apa.at
blog / Mittwoch 09.09.20

APA Check Avatar CO2-Gerät unge­eig­net für Masken-Messung

Ein auf Face­book über 2.000 Mal geteil­tes Video soll in einem Expe­ri­ment die CO2-Kon­zen­tra­ti­on unter einer chir­ur­gi­schen Mas­ke zei­gen. Anhand eines „CO2-Sen­sors” wird die Luft unter dem Mund-Nasen-Schutz ana­ly­siert. „Bereits nach weni­gen Atem­zü­gen wird die maxi­ma­le Arbeits­platz­kon­zen­tra­ti­on von 1.000 ppm um das 10-fache über­schrit­ten”, steht in dem Pos­ting.
Damit wird sug­ge­riert, dass das Tra­gen von Mas­ken in der Coro­na-Pan­de­mie gesund­heits­ge­fähr­dend ist. Bei stun­den­lan­gem Arbei­ten mit der Mas­ke hät­te man eine CO2-Kon­zen­tra­ti­on von mehr als 10.000 ppm – „ob das gesund ist, sei dahin­ge­stellt”, heißt es am Ende des Videos.

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on
: Das im Video ver­wen­de­te Gerät misst die CO2-Kon­zen­tra­ti­on unter einer Mas­ke kor­rekt. Der dabei gemes­se­ne hohe Wert lässt dar­auf schlie­ßen, dass das Tra­gen einer chir­ur­gi­schen Mas­ke gesund­heits­ge­fähr­dend ist.

Ein­schät­zung
: Das CO2-Gerät ist nicht für eine Mes­sung die­ser Art geeig­net, wodurch das Ergeb­nis ver­fälscht wird. Das Tra­gen von Mas­ken ist grund­sätz­lich unbe­denk­lich. Bei pro­fes­sio­nel­len Mas­ken kann der Par­ti­al­druck des Koh­len­di­oxids (pCO2) zwi­schen­zeit­lich anstei­gen, bei chir­ur­gi­schen Mas­ken ist das unwahrscheinlich.

Über­prü­fung: CO2 ist Koh­len­di­oxid. Beim Atmen fin­det ein Gas­aus­tausch statt: Das Blut wird mit Sauer­stoff (O2) ver­sorgt und Koh­len­di­oxid (CO2) wird aus dem Blut abtrans­por­tiert und an die Atem­luft abge­ge­ben. CO2 gilt nach Anga­ben des Lun­gen­in­for­ma­ti­ons­diens­tes, der zum Deut­schen For­schungs­zen­trum für Gesund­heit und Umwelt gehört, dabei als Abfall­pro­dukt von Sauer­stoff, da der Sauer­stoff in Stoff­wech­sel­vor­gän­gen ver­braucht wird.

 

Das CO2-Mess­ge­rät ist mitt­ler­wei­le ein gän­gi­ges Gerät, das den CO2-Gehalt in der Raum­luft misst. Er kommt bei­spiels­wei­se an Arbeits­plät­zen, in Schu­len, aber auch in pri­va­ten Wohn­räu­men zum Ein­satz. Meist wird mit­tels eines Infra­rot­sen­sors (IR) das Koh­len­di­oxid gemes­sen. Steigt die CO2-Kon­zen­tra­ti­on über einen gewis­sen Wert, kann das gesund­heits­schä­di­gend sein. Doch bereits CO2-Kon­zen­tra­tio­nen über 1.500 ppm kön­nen laut dem deut­schen Umwelt­bun­des­amt zu Kon­zen­tra­ti­ons­stö­run­gen, Müdig­keit, Kopf­schmer­zen und Schwin­del füh­ren. Die Maß­ein­heit ppm kommt aus dem Eng­li­schen und bedeu­tet „parts per mil­li­on” – Volu­men­tei­le pro Mil­li­on Volumenteile.

