Am Wochenende ist es zu einem Anschlag auf eine Chanukka-Feier am Strand von Bondi Beach in Sydney gekommen, bei dem 16 Personen getötet und 42 verwundet wurden. Schon Stunden nach dem Attentat kursierten Falschbehauptungen, die teils unwidersprochen immer noch online abrufbar sind. Diese betreffen etwa Opfer (1), Reaktionen aus der Politik (2), vermeintliche Reaktionen aus der muslimischen Community (3) und Versuche der Umdeutung unpassender Tatsachen (4).
Einschätzung: Einige der Falschmeldungen erweisen sich als anti-muslimisch, andere als anti-israelisch. Für die Behauptung, der Anschlag sei gestellt und mit Schauspielern inszeniert worden, gibt es keine Beweise. Vielmehr deutet ein entsprechendes Bild auf KI-Manipulation hin. Die vermeintlichen Zitate einer Politikerin sind frei erfunden und Fotos des Feuerwerks eines Nachbarschaftsfests werden fälschlicherweise als “Freudenfest” von Muslimen verbreitet. Der echte muslimische Name des Überwältigers eines der Terroristen wurde indes von einer eigens dafür aufgesetzten Webseite gezielt abgeändert.
Überprüfung: Die Tat vom vergangenen Wochenende schockierte nicht nur ganz Australien, sondern rief auch zahlreiche Beileidsbekundungen aus aller Welt hervor (5). Über die Täter ist mittlerweile bekannt, dass sie Vater und Sohn waren und aus einem Vorort von Sydney sind. Einer der Täter war den Behörden bekannt, habe laut ihnen allerdings “keine unmittelbare Bedrohung” dargestellt (6). Während sich die Unklarheit rund um die Täter rasch auflöste, kursieren zu anderen Aspekten des Angriffs verschiedene Falschinformationen.
Verwundeter israelischer Anwalt als Schauspieler diskreditiert
Eines der schwer verwundeten Opfer ist der israelische Anwalt Arsen Ostrovsky, der erst kürzlich von Israel nach Sydney übersiedelte (7). Mehrere Bilder, darunter ein Selfie (8), zeigen Ostrovsky blutüberströmt. Die echten Fotos wurden als Basis für ein KI-generiertes Bild herangezogen, das zeigen soll, wie Ostrovsky geschminkt wird. Rund um ihn stehen Stative und Kameras, die auf ein Filmset hindeuten und das Geschehen als inszeniert darstellen sollen.
Dass das Bild KI-generiert ist, ist vor allem am T-Shirt Ostrovskys erkennbar, wie die Faktencheck-Plattform LeadStories hervorhob (9). Darauf ist sowohl der Schriftzug nicht mehr klar erkennbar, auch die Blutflecken sind anders verteilt. Die zahlreichen Beweise für die Echtheit des Angriffs und die Bildmanipulation hielten Internetnutzer dennoch nicht davon ab, das KI-Bild für Kritik an Israel zu instrumentalisieren (1).
Gefälschte Zitate von Politikerin
Desinformation kursiert auch rund um Aussagen der extrem-rechten Politikerin Pauline Hanson als Reaktion auf den Anschlag. Die Chefin und Gründerin der Partei “One-Nation” soll laut Postings auf Social Media (2) Muslimen in Australien damit gedroht haben, dass sie ihre Staatsbürgerschaft verlieren könnten. Die Zitate Hansons sind nicht echt. In einem X-Post nach dem Attentat (10) beschuldigte Hanson zwar den australischen Premierminister Anthony Albanese, “Warnsignale” ignoriert zu haben. Später betonte sie aber, Muslime nicht pauschal für die Tat verantwortlich machen zu wollen (11). Eine Aussage zum möglichen Staatsbürgerschaftsentzug machte sie jedenfalls nicht.
Die vermeintlichen Zitate Hansons stammen von einem Facebook-Profil, das immer wieder erfundene Aussagen von australischen Politikern postet, um damit Stimmung zu machen, wie das Faktencheck-Team der australischen Nachrichtenagentur (Australian Associated Press/AAP) herausfand (12). Das Profil verlinkt auf Blog-Einträge, die laut AAP vermutlich mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) generiert wurden. Darauf lässt ein Absatz aus einer Konversation mit einem Chatbot schließen, der wohl versehentlich im Text gelassen wurde. Die Seiten werden laut AAP von Vietnam aus betrieben.
