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blog / Montag 16.08.21

Anteil geimpf­ter Infi­zier­ter gering und ohne Aussagekraft

APA/dpa/Symbolbild

In den letz­ten Wochen steht ver­mehrt der Anteil geimpf­ter Men­schen an Covid-Neu­in­fek­tio­nen oder ‑Hos­pi­ta­li­sie­run­gen im Fokus. Hier­bei wur­de etwa behaup­tet, dass der Anteil der Geimpf­ten bei Neu­in­fek­tio­nen in Nie­der­ös­ter­reich sehr hoch sei. In einem Zei­tungs­be­richt (1) und in vira­len Face­book-Postings (2,3,4,5,6) heißt es, dass die­ser Anteil sogar 43 Pro­zent beträgt.

Dies wird von meh­re­ren Men­schen so aus­ge­legt, dass Imp­fun­gen in Wirk­lich­keit wenig nüt­zen, wie es auch die Kom­men­ta­re unter dem Pos­ting zei­gen. „Also im End­ef­fekt schützt die Imp­fung nicht”, wird dort etwa geschrieben.

Ein­schät­zung: Die 43 Pro­zent beinhal­ten auch ein­fach geimpf­te Per­so­nen, die kei­nen voll­stän­di­gen Impf­schutz haben. Der Anteil voll­stän­dig geimpf­ter Per­so­nen an sym­pto­ma­ti­schen Neu­in­fek­tio­nen beträgt laut AGES-Daten für Nie­der­ös­ter­reich ledig­lich 12 Pro­zent, bei wei­te­ren zehn Pro­zent han­delt es sich um Teilim­mu­ni­sie­run­gen. Da Impf­stof­fe dar­auf abzie­len, schwe­re Erkran­kun­gen und nicht Infek­tio­nen zu ver­hin­dern, hat der Anteil Geimpf­ter an den gesam­ten Infek­tio­nen wenig Aussagekraft.

Über­prü­fung:

Laut aktu­el­len Daten (7) der Öster­rei­chi­schen Agen­tur für Ernäh­rungs­si­cher­heit (AGES) wur­de im Juli 2021 bei 1.106 Nie­der­ös­ter­rei­chern eine sym­pto­ma­ti­sche Covid-Infek­ti­on nach­ge­wie­sen. Davon hat­ten dem­nach 137 Per­so­nen einen voll­stän­di­gen Impf­schutz, was einen Anteil von 12 Pro­zent aus­macht. Wei­te­re zehn Pro­zent waren teilimmunisiert.

Die in den Face­book-Postings genann­te Zahl von 43 Pro­zent geht auf einen Arti­kel in der Tages­zei­tung „Heu­te” (1) zurück. Dort bezieht man sich auf die Aus­kunft des Lan­des­sa­ni­täts­stabs, wonach im Zeit­raum vom 7. bis zum 26. Juli 56,7 Pro­zent der posi­tiv Getes­te­ten in Nie­der­ös­ter­reich unge­impft gewe­sen sei­en, 21,1 Pro­zent teilim­mu­ni­siert und 22,2 Pro­zent voll­im­mu­ni­siert. Für die genann­ten 43 Pro­zent wer­den also Voll­im­mu­ni­sier­te und Teilim­mu­ni­sier­te aus die­ser Zeit­span­ne zusammengerechnet.

Sym­ptom­lo­se Infek­tio­nen sind kei­ne Impfdurchbrüche

Es ist unklar, ob die Anga­ben auf­grund der unter­schied­li­chen Erhe­bungs­zeit­räu­me von­ein­an­der abwei­chen, oder ob auch Sym­ptom­lo­se mit­ein­be­zo­gen wur­den. Der Lan­des­sa­ni­täts­stab ver­wies auf Anfra­ge der APA nach der Art der Erhe­bung der Daten auf die AGES. Die AGES ver­fü­ge über kei­ne auf­be­rei­te­ten Daten zu Geimpf­ten mit asym­pto­ma­ti­schen Infek­tio­nen, erklär­te ein AGES-Spre­cher auf APA-Anfra­ge. Im AGES-Bericht spricht man von einem Abgleich der Daten des epi­de­mio­lo­gi­schen Mel­de­sys­tems EMS mit jenen des e‑Impfpasses.

