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blog / Mittwoch 13.05.26

APA Check Avatar Windkraftanlagen zu 90 Prozent recycelbar

APA/ROBERT JAEGER

Windkraft gehört zu den meistdiskutierten Themen der Energiewende. Online kursieren immer wieder Behauptungen über angebliche Umweltprobleme, hohe Folgekosten oder nicht recycelbare Bauteile. Aktuell sorgen Postings in sozialen Medien (1,2) für Aufmerksamkeit, in denen behauptet wird, Rotorblätter von Windkraftanlagen könnten nicht recycelt werden, deshalb würden weltweit Dutzende Millionen Tonnen langlebiger Müll anfallen. Das entspricht allerdings nicht den Tatsachen.

Einschätzung: Die Behauptung ist irreführend. Europaweit könnte das jährliche Abfallvolumen von rückgebauten Windkraftanlagen bis 2030 auf ca. 55.000 Tonnen steigen. Der Großteil davon kann bereits jetzt im Sinne der Kreislaufwirtschaft recycelt werden. Bei Rotorblättern ist die Wiederverwertung aufwendiger, aber möglich. Dank Recycling und Weiterverkauf in andere Länder fällt in Österreich derzeit kaum Abfall von rückgebauten Anlagen an.

Überprüfung: Die Lebensdauer einer Windkraftanlage liegt laut dem heimischen Umweltbundesamt und dem europaweiten Verband WindEurope (3) bei etwa 20 bis 25 Jahren. Wird eine Windkraftanlage rückgebaut, sind bis zu 90 Prozent der Komponenten recycelbar. Sowohl der Beton aus dem Fundament als auch Metalle, wie Stahl und Aluminium, können der Wiener Universität für Bodenkultur zufolge bis zu 92 Prozent recycelt werden, Kupfer zu 95 Prozent (4). In Zukunft sollen neben Aluminium, Kupfer und Eisen auch Gold, Silber und Selen aus dem Generator wiedergewonnen werden.

Die verschiedenen Komponenten der Anlagen werden auf dem Gebrauchtmarkt weiterverwendet oder eben recycelt. Das Fundament und der Turm werden etwa in Beton- und Bauschutt getrennt und „downgecycelt“, finden also in weniger anspruchsvollen Anwendungen wie dem Straßenbau Wiederverwendung (3).

Rotorblätter aufgrund ihrer Zusammensetzung schwerer zu recyceln

Rotorblätter sind hingegen tatsächlich schwerer zur recyceln. Um ihre Wetterbeständigkeit über viele Jahre hinweg zu garantieren, werden Glasfaser- oder carbonfaserverstärkte Kunststoffe (GFK bzw. CFK) verwendet. Diese lassen sich kaum wieder in ihre Ursprungsbestandteile zerlegen, weshalb es aktuell noch kein wirtschaftliches Recycelverfahren gibt (4). Die bisher angewandte Deponierung und thermische Verwertung von Rotorblättern wird im Falle des Rückbaus größerer Mengen nicht genügen, wie das deutsche Fraunhofer Institut in einem Forschungspapier schreibt (5) – und gleichzeitig weitere Forschung fordert. In Zukunft könnte laut BOKU Wien eine Recyclingrate von bis zu 50 Prozent erreicht werden (6). Hoffnung liegt hier in der Solvolyse (7), bei der die Zerlegung der Materialien durch chemische Stoffe erfolgt.

In Schottland konnte bereits jetzt der Windpark Hagshaw Hill unter Verwendung von altem Material erneuert werden (8). Sämtlich Rotorblätter der 26 Originalturbinen von 1995 konnten recycelt und zu Baumaterial, das Beton, Holz und Kunststoff ersetzt, verarbeitet werden. Zudem gibt es andere innovative Upcycling-Ansätze für ausgediente Rotorblätter. Eine deutsche Firma (9) stellt etwa Outdoor-Möbel daraus her, die niederländische Firma „Blade-Made“ (10) Spielplatzgerüste oder urbane Sitzgelegenheiten.

