apa.at
blog / Dienstag 06.07.21

Afgha­nen in Kri­mi­nal­sta­tis­tik überrepräsentiert?

APA/dpa/Maurizio Gam­ba­ri­ni

Nach dem Tod einer 13-Jäh­ri­gen in Wien, an dem meh­re­re Afgha­nen schuld sein sol­len, ist in Öster­reich u.a. eine Debat­te zur Kri­mi­na­li­tät von afgha­ni­schen Staats­bür­gern ent­brannt. Die­se wür­den über­durch­schnitt­lich oft Straf­ta­ten bege­hen und sei­en in Kri­mi­nal­sta­tis­ti­ken über­re­prä­sen­tiert (1,2,3). An ande­rer Stel­le heißt es, bestimm­te Ein­fluss­fak­to­ren sei­en für die Über­re­prä­sen­tanz von Afgha­nen in der Sta­tis­tik ver­ant­wort­lich. (4) Was trifft zu?

Ein­schät­zung: Afgha­ni­sche Staats­bür­ger sind bei Delik­ten wie bei­spiels­wei­se Ver­ge­wal­ti­gung und Mord über­re­prä­sen­tiert, wie Kri­mi­nal­sta­tis­ti­ken aus den Jah­ren 2019 und 2020 zei­gen. Bestimm­te Fak­to­ren beein­flus­sen aber Stu­di­en und Exper­ten zufol­ge die Sta­tis­ti­ken – wie groß die­ser Ein­fluss ist, lässt sich nicht sagen. Zu die­sen Fak­to­ren gehö­ren eine ande­re Anzei­ge­be­reit­schaft von Gewalt­op­fern bei Frem­den, die Alters- und Geschlechts­zu­sam­men­set­zung von afgha­ni­schen Staats­bür­gern und eine mög­li­che sta­tis­ti­sche Unschär­fe bei der Ermitt­lung der Kri­mi­na­li­täts­be­las­tung. Signi­fi­kan­te Zusam­men­hän­ge zwi­schen der afgha­ni­schen Staats­bür­ger­schaft und bestimm­ten Delik­ten las­sen sich nicht feststellen.

Über­prü­fung: Meh­re­re afgha­ni­sche Staats­bür­ger wer­den ver­däch­tigt, ein 13-jäh­ri­ges Mäd­chen in Wien sexu­ell miss­braucht zu haben und schuld an ihrem Tod zu sein. Gegen drei Ver­däch­ti­ge wur­de unter­des­sen die U‑Haft ver­hängt. Nach einem mög­li­chen vier­ten Tat­be­tei­lig­ten aus Afgha­ni­stan wird gefahndet.

Die poli­zei­li­che Kri­mi­nal­sta­tis­tik des Innen­mi­nis­te­ri­ums gibt Aus­kunft über die Gesamt­zahl der Tat­ver­däch­ti­gen bestimm­ter Straf­ta­ten und dif­fe­ren­ziert zwi­schen „Inlän­dern” und „Frem­den”. Als Frem­de defi­niert (5) sind Per­so­nen, die nicht die öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft besit­zen. Der Daten­satz liegt der APA vor. Anlass­be­zo­gen liegt der Fokus in die­sem Fak­ten­check auf den Delik­ten Mord (§ 75), Ver­ge­wal­ti­gung (§ 201) und Sexu­el­ler Miss­brauch einer wehr­lo­sen oder psy­chisch beein­träch­tig­ten Per­son (§ 205).

Betrach­tet man die rei­nen Zah­len, so wur­den im Jahr 2020 ins­ge­samt 867 Men­schen in Öster­reich der Ver­ge­wal­ti­gung ver­däch­tigt. Dar­un­ter waren 499 Inlän­der und 47 Afgha­nen. Letz­te­re mach­ten also 5,4 Pro­zent der Tat­ver­däch­ti­gen aus und Inlän­der 57,6 Pro­zent. Dadurch dass Afgha­nen aber nur rund 0,5 Pro­zent (6) der in Öster­reich leben­den Bevöl­ke­rung aus­ma­chen, zeigt sich, dass die­se in dem Bereich über­re­prä­sen­tiert sind. Ein ähn­li­ches Ergeb­nis trifft auf das Jahr 2019 zu: Ins­ge­samt gab es bei Ver­ge­wal­ti­gun­gen 874 Tat­ver­däch­ti­ge, 521 davon waren Inlän­der, 59 Afgha­nen. Afgha­ni­sche Staats­bür­ger mach­ten 6,8 Pro­zent der Tat­ver­däch­ti­gen aus, Inlän­der 60 Prozent.

