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blog / Montag 17.05.21

Impf­stoff nicht von Mensch zu Mensch übertragbar

APA (Sym­bol­bild)

Seit Mona­ten suchen Impf­geg­ner nach Argu­men­ten, um auf die Gefahr von Coro­na-Imp­fun­gen hin­zu­wei­sen. Nun macht sich in ihren Krei­sen eine ande­re Sor­ge breit: Die Imp­fung soll von Mensch zu Mensch ein­fach über Haut­kon­takt oder „Inha­la­ti­on” über­trag­bar sein. Dies soll Impf­stoff­her­stel­ler Pfi­zer selbst ein­ge­stan­den haben.

Dabei wer­den in sozia­len Medi­en vor allem Arti­kel von umstrit­te­nen Nach­rich­ten­por­ta­len wie „Epoch Times” (1) oder „Legi­tim” (2) geteilt. Auch in einem „Wochenblick”-Artikel war die Behaup­tung zeit­wei­se zu lesen (3).

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on: Der mRNA-Impf­stoff von Pfi­zer kann nach der Imp­fung durch Haut­kon­takt oder Aero­so­le über­tra­gen wer­den. Pfi­zer hat dies eingestanden.

Ein­schät­zung: Das ist falsch. Eine Über­tra­gung des Impf­stof­fes durch Geimpf­te an Unge­impf­te ist nicht mög­lich. Eine Stel­le in einer Pfi­zer-Stu­die wird missinterpretiert.

Über­prü­fung: Die Behaup­tung greift auf einen Mythos zurück, der seit eini­ger Zeit welt­weit unter Impf­geg­nern kur­siert. Die­se behaup­ten, dass Impf­stof­fe oder im Fall der Covid-Imp­fung pro­du­zier­te Spike-Pro­te­ine von Mensch zu Mensch über­tra­gen wer­den kön­nen. In ihrem Welt­bild bil­det dies eine Gefahr. Das geht so weit, dass eini­ge Impf­geg­ner bereits dazu auf­ru­fen, Abstand zu Geimpf­ten zu hal­ten oder sogar über das Tra­gen von Mas­ken nach­den­ken, wie etwa „Vice” (4) berich­tet.

Im April waren im eng­lisch­spra­chi­gen Raum eini­ge Social Media-Postings zu die­sem Mythos zu beob­ach­ten (5,6). Die aktu­el­len Bei­trä­ge im deutsch­spra­chi­gen Raum bezie­hen sich nun kon­kret auf eine Pha­se 1/2/3‑Studie des Impf­stoff­ent­wick­lers Pfi­zer (7) zur Sicher­heit des Impf­stoffs. In der­ar­ti­gen Stu­di­en wer­den etwa schwe­re Sym­pto­me nach einer Imp­fung oder auch Expo­si­tio­nen von Schwan­ge­ren erfasst.

Tat­säch­lich fin­den sich hier zwei Defi­ni­tio­nen von Umwelt-Expo­si­tio­nen bei Schwan­ge­ren, also Kon­tak­te mit dem Impf­stoff, die bei Lai­en für Ver­wir­rung sor­gen. Zum einen sol­len laut Stu­di­en-Defi­ni­ti­on etwa Fäl­le gemel­det wer­den, in denen eine Schwan­ge­re Kon­takt mit der „stu­dy inter­ven­ti­on”, also der Imp­fung, durch Haut­kon­takt oder Inha­la­ti­on hat­te. Zum ande­ren sol­len sogar Fäl­le gemel­det wer­den, wenn der Part­ner einer schwan­ge­ren Per­son einer der­ar­ti­gen Expo­si­ti­on aus­ge­setzt war. Impf­geg­ner legen dies so aus, dass der Impf­stoff über­trag­bar und für Schwan­ge­re beson­ders gefähr­lich sein müsse.

Mit einer Über­tra­gung habe dies alles aber nichts zu tun, erklär­te Syl­via Nanz, Coun­try Medi­cal Direc­tor von Pfi­zer Aus­tria auf APA-Anfra­ge. Bei der­ar­ti­gen Stu­di­en wer­den ledig­lich mög­li­che Expo­si­ti­ons­we­ge berück­sich­tigt, etwa beim Auf­tau­en und Ver­dün­nen des Impf­stof­fes. Ein ver­se­hent­li­cher Kon­takt mit dem Impf­stoff sei hier am ehes­ten durch Haut­kon­takt oder Ein­at­men denkbar.

Wich­tig sei jedoch fest­zu­hal­ten, dass der Impf­stoff aus­schließ­lich über eine kor­rekt ver­ab­reich­te Dosis bzw. Injek­ti­on in den mensch­li­chen Kör­per gelan­gen kön­ne. „Durch eine sekun­dä­re Expo­si­ti­on bzw. Umwelt­ex­po­si­ti­on (Haut­kon­takt, Inha­la­ti­on) kann der Impfstoff/Wirkstoff nicht über­tra­gen wer­den”, so Nanz. Nach­dem kein Virus im Kör­per erzeugt wer­de, kön­ne die­ser auch kei­ne Viren aus­schei­den. Auch die pro­du­zier­ten Spike-Pro­te­ine sei­en an die betref­fen­den Zel­len gebun­den, wes­halb eine Wei­ter­ga­be nicht vor­stell­bar ist.