Posi­tiv getes­te­te Men­schen ohne Sym­pto­me gel­ten nicht als Impf­durch­brü­che. Die Coro­na-Impf­stof­fe wur­den ent­wi­ckelt, um Covid-19-Erkran­kun­gen zu ver­mei­den, nicht aber eine Infek­ti­on. Dar­auf ver­wies auch der AGES-Pres­se­spre­cher. Unter Impf­durch­brü­chen ver­steht man es, wenn es bei Zwei­fach-Imp­fun­gen min­des­tens sie­ben Tage nach der zwei­ten Dosis bzw. 28 Tage nach der ein­zi­gen Dosis bei Ein­fach-Imp­fun­gen zu Sym­pto­men wie etwa Fie­ber, Kurz­at­mig­keit oder Hus­ten kommt. (8)

Infi­zier­te Geimpf­te sagen wenig aus

Betrach­tet man das lau­fen­de Jahr, so liegt der Anteil der zumin­dest ein­mal Geimpf­ten an den Covid-19-Fäl­len in Öster­reich seit Jah­res­be­ginn nur bei etwa 1,6 Pro­zent. Berech­net man nur den Anteil bereits voll­stän­dig Immu­ni­sier­ter, liegt die­ser bei ledig­lich 0,6 Pro­zent. Dies geht aus AGES-Daten her­vor, über die etwa auch der ORF und Ö1 berich­te­ten (9). Das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um bezieht sich in einer Beant­wor­tung einer par­la­men­ta­ri­schen Anfra­ge der NEOS eben­falls dar­auf (10).

Selbst ein hoher Anteil an Geimpf­ten unter Coro­na-Infi­zier­ten wür­de nicht gegen die Imp­fung spre­chen. Dies bestä­tig­te zuletzt auch der Lei­ter der Abtei­lung für kli­ni­sche Phar­ma­ko­lo­gie an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien, Mar­kus Zeit­lin­ger, gegen­über der APA (11). Es sei mit einer gewis­sen Anzahl an voll­im­mu­ni­sier­ten Per­so­nen zu rech­nen, die auch erkran­ken, so Zeit­lin­ger. Aller­dings sei­en die­se immer pro­zen­tu­ell weni­ger als unge­impf­te Per­so­nen und erlit­ten in den sel­tens­ten Fäl­len schwe­re Ver­läu­fe: „Je mehr Geimpf­te es gibt, des­to mehr Impf­durch­brü­che wer­den wir nume­risch haben, das hat aber nichts mit einer Abnah­me der Effek­ti­vi­tät zu tun”.

Ein blo­ßer Ver­weis auf den Anteil Geimpf­ter unter Infek­tio­nen besitzt wenig Aus­sa­ge­kraft, wenn man ihn nicht in Rela­ti­on setzt. Statt einem ver­meint­li­chen Pro­blem mit der Imp­fung kann ein hoher Anteil an Geimpf­ten auch ein­fach die hohe Impf­quo­te reprä­sen­tie­ren. Auf die­se Gege­ben­heit weist auch Chris­toph Rothe, Pro­fes­sor für Sta­tis­tik an der Uni­ver­si­tät Mann­heim, in einem Tweet (12) hin.

Geimpf­te sind gut geschützt

Eine im Juli in der wis­sen­schaft­li­chen Fach­zeit­schrift „Cli­ni­cal Micro­bio­lo­gy and Infec­tion” publi­zier­te israe­li­sche Stu­die (13) ver­weist dar­auf, dass Coro­na-Geimpf­te gut gegen Erkran­kun­gen, Hos­pi­ta­li­sie­run­gen, schwe­re Ver­läu­fe und Todes­fäl­le geschützt sind. Schwe­re Impf­durch­brü­che beträ­fen oft Men­schen mit Vor­er­kran­kun­gen. Eine aktu­el­le Stu­die (14) im Fach­jour­nal „The New Eng­land Jour­nal of Medi­ci­ne” berech­net für Impf­durch­brü­che eine Rate von 0,4 Pro­zent. Die meis­ten infi­zier­ten Geimpf­ten hat­ten dem­nach nur weni­ge Symptome.

