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blog / Freitag 04.09.20

APA Check Avatar Coro­na-Todes­fäl­le haupt­säch­lich durch Covid-19

Die Frage, wie relevant Vorerkrankungen wirklich bei den bestätigten Corona-Todesfällen sind, beschäftigt nicht nur die Wissenschaft. Auch Gegner der Corona-Maßnahmen führen immer wieder Vorerkrankungen an, um die Letalität von Covid-19 selbst in Zweifel zu ziehen.

Dazu werden derzeit Zahlen des amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in diversen Facebook-Kreisen geteilt. Die Behörde hat sich nämlich angesehen, wie viele der Corona-Toten bereits eine oder mehrere Vorerkrankungen hatten. Die Webplattform "Unzensuriert" berichtet in diesem Zusammenhang auf Facebook etwa von einer "Studie", die nachweise, dass "so gut wie niemand" an dem Coronavirus sterbe, sondern an diversen Vorerkrankungen.

Das Thema bekam auch enorme Reichweite, weil US-Präsident Donald Trump einen Tweet geteilt hatte, der diese Zahlen so interpretierte, dass nur sechs Prozent der Toten an Covid-19 gestorben sind. Der Tweet wurde laut Washington Post später von Twitter entfernt, weil er gegen die Twitter-Regeln verstoßen hätte.

Zu überprüfende Information: Laut CDC starben nur sechs Prozent der vermeintlichen Corona-Toten an dem Virus. Der Rest starb an den Vorerkrankungen.

Einschätzung: Das ist falsch. Sechs Prozent der Fälle sind laut CDC an Covid-19 als einzige Ursache gestorben. Auch die restlichen Toten seien an dem Virus verstorben, wiesen aber eine oder mehrere Vorerkrankungen auf.

Überprüfung: Zunächst muss gesagt werden, dass es sich bei den Informationen, auf die sich "Unzensuriert" bezieht, um gar keine Studie handelt. CDC, eine Behörde des amerikanischen Gesundheitsministeriums, wertete lediglich einen Datensatz des National Center for Health Statistics aus. Informationen zum Datensatz finden sich hier.

Unter der Überschrift "Comorbidities", was sich am ehesten mit Nebenerkrankungen übersetzen lässt, erläutert CDC folgendes: "Für 6% der Tode war COVID-19 die einzige erwähnte Ursache. Bei Toden mit Vorerkrankungen oder weiteren Ursachen neben COVID-19 gab es bei jedem Todesfall im Durchschnitt 2,6 zusätzliche Nebenerkrankungen oder Ursachen." In allen ausgewerteten Fällen sei Covid-19 auf dem Totenschein angegeben worden.

Eine Interpretation, dass 94 Prozent nicht an Covid-19, sondern an Neben- bzw. Vorerkrankungen gestorben sind, ist daher mit Verweis auf diese Quelle nicht zulässig. Deutlich wird das auch, wenn man sich die Klassifikation der Krankheiten ansieht. Dort finden sich sehr viele verschiedene Vorerkrankungen, wie Diabetis, Fettleibigkeit oder Alzheimer.

Dass Covid-19-Todesfälle andere Erkrankungen hatten, bedeutet daher nicht, dass Covid-19 für diese Personen nicht todesursächlich gewesen wäre.

Rückschluss auf die tatsächlichen Todesfälle durch Covid-19 könnte ein Blick auf die Stadt Hamburg geben. Die Stadt Hamburg führt (Stand 4. September) 236 Todesfälle durch Covid-19 auf. Es handle sich dabei um Personen, "bei denen nach Angaben des Instituts für Rechtsmedizin die COVID-19-Infektion als todesursächlich festgestellt wurde". Das Robert-Koch-Institut hingegen wertet labordiagnostische Bestätigungen des Virus bei Toten als Todesfälle und kommt für Hamburg auf 266 Fälle. Somit wäre für 89 Prozent der Toten Covid-19 todesursächlich gewesen.

Eine im Sommer erschienene Studie betrachtete ebenfalls für Hamburg die Ursachen bei 80 Covid-19-Todesfällen. 76 der 80 Fälle konnten demnach als Covid-19-Tode eingestuft werden. Dies bedeutet laut der Methodik der Studie, dass die Mnschen entweder definitiv durch Covid-19, wahrscheinlich durch Covid-19 oder möglicherweise durch Covid-19 bei gleichwertiger alternativer Todesursache starben. Nur vier Tode wurden als unabhängig von Covid-19 und somit nicht als Corona-Todesfälle eingestuft.

 

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Florian Schmidt/Franz Spiegelfeld

 

AKTUALISIERT AM 4. SEPT. 2020 12:45