Beim Tat­be­stand Mord gab es 2020 ins­ge­samt 47 Tat­ver­däch­ti­ge. 31 davon waren Inlän­der und vier Afgha­nen, teil­te das Innen­mi­nis­te­ri­um auf Anfra­ge mit. Afgha­ni­sche Staats­bür­ger mach­ten also bei Mor­den 8,5 Pro­zent aller Tat­ver­däch­ti­gen aus, Inlän­der 66 Pro­zent. Es zeigt sich also auch hier, dass sie erheb­lich über­re­prä­sen­tiert sind. So auch 2019: Ins­ge­samt gab es 77 Tat­ver­däch­ti­ge, 30 davon waren Inlän­der und sechs Afgha­nen. Afgha­nen waren mit 7,8 Pro­zent ver­tre­ten und Öster­rei­cher mit 39 Prozent.

Bezüg­lich § 205, Sexu­el­ler Miss­brauch einer wehr­lo­sen oder psy­chisch beein­träch­tig­ten Per­son, gab es im Jahr 2020 ins­ge­samt 214 Tat­ver­däch­ti­ge, 147 waren Inlän­der und neun Afgha­nen. Afgha­ni­sche Staats­bür­ger waren also mit 4,2 Pro­zent ver­tre­ten und Inlän­der mit 69 Pro­zent. 2019 waren es ins­ge­samt 201 Tat­ver­däch­ti­ge, 151 Inlän­der und sie­ben Afgha­nen. Afgha­nen mach­ten also 3,5 Pro­zent aus und Inlän­der 75 Prozent.

Hoch­ge­rech­net auf die in Öster­reich leben­de Bevöl­ke­rung (7) lässt sich fest­stel­len, dass im Jahr 2020 grob einer von 10.000 in Öster­reich leben­den Öster­rei­chern tat­ver­däch­tig in Bezug auf eine Ver­ge­wal­ti­gung war, aber einer von 1.000 der in Öster­reich leben­den afgha­ni­schen Staats­bür­ger. Im Jahr 2019 ver­hält es sich ähn­lich. Auch beim Tat­be­stand Mord waren 2020 im Ver­hält­nis zur Gesamt­be­völ­ke­rung deut­lich weni­ger Öster­rei­cher tat­ver­däch­tig als Afgha­nen, 2019 eben­so. In Bezug auf Miss­brauch einer wehr­lo­sen Per­son zeigt sich, dass 2020 zwei von 100.000 in Öster­reich leben­den Öster­rei­chern tat­ver­däch­tig waren, aber zwei von 10.000 Afgha­nen. Im Jahr 2019 ist es genau gleich. Es gilt zu beach­ten, dass es sich hier teil­wei­se um sehr klei­ne Fall­zah­len handelt.

Stu­di­en­la­ge

Eine Stu­die (8) des Insti­tuts für Höhe­re Stu­di­en (IHS) aus dem Jahr 2020 zur Delin­quenz afgha­ni­scher Staats­bür­ge­rIn­nen in Öster­reich kommt – was die Daten­la­ge betrifft – zu ähn­li­chen Ergeb­nis­sen. Die Stu­die erfolg­te im Auf­trag des Innen­mi­nis­te­ri­ums. Im Kon­text von Sexu­al­de­lik­ten sei­en Afgha­nen „stark belas­tet”, aber auch gene­rell sei­en sie in Rela­ti­on zu ihrem Anteil an der Gesamt­be­völ­ke­rung unter den Tat­ver­däch­ti­gen überrepräsentiert.

In der Stu­die geht es viel um den Kri­mi­na­li­täts­be­las­tungs­in­dex. Die­ser gibt an, „ob und inwie­weit der Anteil einer Natio­na­li­tät an allen Tat­ver­däch­ti­gen jenem an der Gesamt­be­völ­ke­rung ent­spricht oder nicht”. Der ermit­tel­te Belas­tungs­in­dex habe bei Ver­stö­ßen gegen die sexu­el­le Inte­gri­tät und Selbst­be­stim­mung bei Afgha­nen im Jahr 2018 eine – „bemes­sen an ihrem Anteil an der Wohn­be­völ­ke­rung – sie­ben Mal so hohe Belas­tung an Sexu­al­de­lik­ten” erge­ben, heißt es in der Studie.