Aktuell kaum Abfall von Windkraftanlagen in Österreich

Aktuell schätzt der Verband WindEurope den Abfall von Rotorblättern EU-weit auf 20.000 Tonnen jährlich (11), bis 2050 wird ein Anstieg auf über 80.000 Tonnen jährlich prognostiziert. In Österreich wird gemäß Bundesabfallwirtschaftsplan (12) bis 2050 mit 4.600 Tonnen Abfall von Rotorblättern gerechnet. Hierbei handle es sich um eine erste Schätzung, derzeit werde an einer detaillierteren Prognose gearbeitet, wie das Umweltbundesamt auf APA-Anfrage mitteilte.

Momentan fällt jedenfalls in Österreich kaum Abfall von Windkraftanlagen an, da die Bestandteile zumeist international weiterverkauft und dort wieder eingesetzt werden, wie sowohl das heimische Umweltbundesamt als auch die Interessensvertretung IG Windkraft auf APA-Anfrage erklärten. Die EU-Abfallverbringungsverordnung (13) stellt in dem Zusammenhang sicher, dass es sich nicht um Abfall, sondern tatsächlich um Gebrauchtware handelt, die wiederverwendet werden kann (Re-Use).

Können rückgebaute Elemente einer Windkraftanlage tatsächlich nicht weiterverkauft oder -verwendet werden können, sei die direkte Deponierung „weltweit die übliche Praxis“, da sie zumeist die kostengünstigste Methode zur Entsorgung darstellt, schreiben Forschende der BOKU Wien (4). In der EU regeln die Abfallrahmenrichtlinie (14) sowie nationale Verordnungen jedoch, dass eine Deponierung ohne Abfallvorbehandlung nicht zulässig ist. Laut Auskunft der IG Windkraft gebe es in der europäischen Windbranche bereits jetzt einen freiwilligen Verzicht auf Lagerung in Deponien. In Österreich kommt es nur in seltenen Fällen zu einer „(Zwischen-) Lagerung, erklärte das Umweltbundesamt gegenüber der APA.

Sharepic ist KI-generiert

Das in den Social Media Postings verwendete Bild, das die im Text angesprochenen vermeintlichen Deponien („Turbinen-Friedhöfe“) zeigen soll, wurde mit Hilfe von KI erstellt, wie das im rechten unteren Eck deutlich sichtbare Wasserzeichen von Googles Gemini (15) verrät. Auch das KI-Erkennungstool „ImageWhisperer“ (16) identifiziert das Bild mit 92-prozentiger Wahrscheinlichkeit als KI-generiert. Führt man eine Foto-Rückwärtssuche (17) mit dem Bild durch, taucht es zudem nur in aktuellen Social Media-Posts zur Diskussion um Müll durch rückgebaute Windräder auf. Keine seriöse Nachrichtenquelle arbeitet mit dem Bild. Wenig überraschend enthält es auch keine Kamera-Metadaten.

Anhaltende Desinformation verzögert notwendigen Ausbau

Mythen um Windkraft halten sich in Sozialen Medien seit Jahren hartnäckig (18). So wird etwa immer wieder behauptet, die Anlagen würden Flora und Fauna zerstören, seien ineffizient oder der Infraschall der Anlagen sei gesundheitsschädigend – eine Behauptung, die aktuell auch eine reichweitenstarke Plattform aufgegriffen hat (19), die jedoch nicht wissenschaftlich belegbar ist (20).

Die anhaltende Desinformation zum Thema Windkraft hat laut einer kürzlich von WindEurope veröffentlichten Studie (21) fatale wirtschaftliche und sicherheitspolitische Auswirkungen. Des- und Fehlinformation würden die Sicherheit für Unternehmen untergraben, das Investitionsrisiko erhöhen und die politische Entscheidungsfindung lähmen. In ganz Europa wurden Windenergieprojekte aufgrund von „Kampagnen, die auf übertriebenen oder falschen Behauptungen basierten, verzögert oder gestrichen. Die Folgen des Verzichts auf den Bau dieser Windparks sind: höhere Strompreise für Verbraucher, Arbeitsplatzverluste, geschwächte industrielle Wertschöpfungsketten und eine langsamere Abkehr von importierten fossilen Brennstoffen“, heißt es in der Studie. Wie die Internationale Energieagentur (IEA) Anfang der Woche in ihrem Länderbericht für Österreich (22) betonte, brauche es hierzulande deutlich mehr Tempo beim Ausbau von erneuerbarer Energie – vor allem der Ausbau der Windkraft komme nur schleppend voran.