Die Idee der Über­tra­gung von Covid-Impf­stof­fen sei „völ­lig absurd”, sagt Her­wig Kol­la­ritsch, Infek­tio­lo­ge und Mit­glied des Natio­na­len Impf­gre­mi­ums (NIG) auf Anfra­ge der APA. Inak­ti­vier­te Impf­stof­fe wie die Covid-Imp­fun­gen könn­ten nie­mals auf Drit­te über­tra­gen wer­den. Aller­dings gebe es bei man­chen Lebend­impf­stof­fen wie dem Vari­cel­len-Impf­stoff durch­aus die Mög­lich­keit, dass unter ganz bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen eine „Über­tra­gung” mög­lich sei. Bei ande­ren Lebend­impf­stof­fen wie Masern oder Gelb­fie­ber sei dies wie­der­um nicht der Fall.

Es gibt bereits inter­na­tio­na­le Fak­ten­checks, die sich mit dem The­ma des „Vac­ci­ne Shed­dings” befasst haben, etwa von Reu­ters (8), USA Today (9) oder AP (10). Auch sie kom­men zu dem Schluss, dass weder eine Wei­ter­ga­be des Impf­stoffs noch der Spike-Pro­te­ine mög­lich ist.

Tech­nisch gese­hen ist es jedoch durch­aus mög­lich, dass die Mensch­heit einen Impf­stoff ent­wi­ckeln könn­te, der sich von Mensch zu Mensch über­tra­gen lässt. So weist etwa die Quel­le, die der Arti­kel der „Epoch Times” als „Beweis” ver­wen­det, auf die theo­re­ti­sche Mach­bar­keit hin. In einem Bericht des Johns Hop­kins Cen­ters for Health Secu­ri­ty (11) ist auf den Sei­ten 45 bis 47 ein eige­ner Auf­satz zu selbst­ver­brei­ten­den Impf­stof­fen zu lesen. Auch in ande­ren wis­sen­schaft­li­chen Arti­keln wird das The­ma dis­ku­tiert (12, 13, 14).

Dies wäre dem­nach aber nur mit Lebend­impf­stof­fen mög­lich. Zudem stel­le sich die ethi­sche Fra­ge, ob dies ohne der Zustim­mung eines jeden ein­zel­nen Men­schen über­haupt durch­führ­bar wäre. Des­we­gen sieht man bei der­ar­ti­gen Imp­fun­gen eher die Chan­ce, die Über­tra­gung eines Virus von Tie­ren auf Men­schen zu ver­hin­dern, indem man Tie­re impft. Statt wie bei der Toll­wut Tie­re ein­zeln zu imp­fen, könn­te sich die Mensch­heit eines Tages durch der­ar­ti­ge Impf­stof­fe vor der Über­tra­gung von Viren durch Tie­re schützen.

Dies ist jedoch kein neu­es For­schungs­ge­biet. Tier­ver­su­che mit selbst­ver­brei­ten­den Impf­stof­fen wur­den schon im Jahr 2001 in einer Hasen-Popu­la­ti­on (15) durch­ge­führt.

Quel­len:

(1) Epoch Times: http://​go​.apa​.at/​b​l​j​N​d​WYT (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​n​p​a​3​S​mAI)

(2) Legi​tim​.ch: http://​go​.apa​.at/​N​6​R​1​6​3hx (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​E​k​xsP)

(3) Wochen­blick-Arti­kel (mitt­ler­wei­le kor­ri­giert): http://​go​.apa​.at/​x​j​5​P​N​ffD (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​p​k​wZW)

(4) VICE: http://​go​.apa​.at/​B​3​C​k​u​i9Z (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​H​b​chX)

(5) Twit­ter: http://​go​.apa​.at/​7​c​V​N​9​9WN (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​m​S​WX0)

(6) Face­book: http://​go​.apa​.at/​S​X​r​R​M​Z1m (archi­viert: https://​archi​ve​.ph/​b​x​9D0)

(7) Pfi­zer Stu­die: http://​go​.apa​.at/​h​4​1​7​C​Iw5 (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​M​P​4​R​-​Y​DVK)

(8) Reu­ters: http://​go​.apa​.at/​M​u​E​E​t​DBv (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​0​0​tEG)

(9) USA Today: http://​go​.apa​.at/​d​z​C​M​B​TZb (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​I​6​Zca)

(10) AP: http://​go​.apa​.at/​r​6​R​S​y​ls7 (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​D​J​qRY)

(11) Johns Hop­kins Cen­ter for Health Secu­ri­ty: http://​go​.apa​.at/​K​p​9​K​3​PMY (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​0​t​3​Q​U​AxC)

(12) „Self-dis­se­mi­na­ting vac­ci­nes to sup­press zoo­no­ses”: http://​go​.apa​.at/​I​4​j​L​3​nnA (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​H​p​jmK)

(13) „Trans­mis­si­ble Viral Vac­ci­nes”: http://​go​.apa​.at/​c​o​4​g​J​6wE (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​M​H​A1t)

(14) „Self-dis­se­mi­na­ting vac­ci­nes for emer­ging infec­tious dise­a­ses” : http://​go​.apa​.at/​F​D​B​U​L​ol1 (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​h​y​eui)

(15) Ver­su­che in Hasen-Popu­la­ti­on: http://​go​.apa​.at/​g​j​Z​5​B​SUV (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​K​x​2Yb)

Reich­wei­te­star­ker Tweet mit Epocht­i­mes-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​k​f​x​P​T​rjY (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​m​0​5dM)

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Flo­ri­an Schmidt / Anto­nia Potucek