nungs­feld auf­ge­baut, in dem Impf­geg­ner immer wie­der dar­auf hin­wei­sen, sich in einer Dik­ta­tur zu sehen. Dabei wer­den auch regel­mä­ßig Ver­glei­che mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus und dem dama­li­gen Aus­schluss von Juden aus dem öffent­li­chen Leben gezo­gen. Ein oft geteil­tes Face­book-Pos­ting (1) zeigt etwa ein Bild eines alten Gesundheitspasses.

Der Begleit­text spricht davon, dass man ohne „genea­lo­gi­schen” Pass kei­nen Zugang zum sozia­len bzw. Arbeits­le­ben hat­te und spielt auf eine sich wie­der­ho­len­de Geschich­te an. Doch weder han­del­te es sich beim genea­lo­gi­schen Pass um einen Gesund­heits­pass noch ent­schied der Gesund­heits­sta­tus im Natio­nal­so­zia­lis­mus über den Zugang zum öffent­li­chen Leben.

Ein­schät­zung: Der Gesund­heits­pass hat­te im Natio­nal­so­zia­lis­mus kei­ne flä­chen­de­cken­de Rele­vanz und führ­te zu kei­nen Bewe­gungs­ein­schrän­kun­gen, wenn man ihn nicht dabei hat­te. Ande­re Päs­se wie der Ahnen­nach­weis hat­ten im Natio­nal­so­zia­lis­mus mehr Bedeu­tung. Hier stand aber ein­zig die Abstam­mung einer Per­son im Mit­tel­punkt und nicht der Gesund­heits­zu­stand. Ein Ver­gleich mit heu­ti­gen Impf­zer­ti­fi­ka­ten ist unzulässig.

Über­prü­fung: „Die­ser Gesund­heits­pass hat mit Abstam­mungs­nach­wei­sen, wie sie in der NS-Zeit etwa Beam­te bei­brin­gen muss­ten, nichts zu tun”, sag­te Win­fried Süß vom Leib­niz-Zen­trum für Zeit­his­to­ri­sche For­schung auf Anfra­ge der APA. Der Pass sei von NS-Orga­ni­sa­tio­nen wie der Hit­ler­ju­gend (HJ) oder dem Amt für Volks­ge­sund­heit der Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deut­schen Arbei­ter­par­tei (NSDAP) aus­ge­ge­ben wor­den, um dort Ergeb­nis­se von Unter­su­chun­gen zu doku­men­tie­ren. Es habe sich um kein Doku­ment gehan­delt, das den Zugang zum sozia­len bzw. Arbeits­le­ben gere­gelt hät­te und sei ledig­lich für gesund­heits­für­sor­ge­ri­sche Leis­tun­gen wie Kur­auf­ent­hal­te erfor­der­lich gewesen.

Zwar habe es Plä­ne gege­ben, erb­bio­lo­gi­sche und gesund­heit­li­che Daten zu ver­knüp­fen, die­se sei­en aller­dings nicht über Ansät­ze hin­aus­ge­kom­men, so Süß. Im prak­ti­schen Leben hät­te der Gesund­heits­pass kaum Bedeu­tung gehabt. „Kurz gesagt: eine Bewe­gungs­ein­schrän­kung ergab sich durch das Nicht-Mit­füh­ren die­ses Aus­wei­ses auf kei­nen Fall, das geht übri­gens schon aus dem „Klein­ge­druck­ten” unten her­vor: der Pass brauch­te Nicht­ärz­ten nicht vor­ge­legt zu wer­den”, sagt der Historiker.

Phil­ipp Osten, Lei­ter des Insti­tuts für Geschich­te und Ethik der Medi­zin am Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Ham­burg-Eppen­dorf, ver­weist gegen­über der APA dar­auf, dass es eine Stra­te­gie des NS-Regimes gewe­sen sei, gesund­heit­li­che Auf­klä­rung mit ras­sis­ti­scher Het­ze und somit Gesund­heits- mit Abstam­mungs­zeug­nis­sen zu ver­bin­den. „Ras­sis­tisch Ver­folg­ten wur­de der Zutritt zu öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen unter­sagt”, die Kenn­zeich­nung sei über das gestem­pel­te „J” für „Jüdisch” im Pass und den Juden­stern erfolgt. „Die HJ führ­te Gesund­heits­päs­se mit einer vor­ge­zo­ge­nen Wehr­taug­lich­keits­prü­fung ein, deren Daten auch direkt bei den Par­tei­be­hör­den lagen. Der im Pos­ting abge­bil­de­te Pass sieht genau­so aus wie der der Hit­ler­ju­gend”, sagt Osten.

