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blog / Montag 01.03.21

APA Check Avatar Coro­na-Imp­fung in Isra­el zeigt Wirkung

APA/AFP

Wäh­rend die Coro­na-Imp­fung in der Euro­päi­schen Uni­on schlep­pend vor­an geht, wur­de in Isra­el bereits ein beträcht­li­cher Teil der Bevöl­ke­rung geimpft. Das brin­ge aber nichts, wird nun in einem oft geteil­ten Face­book-Pos­ting behaup­tet: „Sehr ent­täu­schen­de Daten aus Isra­el, dem am stärks­ten durch-impf­ten Land” (sic!). Die Imp­fung der Hoch­ri­si­ko­po­pu­la­ti­on hät­te zu einem star­ken Rück­gang der Todes­fall­ra­te (CFR) füh­ren sol­len. Lei­der blei­be die CFR in Isra­el aber unbe­ein­druckt von der Imp­fung, heißt es.

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on: Die Imp­fung in Isra­el bringt nichts. Das zeigt die gleich blei­ben­de Case fata­li­ty rate (CFR).

Ein­schät­zung: Aktu­el­le Unter­su­chun­gen aus Isra­el zei­gen, dass die Coro­na-Imp­fung wirk­sam ist. Unter den Geimpf­ten wer­den viel weni­ger Covid-19-Fäl­le, schwe­re Ver­läu­fe und Todes­fäl­le ver­zeich­net. Die Case fata­li­ty rate (CFR) ist in Isra­el kon­stant, kann aber nicht als Beleg für eine feh­len­de Wirk­sam­keit der Coro­na-Imp­fung her­an­ge­zo­gen werden.

Über­prü­fung: Die im Pos­ting gezeig­te Gra­fik stammt von „Our World in Data”. Der Zeit­raum wur­de von 13. Jän­ner bis 13. Febru­ar 2021 ein­ge­stellt. Tat­säch­lich ist hier ersicht­lich, dass die Case fata­li­ty rate (CFR) kon­stant bei etwas über 0,7 liegt.

Die CFR ist der Fall-Ver­stor­be­nen-Anteil. Die Zahl der bestä­tig­ten Toten wird dabei durch die Zahl aller bestä­tig­ten Fäl­le divi­diert. Er zeigt so an, wie vie­le Todes­fäl­le unter allen posi­tiv Getes­te­ten zu ver­zeich­nen sind. Die­ser Wert ist prin­zi­pi­ell mit Vor­sicht zu genie­ßen. Laut „Our World in Data” spie­gelt er nicht das Risi­ko an einer Covid-19-Infek­ti­on zu ster­ben, wie­der. Das hat meh­re­re Grün­de: Zum einen schließt er etwa nur bekann­te Coro­na-Fäl­le mit ein, nicht aber unent­deck­te. Zudem darf die Rate nicht als Kon­stan­te ver­stan­den wer­den, da sie abhän­gig ist von Fak­to­ren wie Zeit­punkt, Ort, Bevöl­ke­rung, Kon­text und die Anzahl der durch­ge­führ­ten Covid-19-Tests.

Nach Anga­ben der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) wird die Töd­lich­keit eines Aus­bruchs anhand einer zuver­läs­si­gen CFR nor­ma­ler­wei­se erst am Ende ermit­telt, nach­dem alle Fäl­le geklärt wur­den. Es ist also denk­bar ungüns­tig, einen ohne­hin der­zeit wenig aus­sa­ge­kräf­ti­gen Wert als Beleg für die feh­len­de Wirk­sam­keit der Coro­na-Imp­fung heranzuziehen.

