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blog / Mittwoch 12.05.21

APA Check Avatar Anzahl der Tests geht nicht mit Inzi­denz einher

APA (dpa/Symbolbild)

Ein in den ver­gan­ge­nen zwei Wochen mehr als 1000 mal geteil­tes Face­book-Pos­ting will mit­hil­fe einer Rech­nung zei­gen, dass der Inzi­denz­wert steigt, je mehr Per­so­nen getes­tet wer­den, wäh­rend der pro­zen­tu­el­le Anteil posi­tiv Getes­te­ter (Posi­ti­vi­täts­ra­te) gleich bleibt (1). Dar­aus ent­steht der Ein­druck, dass die 7‑Ta­ge-Inzi­denz (durch­schnitt­li­che Anzahl von Coro­na-Infi­zier­ten pro 100.000 Ein­woh­ner inner­halb einer Woche) direkt mit der Anzahl der durch­ge­führ­ten Tests einhergeht.

Zu über­prü­fen­de Infor­ma­ti­on: Die 7‑Ta­ge-Inzi­denz geht auto­ma­tisch mit der Anzahl der durch­ge­führ­ten Tests einher.

Ein­schät­zung: Die Zah­len der durch­ge­führ­ten Tests der ver­gan­ge­nen Wochen zei­gen im Ver­gleich zu den Zah­len der posi­ti­ven Tests, dass es kei­nen direk­ten Zusam­men­hang gibt. Viel­mehr zeigt eine sin­ken­de Posi­ti­vi­täts­ra­te einen Rück­gang des Infek­ti­ons­ge­sche­hens. Bei der Bewer­tung der Situa­ti­on in Öster­reich wird nicht nur der Inzi­denz­wert herangezogen.

Über­prü­fung:

Im Wesent­li­chen macht die vor­lie­gen­de Rech­nung Sinn. Bei einem Anstieg getes­te­ter Ein­woh­ner in einer homo­ge­nen Grup­pe mit gleich­blei­ben­der Posi­ti­vi­täts­ra­te wird auch die Inzi­denz in die­ser Grup­pe anstei­gen. Aller­dings ist die Posi­ti­vi­täts­ra­te kei­ne Kon­stan­te, son­dern gibt je nach Höhe dar­über Aus­kunft, inwie­fern der Anteil der posi­tiv getes­te­ten Per­so­nen die Aus­brei­tung des Virus in der Bevöl­ke­rung widerspiegelt.

Die Öster­rei­chi­sche Agen­tur für Gesund­heit (AGES) ver­öf­fent­licht täg­lich den soge­nann­ten Inzi­denz­wert, der anzeigt, wie vie­le Men­schen pro 100.000 Ein­woh­ner inner­halb der ver­gan­ge­nen sie­ben Tagen posi­tiv auf das Coro­na­vi­rus getes­tet wer­den. Wäh­rend die­ser Wert seit eini­gen Wochen sinkt, ist die Anzahl der Tests annä­hernd gleich hoch geblieben.

Laut dem Covid-Dash­board (2), das die Daten der AGES her­an­zieht, lag die 7‑Ta­ge-Inzi­denz am 13. April 2021 bei 206, am 8. Mai 2021 bei 104. Ver­gleicht man die­se Ent­wick­lun­gen mit der Anzahl der Tes­tun­gen (2), zeigt sich, dass die Anzahl der Tes­tun­gen kaum abge­nom­men hat. Am 13. April 2021 wur­den rund 350.000 Tes­tun­gen ver­zeich­net, am 8. Mai 2021 waren es rund 310.000 Tes­tun­gen. Wäh­rend sich die Inzi­denz also fast hal­biert hat, gab es nur um rund 11 Pro­zent weni­ger Tests.

Obwohl das oben erwähn­te Face­book-Pos­ting von einer gleich­blei­ben­den Posi­ti­vi­täts­ra­te aus­geht, schwankt die­se in der Rea­li­tät jedoch erheb­lich und ist regio­nal unter­schied­lich hoch. Lag die natio­na­le Rate am 13. April bei 5 Pro­zent, wur­de am 8. Mai eine Posi­ti­vi­täts­ra­te von 2 Pro­zent ver­zeich­net (2). Somit ist bei annä­hernd gleich hohen Test­zah­len der Anteil der posi­tiv Getes­te­ten zurück­ge­gan­gen, was der Theo­rie wider­spricht, dass mehr Tests gene­rell für mehr posi­ti­ve Ergeb­nis­se sorgen.

Je klei­ner die Anzahl der Tests ist, des­to unge­nau­er wer­den die 7‑Ta­ges-Inzi­den­zen, da die Infek­ti­ons­zah­len regio­nal schwan­ken und die Dun­kel­zif­fer höher ist. Die­sen Umstand erklärt auch die deut­sche Bun­des­zen­tra­le für gesund­heit­li­che Auf­klä­rung (3).

Die Posi­ti­vi­täts­ra­te kann einen wich­ti­gen Hin­weis auf Hand­lungs­be­darf bei der Zahl der Tes­tun­gen geben. Ist die Rate näm­lich beson­ders hoch, könn­te es ein Zei­chen sein, dass zu wenig getes­tet wird. In Indi­en etwa ließ eine gleich­zei­tig mit der Anzahl der Infek­tio­nen stark stei­gen­de Posi­ti­vi­täts­ra­te in fast allen Regio­nen laut „Finan­cial Times” dar­auf schlie­ßen, dass auch die Zahl der unent­deck­ten Infi­zier­ten immer mehr in die Höhe ging (4,5).

Fest­zu­hal­ten ist, dass die Inzi­denz nicht die ein­zi­ge Kenn­zahl ist, auf­grund derer Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den. So trifft etwa die öster­rei­chi­sche Coro­na-Kom­mis­si­on ihre Ein­schät­zung unter Berück­sich­ti­gung des Über­tra­gungs­ri­si­kos, der Rück­ver­folg­bar­keit der Über­tra­gungs­ket­ten, der Test­ak­ti­vi­tät und der Res­sour­cen­aus­las­tung der Spi­tä­ler (6).

Links:

(1) Face­book-Pos­ting: http://​go​.apa​.at/​9​L​W​u​F​Y8I (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​3​5​cKW)

(2) Covid 19-Dash­board auf Basis der Daten der AGES: http://​go​.apa​.at/​M​1​b​P​F​lb5 (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​Z​K​6​J​-​V​94M)

(3) Deut­sche Bun­des­zen­tra­le für gesund­heit­li­che Auf­klä­rung: http://​go​.apa​.at/​T​e​0​Y​9​GsJ (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​c​y​YD7)

(4) Finan­cial Times: http://​go​.apa​.at/​l​H​o​G​9​0iK (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​J​X​Utp)

(5) Twit­ter: http://​go​.apa​.at/​C​2​j​B​J​1US (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​b​Q​OaS)

(6) Bewer­tungs­kri­te­ri­en Coro­na-Kom­mis­si­on: http://​go​.apa​.at/​C​a​L​9​Z​LbL (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​w​d​iAz)

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Son­ja Har­ter / Flo­ri­an Schmidt