Aller­dings konn­te in der IHS-Stu­die kein sta­tis­tisch signi­fi­kan­ter Zusam­men­hang zwi­schen dem Kri­te­ri­um der afgha­ni­schen Staats­bür­ger­schaft und Delik­ten gegen „Leib und Leben” (Anm. zu denen auch Mord gehört, 9) sowie zu Sexu­al­de­lik­ten fest­ge­stellt wer­den. Zwar sind afgha­ni­sche Tat­ver­däch­ti­ge dem­nach öster­reich­weit ten­den­zi­ell höher kor­re­liert – „aller­dings ohne jeg­li­che sta­tis­ti­sche Signi­fi­kanz.” Bei­de Delik­te wür­den „da wie dort zu gleich hohen oder nied­ri­gen Antei­len ver­übt”. Mehr­mals wird dar­auf hin­ge­wie­sen, in dem Zusam­men­hang die gerin­gen Fall­zah­len zu berücksichtigen.

Erklä­rungs­an­sät­ze

Als Grund für die feh­len­de sta­tis­ti­sche Kor­re­la­ti­on sehen die Autoren die unglei­che Geschlechts- und Alters­ver­tei­lung inner­halb der afgha­ni­schen Com­mu­ni­ty. Laut einem For­schungs­be­richt des Insti­tuts für Stadt- und Regio­nal­for­schung (10) setzt sich die afgha­ni­sche Bevöl­ke­rung in Öster­reich ver­gleichs­wei­se aus mehr Män­nern und jün­ge­ren Men­schen zusam­men. 68 Pro­zent sind Män­ner und 32 Pro­zent Frau­en, rund 77 Pro­zent sind unter 34 Jah­ren alt.

Dazu kommt, dass männ­li­che Jugend­li­che und jun­ge Erwach­se­ne per se ein höhe­res Kri­mi­na­li­täts­ri­si­ko haben: „Schon des­we­gen sind höhe­re Belas­tungs­quo­ten zu erwar­ten”, heißt es in der IHS-Stu­die. Dar­auf weist auch eine Stu­die (11) der Zür­cher Fach­hoch­schu­le zur Ent­wick­lung der Gewalt in Deutsch­land mit Schwer­punkt auf Jugend­li­chen und Flücht­lin­gen als Täter und Opfer (2018) hin: „In jedem Land der Welt sind die männ­li­chen 14- bis unter 30-jäh­ri­gen die­je­ni­ge Bevöl­ke­rungs­grup­pe, die durch beson­de­re Risi­ko­freu­de und eine hohe Affi­ni­tät zu ver­bo­te­nen Akti­vi­tä­ten auf­fällt. Vor allem bei Sexu­al- und Gewalt­de­lik­ten sind sie extrem überrepräsentiert.”

Das bestä­tig­te auch Isa­bel Hai­der vom Insti­tut für Straf­recht und Kri­mi­no­lo­gie gegen­über der APA. Laut der öster­rei­chi­schen poli­zei­li­chen Kri­mi­nal­sta­tis­tik (PKS) 2019 wür­de die Mord­kri­mi­na­li­tät (ver­such­te und voll­ende­te Mor­de) in Öster­reich zu rund 81 Pro­zent, Ver­ge­wal­ti­gun­gen zu 99 Pro­zent von Män­nern began­gen wer­den. Welt­weit sei­en Män­ner unter 30 Jah­ren in der Gewalt­kri­mi­na­li­tät überrepräsentiert.

