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blog / Donnerstag 22.07.21

Anzahl gemel­de­ter Impf­ne­ben­wir­kun­gen nicht belastbar

APA/dpa

Daten­ban­ken zur Erfas­sung von mög­li­cher­wei­se durch Imp­fun­gen ver­ur­sach­ten Neben­wir­kun­gen wer­den seit Mona­ten von impf­kri­ti­schen Grup­pen her­an­ge­zo­gen, um auf angeb­li­che Gefah­ren der Coro­na-Impf­stof­fe hin­zu­wei­sen. Tat­säch­lich sind die gemel­de­ten Neben­wir­kun­gen und Todes­fäl­le in zeit­li­chem Zusam­men­hang zu einer Imp­fung so hoch wie nie.

Dies zeigt auch eine Gra­fik zu gemel­de­ten Todes­fäl­len, die auf Blogs (1) kur­siert und auch von Ex-FPÖ-Poli­ti­ker Johann Gude­nus auf Face­book geteilt wur­de (2). Aus­sa­ge­kräf­tig ist die Dar­stel­lung jedoch nicht.

Ein­schät­zung: Die gemel­de­ten Neben­wir­kun­gen und Todes­fäl­le ste­hen ein­zig in zeit­li­chem Zusam­men­hang zu einer Coro­na-Imp­fung. Dar­un­ter befin­den sich zahl­rei­che Per­so­nen, die rein sta­tis­tisch in dem Zeit­raum ster­ben wür­den. Vor einer Inter­pre­ta­ti­on der Mel­dun­gen war­nen die Gesund­heits­be­hör­den hin­ter den Daten­ban­ken selbst.

Über­prü­fung:

Anhand ver­schie­de­ner Daten­ban­ken wie etwa der Eud­ra­Vi­gi­lan­ce der Euro­päi­schen Arz­nei­mit­tel-Agen­tur (EMA) oder des Vac­ci­ne Adver­se Event Repor­ting Sys­tem (VAERS) der US-Gesund­heits­be­hör­de Cen­ters for Dise­a­se Con­trol and Pre­ven­ti­on (CDC) wur­de bereits in den letz­ten Mona­ten öfter ver­sucht, fal­sche Schluss­fol­ge­run­gen in Sozia­len Medi­en zu ver­brei­ten. So exis­tie­ren auch schon eini­ge APA-Fak­ten­checks, die dar­über auf­klä­ren, dass in den Daten­ban­ken erfass­te Mel­dun­gen in kei­nem kau­sa­len Zusam­men­hang mit den Imp­fun­gen ste­hen müs­sen (3,4).

Inter­pre­ta­ti­on der Daten problematisch

Auf das Pro­blem der Inter­pre­ta­ti­on der Daten wei­sen die Daten­ban­ken selbst hin. Die Infor­ma­tio­nen auf der Web­sei­te sei­en nicht als Bestä­ti­gung eines Zusam­men­hangs zwi­schen Arz­nei­mit­tel und „beob­ach­te­ter Reak­ti­on” zu ver­ste­hen, heißt es in einem Hin­weis der EMA (5,6). Dar­über hin­aus soll­ten auf­grund der Anzahl der Mel­dun­gen kei­ne Rück­schlüs­se auf die Wahr­schein­lich­keit, mit der eine Neben­wir­kung ein­tritt, gezo­gen werden.

Das bestä­tig­te auch eine Pres­se­spre­che­rin der EMA der APA für einen frü­he­ren Fak­ten­check. Fall­be­rich­te von ver­mu­te­ten Neben­wir­kun­gen wür­den allei­ne sel­ten aus­rei­chen, um zu bewei­sen, dass eine bestimm­te ver­mu­te­te Reak­ti­on tat­säch­lich durch ein bestimm­tes Arz­nei­mit­tel ver­ur­sacht wor­den sei. „Jeder Fall­be­richt soll­te als Teil eines Puz­zles gese­hen wer­den, wobei alle ver­füg­ba­ren Daten berück­sich­tigt wer­den müs­sen, um das Bild zu ver­voll­stän­di­gen. Die­se Daten umfas­sen (…) kli­ni­sche Stu­di­en, epi­de­mio­lo­gi­sche Stu­di­en und toxi­ko­lo­gi­sche Unter­su­chun­gen. Nur die Bewer­tung aller ver­füg­ba­ren Daten erlaubt belast­ba­re Schluss­fol­ge­run­gen”, so die Sprecherin.

