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blog / Mittwoch 21.04.21

Auf Covid-Inten­siv­sta­tio­nen vor­ran­gig Österreicher

APA/Fohringer

In sozia­len Medi­en und auf Twit­ter (1) ent­brann­te in den ver­gan­ge­nen Tagen eine Dis­kus­si­on dar­über, wie hoch der Anteil der Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund ist, die mit Coro­na auf Inten­siv­sta­tio­nen lie­gen. Der nie­der­ös­ter­rei­chi­sche FPÖ-Poli­ti­ker Gott­fried Wald­häusl bemän­gel­te zuletzt etwa in einem oft geteil­ten Face­book-Pos­ting (2), dass mehr als 50 Pro­zent der Covid-19-Inten­siv­bet­ten aktu­ell mit Migran­ten belegt sei­en. Das wür­den Gesund­heits­ex­per­ten und Ärz­te „hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand” sagen. Im Bild dar­un­ter prä­zi­siert er den Bereich auf Groß­städ­te. Und obwohl Migran­ten sich „an kei­ner­lei Sicher­heits­maß­nah­men hal­ten”, wür­den sie im natio­na­len Impf­plan bevor­zugt werden.

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­tio­nen: Mehr als 50 Pro­zent der Covid-19-Inten­siv­bet­ten sind mit Migran­ten belegt. Sie wer­den im natio­na­len Impf­plan bevorzugt.

Ein­schät­zung: 11,7 Pro­zent der Men­schen, die bis Ende Febru­ar 2021 wegen Coro­na inten­siv­pflich­tig wur­den, hat­ten nicht die öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft. Eine geo­gra­fi­sche Aus­wer­tung wird auf­grund von hohen Schwan­kungs­brei­ten nicht durch­ge­führt. Prin­zi­pi­ell sind Migran­ten stär­ker von Covid-19 betrof­fen. Das liegt unter ande­rem an beeng­ten Wohn­ver­hält­nis­sen und Sprach­bar­rie­ren. Im aktu­el­len Impf­plan wer­den sie nicht bevorzugt.

Über­prü­fung: Die Begrif­fe Migran­ten und Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund wer­den oft­mals nicht ein­deu­tig ver­wen­det. Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund wer­den laut Sta­tis­tik Aus­tria (3) dadurch defi­niert, dass bei­de Eltern­tei­le im Aus­land gebo­ren wur­den. Das Innen­mi­nis­te­ri­um defi­niert Migran­ten als Men­schen, die von einem Land zu einem ande­ren wan­dern, um dort zu leben und zu arbei­ten. (4) Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund kön­nen aber auch die öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft haben, wie aus einem Bericht u.a. der Sta­tis­tik Aus­tria her­vor­geht. (5) Dem­entspre­chend schwer ist es hier all­ge­mein­gül­ti­ge Aus­sa­gen zu treffen.

Die Gesund­heit Öster­reich GmbH (GÖG) erhebt in Öster­reich die Staats­an­ge­hö­rig­keit von Covid-19-Inten­siv­pa­ti­en­ten. Wie ein Pres­se­spre­cher der GÖG der APA auf Anfra­ge mit­teil­te, wur­den von 1. Jän­ner 2020 bis 28. Febru­ar 2021 ins­ge­samt 5.790 Men­schen auf­grund von Covid-19 inten­siv­pflich­tig. Davon sei­en 88,3 Pro­zent öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger gewe­sen. 8,5 Pro­zent stamm­ten aus Dritt­staa­ten und 3,2 Pro­zent aus wei­te­ren EU-Staa­ten. Zusam­men­ge­rech­net 11,7 Pro­zent der Men­schen, die bis Ende Febru­ar inten­siv­pflich­tig wur­den, hat­ten also nicht die öster­rei­chi­sche Staatsbürgerschaft.

Die Zah­len stam­men laut dem Spre­cher aus der „Dia­gno­sen- und Leis­tungs­do­ku­men­ta­ti­on öster­rei­chi­scher Fonds­kran­ken­an­stal­ten” (LKF-Daten). Sie wür­den zwar in der Aktua­li­tät etwa zwei Mona­te hin­ter­her­hin­ken, sei­en dafür aber sehr exakt. Es ist nicht anzu­neh­men, dass sich der Anteil der Men­schen mit nicht-öster­rei­chi­scher Staats­bür­ger­schaft inner­halb des dar­auf­fol­gen­den Monats gra­vie­rend ver­än­dert hat.

Rela­tiv gese­hen sind den GÖG-Daten zufol­ge Aus­län­der sogar weni­ger häu­fig wegen Coro­na auf Inten­siv­sta­tio­nen als öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger. Denn Aus­län­der stell­ten 11,7 Pro­zent der Men­schen in Inten­siv­pfle­ge, jedoch 17,1 Pro­zent (6) der Gesamtbevölkerung.

Migran­ten sind per Defi­ni­ti­on wie oben dar­ge­legt nicht gleich Aus­län­der, aber die Mehr­heit der Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund hat nicht die öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft. (5) Es gibt also kei­ne Hin­wei­se dar­auf, dass mehr als 50 Pro­zent der Covid-19-Inten­siv­bet­ten mit Migran­ten belegt sind.