Es gibt noch wei­te­re Fak­to­ren, die in Hin­blick auf die Über­re­prä­sen­tanz von Afgha­nen in der Kri­mi­nal­sta­tis­tik beach­tens­wert sind. Das Anzei­ge­ver­hal­ten dürf­te etwa eine Rol­le spie­len, wie in der Stu­die der Zür­cher Fach­hoch­schu­le beschrie­ben wird. Bil­den Zah­len von poli­zei­lich regis­trier­ten Tat­ver­däch­ti­gen den zen­tra­len Aus­gangs­punkt einer Kri­mi­na­li­täts­ana­ly­se, so wür­den sie pri­mär auf der Anzei­ge­be­reit­schaft des Opfers beru­hen. Die­se sei stark von der eth­ni­schen Zuge­hö­rig­keit des jewei­li­gen Täters beein­flusst, wie Opfer­be­fra­gun­gen erge­ben hät­ten: „Je frem­der der Täter ist, umso eher wird ange­zeigt.” Bei eth­ni­scher Fremd­heit zwi­schen Opfer und Täter erhö­he sich das Anzei­ge­ri­si­ko um mehr als das Dop­pel­te. Gewalt­de­lik­te von Flücht­lin­gen hät­ten daher eine erhöh­te Sicht­bar­keit. Zudem gebe es weni­ger Hem­mun­gen einen unbe­kann­ten Angrei­fer anzu­zei­gen, als einen Täter aus dem per­sön­li­chen Umfeld. Gene­rell gibt es bei Sexu­al­de­lik­ten, die im pri­va­ten Umfeld statt­fin­den, eine gro­ße Dun­kel­zif­fer. (12)

Der IHS-Stu­die zufol­ge geht eine aus­län­di­sche Staats­bür­ger­schaft in Rela­ti­on zu ihrem Anteil an der Gesamt­be­völ­ke­rung mit einer „dop­pelt so hohen Anzei­gen­be­las­tung und einer drei Mal so hohen Ver­ur­tei­lungs­be­las­tung ein­her”. Beson­ders stark aus­ge­prägt sei die­se Ver­stär­kung bei Afgha­nen. Auch auf Risi­ko­fak­to­ren durch Flucht­er­fah­run­gen und Wohn­ge­mein­schaf­ten, die „nega­ti­ve grup­pen­dy­na­mi­sche Kon­se­quen­zen in Bezug auf Kri­mi­na­li­täts­ri­si­ken” mit sich brin­gen kön­nen, wird in der IHS-Stu­die hingewiesen.

The­ma­ti­siert wird zudem eine „sta­tis­ti­sche Unschär­fe” bei der Ermitt­lung der Kri­mi­na­li­täts­be­las­tung. Kon­kret geht es dem­nach dar­um, dass wenn in einem Zeit­raum meh­re­re Straf­ta­ten von einer Per­son began­gen wer­den, die­se jeweils geson­dert zur Anzei­ge gebracht wer­den und dadurch auch mehr­fach in der Kri­mi­nal­sta­tis­tik auf­schei­nen. Tritt die­ser Fall ein, so ste­hen „sta­tis­tisch zwei Tat­ver­däch­ti­ge der einen rea­len Per­son gegen­über, die Kri­mi­na­li­täts­be­las­tung hät­te sich so also ver­dop­pelt.” Dar­aus kön­nen sich der Stu­die zufol­ge für „eine Risi­ko­ana­ly­se vor allem klei­ne­rer vola­ti­ler Bevöl­ke­rungs­grup­pen, wie sie Migran­tIn­nen dar­stel­len”, beträcht­li­che Ver­zer­rungs­po­ten­zia­le ergeben.

Ein­schät­zung von ExpertInnen

Die Kon­flikt­for­sche­rin Bir­git Hal­ler bestä­tig­te gegen­über der APA, dass Afgha­nen in der Kri­mi­nal­sta­tis­tik deut­lich über­re­prä­sen­tiert sei­en. Sie iden­ti­fi­ziert in dem Zusam­men­hang kul­tu­rel­le Fak­to­ren wie patri­ar­cha­le Struk­tu­ren und Kriegs­er­leb­nis­se im Land, Gewalt als wesent­li­che Sozia­li­sa­ti­ons­form und eine „Hyper­se­xua­li­sie­rung als Resul­tat des Tabus Sexua­li­tät”. Was aber auch zutref­fe, sei die unter­schied­li­che Anzei­gen­be­reit­schaft. Das wür­de aber Aus­län­der ins­ge­samt betref­fen. Je „frem­der” ein Täter, umso leich­ter fal­le die Anzei­ge­er­stat­tung, so Hal­ler. Viel häu­fi­ger sei­en Täter Bekann­te aus unter­schied­li­chen Kon­tex­ten. Bei sexu­el­ler Gewalt in der Part­ner­schaft gebe es ein viel grö­ße­res Dun­kel­feld als bei kör­per­li­cher Gewalt.