Wie Eva Schern­ham­mer, Pro­fes­so­rin für Epi­de­mio­lo­gie an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien, der APA auf Anfra­ge sag­te, habe Isra­el bereits Mit­te 2020 eine der nied­rigs­ten CFRs welt­weit gehabt. Dass sich die CFR jetzt kaum geän­dert habe, kön­ne ver­schie­de­ne Grün­de haben: Einer­seits sei die CFR bei Coro­na extrem vom Alter abhän­gig. Das Durch­schnitts­al­ter (Medi­an) sei in Isra­el mit 30 Jah­ren deut­lich gerin­ger als bei­spiels­wei­se in Öster­reich oder den USA. „Allei­ne die­ser gra­vie­ren­de Unter­schied in der Bevöl­ke­rungs­struk­tur kann erklä­ren, war­um die Case fata­li­ty rate immer schon rela­tiv nied­rig war in Isra­el und sich jetzt kaum ändert, weil es wei­ter­hin vor­wie­gend jun­ge Men­schen sind, die dia­gnos­ti­ziert wer­den”, erklärt Schernhammer.

Eine durch­schnitt­li­che CFR von 0,7 kön­ne aber auch auf eine hohe Test­stra­te­gie hin­wei­sen, bei der vie­le asym­pto­ma­ti­sche Fäl­le erkannt wer­den. „Das vie­le Tes­ten und das durch­schnitt­li­che jugend­li­che Alter der Israe­li, sowie ein offen­sicht­lich geglück­ter Schutz der Alten­hei­me, hat hier wahr­schein­lich den meis­ten Bei­trag gelie­fert, und davon hat sich nichts ver­än­dert durchs Imp­fen”, resü­miert die Epidemiologin.

Daten von „Our World in Data” zei­gen, dass die CFR in Isra­el tat­säch­lich seit Mit­te Juli 2020 rela­tiv kon­stant ist. Sie schwankt zwi­schen 0,6 und 0,9. In Öster­reich war sie zu fast allen Zeit­punk­ten deut­lich höher.

Isra­el begann am 19. Dezem­ber 2020 mit der Coro­na-Imp­fung. Zuerst wur­de medi­zi­ni­sches Per­so­nal und über 60-Jäh­ri­ge geimpft. Bis 24. Febru­ar 2021 erhiel­ten laut dem Online-Por­tal „Sci­ence and tech­no­lo­gy in Isra­el” 4 584 474 Men­schen zumin­dest eine Impf­do­sis. Das ent­spricht etwa der Hälf­te der israe­li­schen Bevöl­ke­rung. Dar­über gibt es zahl­rei­che Medi­en­be­rich­te, wie etwa von „The Times of Isra­el”.

Dass die Imp­fung sehr wohl gewünsch­te Resul­ta­te zeigt, das zei­gen mitt­ler­wei­le meh­re­re Unter­su­chun­gen. Die Anzahl der Infek­tio­nen blieb zuletzt laut WHO zwar recht hoch, das lag aber unter ande­rem dar­an, dass sich vie­le Jün­ge­re ansteck­ten, wie der ORF berich­te­te. Auch die Virus-Vari­an­ten dürf­ten eine Rol­le spie­len, wie „Die Pres­se” berichtete.

Die Infek­tio­nen und Todes­fäl­le in der Grup­pe der Geimpf­ten san­ken jedoch stark. Wie die „The Times of Isra­el” bereits am 11. Febru­ar 2021 berich­te­te, wur­den von einer hal­ben Mil­li­on Men­schen, die bei­de Dosen bekom­men hat­ten, nur 0,1 Pro­zent nach­weis­lich mit dem Covo­na­vi­rus dia­gnos­ti­ziert. Nur vier schlim­me Fäl­le habe es gege­ben und nie­mand sei gestorben.

Meh­re­re Nach­rich­ten­agen­tu­ren schrie­ben Mit­te Febru­ar 2021, dass nach Anga­ben der israe­li­schen Kran­ken­kas­se Cla­lit es in der Grup­pe der zwei­mal Geimpf­ten 94 Pro­zent weni­ger sym­pto­ma­ti­sche Infek­tio­nen gege­ben habe, als in einer Kon­troll­grup­pe ohne Geimpf­te. Bei den­je­ni­gen, die sich trotz Imp­fung infi­zier­ten, habe es 92 Pro­zent weni­ger schwe­re Ver­läu­fe gegeben.