 

Dem Umwelt­bun­des­amt zufol­ge ist CO2 mit einer Kon­zen­tra­ti­on um 400 ppm ein natür­li­cher Bestand­teil der Umge­bungs­luft. „Ein rascher Anstieg der CO2-Kon­zen­tra­ti­on in der Raum­luft ist die typi­sche Fol­ge der Anwe­sen­heit vie­ler Per­so­nen in rela­tiv klei­nen Räu­men (…) bei gerin­gem Luft­wech­sel. Kri­ti­sche CO2-Kon­zen­tra­tio­nen tre­ten in der Regel zusam­men mit ande­ren Luft­ver­un­rei­ni­gun­gen, ins­be­son­de­re Geruchs­stof­fen u. a. aus dem Schweiß oder von Kos­me­ti­ka sowie Mikro­or­ga­nis­men, auf”, heißt es.

 

In dem auf Face­book kur­sie­ren­den Video wird mit dem CO2-Gerät die Luft unter der Mas­ke gemes­sen. Sofort nach Mess­be­ginn steigt der Wert von zunächst etwa 400 ppm rapi­de an, das Gerät beginnt zu piep­sen und inner­halb von etwa einer Minu­te wird ein Wert von 10.000 ppm erreicht.
Den gesund­heit­lich-hygie­nisch begrün­de­ten Leit­wer­ten für Koh­len­di­oxid in der Raum­luft des Umwelt­bun­des­am­tes zufol­ge, gel­ten Kon­zen­tra­tio­nen unter 1.000 ppm Koh­len­di­oxid in der Raum­luft als unbe­denk­lich, Kon­zen­tra­tio­nen zwi­schen 1.000 und 2.000 ppm als auf­fäl­lig und Kon­zen­tra­tio­nen über 2.000 ppm als inak­zep­ta­bel – ein Wert von 10.000 ppm, wie er im Video erreicht wird, ist aller­dings noch um ein Viel­fa­ches höher.

 

Um her­aus­zu­fin­den, ob der Mess­vor­gang in dem Video kor­rekt erfolgt ist und die Mes­sung auch reprä­sen­ta­tiv ist, kon­tak­tier­te das APA-Fak­ten­check-Team das Insti­tut für Bio­pro­zess- und Ana­ly­sen­mess­tech­nik im deut­schen Bun­des­land Thüringen.
Das Insti­tut sag­te mit Ver­weis auf vor­an­ge­gan­ge­ne Infor­ma­tio­nen an die Deut­sche Pres­se-Agen­tur (dpa), dass sol­che CO2-Gerä­te auf nor­ma­le Umge­bungs­wer­te geeicht sei­en. Ver­su­che man, die Luft unter einer Mas­ke mit einem ein­fa­chen Modell die­ser Art zu ana­ly­sie­ren, wür­den die Ergeb­nis­se ver­fälscht wer­den. Ein­fa­che IR-Sen­so­ren sei­en auf einen Luft­druck von 1 Bar, Raum­tem­pe­ra­tur und eine mitt­le­re Feuch­te kalibriert.

 

Das Milieu unter der Mas­ke wer­de aber erheb­lich durch den Atem­pro­zess bestimmt. Wesent­li­chen Ein­fluss auf die Mes­sung habe dabei die Aus­atem­luft mit einem so hohen CO2-Spie­gel, dass jedes Raum­luft-Gerät sofort Alarm schla­gen wür­de, erklär­te der Pro­fes­sor Uwe Pli­quett. Hin­zu kom­me der höhe­re Druck, der den ange­zeig­ten Wert um zehn bis 20 Pro­zent stei­gen las­se. Die Luft unter der Mas­ke sei zudem nicht mit der Atem­luft gleich­zu­set­zen, da man mehr Luft ein­at­me als nur die unter dem Mundschutz.

 

Das CO2-Gerät ist also nicht geeig­net für eine Mes­sung unter einem Mund-Nasen-Schutz, was das Ergeb­nis ver­fälscht. Auch unter dem Anwen­dungs­hin­weis eines der Her­stel­ler eines sol­chen Geräts wird dar­auf hin­ge­wie­sen, das Gerät nir­gend­wo zu plat­zie­ren, wo „Per­so­nen direkt auf den Sen­sor atmen könnten”.