Nach Infor­ma­tio­nen der US-Gesund­heits­be­hör­de Cen­ters for Dise­a­se Con­trol and Pre­ven­ti­on (CDC) hat sich nur ein Bruch­teil der Men­schen mit vol­lem Impf­schutz mit Sars-CoV‑2 ange­steckt, wur­de hos­pi­ta­li­siert oder ist gestor­ben (15). Auch in Öster­reich blie­ben Hos­pi­ta­li­sie­run­gen und Todes­fäl­le zuletzt auf einem nied­ri­gen Niveau, wie sich am AGES-Dash­board (16) erken­nen lässt.

 

Quel­len:

(1) „Heute”-Artikel: http://​go​.apa​.at/​a​o​b​x​X​izn (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​X​b​rL5)

(2) Face­book-Pos­ting: http://​go​.apa​.at/​q​n​M​R​U​hvP (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​5​8​Kjd)

(3) Face­book-Pos­ting: http://​go​.apa​.at/​a​B​N​r​X​7QA (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​F​0​F5G)

(4) Face­book-Pos­ting: http://​go​.apa​.at/​t​h​N​j​2​UoK (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​B​h​6Qo)

(5) Face­book-Pos­ting: http://​go​.apa​.at/​P​M​Y​A​O​VA0 (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​6​Q​UMs)

(6) Face­book-Pos­ting: http://​go​.apa​.at/​8​i​u​p​3​tN6 (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​y​s​QSF)

(7) AGES-Bericht zu Impf­durch­brü­chen: http://​go​.apa​.at/​f​j​4​N​4​bn7 (archi­viert: https://perma.cc/5374–28X3)

(8) Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um über Schutz­wir­kung von Coro­na-Imp­fun­gen und Impf­durch­brü­che: http://​go​.apa​.at/​D​s​e​L​1​KzF (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​U​5​8​K​-​G​X9D)

(9) ORF-Arti­kel zu Impf­durch­brü­chen: http://​go​.apa​.at/​R​D​b​G​R​HWW (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​4​t​4QW)

(10) Par­la­men­ta­ri­sche Anfra­ge­be­ant­wor­tung des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums: http://​go​.apa​.at/​R​p​X​R​k​lgz (archi­viert: https://​per​ma​.cc/​U​4​9​2​-​3​YVY)

(11) APA-Arti­kel zu Impf­durch­brü­chen: http://​go​.apa​.at/​M​s​4​2​n​1cJ (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​s​h​hm4)

(12) Tweet von Sta­tis­ti­ker Chris­toph Rothe: http://​go​.apa​.at/​7​4​J​a​J​GFW (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​S​O​MZu)

(13) Stu­die im „Cli­ni­cal Micro­bio­lo­gy and Infec­tion” (Juli 2021): http://​go​.apa​.at/​X​s​5​8​W​h3J (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​9​H​nUp)

(14) Stu­die im „The New Eng­land Jour­nal of Medi­ci­ne” (Juli 2021): http://​go​.apa​.at/​a​M​0​t​v​TXG (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​I​f​iJp)

(15) Daten der US-Gesund­heits­be­hör­de Cen­ters for Dise­a­se Con­trol and Pre­ven­ti­on (CDC): http://​go​.apa​.at/​z​i​u​6​Q​GFe (archi­viert: https://​archi​ve​.is/​O​Y​Dua)

(16) AGES-Dash­board: http://​go​.apa​.at/​L​X​c​A​C​sUC (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​3​Q​9​a​6​KjK)

APA-Fak­ten­check: http://​go​.apa​.at/​q​z​j​H​L​Pqc

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Vale­rie Schmid / Flo­ri­an Schmidt