Quellen:

(1) X-Post: https://go.apa.at/hgslxixl (archiviert: https://go.apa.at/nIntXld7)

(2) Facebook-Post aus Deutschland: https://go.apa.at/EUCp2CPP (archiviert: https://go.apa.at/nsczjLgp)

(3) Umweltbundesamt zu Lebensdauer – Bericht „Integration von Kreislaufwirtschaft“ (Seite 29): https://go.apa.at/oFx6QsaY (archiviert: https://go.apa.at/zuNzihWW)

(4) Universität für Bodenkultur Wien zu „Rückbau ausgedienter Windkraftanlagen“: https://go.apa.at/Bq0MLGDh (archiviert: https://go.apa.at/nDsSAKOr)

(5) Fraunhofer Institut „Recycling von Windkraftanlagen“: https://go.apa.at/5b7uXYso (archiviert: https://go.apa.at/4DFg2XcA)

(6) Artikel „Das Sekundärressourcenpotenzial aus Wind- und Photovoltaikanlagen“ in Fachzeitschrift „Österreichische Wasser- und Abfallwirtschaft“, Das Sekundärressourcenpotenzial aus Windkraft-und Photovoltaikanlagen: https://go.apa.at/fmM9iI0L (archiviert: https://go.apa.at/XC4m6PyJ)

(7) Infos zu Solvolyse: https://go.apa.at/xNCVpMfJ (archiviert: https://go.apa.at/C58FOUut)

(8) Pressemitteilung zu Windpark Hagshaw Hill: https://go.apa.at/MkNXIUKG (archiviert: https://go.apa.at/cqj9zSS7)

(9) Outdoor-Möbel aus recycelten Rotorblättern: https://go.apa.at/xwH22cjC (archiviert: https://go.apa.at/rRCK56mm)

(10) Niederländische Upcycling-Projekte: https://go.apa.at/0Y58EO2b (archiviert: https://go.apa.at/4qk7zoeA)

(11) WindEurope zu Recycling von Rotorblättern: https://go.apa.at/5KSI7vsx (archiviert: https://go.apa.at/HyIdDho5)

(12) Bundesabfallwirtschaftsplan 2023: https://go.apa.at/HGoOx2gQ (archiviert: https://go.apa.at/gFl31MA6)

(13) EU-Abfallverbringungsverordnung: https://go.apa.at/lVzPAamd (archiviert: https://go.apa.at/l1ruSZqC)

(14) EU-Abfallrahmenrichtlinie: https://go.apa.at/YAcBv48k (archiviert: https://go.apa.at/6YRSlDC8)

(15) Infos zu Google Gemini Watermark: https://go.apa.at/DkKmNIZD (archiviert: https://go.apa.at/G9dy4qnY)

(16) ImageWhisperer: https://go.apa.at/fpbwL2fc

(17) Infos zu Foto-Rückwärtssuche auf CheckBar.at: https://go.apa.at/jmdc41ms (archiviert: https://go.apa.at/LKVwPGKW)

(18) Mythen zum Thema Windkraft: https://go.apa.at/dRZF9Hot (archiviert: https://go.apa.at/VC47YdyC)

(19) „tkp“ zu Infraschall von Windrädern archiviert: https://go.apa.at/s2fv6dPH

(20) Gutachten MedUni Wien zu Auswirkungen von Windkraftanlagen auf Gesundheit und Wohlbefinden: https://go.apa.at/Xsp7sHVZ (archiviert: https://go.apa.at/sgeH13mu)

(21) WindEurope zu Desinformation über Windkraft: https://go.apa.at/hv12pDtJ (archiviert: https://go.apa.at/tdM6leBl)

(22) „Österreichs Energie“ zum IEA-Länderbericht: https://go.apa.at/1Os5GZnP (archiviert: https://go.apa.at/PGXEohB4)

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Christina Schwaha / Stefan Rathmanner