 

Gene­rell geben Exper­ten Ent­war­nung was den CO2-Anstieg beim Tra­gen von Mas­ken in der Coro­na-Pan­de­mie betrifft. Nach Anga­ben der Deut­schen Atem­wegs­li­ga ist ein chir­ur­gi­scher Mund­schutz nicht ganz dicht, wes­we­gen ein pCO2-Anstieg bei gesun­den Men­schen unwahr­schein­lich sei.

 

Pro­fes­sio­nel­le Mas­ken (FFP2, FFP3) hät­ten jedoch einen erheb­li­chen Atem­wi­der­stand. Die Mas­ken wür­den tat­säch­lich die Abat­mung von Koh­len­di­oxid beein­träch­ti­gen, da mehr Luft zwi­schen Nase bzw. Mund und den Bron­chio­len hin- und her geat­met wür­de. Der Par­ti­al­druck des Koh­len­di­oxids (pCO2) kön­ne anstei­gen. In der Pra­xis wür­den Betrof­fe­ne jedoch recht­zei­tig die Mas­ke abset­zen. Bedroh­li­che Anstie­ge des pCO2 durch Mas­ken sei­en auch hier unwahrscheinlich.

 

Auch eini­ge Medi­en grif­fen das The­ma bereits auf, unter ande­rem tages​schau​.de. Wie die Web­site des deut­schen öffent­lich-recht­li­chen Sen­ders ARD berich­te­te, sind Koh­len­stoff­di­oxid-Mole­kü­le viel zu klein, als dass sie von Atem­mas­ken zurück­ge­hal­ten wer­den wür­den. „Selbst Mas­ken der höchs­ten Schutz­klas­se FFP3 kön­nen ledig­lich Par­ti­kel bis zur Grö­ße von 0,6 Mikro­me­tern, das sind 0,0006 Mil­li­me­ter, zurück­hal­ten”, heißt es. Zudem sei das Luft­vo­lu­men unter der Mas­ke selbst nur sehr gering und befin­de sich im stän­di­gen Aus­tausch. Wür­de man sich aller­dings ein gas­dich­tes Sackerl um den Kopf bin­den, wür­de der Sauer­stoff­ge­halt immer wei­ter sin­ken und der Koh­len­di­oxid-Anteil ent­spre­chend steigen.

 

Gro­ße Gesund­heits­in­sti­tu­tio­nen wie das Robert Koch-Insti­tut (RKI) sowie die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) emp­feh­len das Tra­gen einer Mas­ke unter bestimm­ten Situa­tio­nen im öffent­li­chen Raum. In Öster­reich herrscht wie in eini­gen ande­ren Län­dern eine Mas­ken­pflicht an eini­gen öffent­li­chen Orten. Das ist auf der Sei­te des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums nach­les­bar. Im Übri­gen ist das Tra­gen einer Mas­ke kei­ne neue Erfin­dung – für Ärz­te und Ärz­tin­nen wur­de es mit der Zeit zur Gewohn­heit, seit­dem der Chir­urg Johann von Miku­li­cz-Rade­cki im Jahr 1897 die Mull­mas­ke ein­führ­te. Ein Paper von Juni 2020 gibt dar­über Auskunft.

 

Eini­ge Fak­ten­che­cker haben sich des The­mas bereits ange­nom­men (Bei­spiel 1Bei­spiel 2Bei­spiel 3) und es gibt auch bereits ein paar APA-Fak­ten­checks zum The­ma Mas­ken, wel­che hier nach­zu­le­sen sind.

 

Wenn Sie zum Fak­ten­check-Team Kon­takt auf­neh­men oder Fak­ten­checks zu rele­van­ten The­men anre­gen möch­ten, schrei­ben Sie bit­te an faktencheck@apa.at

Vale­rie Schmid/Franz Spiegelfeld

 

AKTUA­LI­SIERT AM 9. SEPT. 2020 17:07