Eine Aus­wer­tung nach Bun­des­län­dern sei theo­re­tisch mög­lich, aber durch die nied­ri­gen Fall­zah­len mit hohen Schwan­kungs­brei­ten ver­se­hen, was sie eher unwis­sen­schaft­lich mache, so der GÖG-Spre­cher. Unge­fähr dürf­te der Anteil der Migran­ten auf Covid-19-Inten­siv­sta­tio­nen aber dem Bevöl­ke­rungs­schlüs­sel ent­spre­chen, also dass bei­spiels­wei­se in Wie­ner Spi­tä­lern mehr Ser­ben sind als etwa in Tirol. Aus­sa­ge­kräf­ti­ge Schlüs­se dar­über, ob der Anteil in Groß­städ­ten beson­ders hoch sei – wie vom FPÖ-Poli­ti­ker Wald­häusl ange­deu­tet – las­sen sich aller­dings kei­ne ziehen.

Ein­zel­ne Berich­te dürf­ten auf eine gewis­se Über­pro­por­tio­na­li­tät hin­deu­ten, wie ein Arti­kel der deut­schen ZEIT (7) zeigt. Zwar lägen dem Robert Koch-Insti­tut (RKI) kei­ne Daten zu Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund auf deut­schen Inten­siv­sta­tio­nen vor, vor allem in gro­ßen Städ­ten sei­en Migran­ten auf Inten­siv­sta­tio­nen aber über­durch­schnitt­lich ver­tre­ten. Das habe eine nicht reprä­sen­ta­ti­ve Umfra­ge in meh­re­ren deut­schen Kli­ni­ken ergeben.

Die Top-5-Län­der, aus denen Inten­siv­pa­ti­en­ten mit nicht-öster­rei­chi­scher Staats­bür­ger­schaft kom­men, sind die Tür­kei, Ser­bi­en, Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na, Deutsch­land und Rumä­ni­en. Das sind auch die größ­ten Migran­ten­grup­pen in Öster­reich. (8) Alle Län­der bis auf Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na fin­den sich auch in meh­re­ren Epi­de­mie­pha­sen unter den fünf häu­figs­ten Staats­an­ge­hö­rig­kei­ten der Covid-19-Infek­ti­ons­fäl­le in Öster­reich. Die Zah­len in dem AGES-Lage­be­richt, der der APA vom Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um zur Ver­fü­gung gestellt wur­de, sind aller­dings mit Vor­sicht zu ver­glei­chen, da die Natio­na­li­tät bei einem gro­ßen Teil als unbe­kannt ange­führt ist.

Gemes­sen am Bevöl­ke­rungs­an­teil der jewei­li­gen Natio­na­li­tä­ten in Öster­reich zeigt sich, dass mehr Tür­ken (0,11 Pro­zent), Ser­ben (0,09 Pro­zent) und Bos­ni­er (0,08 Pro­zent) als Öster­rei­cher (0,07) wegen Covid-19 auf die Inten­siv­sta­ti­on muss­ten, aber weni­ger Rumä­nen (0,03 Pro­zent) und Deut­sche (0,02 Pro­zent). (Anm. Bevöl­ke­rungs­zah­len von Sta­tis­tik Aus­tria (9) aus dem Jahr 2021)

Migran­ten stark von Covid-19 betroffen

Die Migra­ti­ons­for­sche­rin Judith Koh­len­ber­ger von der Wirt­schafts­uni­ver­si­tät Wien stell­te mit Hin­weis auf eine OECD-Stu­die fest, dass Migran­ten über­durch­schnitt­lich stark von Covid-19 betrof­fen sei­en. (10) In Län­dern, für die ent­spre­chen­de Daten vor­lie­gen, hät­ten sie ein etwa dop­pelt so hohes Infek­ti­ons­ri­si­ko. Dafür gebe es meh­re­re Grün­de wie beeng­te Wohn­ver­hält­nis­se, Armut, weni­ger Mög­lich­keit zur Tele­ar­beit, Sprach­bar­rie­ren oder mehr Vor­er­kran­kun­gen: „All das macht sie expo­nier­ter vor dem Virus”, sag­te sie im APA-Gespräch.

Dar­auf wie­sen auch Gesund­heit Öster­reich und das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um hin. Laut dem GÖG-Spre­cher hän­gen sowohl der Migra­ti­ons­hin­ter­grund als auch der Sozio­öko­no­mi­sche Sta­tus sta­tis­tisch gese­hen posi­tiv zusam­men. „Der Sozio­öko­no­mi­sche Sta­tus wie­der­um beein­flusst die ver­füg­ba­re Wohn­flä­che je Haus­halts­mit­glied, die wie­der­um einen Ein­fluss auf die Anste­ckungs­wahr­schein­lich­keit hat”.