Feuerwerk war keine Reaktion auf Attentat
Ein Social Media Posting auf X (3) zeigt ein Video eines Feuerwerks. Der australische Verfasser des Postings stellte die Behauptung auf, es handle sich dabei um eine Zelebration muslimischer Personen in Bankstown, einem Vorort von Sydney, anlässlich des zuvor genannten Anschlags.
Weder lässt sich genau feststellen, wo das Video tatsächlich aufgenommen wurde, noch sieht man darauf die Personen, die für das Feuerwerk verantwortlich sind. Aus der gezeigten Kameraperspektive sieht man die Feuerwerksgeschosse aus einigen Metern Entfernung am Himmel, getrennt durch mehrere Bäume, die die verantwortlichen Personen verdecken.
Der türkische Nachrichtensender TRT World berichtet, dass das Video des X-Postings innerhalb von 24 Stunden bereits auf anderen Sozialen Medien in Indien, Großbritannien und die Vereinigten Staaten verbreitet hat (13). Eine lokale Nachbarschaftshilfe (Rotary Club) erklärt gegenüber TRT World, das Feuerwerk stehe in keiner Weise mit dem Anschlag in Zusammenhang, sondern sei eine jährliche Tradition ihrer privaten Weihnachtsfeier gewesen: „Sowohl diese Veranstaltung als auch das Feuerwerk wurden Monate im Voraus geplant“.
Das zeigt auch ein Facebook-Posting des Rotary Clubs im Vorfeld des Anschlags sowie die Website des Clubs, in dem ein Feuerwerk angekündigt wurde (14,15). Die Weihnachtsfeier findet sich zudem in mehreren Online-Reaktionen auf das besagte Video wieder, die diese im Zusammenhang mit dem Feuerwerk nennen. Der Schauplatz des Feuerwerks sei laut TRT World immer wieder Angriffsfläche xenophober Rhetorik, auf Grund der multiethischen Einwohnerschaft des Vorortes.
Überwältiger bekam nicht-muslimischen Namen verpasst
Ein Artikel der Webseite “The Daily” (4) berichtet unterdessen von einem lokalen “Helden” namens Edward Crabtree, der zum Zeitpunkt des Anschlages am Bondi Beach versucht haben soll, einen der Schützen zu überwältigen. Während eine Vielzahl an Medien die Existenz und Zivilcourage eines Mannes in dem Zusammenhang bestätigen und auch eine Videoaufnahme (16) davon existiert, ist dessen tatsächlicher Name Ahmed al Ahmed (17).
Nach der Veröffentlichung des “Daily”-Artikels, kursiert vor allem in rechten und rechtsextremen Sphären die Behauptung, der Name Edward Crabtree sei bewusst zu Ahmed al Ahmed geändert worden (18). Selbst Grok, der KI-Bot der Plattform X, übernahm den falschen Namen und verbreitete die Falschinformation, „Edward Crabtree” würde als “nationaler Held” gefeiert (19).
“Nachrichten”-Webseite eigens ins Leben gerufen
Vorsicht ist zudem bei der angeblichen Nachrichten-Webseite geboten. Sie verfügt zwar wie typische Online-Medien über eine Dachzeile mit Ressortkategorien wie Politik, Wirtschaft, Sport und Unterhaltung, doch keiner der Links führt zu einer Unterseite. Die wenigen weiteren Artikel wurden zudem allesamt am 14. Dezember 2025 veröffentlicht. Das hat einen einfachen Grund: Die Webseite wurde erst an diesem Tag erstellt.
Das belegt eine Abfrage zum Registrar der Webseite (20). Demnach wird die Seite über eine Adresse in der isländischen Hauptstadt Reykjavik verwaltet. Diese Adresse wird seit Jahren für fragwürdige Zwecke genutzt, insbesondere über ein Unternehmen namens “Withheld for Privacy” (21,22). Auch im Rahmen von Krypto-Betrugsversuchen in Österreich wurden diese Adresse und das Unternehmen von APA-Faktencheck bereits 2023 dokumentiert (23,24).
Webseiten dieser Art, die gezielt Falschinformationen streuen, sind ebenso gut dokumentiert. So stand etwa im Sommer 2024 eine Behauptung über die ukrainische Präsidentengattin Olga Selenska im Zentrum eines APA-Faktenchecks (25). Sie war Teil einer großangelegten Desinformations-Kampagne ähnlich der “Doppelgänger-Operation”, deren Spuren häufig nach Russland führen (26,27).
