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blog / Mittwoch 03.08.22

APA Check Avatar Coro­na-Imp­fung ver­rin­gert Risi­ken für Schwangere

APA/dpa/Caroline Seidel

Vor über ein­ein­halb Jah­ren kamen die ers­ten Coro­na-Impf­stof­fe in der EU zur Anwen­dung. Seit­her ver­brei­ten Impf­geg­ner fal­sche sowie irre­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen dazu und schü­ren Angst. Aktu­ell stellt etwa ein Blog-Arti­kel (1) einen mög­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen der Imp­fung und der gestie­ge­nen Anzahl an Tot­ge­bur­ten in den Raum. Auch auf Twit­ter (2,3,4) wer­den die­se Zusam­men­hän­ge konstruiert.

Ein­schät­zung: Welt­weit lässt sich seit der Coro­na-Pan­de­mie ein Trend zu mehr Tot­ge­bur­ten fest­stel­len. Das liegt an einem Rück­gang in der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung. Es gibt kei­ner­lei Bele­ge dafür, dass die Coro­na-Imp­fung schäd­li­che Effek­te auf Schwan­ge­re oder deren Babys hat. Im Gegen­teil: Die Imp­fung redu­ziert Stu­di­en zufol­ge das Risi­ko schwe­rer Coro­na-Krank­heits­ver­läu­fe sowie einer Tot­ge­burt. Schwan­ge­re Frau­en erlei­den zudem häu­fi­ger als Nicht-Schwan­ge­re schwe­re Verläufe.

Über­prü­fung: In Öster­reich doku­men­tiert die Sta­tis­tik Aus­tria (5) die Anzahl der Tot­ge­bur­ten. Gemäß den Richt­li­ni­en (6) der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) gilt dabei, dass wenn ein Kind ein Gewicht von 500 Gramm oder mehr hat und tot gebo­ren wird, man von einer Tot­ge­burt spricht. Hat das Kind unter 500 Gramm, ist es eine Fehlgeburt.

Im Jahr 2018 gab es in Öster­reich 277 Tot­ge­bo­re­ne, im Jahr 2019 261. 2020 waren es 317 und ver­gan­ge­nes Jahr 309. Die Anzahl der Tot­ge­bo­re­nen war also in den bei­den Pan­de­mie­jah­ren tat­säch­lich höher als in den bei­den Jah­ren zuvor. Der Mit­tel­wert aller Tot­ge­bo­re­nen zwi­schen 1995 und 2021 liegt bei 305. Die bei­den Wer­te von 2020 und 2021 sind nur leicht dar­über. Die Rate an Tot­ge­bur­ten pro 1.000 lag im Jahr 2018 bei 3,23, 2019 bei 3,06, 2020 bei 3,78 und 2021 bei 3,58.

Dafür, dass die­ser Zuwachs mit der Coro­na-Imp­fung in Zusam­men­hang ste­hen könn­te, gibt es kei­ne Bele­ge. Zumal der höchs­te der genann­ten Wer­te 2020 gemes­sen wur­de, als die Coro­na-Imp­fung noch gar nicht ein­ge­setzt wur­de. Am 27. Dezem­ber 2020 (7) wur­de in Öster­reich die ers­te Dosis verabreicht.

Seit dem Beginn der Coro­na-Pan­de­mie Anfang 2020 lässt sich welt­weit ein Trend zu mehr Tot­ge­bur­ten beob­ach­ten. Im Früh­jahr 2021 wer­te­te die St. George’s Uni­ver­si­ty in Lon­don 40 Stu­di­en (8) dazu aus, die zei­gen, dass ursäch­lich dafür ein Rück­gang in der vor­ge­burt­li­chen medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung ist. Dem­nach nah­men wer­den­de Müt­ter seit 2020 sel­te­ner medi­zi­ni­sche Hil­fe in Anspruch, etwa aus Angst vor einer Coro­na-Infek­ti­on oder wegen Lock­downs. Kom­pli­ka­tio­nen in der Schwan­ger­schaft blie­ben viel öfter unbemerkt.