In der CDC-Daten­bank VAERS wird eben­so dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es sich bei den ein­ge­hen­den Mel­dun­gen nicht um Doku­men­ta­tio­nen von durch Imp­fun­gen ver­ur­sach­ten Neben­wir­kun­gen han­delt (7). Jede Per­son könn­te eine der­ar­ti­ge Mel­dung machen – neben Gesund­heits­dienst­leis­ter auch Pati­en­ten oder Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge. Oft wür­den die­se Infor­ma­tio­nen daher auch Feh­ler ent­hal­ten. Ähn­li­che Hin­wei­se fin­den sich auch im bri­ti­schen Yel­low Card-Mel­de­sys­tem (8).

Falsch­be­haup­tun­gen ver­wei­sen auf Datenbanken

Trotz die­ser Hin­wei­se wer­den die Zah­len aus den Daten­ban­ken von impf­kri­ti­schen Men­schen immer wie­der für bare Mün­ze gehal­ten. Ex-FPÖ-Poli­ti­ker Gude­nus teil­te eine Gra­fik (2), die eine deut­li­che Zunah­me an Mel­dun­gen in der VAERS-Daten­bank visua­li­siert, sogar mit dem fal­schen Hin­weis, dass die Zah­len von der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) stam­men würden.

Der Blog tkp​.at wid­me­te den Mel­dun­gen in den Daten­ban­ken der EMA und CDC einen eige­nen Ein­trag (1). Hier wer­den meh­re­re frag­wür­di­ge Schlüs­se gezo­gen. Zum einen ver­mu­tet der Autor in Euro­pa eine „mas­si­ve Unte­r­er­fas­sung” an Todes­fäl­len und Neben­wir­kun­gen. Wäh­rend in der US-ame­ri­ka­ni­schen Daten­bank rund 11.000 Todes­fäl­le bei 336 Mil­lio­nen ver­ab­reich­ten Impf-Dosen gemel­det wur­den, sind es in der EMA-Daten­bank nur etwa 5.500 bei 416 Mil­lio­nen ver­ab­reich­ten Dosen. Die­ser Unter­schied ist jedoch ver­mut­lich durch die unter­schied­li­chen Mel­de­be­schrän­kun­gen zu erklä­ren. Wäh­rend in der VAERS-Daten­bank jeder Mensch Mel­dun­gen vor­neh­men kann, basiert die EMA-Daten­bank auf dem Mel­de­sys­tem Eud­ra­Vi­gi­lan­ce, das in ers­ter Linie etwa für Mel­dun­gen von Unter­neh­men mit einer Markt­zu­las­sung der EMA, Gesund­heits­be­hör­den der Län­der oder Auf­trag­ge­ber von kli­ni­schen Stu­di­en vor­ge­se­hen ist (10).

Danach zieht der Arti­kel eine wei­te­re kaum belast­ba­re Schluss­fol­ge­rung. Von einem ORF-Arti­kel (11) aus­ge­hend, der von einer hohen Dun­kel­zif­fer an nicht gemel­de­ten Neben­wir­kun­gen nach Imp­fun­gen aus­geht, legt der Autor den dort genann­ten Schätz­wert von nur sechs Pro­zent erfass­ten Neben­wir­kun­gen auch auf Todes­fäl­le um. Dadurch kommt er auf einen Wert von über 90.000 Impf­t­o­ten in Europa.