Nach Anga­ben des Sozio­lo­gen Ken­an Güngör dürf­ten oben beschrie­be­ne Fak­to­ren viel­leicht einen Teil der Über­re­prä­sen­tanz von afgha­ni­schen Staats­bür­gern in Öster­reich auf­fan­gen, aber erklä­ren nicht alles. Er wies auf die beschrie­be­ne mög­li­che sta­tis­ti­sche Unschär­fe bei der Ermitt­lung der Kri­mi­na­li­täts­be­las­tung hin. Es kom­me dar­auf an, ob man Straf­ta­ten einer Per­son zurech­ne oder sie Fall-bezo­gen sehe – in Hin­blick dar­auf kann auch ein ver­än­der­tes Anzei­ge­ver­hal­ten von „Frem­den” ins Gewicht fal­len. Er wies zudem auf die Dun­kel­zif­fer von sexu­el­len Beläs­ti­gun­gen hin.

Prin­zi­pi­ell beton­te Güngör aber im Kon­text der Afgha­nen die Bedeu­tung einer miso­gy­nen Kul­tur, Flucht- und Kriegs­er­fah­run­gen, sexu­el­le Frus­tra­ti­on und „sozia­le Kon­text­be­din­gun­gen, die als Belas­tungs­fak­to­ren eine Rol­le spie­len”. Gemeint ist mit letz­te­rem, dass gewis­se Rah­men­be­din­gun­gen, wie Per­spek­tiv­lo­sig­keit, zu Kri­mi­na­li­tät füh­ren und nicht per se der Besitz der afgha­ni­schen Staats­bür­ger­schaft, was sich wie­der­um mit Aus­sa­gen der IHS-Stu­die deckt.

Laut Isa­bel Hai­der (13) spie­len genann­te Fak­to­ren in der Bewer­tung der Kri­mi­nal­sta­tis­tik jeden­falls eine Rol­le: „Eine Kri­mi­na­li­täts­ana­ly­se aus­schließ­lich auf die rei­nen Zah­len zu stüt­zen wäre unsach­lich und unzu­rei­chend. Viel­fach bie­tet die öster­rei­chi­sche poli­zei­li­che Kri­mi­nal­sta­tis­tik (PKS) jedoch nicht genü­gend Infor­ma­tio­nen, um den Ein­fluss die­ser Fak­to­ren tat­säch­lich im Detail über­prü­fen zu können.”

Sie betont, dass Merk­ma­le, die unab­hän­gig von der Staats­an­ge­hö­rig­keit häu­fi­ger bei Gewalt gegen Frau­en eine Rol­le spie­len, bei afgha­ni­schen Staats­bür­gern in Öster­reich über­re­prä­sen­tiert sein könn­ten: Dazu zäh­len etwa „Über­re­prä­sen­ta­ti­on von Män­nern jün­ge­ren Alters, Absenz weib­li­cher Bezugs­per­so­nen und Ori­en­tie­rung an gewalt­le­gi­ti­mie­ren­den Männ­lich­keits­nor­men.” Ob und wie stark gesamt­ge­sell­schaft­li­che Ein­flüs­se wir­ken, sei unklar. Die Dun­kel­zif­fer spie­le bei Ver­ge­wal­ti­gun­gen im Ver­gleich zu Mord eine grö­ße­re Rol­le. Stu­di­en wür­den eine höhe­re Anzei­ge­be­reit­schaft sowohl bei Tätern, die dem Opfer eth­nisch fremd sind, als auch fremd im Sin­ne der Täter-Opfer-Bezie­hung, zeigen.

Kri­tisch sieht sie den Begriff der „kul­tu­rell beding­ten” Gewalt. Er sei Aus­druck einer „unsach­li­chen Instru­men­ta­li­sie­rung von Gewalt gegen Frau­en für migra­ti­ons­po­li­ti­sche Zwe­cke”, so Hai­der. „Sowohl dem Ter­mi­nus als auch sei­ner undif­fe­ren­zier­ten inhalt­li­chen Ver­wen­dung nach ist er für mich Aus­druck ras­sis­ti­scher Erklä­rungs­mus­ter, die (bestimm­ten) „frem­den” nicht-west­li­chen Kul­tu­ren pau­schal man­geln­de Zivi­li­sa­ti­on im Sin­ne höhe­rer Gewalt­be­reit­schaft und Frau­en­feind­lich­keit unter­stel­len, wäh­rend die eige­ne Kul­tur als frei von frau­en­feind­li­chen Ein­flüs­sen kon­stru­iert wird”. Indi­vi­du­el­le Merk­ma­le bestimm­ter eth­nisch frem­der Tat­ver­däch­ti­ger wür­den eben­so außer Acht gelas­sen wie etwai­ge sozio­kul­tu­rel­le Ein­flüs­se im eige­nen Land.