Quellen:
(1) Threads-Posting mit KI-Bild von Ostrovsky: https://go.apa.at/OssmAQFh (archiviert: https://perma.cc/9NWU-JWU5)
(2) Facebook-Posting mit Fake-Zitat Hansons: https://go.apa.at/SDIdLaDq (nur archiviert)
(3) X-Posting über Feuerwerk als muslimische Feier des Anschlages: https://go.apa.at/Xcujjnuc (archiviert: https://archive.ph/wPrKo)
(4) Website mit falschem Hintergrund zum Überwältiger: https://go.apa.at/S2p4zhkV (archiviert: https://archive.ph/3yc96)
(5) “orf.at”-Artikel zum Terrorakt in Australien: https://go.apa.at/lmaehieN (archiviert: https://perma.cc/HJS5-J9AJ)
(6) “Die Zeit” zum Hintergrund der Täter: https://go.apa.at/ziMlSxiL (archiviert: https://archive.ph/ix4VS)
(7) “Times of Israel”-Artikel zur Herkunft von Arsen Ostrovsky: https://go.apa.at/VcnaDbIi (archiviert: https://archive.ph/FiNV5)
(8) X-Posting mit Selfie von verwundeten Arsen Ostrovsky: https://go.apa.at/wvZUxYYk (archiviert: https://archive.ph/6GMkB)
(9) Yahoo!-Artikel berichtet über Falschmeldung Ostrovsky sei Schauspieler: https://go.apa.at/8sKwju4l (archiviert: https://archive.ph/Fs3cO)
(10) X-Post Hanson: https://go.apa.at/CDGcCYou (archiviert: https://go.apa.at/74xa18ri)
(11) Radiointerview Hanson: https://go.apa.at/cIzn8fc7 (archiviert: https://go.apa.at/0cjgTBOZ)
(12) AAP-Faktencheck: https://go.apa.at/w3OP2g9T (archiviert: https://go.apa.at/nvhwAJCF)
(13) TRT World-Artikel zum Hintergrund des Feuerwerks: https://go.apa.at/CLZPiccN (archiviert: https://archive.ph/VxcLg)
(14) X-Posting über Feuerwerk als muslimische Feier des Anschlages: https://go.apa.at/Xcujjnuc (archiviert: https://archive.ph/wPrKo)
(15) Feuerwerks-Ankündigung auf Website Rotary Club: https://go.apa.at/P7muyRKt (archiviert: https://archive.ph/aOZyo)
(16) X-Posting mit Video der Zivilcourage-Tat: https://go.apa.at/bv4yfgYu (archiviert: https://archive.ph/Bw4fz) (Video archiviert: https://perma.cc/6RNF-P78U)
(17) Kommentar “Der Standard” zu Ahmed: https://go.apa.at/20AsovRZ (archiviert: https://perma.cc/NSR4-HD85)
(18) X-Posting über die Verbreitung des falschen Namens: https://go.apa.at/qgUBnrpZ (archiviert: https://archive.ph/UNiyK)
(19) Artikel mit Grok-Falschinformation: https://go.apa.at/OqrYH72f (archiviert: https://archive.ph/Cdcfl)
(20) Whois-Abfage zu “The Daily”: https://go.apa.at/6ZK9HL0k (archiviert: https://perma.cc/8KSD-7YTL)
(21) CISA-Malware-Report aus 2021: https://go.apa.at/ZHcX2Rju (archiviert: https://perma.cc/4497-687X)
(22) Informationen zu “Withheld for Privacy”: https://go.apa.at/lxu0MuA4 (archiviert: https://perma.cc/J8MD-7PMW)
(23) Fake-Website zu Betrugszwecken: https://perma.cc/4ANH-3LRJ (nur archiviert)
(24) Whois-Abfrage zur Fake-Webseite: https://archive.ph/0YXa2 (nur archiviert)
(25) APA-Faktencheck zu Selenska: https://go.apa.at/qWIj8ujo
(26) EDMO-Artikel zu Fake-Nachrichtenseiten: https://go.apa.at/o0rQpB5W (archiviert: https://archive.ph/PNoiR)
(27) Disinfo.eu zur Doppelgänger-Operation: https://go.apa.at/vQgcF9Qy (archiviert: https://archive.ph/6LqYg)
Wenn Sie zum Faktencheck-Team Kontakt aufnehmen oder Faktenchecks zu relevanten Themen anregen möchten, schreiben Sie bitte an faktencheck@apa.at. Die Texte vieler deutschsprachiger Faktencheck-Teams finden Sie auf der Seite des German-Austrian Digital Media Observatory (GADMO) unter: www.gadmo.eu
Katharina Nieschalk / Christina Schwaha / Stefan Rathmanner