Bereits im Okto­ber 2020 wur­de in einem UNICEF-Bericht (9) davor gewarnt, dass durch die Covid-19-Pan­de­mie die welt­wei­te Zahl der Tot­ge­bur­ten stei­gen könn­te: „Schät­zun­gen zufol­ge könn­ten zwi­schen 60.000 (…) und 200.000 (…) zusätz­li­che Tot­ge­bur­ten über einen Zeit­raum von 12 Mona­ten als Fol­ge von Covid-19-beding­ten Schwie­rig­kei­ten in der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung auf­tre­ten”, heißt es.

Ein­deu­tig belegt sind die posi­ti­ven Effek­te der Coro­na-Imp­fung auf Schwan­ge­re und deren Babys: Einer Stu­die (10) in der wis­sen­schaft­li­chen Fach­zeit­schrift „natu­re com­mu­ni­ca­ti­ons” (Mai 2022) zufol­ge ver­rin­gert sich für mit mRNA-Stof­fen geimpf­te Müt­ter das Risi­ko einer Tot­ge­burt um rund 15 Pro­zent. Die Imp­fung sei mit kei­nen erhöh­ten Risi­ken verbunden.

Auch eine Stu­die (11) in der medi­zi­ni­schen Fach­zeit­schrift „The Lan­cet” (Mai 2022) kommt zu dem Schluss, dass bei Frau­en, die wäh­rend der Schwan­ger­schaft gegen Covid-19 geimpft wur­den, nicht mehr Schwan­ger­schafts­kom­pli­ka­tio­nen fest­ge­stellt wur­den als bei sons­ti­gen Schwan­ge­ren. Wäh­rend der Impf­stoff inner­halb von weni­gen Tagen abge­baut wird, ver­blei­ben die Anti­kör­per, die gegen Coro­na­vi­ren wirken.

Nach Anga­ben (12) der Öster­rei­chi­schen Gesell­schaft für Gynä­ko­lo­gie und Geburts­hil­fe (OEGGG) zei­gen die Daten klar, dass eine Infek­ti­on in der Schwan­ger­schaft häu­fi­ger als bei nicht-schwan­ge­ren Frau­en schwe­re Ver­läu­fe zeigt: „Ein schwe­rer Erkran­kungs­ver­lauf mit Lun­gen­ent­zün­dung, sta­tio­nä­rer sowie inten­siv­me­di­zin­scher Betreu­ung war im Durch­schnitt bei unge­fähr 15 % der erkrank­ten Schwan­ge­ren not­wen­dig, im Ver­gleich zeig­ten nicht-schwan­ge­re Frau­en (…) ledig­lich in ca. 5,8 % einen schwe­ren Ver­lauf mit Not­wen­dig­keit einer sta­tio­nä­ren Betreu­ung. Wei­ters benö­ti­gen 5,7 % aller wegen COVID-19 sta­tio­nä­ren Schwan­ge­ren eine inten­siv­me­di­zi­ni­sche Behand­lung (…). Dies bedeu­tet eine Risi­ko­er­hö­hung um den Fak­tor 1,62 (…) für die Not­wen­dig­keit einer inten­siv­me­di­zi­ni­schen Betreu­ung”. Zudem bestehe kumu­la­tiv ein erhöh­tes Risi­ko für eine Früh­ge­burt von etwa 17 Pro­zent im Ver­gleich zu Schwan­ge­ren ohne Covid-19.

Die OEGGG emp­fiehlt daher die Covid-19-Imp­fung für Schwan­ge­re aus­drück­lich. Auch für die Boos­ter-Imp­fung (13) mit­tels des Impf­stoffs von BioNTech/Pfizer sprach die Gesell­schaft eine Emp­feh­lung aus.

