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blog / Donnerstag 14.05.20

APA Check Avatar Aus­sa­gen Putins deu­ten nicht auf gehei­me Pädo­phi­len-Netz­wer­ke hin

Zahlreiche Internetuser behaupten in letzter Zeit, dass es in Europa und Amerika geheime Pädophilen-Netzwerke geben soll. Demnach sollen sogar hochrangige Politiker und Prominente Pädophilie oder Satanismus gutheißen und für den sexuellen Missbrauch von Kindern verantwortlich sein. Dabei versuchen Anhänger dieser Theorien verschiedene Quellen heranzuziehen, um ihre Thesen zu untermauern. Sogar der russische Präsident Wladimir Putin soll offen gesagt haben, dass die Kultur im Westen von "satanischen Pädophilen" beeinflusst werde. Auch das Zitat "Europa und der Westen gedeihen auf einer Kultur der Pädophilie und des Satanismus" soll von ihm stammen.

 

Im deutschsprachigen Raum sind vor allem zwei Quellen im Umlauf, die das Wissen des russischen Präsidenten um die Pädophilen-Netzwerke belegen sollen. Zum einen ein Video von Putins Rede im "Waldai"-Diskussionsklub im Jahr 2013 (Beispiel 1Beispiel 2) . Zum anderen ein Artikel der Seite "Der Wächter" aus dem Jahr 2017 (Beispiel 1Beispiel 2Beispiel 3) mit dem Titel "Putin: Der Westen wird von satanischen Pädophilen kontrolliert". Auch in österreichischen Gruppen lassen sich diese Quellen finden (Beispiel 1Beispiel 2).

 

Sollten diese Aussagen tatsächlich so gefallen sein, würde dies zahlreiche derzeit virale Theorien nähren. Wir wollen uns daher dem Thema widmen und nachforschen, was Putin wirklich gesagt hat.

 

Zu überprüfende Information: Aussagen des russischen Präsidenten Wladimir Putin deuten darauf hin, dass es in westlichen Ländern geheime Pädophilen-Netzwerke und von der Politik gedeckt pädophile kriminelle Aktivitäten gibt.

Einschätzung: Das ist falsch. Es gibt keinen Beleg, dass Putin derartige Aussagen öffentlich getätigt hat. Es finden sich zwar Reden, in denen Putin Pädophilie angesprochen hat, dabei deutete er aber keine geheimen kriminellen Machenschaften an.

Überprüfung: Die Rede Putins aus 2013 ist auf dem Youtube-Account des "Waldai"-Diskussionsklubs zu finden. Der Account kann über die Verlinkung auf der "Waldai"-Homepage verifiziert werden. Bei 16:33 Minuten beginnt die behandelte Stelle seiner Rede. Das Transkript ist auf der Website des Kremls zu finden.

Putin kritisiert laut diesen Quellen, dass manche "euro-atlantischen Länder" große Familien mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften sowie den Glauben an Gott mit dem Glauben an Satan gleichsetzen würden. Außerdem würden die Exzesse der politischen Korrektheit so weit gehen, dass Leute ernsthaft darüber sprechen, politische Parteien zu registrieren, die Pädophilie bewerben wollen. Die Worte "satan" und "paedophile" kommen in sämtlichen Abwandlungen nur in den folgenden Zitaten vor:

"They are implementing policies that equate large families with same-sex partnerships, belief in God with the belief in Satan."

"The excesses of political correctness have reached the point where people are seriously talking about registering political parties whose aim is to promote paedophilia."

Der behandelte Artikel, der auch das Video der Rede verlinkt, behauptet außerdem, dass Putin gesagt habe, dass die Kultur im Westen von «satanischen Pädophilen» beeinflusst werde. Auch folgendes Zitat soll von ihm stammen: "Europa und der Westen gedeihen auf einer Kultur der Pädophilie und des Satanismus."

Ein auf der Homepage des Kremls aufrufbares offizielles Transkript eines Fernseh-Interviews mit Putin aus dem Jahr 2013 gibt Aufschluss, was er mit dem obigen Zitat bezüglich Pädophilie bewerbender Parteien gemeint haben könnte. Darin thematisiert Putin nämlich die niederländische Justiz, die eine Organisation erlaubt haben soll, die sich für Pädophilie einsetzt. Damit ist vermutlich der Rechtsstreit um die "Verenigung Martijn" gemeint, die sich für die Legalisierung pädophiler Handlungen eingesetzt hatte. Das Verbot dieser Organisation wurde im Jahr 2013 von einem niederländischen Gericht vorerst aufgehoben, wie damals etwa die Nachrichtenseite Business Insider berichtete.

In dem "Wächter"-Artikel wird außerdem behauptet, dass Putin den US-Präsidenten Donald Trump 2017 gewarnt habe, dass er «Namen nennen» werde, wenn Trump nicht gegen Pädophilen-Netzwerke in den USA vorgehe.

All diese Aussagen lassen sich nicht belegen. Allerdings ergibt eine Recherche , dass es auch im englischsprachigen Bereich Artikel mit derartigen Putin-Zitaten gibt, die alle auf einen mittlerweile gelöschten Artikel der Website "Neon Nettle" zurückgehen. Auch dieser liefert keine Quellen zu den vermeintlichen Aussagen. Eine Suche mit Suchoperatoren zeigt, dass die vermeintlichen Putin-Zitate vor dem Erscheinungsdatum des Artikels nicht kursiert sein dürften.

"Neon Nettle" ist laut den Faktenprüfern von "Snopes" und der Zeitschrift "New York" bereits öfter im Zusammenhang mit der Erstellung und Verbreitung von Falschnachrichten aufgefallen. Laut "Snopes" dürfte die Webseite regelmäßig Fakten und erfundene Behauptungen mischen.

Trump und Putin sprachen im Jahr 2017 laut dem Sender BBC tatsächlich über Kinder. Grund dafür war aber ein von Russland beschlossenes Gesetz, das US-Paaren verbietet, russische Waisenkinder zu adoptieren. Ähnliche Restriktionen zu Adoptionen erließ Russland laut der deutschen Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" gegen Länder, in denen die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt wurde.

Laut Informationen der russischen Nachrichtenagentur TASS wurde das Thema Pädophilie bei dem Treffen zwar angesprochen, allerdings im Zusammenhang mit dem Kampf gegen Cyberkriminalität.

Wenn Sie zum Faktencheck-Team Kontakt aufnehmen oder Faktenchecks zu relevanten Themen anregen möchten, schreiben Sie bitte an faktencheck@apa.at.Florian Schmidt/Valerie Schmid

AKTUALISIERT AM 27. MAI 2020 19:51