Auch eine Spre­che­rin des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums beton­te, dass unab­hän­gig von ihrer Her­kunft Men­schen in pre­kä­ren Arbeits- und Wohn­ver­hält­nis­sen beson­ders gefähr­det sei­en. Um dem ent­ge­gen­zu­steu­ern müss­ten Schutz­maß­nah­men am Arbeits­platz und die Armuts­be­kämp­fung ver­stärkt wer­den. Zen­tral sei auch, dass Men­schen mit ver­ständ­li­chen Infor­ma­tio­nen erreicht wer­den: „Wir wer­den (…) die Infor­ma­ti­on fremd­spra­chi­ger Com­mu­ni­tys wei­ter aus­bau­en”. Schon bis­her wür­de der Öster­rei­chi­sche Inte­gra­ti­ons­fonds Infor­ma­tio­nen in 17 Spra­chen anbieten.

Koh­len­ber­ger zufol­ge muss in der Kom­mu­ni­ka­ti­on über Covid-19 nach Alter, Bil­dung usw. diver­si­fi­ziert wer­den. Migran­ten sei­en näm­lich wie Öster­rei­cher kei­ne homo­ge­ne Grup­pe. Älte­re Migran­ten sei­en etwa beson­ders schwer zu errei­chen. Mehr­spra­chi­ge Nach­rich­ten­sen­dun­gen im Fern­se­hen oder Radio könn­ten hier Abhil­fe schaf­fen, wohin­ge­gen Kom­mu­ni­ka­ti­on auf Social Media wenig bringe.

Kri­tisch sah sie, dass Covid-19-Infor­ma­ti­ons­sei­ten für Deutsch­spra­chi­ge teil­wei­se auf ande­ren Sei­ten zu fin­den sei­en als jene in Migran­ten­spra­chen. Bei­spiels­wei­se die Sei­te „Öster­reich impft” exis­tie­re nur auf Deutsch. Auch dass über­setz­te Infor­ma­tio­nen gleich­zei­tig stark gekürz­te Ver­sio­nen sei­en, kri­ti­sier­te sie. Kei­ne Evi­denz gebe es dafür, dass Migran­ten sich weni­ger an Covid-19-Maß­nah­men hiel­ten, wie von Wald­häusl behauptet.

Aus dem aktu­ell gel­ten­den Covid-19 Impf­plan (Stand 12.3.2021) (11) geht nicht her­vor, dass Migran­ten bevor­zugt wer­den. In Pha­se 3, wenn mit der brei­ten Imp­fung der Bevöl­ke­rung begon­nen wird, ist von „Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner in engen/prekären Wohn­ver­hält­nis­sen (Gemein­schafts­un­ter­künf­te etc.)” die Rede. Aller­dings kön­ne die­se „Prio­ri­sie­rung auf­grund der Lebens- und Arbeits­ver­hält­nis­se” nur unter der Vor­aus­set­zung von aus­rei­chend ver­füg­ba­ren Impf­stof­fen erfolgen.

Quel­len:

(1) Twit­ter-Dis­kus­si­on: http://​go​.apa​.at/​2​J​z​g​y​cAM (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​1​Q​z​Z​w​lbk)

(2) Face­book-Pos­ting: http://​go​.apa​.at/​l​k​9​k​F​pPr (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​L​5​z​z​x​pIW)

(3) Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund – Defi­ni­ti­on von Sta­tis­tik Aus­tria: http://​go​.apa​.at/​W​s​B​L​9​2p7 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​4​b​K​E​n​ZEC)

(4) Defi­ni­ti­on Migran­ten von Innen­mi­nis­te­ri­um: http://​go​.apa​.at/​G​4​X​C​E​Bx0 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​h​g​w​K​K​lnI)

(5) Bericht über Migra­ti­on u.a. der Sta­tis­tik Aus­tria (Defi­ni­tio­nen Sei­te 24): http://​go​.apa​.at/​e​s​K​q​q​gDj (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​Y​w​1​d​f​D2R)

(6) Anteil der Aus­län­der an der Bevöl­ke­rung in Öster­reich im Jahr 2021: http://​go​.apa​.at/​g​A​J​L​h​gqR (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​o​V​O​2​W​IHw)

(7) ZEIT-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​J​r​P​g​R​MsN (Pay­wall)

(8) Größ­te Migran­ten­grup­pen in Öster­reich: http://​go​.apa​.at/​S​b​g​V​R​0Qs (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​g​m​T​f​H​pCU)

(9) Bevöl­ke­rungs­zah­len von Sta­tis­tik Aus­tria von 2021: http://​go​.apa​.at/​i​n​n​5​1​yH2 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​5​I​y​Q​T​Uv1)

(10) Aus­zü­ge aus qua­li­ta­ti­ver Stu­die zur Situa­ti­on von Migran­ten in Coro­na­kri­se von Judith Koh­len­ber­ger: http://​go​.apa​.at/​t​o​5​p​a​dD8 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​1​H​N​Q​S​gOe)

(11) Covid-19 Impf­plan: http://​go​.apa​.at/​U​0​I​m​n​PAU (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​8​l​4​g​C​zdk)

„Falter”-Artikel zu dem The­ma: http://​go​.apa​.at/​I​Z​i​k​o​fb8 (Pay­wall)

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Vale­rie Schmid/Florian Schmidt