Tat­säch­lich han­delt es sich bei der Imp­fung für Schwan­ge­re um einen Off-Label-Use. Das liegt laut der OEGGG (14) dar­an, dass Medi­ka­men­te pri­mär nie an Schwan­ge­ren ange­wandt wer­den, da man zuerst Anwen­dungs­da­ten von Nicht-Schwan­ge­ren abwar­ten wür­de. „Daher wer­den Imp­fun­gen meist erst nach Jah­ren für Schwan­ge­re zuge­las­sen. Aller­dings wis­sen vie­le Frau­en nicht, dass sie schwan­ger sind und las­sen sich in der (Früh-) Schwan­ger­schaft unwis­sent­lich imp­fen. Aus die­sen Beob­ach­tun­gen und Daten kann man dann rück­schlie­ßen, ob der Impf­stoff für das Unge­bo­re­ne sicher ist.” Bei der Coro­na-Imp­fung sei­en inner­halb eines Jah­res mehr als 8 Mil­li­ar­den Imp­fun­gen ver­ab­reicht wor­den – dar­un­ter auch vie­len tau­send Schwangeren.

Bezüg­lich der angeb­li­chen Ver­meh­rung von Tot­ge­bur­ten nach der Imp­fung stellt auch die OEGGG klar fest: Das stimmt nicht. „Bei einer COVID-19-Infek­ti­on der Mut­ter wur­de aber eine Ver­dop­pe­lung des Risi­kos für eine Tot­ge­burt beob­ach­tet”, heißt es.

Quel­len:

(1) Repor­t24-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​F​j​m​s​M​GSp (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​P​p​B6B)

(2) Tweet 1: http://​go​.apa​.at/​e​v​M​n​D​88z (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​N​M​USr)

(3) Tweet 2: http://​go​.apa​.at/​P​a​y​G​G​N4c (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​H​6​DtT)

(4) Tweet 3: http://​go​.apa​.at/​e​v​M​n​D​88z (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​R​u​Az8)

(5) Anzahl der Tot­ge­bo­re­nen in Öster­reich laut Sta­tis­tik Aus­tria: http://​go​.apa​.at/​U​o​H​m​J​KSo (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​H​Z​9​Q​-​Y​S8U) (Down­load)

(6) Sta­tis­tik Aus­tria-Defi­ni­ti­on von Tot­ge­bo­re­nen und Fehl­ge­bur­ten: http://​go​.apa​.at/​y​z​l​c​Q​sfK (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​W​G​7​F​-​F​9YH) (S. 56)

(7) Ers­te Coro­na-Imp­fun­gen in Öster­reich: http://​go​.apa​.at/​N​V​X​x​d​QvP (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​k​x​nBC)

(8) Stu­di­en­ana­ly­se der St. George’s Uni­ver­si­ty: http://​go​.apa​.at/​4​i​s​E​T​rnh (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​n​3​txd)

(9) UNICEF-Bericht: http://​go​.apa​.at/​w​J​i​b​4​yPH (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​M​Y​5​D​-​S​JKC) (Down­load)

(10) Stu­die in Fach­zeit­schrift „natu­re com­mu­ni­ca­ti­ons”: http://​go​.apa​.at/​E​O​S​A​M​yK7 (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​d​O​jS8)

(11) Stu­die in Fach­zeit­schrift „The Lan­cet”: http://​go​.apa​.at/​b​H​I​R​h​piN (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​s​h​dys)

(12) OEGGG zu Coro­na-Imp­fung: http://​go​.apa​.at/​V​2​A​a​3​r0S (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​N​D​3​Q​-​6​RCJ) (Down­load)

(13) OEGGG zu Boos­ter-Imp­fung: http://​go​.apa​.at/​C​B​o​E​h​XpS (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​X​5​R​Z​-​U​MX3) (Down­load)

(14) OEGGG FAQs: http://​go​.apa​.at/​z​3​B​S​m​yGI (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​E​A​2​X​-​C​K2J) (Down­load)

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Vale­rie Schmid/Stefan Rathmanner