Einem Pre­print-Arti­kel von „MedRxiv” zufol­ge, der am 9. Febru­ar 2021 ver­öf­fent­licht wur­de, begann Mit­te Jän­ner die Zahl der Covid-19-Fäl­le und der coro­na-beding­ten Kran­ken­haus­auf­ent­hal­te zu sin­ken, wobei der Rück­gang bei älte­ren Per­so­nen stär­ker und frü­her gewe­sen sei. Der Trend sei zudem in Städ­ten, in denen frü­her geimpft wur­de, deut­li­cher zu sehen gewe­sen. Die­se Dyna­mik sei beim frü­he­ren Lock­down nicht beob­ach­tet wor­den. Die posi­ti­ven Effek­te sei­en zu einem erheb­li­chen Teil auf die Imp­fung zurück­zu­füh­ren: «Unse­re Ana­ly­se zeigt Bewei­se für die tat­säch­li­che Wirk­sam­keit der natio­na­len Impf­kam­pa­gne in Isra­el in Bezug auf die Dyna­mik der Pandemie».

Eine aktu­el­le Stu­die, die am 18. Febru­ar 2021 in der renom­mier­ten medi­zi­ni­schen Fach­zeit­schrift „The Lan­cet”, ver­öf­fent­licht wur­de, stell­te eine früh­zei­ti­ge Ver­rin­ge­rung der SARS-CoV-2-Infek­tio­nen sowie der Covid-19-Raten bei geimpf­tem Kran­ken­haus­per­so­nal fest. Von 9.109 unter­such­ten Per­so­nen sei­en 170 infi­ziert wor­den, von denen 99 Sym­pto­me beka­men. Von den 170 Infi­zier­ten waren dem­nach 52 Pro­zent unge­impft, 46 Pro­zent hat­ten eine ers­te Impf-Dosis erhal­ten und nur zwei Pro­zent hat­ten bei­de erfor­der­li­chen Dosen erhal­ten. «Unse­re Daten zei­gen eine erheb­li­che früh­zei­ti­ge Ver­rin­ge­rung der SARS-CoV-2-Infek­tio­nen und sym­pto­ma­ti­schen Covid-19-Raten nach der ers­ten Ver­ab­rei­chung der Impf­stoff­do­sis», heißt es in dem wis­sen­schaft­li­chen Artikel.

Die aktu­ells­te Stu­die zu Isra­el wur­de am 24. Febru­ar 2021 in der ange­se­he­nen medi­zi­ni­schen Fach­zeit­schrift „The New Eng­land Jour­nal of Medi­ci­ne” ver­öf­fent­licht. Sie kam zu dem Schluss, dass die Wirk­sam­keit des mRNA-Impf­stoffs BNT162b2 von BioNTech/Pfizer in einer nicht kon­trol­lier­ten Umge­bung ähn­lich ist wie im Vor­feld ange­kün­digt. Die geschätz­te Wirk­sam­keit lag dem­nach ab sie­ben Tage nach der zwei­ten Impf­do­sis bei 92 Pro­zent für doku­men­tier­te Infek­tio­nen, bei 94 Pro­zent für sym­pto­ma­ti­sches Covid-19, bei 87 Pro­zent für coro­nabe­ding­te-Kran­ken­haus­auf­ent­hal­te und bei 92 Pro­zent für schwe­re Verläufe.

Nicht ganz ein­deu­tig ist die Stu­di­en­la­ge in Bezug dar­auf, inwie­weit die Coro­na-Imp­fung von Biontech/Pfizer auch vor der Wei­ter­ga­be des Virus schützt. Dar­über berich­te­ten unter ande­rem APA und „Süd­deut­sche” (Pay­wall).

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Vale­rie Schmid/Florian Schmidt