Auch Robert Jüt­te, von 1990 bis 2020 Lei­ter des Insti­tuts für Geschich­te der Medi­zin der Robert Bosch Stif­tung in Stutt­gart, bestä­tig­te der APA, dass der Gesund­heits­pass sowohl in der Hit­ler­ju­gend als auch in der arbei­ten­den Bevöl­ke­rung zur Kon­trol­le der gesund­heit­li­chen Ver­fas­sung dien­te. Jüt­te ver­weist auf eine Stel­le im „Ger­man Basic Hand­book” (2), wo vom Ein­satz des Pas­ses im Arbeits­dienst berich­tet wird.

Laut Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor Her­wig Czech von der Med­Uni Wien war das abge­bil­de­te Doku­ment in Wien nicht in Gebrauch. Der abge­bil­de­te Gesund­heits­pass hat­te ihm zufol­ge kei­ne den gesam­ten NS-Staat betref­fen­de Gül­tig­keit bzw. Rele­vanz. Dies belegt auch der deut­sche His­to­ri­ker Micha­el Bud­drus in sei­nem 2003 erschie­ne­nen Buch „Tota­le Erzie­hung für den tota­len Krieg” (3, Sei­te 925).

Mit dem im Pos­ting erwähn­ten „genea­lo­gi­schen Pass” kann laut Jüt­te „nur der soge­nann­te Ahnen­pass gemeint sein, der bei bestimm­ten Anläs­sen (z. B. Hei­rat, Ver­be­am­tung etc.) vor­zu­le­gen war”. Fak­tisch ist es nicht falsch, dass Juden – die weder einen Ahnen­pass noch einen Ari­er­nach­weis (4) aus­ge­stellt beka­men und folg­lich auch nicht mit­füh­ren konn­ten – sys­te­ma­tisch aus dem gesell­schaft­li­chen, öffent­li­chen und dem Arbeits­le­ben aus­ge­schlos­sen wur­den. Das lag aller­dings aus­schließ­lich an ihrer jüdi­schen Herkunft.

Der Ver­gleich, der von Impf­geg­nern bezüg­lich der Ver­fol­gung von Juden im Natio­nal­so­zia­lis­mus gezo­gen wird, fußt laut Czech auf einer „Ana­lo­gie, die sich aus so vie­len Grün­den ver­bie­tet”. Hier wür­den sich Men­schen „in die Posi­ti­on einer Grup­pe fan­ta­sie­ren”, mit der sie nichts gemein hät­ten. Jeder habe heu­te die Wahl, sich eine Coro­na-Imp­fung ver­ab­rei­chen zu las­sen. Für Juden im NS-Regime war die Mar­gi­na­li­sie­rung, ab 1941 mit dem soge­nann­ten „Juden­stern” auf der Brust auch optisch, jedoch alter­na­tiv­los (5).

Die von Impf­geg­nern zuneh­mend gezo­ge­nen Ver­glei­che der heu­ti­gen Situa­ti­on in der Pan­de­mie mit der Situa­ti­on der Juden im Natio­nal­so­zia­lis­mus zwang zuletzt auch die KZ-Gedenk­stät­te Maut­hau­sen (6) zu einem State­ment. Auf Face­book wur­de ein Text ver­öf­fent­licht, wonach man sich ent­schie­den „gegen die Ver­ein­nah­mung von Impfgegner*innen” wehrt: „Ein­schrän­kun­gen im All­tags­le­ben und eine anste­hen­de Impf­pflicht sind mit den Taten der Natio­nal­so­zia­lis­ten in kei­ner Wei­se zu ver­glei­chen. Sich auf eine Stu­fe mit Opfern die­ser Ver­bre­chen zu stel­len, weil man vor­über­ge­hend nicht alle gewohn­ten Annehm­lich­kei­ten genießt, ist eine uner­träg­li­che Anmaßung.”

Links:

(1) Bei­trag auf Face­book: http://​go​.apa​.at/​r​H​1​Q​Z​xUg (archi­viert: https://​archi​ve​.md/​c​F​yYu)

(2) Ger­man Basic Hand­book: http://​go​.apa​.at/​H​W​4​I​H​RQJ (archi­viert: https://​archi​ve​.md/​r​P​5Oc)

(3) PDF-Down­load Buch „Tota­le Erzie­hung für den tota­len Krieg”: http://​go​.apa​.at/​w​x​D​b​j​blT (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​G​K​G​4​-​E​QXH)

(4) Leben­di­ges Muse­um Online zu Ari­er­nach­wei­sen: http://​go​.apa​.at/​f​W​z​x​y​cbC (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​9​7​D​3​-​D​689)

(5) United Sta­tes Holo­caust Memo­ri­al Muse­um: http://​go​.apa​.at/​8​g​w​Y​L​6y1 (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​3​A​W​V​-​E​RW5)

(6) State­ment der KZ-Gedenk­stät­te Maut­hau­sen auf Face­book: http://​go​.apa​.at/​0​T​t​h​f​ARk (archi­viert: https://​archi​ve​.md/​0​r​DaI)

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Ste­fan Rathmanner/Florian Schmidt