Wie unwahr­schein­lich die­se Zahl ist, sieht man, wenn man die­se behaup­te­ten 90.000 Todes­fäl­le anteils­mä­ßig auf die Bevöl­ke­rung Öster­reichs umlegt. Geht man von rund 90.000 Todes­fäl­len unter 520 Mil­lio­nen Ein­woh­nern in der von der EMA erfass­ten Euro­päi­schen Wirt­schafts­zo­ne (12) aus, wür­den auf die Bevöl­ke­rung Öster­reichs mit knapp 9 Mil­lio­nen Ein­woh­nern um die ein­tau­send Impf­t­o­te entfallen.

Laut aktu­ells­tem Bericht des Bun­des­amts für Sicher­heit im Gesund­heits­we­sen (BASG) wur­den in Öster­reich bis­her aber über­haupt erst 146 Todes­fäl­le in zeit­li­cher Nähe zu einer Covid-Imp­fung doku­men­tiert (13). Nur bei einem ein­zi­gen Fall konn­te bis­her auch ein kau­sa­ler Zusam­men­hang zur Imp­fung nach­ge­wie­sen werden.

Dass in der VAERS-Daten­bank so vie­le Todes­fäl­le wie noch nie gemel­det wer­den, wie auch die vira­le Gra­fik ein­drucks­voll dar­stellt, ist wohl vor allem mit dem hohen öffent­li­chen Inter­es­se an der Coro­na-Pan­de­mie zu begrün­den. Durch die Rele­vanz der Imp­fun­gen wird wohl ein höhe­res Augen­merk auf die Beob­ach­tung und Doku­men­ta­ti­on von mög­li­chen Neben­wir­kun­gen gelegt.

 

Quel­len

(1) Blog-Arti­kel tkp: http://​go​.apa​.at/​0​l​A​P​F​X68 (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​Q​9​RdM)

(2) Face­book-Pos­ting Gude­nus: http://​go​.apa​.at/​K​y​J​2​7​60Y (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​H​k​Hfy)

(3) APA-Fak­ten­check: EMA-Ein­trä­ge bei Kin­dern wegen off-label-Anwen­dung: http://​go​.apa​.at/​0​i​T​A​0​oWA

(4) APA-Fak­ten­check: EMA führt Ver­dachts­fäl­le von Impf-Neben­wir­kun­gen an: http://​go​.apa​.at/​s​B​5​V​V​ZRa

(5) Hin­weis EMA-Daten­bank: http://​go​.apa​.at/​B​Q​v​v​8​s8n (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​p​c​VCi)

(6) Hin­weis zur Inter­pre­ta­ti­on EMA-Daten­bank: http://​go​.apa​.at/​U​u​c​z​b​04r (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​C​l​zhU)

(7) Hin­weis VAERS-Daten­bank: http://​go​.apa​.at/​1​L​7​C​n​mGZ (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​6​S​H​H​-​T​RUX)

(8) Hin­weis Yel­low Card: http://​go​.apa​.at/​f​u​S​P​Z​Eym (archi­viert: https://archive.vn/2IzBl#selection-729.0–729.145)

(9) EMA-Repor­ting: http://​go​.apa​.at/​6​y​p​y​N​RAx (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​4​W​P​H​-​C​H82)

(10) Eud­ra­Vi­gi­lan­ce-Repor­ting: http://​go​.apa​.at/​6​y​p​y​N​RAx (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​4​W​P​H​-​C​H82)

(11) ORF-Arti­kel: http://​go​.apa​.at/​6​1​M​5​e​wQV (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​R​t​EFw)

(12) Bevöl­ke­rung Coun­tryE­co­no­my: http://​go​.apa​.at/​2​9​6​z​p​eja (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​D​q​jIk)

(13) BASG-Bericht: http://​go​.apa​.at/​Z​1​L​M​8​bmg (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​V​U​P​7​-​T​Z2B)

Tweet mit Link zu Blog­ein­trag: http://​go​.apa​.at/​z​U​h​G​e​r3T (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​H​4​DbT)

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Flo­ri­an Schmidt / Vale­rie Schmid