Prin­zi­pi­ell wür­den Fäl­le stark indi­vi­dua­li­siert wer­den, nur nicht bei nicht-öster­rei­chi­schen Tätern. Da wür­den „ver­ein­zelt struk­tu­rel­le Zusam­men­hän­ge poli­tisch the­ma­ti­siert, jedoch redu­ziert auf pau­scha­le, ver­meint­lich frau­en­feind­li­che Kul­tu­ren”. Sinn­voll für Kri­mi­nal­ana­ly­sen sei die Ein­be­zie­hung evi­denz­ba­sier­ter Fak­to­ren im Zusam­men­hang mit Gewalt gegen Frau­en. Statt gesamt­heit­li­che Prä­ven­ti­ons­kon­zep­te aus­zu­ar­bei­ten, wer­de die Debat­te regel­mä­ßig auf die Migra­ti­ons­po­li­tik umge­lenkt und „für par­tei­po­li­ti­sche Inter­es­sen miss­braucht”, resü­miert Haider.

Quel­len:

(1) Face­book-Pos­ting 1: http://​go​.apa​.at/​l​H​b​i​W​VDL (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​l​S​K​O​G​cyr)

(2) Face­book-Pos­ting 2: http://​go​.apa​.at/​C​v​A​H​A​ANo (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​b​J​L​s​7​sNr)

(3) ZIB 2‑Beitrag (29.6.2021): http://​go​.apa​.at/​Y​T​V​K​Z​LjN (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​L​n​C​x​U​Gcq)

(4) Twit­ter-Bei­trag: http://​go​.apa​.at/​o​v​w​X​G​gsZ (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​a​g​n​5​8​vre)

(5) Defi­ni­ti­on „Frem­de”: http://​go​.apa​.at/​B​o​y​o​L​vu7 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​s​g​4​z​C​yiL)

(6) Sta­tis­tik Aus­tria zur Anzahl von Afgha­nen in Öster­reich: http://​go​.apa​.at/​9​j​t​9​2​ETc (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​t​C​N​7​J​foD)

(7) Sta­tis­tik Aus­tria zu Bevöl­ke­rungs­zah­len in Öster­reich: http://​go​.apa​.at/​d​v​t​K​I​aQr (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​e​b​D​k​d​mYY)

(8) IHS-Stu­die zur Delin­quenz afgha­ni­scher Staats­bür­ge­rIn­nen (2020): http://​go​.apa​.at/​8​u​6​K​e​4w8 (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​C​Q​7​Q​9​vMB)

(9) Straf­ba­re Hand­lun­gen gegen Leib und Leben: http://​go​.apa​.at/​e​j​H​0​6​Hpj (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​b​u​g​F​6​xmm)

(10) For­schungs­be­richt des Insti­tuts für Stadt- und Regio­nal­for­schung (2020): http://​go​.apa​.at/​b​f​I​1​a​8ge (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​a​I​A​R​0​reO)

(11) Stu­die zur Ent­wick­lung der Gewalt in Deutsch­land von der Zür­cher Fach­hoch­schu­le (2020): http://​go​.apa​.at/​2​u​v​g​S​jaJ (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​L​7​w​A​D​OS5)

(12) Zah­len zu sexu­el­ler Gewalt an Frau­en: http://​go​.apa​.at/​x​Z​F​G​p​kBZ (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​h​e​u​c​L​XY2)

(13) Stu­die zu Mord­fäl­len mit Schwer­punkt auf Frau­en­mor­den der Uni­ver­si­tät Wien (2020): http://​go​.apa​.at/​b​A​P​j​l​SbQ (archi­viert: http://​go​.apa​.at/​Z​k​L​C​Z​xce)

Wenn Sie zum Fak­ten­check-Team Kon­takt auf­neh­men oder Fak­ten­checks zu rele­van­ten The­men anre­gen möch­ten, schrei­ben Sie bit­te an faktencheck@apa.at

Vale­rie Schmid